The Room Next Door
Veröffentlicht am 28. Oktober 2024 von praesident | Kommentare deaktiviert für The Room Next Door
(„Das Zimmer nebenan“, spanischer Titel: La habitación de al lado)
Spanien 2024, 107 Min., Cinemascope, analog aufgenommen.
Regie und Buch: Pedro Almodóvar
Goldener Löwe, Venedig 2024
Der neue Film von Almodóvar ist der erste, der in englischer Sprache und in den USA (und Madrid) gedreht wurde.
Er ist etwas weniger knallfarbig und die Frauen haben weniger markante Gesichtszüge als in einigen seiner früheren Filme. Es wird aber permanent geredet, man hat so kaum Gelegenheit die schönen Bilder oder die bemerkenswerte Musik pur zu genießen und wähnt sich von der Geschwindigkeit der Dialoge her in einem Woody-Allen-Film.
Wenn Matthias Greuling im „Feuilleton“ (9/24) seine Kritik mit „Ein Plädoyer für Euthanasie“ betitelt, mag das uns provozieren. Aber die spanische Übersetzung von Sterbehilfe ist Euthanasie und wohl auch die amerikanische Rechtsprechung, die schon jede Art Mithilfe, ja Mitwissen am Freitod kriminalisiert. Die Todespille muss im Darknet besorgt werden…
Tilda Swinton, eine Kriegsberichterstatterin, spielt die an Krebs erkrankte Frau, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen möchte und dazu ein wunderschönes Haus in einem Naturschutzgebet mietet und mit ihrer Freundin, einer Autorin, dort einzieht und alles genauestens plant, inklusive was der Polizei gesagt werden soll und einer Anwältin in Reserve.
Und sie vollzieht den letzten Akt ihres Lebens als ihre Freundin gerade einen Bekannten trifft, um jeden Verdacht auf Mithilfe auszublenden, dennoch stellt die Polizei jener bohrende Fragen…
Auf jeden Fall ein sehenswerter Film, der mit dem Thema Sterbehilfe natürlich anders umgeht als der Österreichische Beitrag „80+“
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Sterben
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Rickerl
Österreich/ Deutschland 2023, 3:4, 104 Min.
Regie: Adrian Goiginger, mit Erich Bohacek, Ben Winkler u.a.
Der neue Film von Adrian Goiginger ist in Wiener Dialekt gesungen und gesprochen. Wer die Austropoper Wolfgang Ambros und aktuell Voodoo Jürgens liebt, wird voll auf die Rechnung kommen. In den Texten spiegelt sich eine präzise Schilderung des Milieus der Langzeitarbeitslosen wieder.
Rickerl wird als Totengräber fristlos entlassen, weil er beim Umbetten eines Grabes einen Schädel mitgehen lässt, der gut als Dekoration für seine morbiden Songs passen würde. Auch seine Ehe ist zerrüttet, seine Frau hat einen bürgerlichen Piefke bei sich einziehen lassen. Doch hängt er sehr an seinem Sohn und zeigt ihm das wahre Leben manchmal auf drastische Weise.
Er träumt von einem Album mit seinen Liedern, doch auch dafür sollte er einmal konzentriert arbeiten, die Texte tippen und ein Demoband aufnehmen.
Mit der Fürsorge und Aufsichtspflicht für seinen Sohn, den er sehr liebt, nimmt er es auch locker und bringt den Buben einmal in Gefahr. Ben Winkler spielt dessen Rolle übrigens herausragend.
Die AMS Beraterin vermittelt ihn an die verrücktesten Stellen, etwa einen Pornoshop, der ihn eigentlich gerne einstellen würde. Doch er vereitelt jede dauerhafte Arbeitsaufnahme und der Paragraph 11 des AlVG obsiegt. Sperre des Arbeitslosengeldes! Somit droht ihm auch die Delogierung.
Dass der Junge mehr Menschlichkeit von seinem Sandler-Vater lernt, als man je glauben könnte, ist die gute Botschaft des Films. Ein humanistisches Austropop – Musical mit Musik nur dieser Richtung. ****
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Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste
Oppenheimer
Veröffentlicht am 21. Juli 2023vonpraesident|Kommentare deaktiviert für Oppenheimer
USA, GB 2023, Regie: Christopher Nolan, 180 Min.
gedreht in Imax Large (querliegendes 65mm) und teilweise auf speziellem 65mm-Schwarzweissfilm.
J. Robert Oppenheimer galt als Vater der Atombombe und wurde nach deren erfolgreichen Zündung in Los Alamos am 16.7.1945 weltweit als Mann des Jahres gefeiert. Bis zuletzt hatten alle Angst vor dem Restrisiko damit die ganze Welt zu zerstören. Sie entsprach 24 Kilotonnen TNT. Obwohl für den Einsatz im Krieg und über Menschen in Hiroshima und Nagasaki ausdrücklich der Verteidigungsminister die Verantwortung übernimmt, bekommt Oppenheimer Gewissensbisse, nach dem er die Folgen für die Zivilbevölkerung sah. „I am becomed Death“. Oppenheimer wird nun als Kommunist denunziert, u.a. weil er früher Sex mit einer Frau hatte, die bei der KP war und weil er, wie viele Intellektuelle weltweit, für die republikanische Seite im spanischen Bürgerkrieg Geld spendete. Durch einen Untersuchungsausschuss wird er psychisch schwer belastet.
Der dreistündige Film mit 100 Mio. $ Budget wurde auf analogem Film höchstmöglicher Auflösung (Imax-70) gedreht. Diese Spitzenqualität kann man aber nur in wenigen Kinos sehen. Vor 45 Jahren wäre er auf 70mm als Roadshow mit Pause dazwischen erschienen. Der Film für die Schwarzweiß -Szenen musste eigens hergestellt werden. Es fragt sich, ob das nötig war, denn ein Großteil des Filmes besteht aus „redenden Köpfen“. Alle Wissenschaftler von damals, die Rang und Namen hatten, wie Albert Einstein, Werner Heisenberg, Otto Hahn, Nils Bohr, Edward Teller (der die Wasserstoffbombe entwickelte), u.v.a.m. kommen zu Wort, doch das Kernstück sind die Befragungen Oppenheimers. Nachdem die Sowjetunion relativ bald (Aug. 1949) auch eine Atombombe zündeten, wurde nach einem Verräter im Team des „Manhattan Projects“ gesucht. Überhaupt wurde der Wissensstand der Nazis überschätzt, jener der Sowjetunion unterschätzt. Oppenheimer sah, dass er etwas Böses erfunden hatte und damit der kalte Krieg begann. Am 23. Mai 1954 gibt der Ausschuss sein Urteil bekannt: Robert Oppenheimer wird die Sicherheitsfreigabe endgültig entzogen, er fliegt aus der staatlichen Forschung, wie der US-Atomenergiekommission, heraus.
Die Diskussionen um Quantenphysik, schwarze Löcher etc. stellt an den Zuseher gewisse Anforderungen. Bei der Probezündung schauten die Menschen, der an der Bombe gearbeitet hatten, durch Schweißerglas und am Boden liegend ins Licht in nur wenigen km Entfernung auf die Bombe. Über die Spätfolgen dieser Beobachtung wird nichts gesagt.
Insgesamt etwas lang, aber durchaus empfehlenswert.
Vgl. https://www.scinexx.de/dossierartikel/trinity-test/
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Der Fuchs
Veröffentlicht am 17. Januar 2023 von praesident | Kommentare deaktiviert für Der Fuchs
D, A 2022, 117 Min, deutsch / Salzburger Dialekt teils mit Ut., 4:3
Regie: Adrian Goiginger
Mit Simon Morzé, Karl Markovics, Karola Niederhuber, Adriane Gradziel, Alexander Beyer u.a..
Goigingers dritter Spielfilm (Die beste aller Welten, Märzengrund) ist wieder ein besonderer, berührender Film geworden.
Mit Leichtigkeit springt er durch die Zeiten zwischen 1927 und 1946 und beschreibt eine wahre Geschichte aus dem Leben seines Urgroßvaters Franz Streitberger. Der wuchs auf einem bitterarmen Bauernhof im Pinzgau auf und wurde von seinem Vater an einen reichen Bauern abgegeben, weil das Essen nicht für alle reichte. (Ähnliches gab es in unserer Gegend ja mit den Schwabenkindern), der junge Franz wehrt sich mit Händen und Füssen gegen den neuen Herrn, eine herzzerreißende Szene. Wie es ihm bei jenem Bauern genau erging erzählt er nicht. Aber als Franz aus der Knechtschaft entlassen wurde, 1937, steht er in der Stadt Salzburg bei einer Suppenküche an, geht aber leer aus. Daneben wirbt das Österr. Bundesheer um Soldaten, das ihm drei warme Mahlzeiten pro Tag verspricht. Er lässt sich anwerben und ausbilden. Doch bald (1938) geht das Bundesheer in die deutsche Wehrmacht über. 1940 wird Franz als Motorradkurier in den Frankreich-Feldzug in die Normandie geschickt. Dabei findet er im Wald einen verletzten Fuchswelpen, dessen Mutter in einer Falle verendete und pflegt ihn und nimmt ihn mit in den Krieg. Ihn zu verstecken ist nicht immer leicht und bringt ihm einmal sogar Arrest ein. Die Kriegskameraden werden als eher gesellige, trinkfreudige Gruppe dargestellt, während Franz der introvertierte Außenseiter bleibt, der sich lieber um den Fuchs kümmert. Seine Vorgesetzten sind teils relativ human, es ist kein Film über die Nazi-Kriegsverbrechen Wir kriegen allerdings die Leichen am Straßenrand zu sehen. Die Soldaten bekommen, bevor sie in eine Schlacht ziehen, Pervitin (Methamphetamin) verabreicht, auch als „Panzerschokolade“ bekannt geworden und heute als Crystal Meth bekannt, auch Franz nimmt diese Wunderpillen, die als harmlose Vitaminstöße angeboten werden und dienen Franz als Ausrede wenn er mal nicht pünktlich bei Truppe eintraf, weil der den Fuchs pflegte . Sie stoßen bis ans Meer vor, das Franz noch nie gesehen hat. Mit einer Beziehung zu einer jungen Französin, die ihn verführen will, ist er vollkommen überfordert.
Lange vor dem D-Day, der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6.6.44, wird der Trupp wieder gegen Osten geschickt und Franz muss seinen geliebten Fuchs dort zurücklassen. Silvester werde in Moskau gefeiert, meint der Truppen-kommandant. Auch diese Zeit wird wieder übersprungen. 1946, als der Krieg vorbei ist, kehrt er gesund auf den Bauernhof zurück, den er leer vorfindet.
Goiginger drehte im altmodisch wirkenden 4:3 Bildformat, welches das Bild auf wenige Personen einengt und keine Panoramabilder zulässt. An der Finanzierung war arte, der BR, SWF und ORF beteiligt. In Deutschland drehte man in Nordrhein-Westfalen und auf der Insel Amrum, in Österreich in Niederösterreich und im Pinzgau. ****
Event „der Fuchs“: Goiginger, Gradziel, Morzé
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The Banshees of Inisherin
Veröffentlicht am 7. Januar 2023 von praesident | Kommentare deaktiviert für The Banshees of Inisherin
Irland/GB/USA 2022, Regie: Martin McDonagh,109 Min, Scope, gesehen in DF.
Ich fange mal mit zwei Begriffserklärungen an: Banshees sind Todesfeen, todverkündende Geister. Inisherin ist der Name einer fiktiven Insel, wobei Erin der keltische Name von Irland ist. Hier leben nur wenigere Menschen, wen man woanders brauchen konnte ist weggezogen, es gibt nur ein Pub und ein Postamt als Zentrum der Kommunikation. Der Inhalt des Filmes ist eigentlich als Theaterstück konzipiert, das aber nie zur Aufführung kam, entsprechend begrenzt ist die Anzahl der Charaktere und wortlastig die Erzählweise. Allerdings machen die beeindruckenden Cinemascope-Bilder von einer pittoresken kleinen irischen Insel, auf der man im Jahre 1923 den Kriegsdonner des irischen Bürgerkriegs hört, dies weitgehend wett. Dramaturgisch interessant ist auf jeden Fall, dass die Geschichte dort beginnt, wo sie normalerweise aufhören würde: dem Ende einer alter Männerfreundschaft. Colm und Pádraic sind täglich um Punkt 2 Uhr nachmittags miteinander ins Pub gegangen um Bier zu trinken und in ihrer Einsamkeit miteinander zu reden. Ohne ersichtlichen Anlass kündigt Colm ihm die Freundschaft auf, Pádraic nimmt dies nicht zu Kenntnis und will die tiefere Ursache herausfinden, danach zu fragen ist aber genau das, was Colm nicht mag. Er droht in aller Öffentlichkeit sich selbst zu verstümmeln, wenn er ihm nicht aus dem Weg gehe. Der Konflikt eskaliert grausam.
Einige Längen und Wiederholungen hat der relativ langsame Film schon, besticht aber durch die Kraft der Bilder und die schrulligen Figuren. Einzig Pàdraics Schwester, die mit ihm, einem Esel und weiteren Tieren zusammen in einem kleinen Haus wohnt, scheint im weitläufigen Sinne normal zu sein. (Vielleicht auch noch der Wirt des Pubs). Der Polizist und der Pfarrer sind es jedenfalls nicht. Der Film entführt uns nicht nur in eine andere Zeit ohne jeden Luxus, sondern auch der indiskreten mündlichen Kommunikation. ****
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Avatar 2 – The Way of Water
Tausend Zeilen
Veröffentlicht am 4. Oktober 2022 von praesident | Kommentare deaktiviert für Tausend Zeilen
D 2022, 93 Min, Scope; Regie: Michael „Bully“ Herbig.
Grundsätzlich ist die Idee gut zu zeigen, wie auch als seriös geltende Nachrichtenmagazine die Sensationsgier ihr Leser befriedigen und Texte schlichtweg erfinden – Fake News also.
Es geht hier um den Fall Claas Relotius (im Film: Lars Bogenius), der viele (auch österreichische) Medienpreise gewann und für viele Magazine, darunter den „Spiegel“ (im Film „die Chronik“), reißerisch formulierte Reportagen aus Krisengebieten lieferte. Es ist sein eigener Kollege Juan Romero (= Moreno), dem Unstimmigkeiten in dessen Texten auffallen. Als Romero mit seinem Fotografen vor Ort an der US-Mexikanischen Grenze die Angaben überprüfen, decken sie den Fake auf, ihr Kollege war nie da. Sie riskieren dabei ihren Job und stoßen auch auf der obersten Ebene nur auf Unverständnis, auch seine eigene Frau und vor allem die Kinder sind verstört.
Was passiert allerdings, wenn ein Juxregisseur wie Herbig sich des Stoffes annimmt? Ein extrem rasanter, ja stakato-artiger Schnitt zwischen Wahrheit und Lüge, Einbeziehung der eigenen Familie und ein westernartiger Stil. Wie es wirklich endete („der Spiegel“ gab den Fehler zu) wird nur angedeutet.
Ich fand den Film relativ spannend, allerdings nicht genau genug. Die Kritikermeinungen sind höchst uneinheitlich.
Meine Stunden mit Leo
Veröffentlicht am 9. September 2022 von praesident | Kommentare deaktiviert für Meine Stunden mit Leo
Großbritannien 2022 Regie: Sophie Hyde mit: Daryl McCormack, Emma Thompson, Isabella Laughland, Länge: 97 min.
Bei dem Film handelt es sich um ein Kammerspiel für zwei Personen, wie es auch auf einer Bühne stattfinden könnte. Nur in der Schlussszene kommt eine dritte Person dazu. Das impliziert also, dass man keine gewaltigen Bilder erwarten kann, es wird weitgehend gesprochen. Die erotischen Szenen sind nur kurz und sehr dezent. Aber die Kamera erlaubt unterschiedliche Perspektiven und Daryl McCormack und Emma Thompson spielen hervorragend.
Um was geht’s? Die pensionierte und verwitwete Religionslehrerin Nancy trifft in einem teuren Hotelzimmer den Callboy Leo, beide stellen sich unter einem falschen Namen vor.
Nancys Problem: sie hatte noch nie einen Orgasmus, ihr verstorbener Mann schenkte ihr zwar zwei Kinder, doch ging er beim Sex immer gleich vor und schlief danach ein.
Mit klaren Vorstellungen, was sie bisher im Leben versäumt hatte, trifft sie den schönen und muskulösen Leo. Doch er kommt nicht gleich zur Sache, sondern will mit ihr reden, ihre Hintergründe erfahren, was sie nur noch verklemmter werden lässt. Wie ein guter Gesprächstherapeut bringt er sie dazu, wenigstens über ihre Wünsche und Fantasien zu sprechen. Kurzum, beim ersten Treffen passiert noch gar nichts, aber sie rafft sich zusammen und vereinbart weitere Treffen mit dem hochpreisigen Sexarbeiter.
Als Religionslehrerin kannte sie alle moralisierenden Argumente, wie Zwangsprostitution, persönlicher Erniedrigung usw., die er jedoch treffend und glaubhaft entkräftigen kann.
Und damals, als die Röcke der Mädchen immer kürzer wurden, beschimpfte sie ihre Schülerinnen als Schlampen, wenn sie so freizügig bekleidet waren.
Als Frau, die nichts dem Zufall überlassen will, hat sie eine genaue Liste, was sie erlernen will und welche Stellungen sie ausprobieren möchte, doch wenn sie es wirklich angehen will, kommen ihr alle möglichen Zweifel auf und die Lernerfolge stellen sich nur langsam ein. Es ist aber sie, die ein totales Tabu bricht, kein sexuelles, sondern eines die Identität betreffendes: sie erschnüffelt Leos wahren Namen und das ist in Zeiten des Cybermobbings ein absolutes No-Go. Auch wenn es den Anschein hatte, sie hätten eine freundschaftliche Beziehung, sie war auf das Setting des bezahlten Kontakts beschränkt. Trotzdem treffen sie sich ein letztes Mal in der Hotellobby, wo dann eine ehemalige Schülerin als Kellnerin auftaucht und ungewollt auch ihre wahre Identität verrät. Inzwischen nimmt sie ihren Körper so wahr, wie er eben in dem Alter mal ist.
Während die immer bunter werdende Diversity-Debatte alle möglichen Varianten von Beziehungen zu normalisieren versucht, bleibt die seit Jahrtausenden bewährte Form des bezahlten Sex weiterhin ein Tabu, ja wird in vielen Ländern wie Frankreich und Schweden, oder in unserem sauberen Ländle verboten. In anderen Beispielen der Filmgeschichte, wird das Thema auch ins Romantische verklärt (Pretty Woman). Das Tolle an dem Film ist, dass die üblichen Geschlechterrollen hier vertauscht wurden. Wenn ein Mann für Sex mit einer Jüngeren zahlt, ist es unmoralisch, wenn eine Frau dasselbe macht, wird sie dann zur Heldin? Der Film zeigt, dass man keinen Sexpartner kauft, sondern eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, die genau definiert ist. Viele Menschen haben nicht das Glück den idealen Partner gefunden zu haben, sollen diese kein Recht auf Sex haben?
Nancy wird Leo nicht nur ihren Freundinnen empfehlen, vielmehr fordert sie,
dass seine Dienstleistungen von der öffentlichen Hand gefördert werden.
Diese Forderung gab es in den 80er Jahren von behinderten Menschen (im Film „behinderte Liebe“)-
Sehr witzig, aber mit ernsthafter Botschaft!
Last Film Show
Veröffentlicht am 30. August 2022 von praesident | Kommentare deaktiviert für Last Film Show
LAST FILM SHOW – DAS LICHT, AUS DEM DIE TRÄUME SIND
Regie: Pan Nalin, Indien, Frankreich 2021, Scope, 112 Min, Guyarat. OmU
Bislang galt „Cinema Paradiso“ als der Film, der wohl als letzter Film eines sterbenden Kinos passend erschien. Die „Last Film Show“ hat das Zeug, ihm den Rang abzulaufen.
Anfangs meint man in einem Kinderfilm zu sein. Doch der Film ist vielmehr eine Würdigung des analogen Zeitalters des chemischen Celluloid-Films, das überall recht abrupt zu Ende ging.
Samay ist ein aufgeweckter Junge, der in Indien in der Nähe einer Meterspur-Bahnlinie wohnt und dort den Reisenden Tee verkauft, er ist vor allem der Held des Films.
Sein strenger Vater, an sich der obersten Kaste der Brahmanen zugehörig, aber nicht englisch sprechend, ist nur Teekocher. Als er ihn in ein Kino mitnimmt, ist Samay vom Kino fasziniert und er will einmal Filmemacher werden.
Als er sich kurz danach ins Kino schmuggelt, wird er unsanft hinausgeschmissen, doch der Filmvorführer Fazal hat ein Herz für ihn und zeigt ihm die analogen 35mm-Filmprojektoren.
Da Samays Mutter eine hervorragende Köchin ist, versorgt er ihn mit einer guten Lunchbox und darf dafür vom Vorführraum aus Filme anschauen, auch bekommt die Kinotechnik und Grundlagen des Films erklärt.
Samay und seine Freunde klauen nun am Bahnhof ganze Filmrollen und wollen selber einen Projektor basteln. Was ihnen im Film im Prinzip mit Abdeckflügeln zu gelingen scheint, dürfte aber in der Realität mangels eines Malterserkreuzes wohl nicht klappen. Samay wird erwischt und kommt in eine Jugendstrafanstalt…
Doch die Zeiten wandeln sich. Die Eisenbahngesellschaft plant schon schnellere elektrische Breitspurzüge, was bedeuten würde, dass in dem Dorf dann kein Zug mehr hält und der Vater arbeitslos wird. Und im Kino kommt es noch dicker: die Digitalprojektoren kommen, die kann nur ein Computerfreak bedienen und dazu muss man gut Englisch können. Die schweren 35mm-Projektoren werden eingeschmolzen und Besteck daraus gemacht. Tonnen von Filmrollen werden ebenfalls recycelt und zu bunten Armreifen verwandelt. Samays einzige Chance für ein besseres Leben ist in eine Stadt zu ziehen, wo es eine gute Schule für ihn gibt.
Sowohl im Vorspann als auch in den Credits ist der Film vielen bekannten Regisseuren, von Lina Wertmüller, Tarkowski, Fellini, Antonioni, Godard, Kubrick usw. gewidmet.
*** nettes Feelgood-Kino, das als letzte Aufführung des TASKino Filmclubs im Rio-Kino Feldkirch der absolut richtige Film war.
RioKino Feldkirch
Doch auch dort gibt es Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit wieder weitergeht!
Rio Kino und Pizzeria Feldkirch – geschlossen seit 31.8.22
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Corsage
Veröffentlicht am 13. Juli 2022 von praesident | Kommentare deaktiviert für Corsage
Regie: Marie Kreutzer, A/D/F (arte)/Lux 2022, Scope, 113 Min.
Der neue „Sisi“- Film über die österr.- ungarische Kaiserin Elisabeth ist eine feministische Darstellung der Befindlichkeiten der Kaiserin um 1877, als sie 40 Jahre alt wurde. Dies war damals die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen. Bei Ehebruch wurden damals Frauen in die Psychiatrie gesteckt und mit kalten Bädern abgekühlt. Mit einigen historischen Fakten wird recht „kreativ“ umgegangen, d.h. sie stimmen nicht oder sind zeitlich falsch platziert, etwa wurde die Cinematographie erst 1895 durch die Gebr. Lumiére erfunden.
Die Aufgabe der Kaiserin war es zu repräsentieren, die des Kaisers zu regieren. Zu Beginn des Films, nachdem sie sich so eng wie möglich das Corsett zuschnüren ließ, sollte sie mit dem Kaiser einen neuen Prachtbau auf der Wiener Ringstraße eröffnen, doch sie fällt bei Einsteigen in die Kutsche in Ohnmacht. Dies hat sie gut geübt, wenn sie etwas nicht machen will, fällt sie einfach in Ohnmacht und ist entschuldigt.
Sisi raucht, nähert sich manchen Männern (etwa dem Reitlehrer) näher, als es das Hofzerimoniell erlaubt, sie hat Essstörungen (während die Gesellschaft mehrere Gänge an der feierlich gedeckten Tafel verzehrt, nimmt sie nur eine fein aufgeschnittene Orange zu sich), ist depressiv (bekommt dagegen das „harmlose“ Heroin verschrieben), ist sportlich (v.a. beim Reiten), reist gerne und hält sich gerne im ungarischen Teil des Reiches auf.
Das Männerbild ist ebenso „feministisch“: der Kaiser ist ein cholerischer und schmieriger Ungustl, und wenn sie, selten genug, mal Sex mit ihm will, kann er nicht. Ähnliches widerfährt ihr mit dem Bayrischen König Ludwig II. Dennoch liebt sie ihren Kaiser Franz Josef (der hier einen aufgeklebten Bart hat) und ihre Tochter, die sie nach ihren Vorstellungen mehrsprachig erziehen lässt. Auch ihr tragischer Tod wurde stark verändert. Der fand zwar tatsächlich auf einem Schiff statt (aber nicht in Italien, sondern in Genf) und nicht so wie dargestellt.
Auch die Farbdramaturgie ist bemerkenswert. Der Film ist in kühlen Blautönen gehalten, die Farben sind eher stumpf und düster. Erst beim tragischen Ende leuchten auch mal warme, leuchtende Farben auf, die Erfüllung der Todessehnsucht.
Es geht Kreutzer also darum, das kitschige Sisi-Bild der jungen Romy-Schneider zu zerstören und zu zeigen wie weit sie sich doch aus dem goldenen Käfig befreien und welche Freiheiten sie sich gönnen konnte. Hintergrund-Filmmusik hat der Film kaum, wenn Musik vorkommt (etwa von den Stones „When Tears Go By“ auf der Harfe gespielt), dann ist es die Kaiser-Hymne oder welche des 20. oder 21. Jhdts.
Der Film errang in Cannes „Un Certain Regard“ als beste Darstellerin für Vicky Krieps.
*** Langweilig ist er nicht, aber er fokussiert sich nur auf die Kaiserin ab 40 und einige Details stimmen nicht. Bei mir hinterließ er deshalb einen zwiespältigen Eindruck.
Dieser Beitrag wurde unter Filmkritik abgelegt und mit Corsage, Kaiserin Elisabeth, Monarchie verschlagwortet.
Elvis
Veröffentlicht am1. Juli 2022vonpraesident|Kommentare deaktiviert für Elvis
Biopic über den Musiker und Schauspieler Elvis Aaron Presley (1935-1977), dargestellt von Austin Butler. Mit Tom Hanks als den „Colonel Tom Parker” und Olivia de Longe als Priscilla.
Regie und Buch: Baz Luhrmann; AUS, USA 2022, 159 Min, Cinemascope, Dolby 7.1.
Das Positive gleich mal zu Beginn. Gut ersichtlich ist die einfache Herkunft von Elvis Aaron Presley, er wohnte – zur Zeit der Apartheid – in einer an sich schwarzen Gegend, besuchte mit seinen farbigen Freunden die von Gospelmusik durchdrungenen Gottesdienste und versuchte als Weißer Musik im Sounddesign der Afroamerikaner zu machen. Er ist fasziniert vom Blues eines B.B. King. Seine erste Platte brachte er mit 20 Jahren bei SUN Records, einem für schwarze Musik spezialisierten Label heraus und sie wurde sowohl von schwarzen wie weißen Sendern gespielt und war auf Anhieb ein Erfolg. So wird der mehr als zwielichtige angebliche „Colonel“ Tom Parker auf ihn aufmerksam und drängt sich ihm als Manager auf und wechselt auf den nationalen Plattenlaben RCA, kassiert die Hälfte der Einnahmen und hetzt ihn von Show zu Show, bringt ihn ins neue Medium Fernsehen. Doch er kann auch wegen ihm nie im Ausland auftreten, da der Colonel dort wohl gleich verhaftet würde…
Erzählt wird auch das Ganze bis zu Elvis´ bitteren Tod mit des Colonels Stimme aus dem Off.
Ein Biopic hat nun mal die Eigenschaft keine Doc zu sein. So sehen und hören wir den wahren Elvis kaum, gesungen und gespielt wird er von Austin Butler. Wer Elvis´ Musik kennt, schätzt seine Vielfalt. Von wildem Sound bei „Hound Dog“, wo er mit dem Unterkörper und den Beinen so fibrierte, dass Frauen in Ekstase fielen bis zu samtweichen Liebesliedern und auch kritischen Songs wie „In The Ghetto“. Der Sound im Film ist zu sehr der einer schmetternden Big Band mit schwarzen Tänzerinnen, wie er sich im damaligen Hotel International in Las Vegas wochenlang inszenierte und spiegelt seine Vielfalt kaum wieder.
Erfreulicherweise ist der Film trotz seiner Länge nie langweilig, die deutsche Epoche, wo er als Soldat in Deutschland dienen musste (sonst drohte man ihm, ihn wegen seiner unzüchtigen Bewegungen einzubuchten) erfährt man nur, dass er dort seine Frau Priscilla kennen lernte, auch sein Niedergang in Drogen und unter fragwürdiger ärztlicher Betreuung wird eher knapp gehalten, der Konflikt mit seinem dominanten Manager steht im Vordergrund.
Für Fans der Musik von Elvis, dem „King of Rock & Roll“ und erfolgreichster Einzelunterhalter aller Zeiten sehenswert.