Kategorie-Archiv: Filmkritik

Elvis

Elvis

Biopic über den Musiker und Schauspieler Elvis Aaron Presley (1935-1977), dargestellt von Austin Butler. Mit Tom Hanks als den „Colonel Tom Parker” und Olivia de Longe als Priscilla.
Regie und Buch: Baz Luhrmann; AUS, USA  2022, 159 Min, Cinemascope, Dolby 7.1.
Das Positive gleich mal zu Beginn. Gut ersichtlich ist die einfache Herkunft von Elvis Aaron Presley, er wohnte – zur Zeit der Apartheid – in einer an sich schwarzen Gegend, besuchte mit seinen farbigen Freunden die von Gospelmusik durchdrungenen Gottesdienste und versuchte als Weißer Musik im Sounddesign der Afroamerikaner zu machen. Er ist fasziniert vom Blues eines B.B. King. Seine erste Platte brachte er mit 20 Jahren bei SUN Records, einem für schwarze Musik spezialisierten Label heraus und sie wurde sowohl von schwarzen wie weißen Sendern gespielt und war auf Anhieb ein Erfolg. So wird der mehr als zwielichtige angebliche „Colonel“ Tom Parker auf ihn aufmerksam und drängt sich ihm als Manager auf und wechselt auf den nationalen Plattenlaben RCA, kassiert die Hälfte der Einnahmen und hetzt ihn von Show zu Show, bringt ihn ins neue Medium Fernsehen. Doch er kann auch wegen ihm nie im Ausland auftreten, da der Colonel dort wohl gleich verhaftet würde…
Erzählt wird auch das Ganze bis zu Elvis´ bitteren Tod mit des Colonels Stimme aus dem Off.

Ein Biopic hat nun mal die Eigenschaft keine Doc zu sein. So sehen und hören wir den wahren Elvis kaum, gesungen und gespielt wird er von Austin Butler. Wer Elvis´ Musik kennt, schätzt seine Vielfalt. Von wildem Sound bei „Hound Dog“, wo er mit dem Unterkörper und den Beinen so fibrierte, dass Frauen in Ekstase fielen bis zu samtweichen Liebesliedern und auch kritischen Songs wie „In The Ghetto“. Der Sound im Film ist zu sehr der einer schmetternden Big Band mit schwarzen Tänzerinnen, wie er sich im damaligen Hotel International in Las Vegas wochenlang inszenierte und spiegelt seine Vielfalt kaum wieder.

Erfreulicherweise ist der Film trotz seiner Länge nie langweilig, die deutsche Epoche, wo er als Soldat in Deutschland dienen musste (sonst drohte man ihm, ihn wegen seiner unzüchtigen Bewegungen einzubuchten) erfährt man nur, dass er dort seine Frau Priscilla kennen lernte, auch sein Niedergang in Drogen und unter fragwürdiger ärztlicher Betreuung wird eher knapp gehalten, der Konflikt mit seinem dominanten Manager steht im Vordergrund.
Für Fans der Musik von Elvis, dem „King of Rock & Roll“ und erfolgreichster Einzelunterhalter aller Zeiten sehenswert.  ***

Rimini

RIMINI

Spielfilm, AT/DE/FR 2022, 114 min, Regie: Ulrich Seidl

Ein ehemaliger Schlagerstar singt und säuft im winterlichen Rimini gegen die Wirklichkeit an. Ulrich Seidls neuer Film, der seine Uraufführung im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale gefeiert hat, ist das vielschichtige Porträt eines Taumelnden, formuliert in gewohnter Härte, versetzt mit überraschender Zärtlichkeit. In RIMINI steht Michael Thomas, der beste Crooner Österreichs, auf der Bühne, Inge Maux und Claudia Martini begeistern als seine Fans.(diagonale.at)

Der gealterte Schlagersänger Richie Bravo (den gab es wirklich, er ist in Neunkirchen 1963 geboren!), dessen Mutter gerade gestorben ist und dessen Vater, schwer an Alzheimer erkrankt, in einem Pflegeheim in Österreich lebt geht im Winter nach Rimini, wo er in den sonst leer stehenden Strandhotels älteren Damen und Herren seine bekannten Schlager (Amore mio) im Karaoke-Verfahren vorsingen kann, er tröstet aber auch kostenpflichtig viele Frauen seines Alters und erfüllt ihnen die sexuellen Wünsche, gibt ihnen die Illusion noch begehrenswert und sexy zu sein. Er braucht das Geld dringend, denn mit der Gage von 300€, die ihm die Hotels zahlen,  kann er kaum seine Schnäpse zahlen, die er konsumiert oder ausgibt. Das Wetter ist fürchterlich, Schneeregen, trotzdem kauern viele Flüchtlinge fast reglos an den Strandbuden, ihr Schicksal ist noch trostloser als jenes der weiblichen Fans von Richie, die sich von ihm trösten lassen.
Eine überraschende Wendung taucht kurz vor der Hälfte des Films in Person seiner Tochter Tessa auf, für die er nie da war, nie Alimente bezahlte oder sonstwie unterstützte. Sie ist nun mit einer Gruppe syrischer Immigranten in Rimini aufgetaucht und fordert, was ihr zustehe, doch Richie hat kein Geld und muss sich etwas einfallen lassen.

Vielschichtiger, stimmig – trostlos fotografierter, spannender und weitgehend unterhaltsamer Film, der wieder tief in die Seele der Menschen blickt. Die Schlagermusik von damals nimmt dabei erfreulicherweise nicht überhand. Herausragendes Meisterwerk von Ulrich Seidl: vielschichtig, ehrlich, emotional. *****

Rotzbub

ROTZBUB

Regie: Santiago López Jover,Marcus H. Rosenmüller; Drehbuch: Martin Ambrosch

Der 2016 verstorbene Karikaturist Manfred Deix hat noch selber das Drehbuch abgenommen, es geht in diesem Animationsfilm weitgehend um sein Leben.
Es beginnt mit seiner Geburt, mit den Wehen seiner Mutter und sein Leiden im Geburtskanal, doch als er endlich die richtige Position findet und in die grelle Welt kommt, ist natürlich alles zum Schreien, doch als der Rotzbub den üppigen Busen seiner Mutter sieht, kommt Freude auf.
Die Handlung ist in den 60er Jahren in einem fiktiven österreichischen Ort namens Siegheilkirchen angesiedelt. Sein Vater, der im Krieg einen Arm verloren hat, konnte nichts anderes machen als Wirt werden. Dort versammelt sich die Gemeinde, vom Pfarrer bis zum Gendarmen (der allabendlich sturzbetrunken ist), doch die am Stadtrand lebenden Roma-Frauen werden nicht bedient. Anders in der Espresso-Bar Jessy, wo ein wunderbarer Wurlitzer steht und andere Klänge verbreitet.
Doch es gibt Stockkonservative und Ewiggestrige, letztere planen ein Rohrbomben-Attentat auf die Roma, was der Bub aufdeckt. Er ist natürlich ein begabter Zeichner, aber etwas schüchtern, seine Freunde wollen seine erotischen Zeichnungen vervielfältigen und vermarkten. Doch sein opus magnum wird die „Aktualisierung“ des neuen Wandgemäldes auf dem Rathaus sein, das von seinem Onkel gerade von braunen Flecken befreit wurde; es wird viele schockieren – obwohl der Rotzbub allerhand beobachtet und von den Rundungen der Frauen fasziniert ist, verliebt er sich in das schlanke Roma-Mädchen Mariolina (die Deix´Ehefrau ähnlich sein soll). Natürlich kriegen kirchliche und weltliche Obrigkeiten gehörig ihr Fett ab.
Der Film war ursprünglich in 3D konzipiert, offenbar hat man aber bedacht, dass Deix´Karikaturen nie in 3D waren und so ist der Film in Österreich nur in 2D erschienen. Die Musik wurde eigens dazu komponiert und soll an die Rock & Roll Ära der Sixties anklingen, leider fand ich sie wenig zündend, andererseits wurde sie so nicht zu dominant.
Der Spanier Santiago Lopez Jover ist einer der ganz Großen der Animationsbranche. Regisseur Marcus H. Rosenmüller kommt aus Bayern und wurde mit WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT berühmt. Viele berühmte österr. Schauspieler verleihen den Figuren ihre Stimme, etwa Roland Düringer, Erwin Steinhauer, Adele Neuhauser, Armin Assinger.
Die Animationen sind detailfreudig und perfekt gemacht, die Figuren natürlich typisch Deix.
**** unterhaltsames Sittenbild der 60er Jahre, freilich ohne politische Bezüge.

Operation Schwarze Krabbe / Windfall

Neu auf Netflix Mitte März 22:

OPERATION SCHWARZE KRABBE
Schweden 110 Min, Scope; Regie: Adam Berg.
In einer postapokalyptischen Welt, die von einem noch immer währenden Krieg weitgehend zerstört wurde, wird in einem besonders harten Winter ein aus sechs Soldaten (darunter eine ehemalige Eisschnellläuferin) bestehendes Team auf eine geheime Mission geschickt. Sie sollen zwei mysteriöse Kapseln über einen gefrorenen Archipel auf Schlittschuhen transportieren. Unter ihnen befindet sich Caroline Edh, der man versprochen hat, sie könne nach erfolgreichem Abschluss der Mission ihre Tochter wiedersehen, dies spornt sie zu unmenschlichen Leistungen an.
Das Eis ist manchmal sehr dünn und bricht manchmal. Das Team verliert durch Feindeinwirkung mehrere Männer, selbst harmlos scheinende Zivilisten sind es nicht und  die mysteriösen Kapseln dürften die Komponenten für virale Biowaffen sein, die den Krieg entscheidend ändern, aber wohl auch die Menschheit auslöschen könnten.

Extrem spannender Kriegsfilm mit verstörenden Bildern, der eigentlich in der Gegenwart spielt und natürlich momentan hochaktuell ist.  Die Musik stammt von Dead People. Die Premiere des Films erfolgte Anfang Februar 2022 beim Göteborg International Film Festival. ****

WINDFALL
USA 2022, 92 Min, Scope, Regie: Charlie McDowell

Die ersten Szenen wähnten mich in einem Haneke-Film zu sein, etwas erinnerte er mich an die Funny Games de österr. Professors.
Ein Mann bricht in das weitläufige, von Orangenhainen und Parkanlagen umsäumte Luxus-Anwesen eines Tech-Millionärs ein. Die Villa ist schlecht gesichert und Überwachungskameras scheinen auch keine vorhanden zu sein. Er findet ein paar Tausend Dollar und eine Rolex und wäre mit dieser Beute eigentlich zufrieden gewesen. Doch gerade jetzt taucht der reiche Mann mit seiner Frau auf, er tut so, als ob er bewaffnet wäre und fesselt die beiden. Nun fordert er 150.000$, doch dazu meint der Milliardär, da komme er nicht weit und könne nicht lange ein schönes Leben führen, bietet ihm praktisch mehr an, allerdings sei es auch für ihn nicht so einfach, das Geld physisch schnell zu beschaffen und außerdem habe es ein großes Gewicht,
Allerdings verläuft nichts, wie geplant und es entwickelt sich schnell ein Psychospielchen zwischen den drei Menschen, besonders als auch noch der Gärtner, ein Latino, dazu kommt. Nach längeren Dialogen kommt es dann schließlich zum Show-Down, als einen Tag später das Geld geliefert wird und es kommt zu einer überraschenden Wendung.

Gedreht weitgehend in der schönen Villa, wird das Cinemascope-Format voll ausgespielt, nicht durchgehend hochspannend, im mittleren Teil ziemlich dialoglastig, aber doch sehenswert! **

An Impossible Project

An Impossible Project

Regie: Jens Meurer | DE, AT 2020 | 93 min, auch 35mm
Mit: Florian Kaps, Ilona Cerowska, Dana Martin, Anna Kaps u.v.a

An Impossible Project handelt vom Revival des Analogen im Allgemeinen und vom Polaroid-Foto im Besonderen.

Die Museumswelt Frastanz kündigte an, in ihrem Museumskino den Film auf 35mm zu zeigen, was leider wegen eines Projektorschadens nicht gelang, aber digital konnte er in engl. OmU gezeigt werden, Höhepunkt war jedoch die Einladung an Florian Kaps und Christian Lutz, welche eine Firma für unmögliche Projekte zu gründen.
Florian Kaps, kurz Doc genannt, ist eigentlich Biologe und der Superexperte für die Augenmuskulatur der Spinnen. Er nimmt sich nun dem Projektmanagement hoffnungslos unmöglicher und unwirtschaftlicher Projekte an. Er kaufte für nur 150.000€ das letzte noch existierende Polaroid-Werk in Enschede, Niederlande, doch durfte er den Namen „Polaroid“ nicht mehr verwenden. Nach langem Streit durfte er „Impossible Film for Polaroid SX70 Cameras“ verwenden. Das größte Problem war aber, dass die Rezeptur bzw. die Chemikalien zur Herstellung des hochkomplizierten (mehr als 17 Schichten) Films nicht mehr vorhanden war und so der Film neu erfunden werden musste, was anfangs gar nicht so recht klappen wollte.
Christian Lutz  war jedoch Meister im Networking und fand richtig reiche Männer, die Millionen in die Hand nahmen, und so gelang es nicht nur Polaroid wieder an Bord zu bekommen, sondern tatsächlich einen guten Film herzustellen.
Zusammen mit Rollei erfand er einen Apparat, mit dem man Handyfotos auf Polaroid kopieren kann. Auch eine neue Sofortbildkamera mit Ringblitz wurde entwickelt (und kann für rund 100€ erworben werden).
Den Direktschnitt von Vinylplatten – echte, teure Unikate – ging er an, genauso wie die Idee das seit Jahrzehnten vor sich hin modernde Südbahnhotel auf dem Semmering wieder mit Leben zu füllen – immerhin veranstaltete er dort eine Party. Das Hotel wechselte inzwischen auch den Besitzer.
Das Analoge ist eben kein Bild hinter einer Glasscheibe, sondern eines, das man in die Hand nehmen kann, das einen Geruch hat, haptische Qualitäten hat usw.

Kommentar: Analoge Projekte gibt es auch noch andere: seit Jahren wird die Rettung des Ferrania-Filmwerkes versucht und dort Kleinstauflagen von SW und Diafilmen, 16 und Super 8 hergestellt. Die österr. Firma Rebeat versucht (mit großen Schwierigkeiten) eine HD-Vinylplatte mit Laserschnitt zu bekommen und sogar Tonbänder für die Spulenmaschinen erleben ein gewisses Comeback, mehr als 300€ zahlt man für eine erste Kopie von den Masterbändern einer LP….
Kodak kommt kaum noch den Bestellungen für analogen Film nach und auch Fuji produziert wieder in großem Ausmaß analoge Filme. Sogar ORWO (als Orwotec) hat eine Nische gefunden, Ilford gibt es nach wie vor…

Unterhaltsamer und informativer Film über hochriskante start-ups, teils sogar witzig, und mit tollem Soundtrack, der ebenfalls an die analogen Zeiten erinnert.***1/2

Belfast

Belfast

GB 2021, 97 Min, SW und Farbe, Regie: Kenneth Branagh

Kenneth Branagh ist Schauspieler und Regisseur, zuletzt führte er Regie bei „Tod am Nil“ und „Mord im Orient Express“, die optisch brillant, inhaltlich aber konventionell waren.
Mit Belfast wagt er ein autobiographisches Werk über seine Kindheit in Belfast, in dem auch die Musik (v.a. von Van Morrison) eine stimmungsmachende Rolle spielt.
Formal brillant – die eigentliche Handlung in kontrastreichem Schwarzweiß, Vergleiche mit heute und Filmen in saturierten Farben und alles gekonnt fotografiert. Er kommt auch gleich zur Sache: nachdem er kurz zeigt wie fast idyllisch Protestanten und Katholiken zusammenleben, kommt es überraschend zu explosiven Gewalttätigkeiten. Erzählt wird aus der Sicht des 9jg Buddy, eines guten Schülers in einer protestantischen Schule. Sein Vater arbeitet zunehmen in England und besucht die Familie alle 14 Tage mit dem Flugzeug. Die an sich unpolitische Familie, die mit allen kann, wird immer mehr in den Konflikt hineingezogen bzw. dazu gezwungen. Eine gewichtige Rolle spielen auch seine Großeltern. Opa gibt ihm Tipps im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Der Vater möchte angesichts der sich verschärfenden Lage, dass die ganze Familie nach England zieht, wo er ein schöneres Haus kaufen könne. Doch Buddy und seine Mama wollen bleiben. Erst als Opa stirbt ist die Zeit für eine Entscheidung reif.
Formal beachtlich, aber im Prinzip eine Familiengeschichte, klammert Branagh politische Hintergründe ziemlich aus und manchmal holpert die Spannung etwas. ***1/2

Netflix-Tipps:
Obscuros Deseos (Dunkle Leidenschaften)
Meine spanischen Freunde empfahlen mir die mexikanische Serie als besonders sexy und spannend. Was in der Familie eines angesehenen Richters, seine Frau ist Dozentin an der juridischen Fakultät, ihrer attraktiven Tochter, sein nach einem Schusswechsel mit ihm gehbehinderter Bruder und Polizist und einem jungen Mann, der mit Mutter und Tochter schläft, passiert, kann man als jede/r mit jedem umschreiben. Was als Sex in der Oberschicht beginnt, wird zunehmend zum komplizierten Thriller, ein Mord, für den es mehrere Verdächtige gibt, war doch nur ein Suizid etc. und der Richter selbst gerät immer mehr ins Zwielicht. Zwei Staffeln je ca. 30 min. *** (auch in spanischer OmU verfügbar)

Absturz – Der Fall gegen Boeing
Rory Kennedy, 98 Min. Die aufschlussreiche Doc untersucht, wie es dazu kommen konnte, dass Boeing mit der 737 MAX so viele Fehler machte, dass es zum Absturz zweier neuer Maschinen im Jahre 2019 gekommen ist. Begonnen habe der Wandel der Firmenmoral mit der Übernahme des Konkurrenten McDonnell-Douglas, dessen CEO im neuen Konzern mehr auf Effektivität und Rendite, denn auf Sicherheit setzte und dem familiären Arbeitsklima eine Ende setzte. Bei der Konstruktion wurde die Maschine aus dem 737-Baukasten einfach länger gemacht und mit schwereren Triebwerken ausgestattet, dadurch aber auch der Schwerpunkt ungünstig verlagert. Um nicht nach oben kippen zu können, wurde eine Software eingebaut, welche die Nase unten halten sollten, die Piloten müssten dazu nicht geschult werden, was ein Verkaufsargument war. ****

Licorice Pizza

Licorice Pizza

USA 2021, 133 Min, Scope
Regie: Paul Thomas Anderson

Gesehen in 2K und DF.

Wörtlich übersetzt heißt das „Lakritzenpizza“ und damit ist die gute alte Vinylplatte gemeint. Eine solche bekommen wir aber im ganzen Film nicht zu sehen, höchstens indirekt Musik aus den 70er Jahren zu hören, etwa von den The Doors.
Der 15jg Gary Valentine verliebt sich in die um 10 Jahre ältere Alana Kane, die sich langsam mit ihm anfreundet, es wird jedoch vorerst keine richtige Beziehung mit Sex und so. Gary ist recht rührig und will sein sprachliches Talent beruflich verwerten. So meldet er sich bei verschiedenen Castings für Filmrollen an, versucht es als Werbetexter, Wasserbettverkäufer, eröffnet eine Flipper-Automaten-Halle und unterstützt einen lokalen demokratischen schwulen Politiker, der Bürgermeister werden will. Obwohl Alana angeblich nichts von ihm will, reagiert sie in mehreren Situationen eifersüchtig.
Wir sind in der Zeit der ersten schweren Erdölkrise, Benzin ist teuer geworden, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen und da muss man sich einiges einfallen lassen. Nett fand ich Erinnerungen an das Fliegen von damals: Stethoskop- Kopfhörer und komplettes Essen und Trinken waren sogar in der Economy Class üblich. Und geraucht wurde auch immer. Die sich ständig ändernde Handlung ist freilich reiner Klamauk.
Der Film rühmt sich auf analogem 35mm aufgenommen worden zu sein, und es wurden sogar 70mm-blow-Ups gezogen. Dies verleitete mich zu der Annahme, der Filme hätte große optische Reize, die einen solchen Aufwand rechtfertigen. Doch außer einem leichtem Gelbstich und wirklich schwarzen Nachtszenen war nicht viel zu erkennen
Wozu auf 35mm aufnehmen und sogar auf 70mm aufblasen, wenn der Film optisch nicht viel bietet, kaum Totale?
Die an sich schon etwas unkonventionelle Liebesgeschichte hat mich enttäuscht! **

Mother/Android

Mother/Android

Mattson Tomlin, Scope,  110 Min, USA 2021 (Netflix)

Extrem dystopische SF-Geschichte um einen Aufstand der Androiden. Sie scheinen in jedem besseren Haushalt unverzichtbar, wo sie Menschen bedienen. Doch plötzlich ermorden sie die Menschen und reißen die Herrschaft an sich. Da hilft kurzfristig nur ein EMP (starker elektromagnetischer Impuls), der alle Elektronik in ihnen zerstört.
Ein junges Paar zu Weihnachten. Georgia und Sam. Georgia entdeckt, dass sie schwanger ist, sich aber der Liebe zu Sam nicht so sicher ist. Als der Aufstand der Androide auch ihre Gegend erfasst, flüchten sie durch Wälder. Die Androide töten nicht alle  Menschen, sondern nehmen sie z.T. als Köder gefangen.
Georgia und Sam erhalten  – nach einem Bluttest, ob sie echte Menschen sind – Einlass in ein Lager, wo sie hofft sicher gebären zu können. Man hört von einer Familienausreise per Schiff nach Korea.
Doch Sam prügelt sich mit einem Soldaten und muss das Lager verlassen, sie finden ein verlassenes Haus und finden dort ein Motocross-Motorrad, mit dem sie die Flucht versuchen, doch Androide sind dabei, sie mit Drohnen zu orten und einzufangen. Arthur, ein dubioser Wissenschaftler, rettet dabei die Schwangere, ihn aber nicht. Er hat einen Tarnanzug, den die Androiden nicht sehen können und sagt, er sei bei der Entwicklung der Androiden dabei gewesen, wisse wie sie ticken. Er gibt ihr so einen Tarnanzug und so kann sie Sam aus der Gefangenschaft befreien, doch seine Füße sind zertrümmert.
Die beiden wachen in einem Krankenhaus auf, ihr wurde per Kaiserschnitt ein Sohn entbunden, ihm die Füße amputiert. Die Geschichte von den Tarnanzügen glaubt man ihnen nicht, vielmehr ist Arthur selbst Androide, den sie letztlich sogar durch die Sicherheitskontrollen schleusen. In Boston sind die Androiden schon in der militärischen Anlage mit dem EMP. Georgia kann es auslösen und gelangt so zu jenem Schiff, das Babys nach Korea rettet…
Das sentimentale Ende ist bis zur Unerträglichkeit in die Länge gezogen…

Eigentlich passiert nicht viel, außer dass überall Gefahr lauert, unglaublich lange geht es bis zur Geburt. Manche Szene die sicher spannend gewesen wäre, erfahren wir nur in Erzählform. Bilder von zerstörten Androiden sind reiner Trash. Irgendwie spannend war er ja schon, aber mit der Logik happert es.
Gut gespielt, aber billig gemacht **

Benedetta

BENEDETTA

Regie: Paul Verhoeven; Frankreich 2021, Scope, 131 Min, gesehen in DF

Synopsis:
Italien im 17. Jahrhundert: Hinter den Mauern des Klosters von Pescia versetzt die Novizin Benedetta Carlini (Virginie Efira) die Oberhäupter der katholischen Kirche in Aufregung, als die Wundmale Christi an ihrem Körper auftreten. Trotz anfänglicher Zweifel an der Echtheit der Stigmata steigt Benedetta als „Auserwählte Gottes“ zur Äbtissin auf. Von nun an genießt sie Privilegien in der Ordensgemeinschaft, die ihr ein geheimes Doppelleben erleichtern: Sie lässt sich von der Nonnenschülerin Bartolomea (Daphné Patakia) in die Geheimnisse körperlicher Lust einführen. Doch die ehemalige Klostervorsteherin Felicita (Charlotte Rampling) kommt dem verbotenen Treiben auf die Spur und das Inquisitionsgericht soll sowohl die Vorwürfe in Sachen Echtheit der Stigmata, als auch der sexuellen Vergehen prüfen. Derweil wütet die Pest…

Kritik (Norbert):
Kurzweilig ist der neue Film von Paul Verhoeven (Elle, Basic Instinct, Türkische Früchte,…) sehr wohl, er ist „basierend auf wahren Begebenheiten“ und legt einige Details über das Klosterleben offen. So war keineswegs die Frömmigkeit das wichtigste Kriterium für die Aufnahme, sondern die Mitgift, welche die Eltern der „Bräute Gottes“  dem Kloster zahlen können, Benedetta kommt als junges Mädchen in ein Kloster in der Toskana und bekommt neue Kleider, die gewollt unbequem sind und kratzen (Der Körper ist dein Feind, und das sollst du spüren!), auch wird ihr eine kleine Madonna-Statue abgenommen, die später zweckentfremdet noch wichtig werden wird. 18 Jahre später wird sie von Visionen übermannt, spricht mit männlicher Stimme, es erscheint ihr Jesus in mehreren Motiven, sie bekommt die Stigmata Jesu. Der Fall wird von der offiziellen Kirche geprüft und echt befunden, Benedetta wird zur neuen Äbtissin ernannt, und die frühere strenge Frau so ihre Hauptfeindin. Auch hinter Klostermauern gibt es Intrigen, einige zweifeln an der Echtheit der Stigmata, vielmehr soll sie sich diese Wunden mit einem Scherben selber zugefügt haben. Indessen wird sie von der Nonnenschülerin Bartolomea in die Freuden der lesbischen Liebe eingeführt und dabei von der früheren Äbtissin beobachtet, welche dies der kirchlichen Obrigkeit meldet. Ein Inquisitionsgericht soll dies prüfen, jemand wird dann wohl auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Doch ebendieser Inquisitionsrichter kommt aus einem Pestgebiet und nun kommt es sogar zu gewissen Parallelen mit der heutigen Covid-Zeit. Nur eine komplette Abschottung des Klosters schützt es vor der Pest, das wusste Benedetta auch schon (ebenso  wie dass sie von Flöhen übertragen wird).
Der Film ist konventionell geschnitten, linear erzählt und durchaus detailfreudig, in Sachen Erotik zeigt er, was im französischen Film so möglich ist, wobei die Grenzen zur Pornografie oder Blasphemie (wenn die kleine Madonna als Dildo missbraucht wird) nie überschritten wird. Gegen Ende gibt es doch einiges an nackter Haut zu sehen. Verhoefen lässt dem Zuseher etwas Interpretationsspielraum, was Benedettas Wunder betreffen, zumindest belehrt uns der Abspann, dass sie das Kloster vor der Pest bewahrt habe.

Ich fand den Film sehenswert, aber kein innovatives Meisterwerk. ***1/2

Ausführliche Kritik von Walter Gasperi:
https://www.film-netz.com/post/benedetta

In the Hand of God

Die Hand Gottes –
È STATA LA MANO DI DIO

Italien 2021; Scope, Regie: Paolo Sorrentino; Mit: Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Saponangelo, Luisa Ranieri u.a.; 130 Min, ital. OmU.

Es ist das erste Mal, dass der FKC einen Netflix-Film zeigt. Netflix muss jedoch jene Filme, die bei Festivals eingereicht werden, auch irgendwo eine Zeitlang in „selected cinemas“ zeigen, ansonsten wären es keine Kinofilme, sondern Fernsehfilme. So kommt auch der FKC, zusammen mit dem Bregenzer Filmforum und der Leinwandlounge zu der Ehre, den Film zeigen zu dürfen.

Ähnlich wie Fellinis Amarcord gibt es hier einiges Autobiografisches von Regisseur Paolo Sorrentino (La grande belezza, Loro….), sehr schöne Landschaften und einige schräge Figuren beiderlei Geschlechts, die für Situationskomik sorgen. ***

Filmbeschreibung von Norbert: https://www.fkc.at/event/die-hand-gottes/
Filmkritik von Walter Gasperi: https://www.film-netz.com/post/die-hand-gottes-%C3%A8-stata-la-mano-di-dio