Kategorie-Archiv: Filmkritik

Und der Zukunft zugewandt

Und der Zukunft zugewandt

Bernd Böhlich | DE 2019 | 108 min
Mit: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn, Stefan Kurt, Barbara Schnitzler, Karoline Eichhorn

1952 in der Sowjetunion. Antonia Berger lebt mit ihrer an einer schweren Lungenkrankheit leidenden Tochter seit mehr als 10 Jahren in einem Arbeitslager, verurteilt zu lebenslanger Zwangsarbeit.

Die Kommunistin, die 1938 mit der „Kolonne Links“ in die Sowjetunion ging, um hier für die Revolution zu kämpfen, wurde dort unter absurden Vorwürfen verhaftet. Über das gesamte Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte – im Straflager. Als ihr Mann, in einem anderen, durch Stacheldraht getrennten Teil des Gulags,
zum Geburtstag der Tochter zur Frau und Tochter auf einen kurzen Besuch geht und wieder zurückkehrt wird er erschossen.
Einigen Politikern der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik ist es zu verdanken, dass 1952 die Ungerechtigkeit, der Antonia Berger und ihre Mitinsassinnen zum Opfer gefallen sind, nicht mehr hingenommen wird. Ihre Rückkehr in die DDR wird eingeleitet. Zusammen mit ihrer mittlerweile schwer kranken Tochter Lydia und ihren Haftgenossinnen Irma Seibert und Susanne Schubert kehrt sie in das Städtchen Fürstenberg, das spätere Eisenhüttenstadt, zurück.
Sie werden von SED-Parteikadern auf das freundlichste empfangen. Man veranlasst sofort, dass Lydia ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt wird. Ein sympathischer Arzt, Dr. Konrad Zeidler, kümmert sich persönlich um Lydia. Plötzlich scheint alles gut zu werden für Antonia und ihr Kind. Es wird viel getan, damit sie alle, auch Irma und Susanne, im aufgeräumten Fürstenberg ankommen können. Die aus der Haft Befreiten bekommen eine gute Wohnung, sie bekommen Geld und Lebensmittelkarten. Und vor allem gibt man ihnen eine würdevolle Arbeit, die ihren Berufen vor der Verhaftung entspricht, die ihnen eine ehrenhafte Position verschafft und sie teilhaben lässt am großen Auf- und Umbau, den diese Gesellschaft mit sich vorhat. Antonia wird zur Leiterin im Haus des Volkes ernannt. Für die Fürstenberger soll sie Kultur und Kunst erschaffen, Kunst für die Gemeinschaft, von der Gemeinschaft und im Sinne der Gemeinschaft. Dass diese Kunst politisch sein wird – wie jede andere auch – ist für Antonia selbstverständlich. Doch leider findet das Ganze nur unter einer Bedingung statt: sie müssen unterschreiben, niemanden davon zu berichten, was ihnen in der Sowjetunion widerfahren ist, sie müssen sagen, sie seien an verschiedenen Orten in der UdSSR gewesen. Es wäre untragbar, der Sowjetunion ungerechte Fehlurteile vorzuwerfen. Für eine der drei Frauen, ist das kaum akzeptabel und man fange schon wieder an, ihnen vorzuschreiben, was sie sagen dürfen.
Lydia wird dank dem neuen Penizillin rasch gesund; Dr. Zeidler kümmert sich nicht nur weiter um Lydia, sondern verliebt sich auch in Antonia. Er bleibt vorerst in der DDR, obwohl ihm sein Vater seine gutgehende Praxis in Hamburg anbietet.

Die ersten Risse in der scheinbaren Idylle kommen auf, als einem Parteibonzen der geplante Kindertanz zur Eröffnung der ersten Landwirtschaftskonferenz der DDR missfällt und sie am Todestag Stalins feiern statt trauern. Als Antonia ihrem Geliebten Dr. Zeidler ihr Tagebuch zu lesen gibt, verrät er sie an jenen Genossen, der Antonia bisher geführt hat. Als die drei Frauen einander wieder treffen und eine sich verplappert, landet Antonia wieder im Gefängnis…
Umspannt ist die Geschichte von Rückblenden des Berliner Mauerfalls am 9.11.89.
Die Geschichte an sich ist sehr berührend und auf wahren Begebenheiten beruhend. Wir spüren auch den ehrlichen Eifer einiger Kommunisten in der jungen DDR, eine Alternative zum Faschismus und Kapitalismus aufzubauen. Dabei wirkt alles zwar altmodisch und fast bieder, aber sauber, eher Jugendstil als graue Plattenbauten. Auch scheint es keinen Mangel an Alkoholika und Speisen gegeben zu haben.
Da man sich doch weitgehend einig ist, dass die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte nicht vergessen werden sollten, ist es nur logisch, auch die Verbrechen Stalins einmal zu beleuchten. Dies macht der Film aber nur indirekt, in dem die von der brüderlichen Hilfe der UdSSR abhängig gewesene DDR keinerlei Kritik an ihr dulden durfte.
Ob freilich mit dem Mauerfall für die Bürger der DDR alles besser wurde, kann wohl bezweifelt werden.
*** Sehr spannend, aber irgendwie etwas bieder.

Ihrer Zeit voraus

Ihrer Zeit Voraus

Tone Bechter, Österreich 2019, 75 Min., in Bregenzerwälder Mundart/ deutsch
Dokumentarfilm mit Spielfilmelementen; mit Stefan Pohl und Doris Metzler sowie weiteren Mitgliedern des Theatervereins Bizau, Fachkommentaren von Dr. Ulrike Längle u.a.

Tone Bechter und Doris Metzler

Neben dem Leben und Wirken von Franz Michael Felder (1839-1869), wird auch seine starke Frau Nanni und sein Schwager Kaspar Moosbrugger in den Vordergrund gerückt.
Besonders berührend ist wohl jene Szene, wo Nanni ihrem Geliebten unter Zwang der Familie sagen muss, er möge nicht mehr zur Stubat kommen, und danach weinend zusammenbricht. Gut gemacht auch die Szene, wo eine Brücke zusammenbricht und Franzmichl ins reißende Wasser fällt, fast ertrinkt und gerade noch gerettet werden kann.
Viele Fakten werden mit Comicartigen Bildern und einer Stimme aus dem Off erzählt, etwa auch, als dem jungen Felder in Innsbruck von einem betrunkenen Augenarzt das falsche Auge operiert wird und er auf diesem auch noch beeinträchtigt wird. Diese spannende Szene hätte man dramaturgisch effektiver einsetzen können…

Seine „Vorarlberg’sche Partei der Gleichberechtigung“ kämpfte für ein allgemeines Männerwahlrecht, damals waren nur jene, die auch Steuern zahlten, wahlberechtigt und die einfachen Bauern und die Frauen ausgeschlossen. Das Frauenwahlrecht dachte er auch schon an, sah die Zeit dafür aber nicht reif. Obwohl er seine Partei betont als christlich bezeichnete, stieß er auf erbitterten Widerstand der Kirche und der reichen Käsebarone. Er prangerte auch die sozialen Missstände jener Zeit an, gründete eine Versicherung für die Tiere, eine Genossenschaft und einen Käsehandelsverein. Doch seine Partei schaffte den Sprung in den Landtag nicht. Moosbrugger publizierte seine Ideen im Vorarlberger Volksblatt und seine literarischen Werke wurden auch in Dresden gewürdigt.
Felder starb im Alter von 29 Jahren in seinem Geburtshaus in Schoppernau an Lungentuberkulose

Bei der Kritik des Films muss man berücksichtigen, dass Bechter nur bescheidene finanzielle Mittel zur Verfügung hatte. Manche Hintergrundmusik (z.B. zu blühenden Bergwiesen) erscheint mir etwas zu konventionell und süßlich. Bechter hat sehr viele Informationen komprimiert zusammengefasst. Jedenfalls sind die Filmaufnahmen an Originalschauplätzen gut gelungen und vermitteln die Landschaft des Hinteren Bregenzerwaldes. Wunderbar das Spiel der beiden Hauptdarsteller.

Ich wünsche Tone Bechter sehr, dass er diesen Film auch auf Filmfestivals wie der Diagonale oder dem Heimat-Film Festival Freistadt einreicht und dort Erfolg hat. ***1/2

Systemsprenger

Systemsprenger

Nora Fingscheidt, Deutschland 2019, 119 Min., DF
Ich schrieb nach der Sichtung des Films beim „Crossing Europe“ Filmfestival in Linz:
Der bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Film lässt wohl niemanden kalt. „Es sei ein Film zum mitweinen“ meinte die Moderatorin. Für plötzlich so extrem aggressiv werdende Kinder hat das deutsche Fürsorgesystem einfach keine Maßnahmen parat. Im schlimmsten Fall kommt Benni gefesselt in die Jugendpsychiatrie und wird niedergespritzt. Keine Pflegefamilie nimmt sie mehr, soll sie nach Kenya geschickt werden? Benni hat wohl ein frühkindliches Trauma erlitten, greift man ihr ins Gesicht, so rastet sie aus. Dabei sehnt auch sie sich nach körperlicher Nähe. Und genau dies ist ihren Erziehern, die „professionelle Distanz“ halten müssen eigentlich verboten. Am ehesten geht es noch mit dem Anti-Gewalt-Trainer Micha, der mit ihr in den Wald geht wo sie sich ohne Handy, Internet, Fernsehen und Strom durchkämpfen müssen. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen Momenten, wo es mit ihr doch zu gehen scheint, und kurz drauf doch wirklich nicht. Sie büxt immer wieder aus, erfriert dabei halb oder verletzt sich, will eigentlich immer zur Mutter.

Fingscheidt hat typische Klischees von solchen Systemsprengern vermieden: wilde Buben, Großstadtdschungel wie Kreuzberg oder Neu-Kölln, Pubertät. So ist Benni ein hübsches blondes Mädchen vom Lande, deren Mutter sie zwar möchte, die aber Angst um ihre anderen beiden Kinder hat und komplett überfordert ist. Das etwas eigenwillige Ende ist eher aus finanzieller Not so entstanden und lenkt manche Zuseher in eine falsche Richtung. Nur so viel sei verraten: ein Suizid ist es nicht!
**** aufrührender Film um ein unerziehbares Kind, das den Schulbesuch verweigert und immer wieder ausrastet, herausragend gespielt.

PS: Normalerweise kritisiere ich die eigenen FKC-Filme hier nicht, da wegen sensationeller Nachfrage der Film im normalen Programm des Cinema weiterläuft, möchte ich aber so eine Orientierungshilfe anbieten.

Nobady

Nobadi

Österreich 2019, 90 Min, Cinemascope.
Regie: Karl Markovics

mit Heinz Trixner und Borhan Hassan Zadeh;  Premiere: Toronto International Film Festivals 2019 in der Sektion Contemporary World Cinema.

In der Schrebergartensiedlung “Zukunft” in Wien stirbt der Hund des 90 jährigen armen und alten Mannes Heinrich Senft. Er will ihn auf seinem kleinen Anwesen beerdigen, nachdem die fachgerechte Entsorgung durch die Tierkadaververwertung viel zu teuer gekommen wäre. Der einzige Platz ist bei der Hintertüre, doch ein alter Baumstrunk mit vielen Wurzeln muss zuerst beseitigt werden. Senft holt eine Hacke und macht sich an die Arbeit, doch gleich mal bricht der Stiel der Hacke ab, er besorgt sich beim Baumarkt einen neuen Stiel.

Auf dem Heimweg trifft er auf den jungen Afghanen Adib Ghubar, der auf dem Arbeitsstrich keine Chance hatte, da er humpelt. Adib spricht ihn an, doch Senft lehnt erst mal ab, als er aber auch mit der reparierten Hacke nicht wirklich weiterkommt, sucht er ihn doch und bietet ihm demütigende drei Euro pro Stunde an. Senft geht anfangs ausgesprochen autoritär und unfreundlich mit ihm um. Er bietet dem Muslim ein Tiefkühlgericht aus Schweinefleisch an, zur Alternative könne er Hundefutter aus Rindfleisch haben.

Adib hat eine Tätowierung „Nobady“, das sei sein Spitzname in einem afghanischen NATO-Lager gewesen, wo er zuletzt als Dolmetscher gearbeitet habe und weswegen er gut deutsch könne.

Senft hat auch Lagererfahrung, wie er betont, er war Sanitäter in einem KZ, was wir zwischen den Zeilen erfahren und wohl bei der SS.

Eigentlich will er Adib verabschieden, als die Grube ausgehoben ist, doch nachts sucht er ihn nochmal und findet ihn auf der Straße, wo er zusammengebrochen ist. Sein Bein ist schwarz geworden, Senft weiß, dass er Hilfe braucht und beginnt sich plötzlich fürsorglich um ihn zu kümmern, bringt ihn aber zu seiner Tierärztin (!) , wo es zu einem dramatischen Streit kommt, weil sie an Menschen nichts machen dürfe.

Nun beginnt der Film, der bisher eine Sozialstudie unterschiedlichster Männer war, immer spannender und makabrer zu werden.

**** Ein alter Nazi und ein verletzter Asylant gehen eine Schwarzarbeits-beziehung ein, die äußerst makaber endet, „schwarzer Humor“ ist dabei eine Untertreibung. Fast ein Horrorfilm, mit einfachen Mitteln an wenigen Drehorten aufgenommen. Das dritte Werk Markovics´ als Regisseur.

Deutschstunde

Deutschstunde

D 2019, 125 Min, Cinemascope

Neuverfilmung von Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ unter der Regie von Christian Schwochow. Mit Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tobias Moretti, u.a.
Inhaltlich hält sich der Film eng an den Inhalt des Buches, soweit ich es laut Wikipedia beurteilen kann und epd-film bestätigt. Allerdings sind manche zeitliche Bezüge in Rückblenden für den Zuseher gar nicht so leicht herstellbar.

Siggi Jepsen sitzt im Deutschland der Nachkriegszeit in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche ein und soll einen Aufsatz über „die Freuden der Pflicht“ schreiben. Es fällt ihm dazu so vieles ein, dass er nicht weiß, wo anzufangen und ein leeres Heft abgibt.
Er wird seine Haft freiwillig verlängern, bis sein Opus fertig ist. Aus dieser kargen Gefängniszelle reflektiert er nun sein Leben in der Zeit des Nationalsozialismus. Sein Vater, Jens Ole, war ein pflichtbewusster Polizist in einem Kaff an der Nordseeküste. Er schreckte nicht davor zurück, seinen Freund und Taufpaten seines Kindes Ludwig Nansen ein Berufsverbot als Maler zu überbringen, da dieser entartete Kunst produziere. Siggi war als damals 11jg. Bub eng mit Ludwig verbunden und oft bei ihm, er lernte bei ihm zu malen, und steckte dafür oft Prügel vom Vater ein, der die expressionistischen Bilder als krank empfand. Aber sein Vater setzte ihn auch skrupellos als Spion ein. Auch nach dem Krieg blieb sein Vater innerlich der alte Nazi. Erstmals wird er bei Kriegsende zwar verhaftet und offenbar auch gefoltert, doch bald wieder als Polizist in dem Ort eingesetzt. Als er versteckte Bilder Ludwigs verbrennt, meint Siggi dessen restlichen Werke vor ihm schützen zu müssen, stiehlt welche bei einer Ausstellung und kommt deshalb in die Jugendstrafanstalt.

Es gelingt dem aus der DDR stammenden Regisseur Schwochow wunderbar, das Klima der Angst und Unterdrückung durch einen Vertreter eines autoritären Regimes spürbar zu machen, ohne näher auf die Ideologie einzugehen (im Buch soll  die Frau des Polizisten eine glühende Verehrerin der Naziideologie gewesen sein, obwohl ihr die verbotenen Bilder gefielen). Auch die Unverbesserlichkeit solcher Menschentypen wird mehr als deutlich. Der Film ist voller symbolischer und aussagekräftiger Bilder, spannend und prominent besetzt. ****

Once Upon a Time … in Hollywood

Once Upon a Time …
in Hollywood

Quentin Tarantino, USA 2019, 162 Min, mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Michael Madsen, Damian Lewis, Kurt Russell, Timothy Olyphant.

Tarantinos neuntes Epos ist weitgehend ein Film-im-Film, über die Schwierigkeiten eines abgehalfterten B-Movie –Schauspielers wieder gut bezahlte Filmrollen zu bekommen. Zusammen mit seinem Stunt-Double zieht Rick Dalton von Set zu Set, meist noch mit gehörigem Restalkohol im Blut (großartig: die Szene wo sich Leonado Di Caprio deswegen selbst beschimpft). Er kaufte sich in Hollywood ein Haus, und seine Nachbarn sind Roman Polanski und die schwangere Sharon Tate (die in Wirklichkeit am 9.August 1969 im Auftrag von Charles Manson ermordet wurde).

Da sein Stunt wegen eines Frauenmordes einen schlechten Ruf hat, müssen sie in verhassten Spaghetti-Western in Rom mitspielen, was ihnen doch etwas Geld bringt. Es war die Zeit grooviger Popmusik (für mich das Schönste im Film!), als man bei der PanAm auch in der „Holzklasse“ noch ein Cocktail nach dem anderen gratis bestellen und rauchen konnte und die Hippies anfingen die Mode (Miniröcke!) und das Sexualverhalten zu beeinflussen.
Für seine Länge hat der Film relativ wenig Handlung, und historisch korrekt ist auch dieser Tarantino nicht. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen großartig und die Kamera ist detailverliebt, etwa wenn sie die damaligen Ami-Schlitten ins Cinemascope-Bild setzt.

*** In der ersten Hälfte fehlt die übliche Spannung der Tarantino-Filme, Szene folgte auf Szene, doch langsam braut sich ein mächtiger Showdown zusammen. Jedenfalls ist dieser Streifen eine wunderbare Zeitreise um genau 50 Jahre zurück. (Norbert Fink)

Das Geheimnis eines Lebens

Das Geheimnis eines Lebens (Red Joan)

Regie: Trevor Nunn, GB 2018, 102 Min, Cinemascope

Die grundsätzliche Idee des Films ist sehr gut und leider wahr: nur wenn beide Seiten die Atombombe haben, wird sie nie eingesetzt werden und es herrscht Frieden oder zumindest ein Gleichgewicht des Schreckens.

Joan, eine erfolgreiche Physik-Absolventin der Uni Cambridge erhält zu Beginn des Zweiten Weltkrieges einen streng geheimen Job in der britischen Forschungszentrale zur Entwicklung der Atombombe. Die ursprüngliche Idee, alle Alliierten, also auch die Sowjetunion, sollten gemeinsam daran forschen um ja schneller als die Deutschen zu sein, wird durch das „Manhattan“-Projekt der Amerikaner torpediert und so arbeiten die Briten gerade mal mit den Kanadiern zusammen. Sie verliebt sich in Leo, der für die republikanische Spanien-Brigade agiert, zu ihm ist sie über die ebenfalls links eingestellte Kommilitonin Sonja, Leos Schwester gekommen. Er arbeitet als Spion für die Sowjetunion und kann sie dazu bringen, den neuesten Forschungsstand an die Sowjets weiterzuleiten. Dabei war Geld nie ein Motiv, sondern nach dem Atombombeneinsatz der USA in Hiroshima und Nagasaki wuchs in ihr die feste Überzeugung, dass alle Großmächte diese fürchterliche Waffe haben sollen, damit sie nie eingesetzt werden kann.

Leider hätte man aus diesem tollen Stoff, der zudem noch auf wahren Begebenheiten (Fall Melita Norwood) beruht wesentlich mehr machen können. Er pendelt zwischen dem Verhör der inzwischen über 80jährigen Dame (Judi Dench) und ihrer Erinnerung an die Jugendzeit hin und her. Hätte das Genre des Agentenfilms schon an sich das Potential zu Hochspannung (wird sie erwischt?) so schafft dieser Film das Kunststück, nie wirklich die Nerven des Zusehers zu kitzeln. Auch die Liebesszenen zwischen Joan und Leo sind brav und bieder und manche biografischen Sprünge bleiben unklar. **

The Dead Don´t Die

USA 2019, 105 Min, Regie: Jim Jarmusch, gesehen in DF.

Jim Jarmusch verbeugt sich mit diesem Film vor dem Altmeister des Zombie-Films, George A. Romero, der 1968 mit „Die Nacht der lebenden Toten“ nicht nur einen Kultfilm geschaffen hatte, sondern auch das Horror-Genre neu belebte. Aber auch „Nosferatu“, „Psycho“ und andere Filmklassiker werden immer wieder – zumindest verbal – zitiert. Auch ist es ein bisschen Film-im-Film, denn die Schauspieler, die teils oder ganz das Drehbuch kennen, prophezeien schon zu Beginn, dass der Film böse enden wird und kommentieren so den Film selbst.

Es geht um das Team einer Polizeistation in Centerville, einem friedlichen Dorf in den USA, das normalerweise nicht mit blutigen Ereignissen belastet wird, doch das wird sich nach der ersten Patroillefahrt langsam, aber sicher ändern.
Dabei wird auch auf eine USA geschaut, in der vieles Wahres, wie der Klimawandel, von ihrem Präsidenten als Fake News abgetan wird, und viele Verschwörungstheorien und Falschmeldungen als glaubhaft gelten. Gleich zu Beginn sind wir mit einer Zeitverschiebung konfrontiert, die von einer Polwanderung, ausgelöst durch Fracking in den Polargebieten, stattfindet; so ist es abends ungewöhnlich lange hell. Auch Tiere reagieren ungewöhnlich, fliehen vor vertrautem Gebiet oder aus Kuscheltieren werden Raubkatzen. Wenn es aber dunkel wird, kommt noch größeres Unheil auf die Menschen zu: die Untoten kommen aus ihren Gräbern. Sie können bekanntlich nur durch Köpfen oder Kopfschuss wirklich tot gemacht werden. Aber was tun, wenn es so viele sind? Eine angebliche Irin, die ein neues, schräges Bestattungsunternehmen im beschaulichen Centerville eröffnet hat, sammelt Daten über die Irdischen und köpft heldenhaft mit einem Samurei-Schwert viele Zombies. Sie erweist sich jedoch als Außerirdische und kann noch in letzter Sekunde eine fliegende Untertasse herbeirufen, die sie rettet…

**** Vergnügliche Zombiekomödie mit vielen filmhistorischen Hinweisen und Starbesetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Tom Waits, Iggy Pop u.v.a.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Frankreich 2018, Cinemascope, 111 Min.
Regie: Julian Schnabel / Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg
gesehen in DF.
Regisseur Julian Schnabel ist selber ein Maler. Er engagierte Willem Dafoe (63) den Ausnahmekünstler Vinzent Van Gogh (37 jg. zum Todestag) zu spielen und konzentriert sich auf die Art, wie Vang Gogh gemalt hatte und wie er die Realität, Mensch und Natur, subjektiv gesehen hat.  Van Gogh malte sehr schnell und impulsiv, entsprechend hektisch ist auch die Handkamera, die ihm folgt, und welche die großen Entfernungen und Hindernisse, die er mit seiner Staffelei zurücklegte, nachvollzieht.
Bekanntlich verkauften sich seine Bilder erst zu seinem Begräbnis und ohne die Hilfe seines Bruders Theo hätte er nicht überleben können. Er freundet sich mit Gaugin an, doch sind die beiden zu verschieden, um zusammen leben zu können.
Die Trennung von Gaugin schmerzt ihn sehr.
Er eckt immer wieder an und wird für verrückt erklärt, in Anstalten eingewiesen. In therapeutischen Gesprächen erkennen ein Arzt und ein Priester durchaus seine eigenwillige Sichtweise an und helfen ihm etwas. Letzterer ist auch erstaunt, dass Van Gogh als Sohn eines Pastors durchaus bibelfest ist, etwa wenn Vang Gogh fetststell, dass auch Christus erst posthum Anerkennung fand.

Musik spielt in dem Film kaum eine Rolle, die wenige, die gespielt wird, ist nicht sehr einprägsam, die wackelige Handkamera war gar nicht mein Geschmack und vernunmöglichte einen ruhigen Blick auf die Natur und Van Goghs Bilder, das Cinemascope-Format aber schon. Mutig von Schnabel ist es jedenfalls, auf die bekanntesten und beliebtesten Gemälde Van Goghs zu verzichten, und eher abstrakt wirkende Details z.B. von Baumwurzeln einzugehen. Auch benennt er seine angebliche Krankenheit (Depression aus Einsamkeit ?) nicht, zeigt aber eine mögliche Variante seiner Ermordung. Dennoch bleibt er oft an der Oberfläche, besonders bei seinen Beziehungen zu Frauen, und schweift manchmal ins Spirituelle ab.
*** sehenswert, aber sehr eigenwillig. Beeindruckende Leistung von Willem Dafoe.

Green Book

Green Book

USA 2018, 130 Min, 1:2,0 Regie: Peter Farrelly
gesehen in spanischer Synchronfassung

Der titelgebende Name des Films kommt von einem Reiseführer für Farbige „Negro Motorist Green Book“ in den USA der späten 50er Jahre, als im Süden der USA noch strikte Rassentrennung herrschte. In dem steht genau, wo Farbige essen und schlafen dürfen. In manchen Gegenden war es ihnen sogar verboten, sich nachts auf Straßen aufzuhalten oder in Autos zu fahren. Die Handlung spielt 1962.

Zwei ganz unterschiedliche Welten nähern sich einander: da ist der Italienischstämmige Nachtclub-Rausschmeißer Tony Lip, dem schon mal die Faust ausrutscht, der Unmengen Junk Food verzehrt und nicht gerade die besten Tischmanieren hat.  Er ist in den Bronx in NY aufgewachsen und lebt einer typischen Unterschicht-Großfamilie. Als er den Job verliert, wird ihm von einem ominösen Doc, Dr. Don Shirley,  eine Stelle als Fahrer angeboten. Dieser Doc ist jedoch kein Mediziner, sondern ein Pianist der Spitzenklasse und außerdem noch ein Schwarzer, der in seinem Büro auf einem Thron, umgeben von Elefantenzähnen sitzt. Er musiziert mit zwei russischen Bassisten, die ebenfalls in einem grünen Cadillac auf diese Tournee gehen, aber in wesentlich besseren Hotels wohnen. Also braucht der Don Shirley einen eigenen Fahrer, der sich auf einige Schwierigkeiten gefasst machen muss. Nach einigem Hin- und Her und Rücksprache mit seiner Frau nimmt er den gut bezahlten Job an. Es geht durch atemberaubende Landschaften und Don Shirley, sehr pinkelig und stets im feinen Anzug maßregelt seinen Fahrer bei kleinen Verstößen. Makaber ist die Szene, als sie auf schuftende Sklaven auf einem Feld stoßen: die zerlumpten Arbeiter schauen den schwarzen Mann im Anzug genauso entgeistert an wie umgekehrt. Gleiche Rasse, aber andere Klasse!

Im Film spielt Musik eine wichtige Rolle. Die zündenden Hits von Little Richard etc. hören wir aus dem Autoradio, nur einmal jamt der Don Shirley mit Musikern in einer schwarzen Bar auch solche Musik. Auf der Tournee spielt er klassische Musik bzw. amerikanische Klassik mit einem Hauch Jazz. Und da kann es zu absurden Situationen kommen. Obwohl er der Stargast in noblen Hotels und Clubs ist, darf er dort nicht im Restaurant essen, denn das ist für „whites only“ und da lässt sich Don Shirley schon mal auf kontroverse Debatten ein.

Natürlich passieren auf der Reise auch die klischeehaften demütigenden rassistischen Polizeiübergriffe, und als dabei Tony Lip wieder mal die Hand ausrutscht, landen sie beide im Gefängnis.

Doch Shirley lehrt dem Fahrer auch schöne Liebesbriefe zu schreiben, die dessen Frau zu schätzen weiß.  Während Lip in einer Anfangsszene die Gläser zweier farbiger Arbeiter entsorgt statt abwäscht, umarmen sie sich alle zum Abschied, der Beginn einer langen Freundschaft.

**** Ein Film über die verbindende Kraft der Musik, denn selbst in den rassistischesten Gegenden gab es eine weiße Oberschicht, die zumindest die musikalischen Leistungen der farbigen Mitbürger schätzte und farbige Musiker in ihre Clubs, aber eben nicht an ihren Tisch einluden. Nach einer wahren Begebenheit des Shirley Trios.