Kategorie-Archiv: Filmkritik

Und morgen die ganze Welt

Und morgen die ganze Welt

Regie: Julia von Heinz; D, F, 2020, 111 Min.

Luisa ist eine 20 jg. Mannheimer Jurastudentin aus einer wohlhabenden Familie. In Deutschland kommt es zu einem Rechtsruck, es finden Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und gewaltsame Übergriffe statt. Rechte Parteien, finden zunehmend Akzeptanz in der Bevölkerung. Luisa will dabei nicht tatenlos zusehen, sondern etwas dagegen unternehmen.

Daher schließt sie sich einer Antifa-Gruppe an, in der sich ihre Freundin Batte engagiert. Zu den Mitgliedern der Gruppe gehören auch Alfa und Lenor. Sie möchten militant gegen Rechtsextreme vorgehen und deren Aufmärsche verhindern. Auch für Luisa wird Gewalt zunehmend ein akzeptables Mittel. (Wikipedia)

Die bewegte Handkamera ist immer nahe an Luisa, die von Mala Emde gespielt wird. Sie bewirbt sich in einem besetzten Haus um die Aufnahme in eine Antifa-Aktionsgruppe. Immer waghalsiger werden ihre Aktionen, rechtsextreme Gruppen auszuspionieren und an ihre Pläne und Waffenlager zu kommen. Während diese Demos in Innenstädten veranstalten, zerstören sie deren geparkte Autos und es ist nicht weit, auch Gewalt anzuwenden und den Faschos die Fressen zu polieren. Dabei kriegt Luisa auch einen „Kratzer“ ab und wird von einem ehem. Terroristen, der die Strafe abgesessen hat, medizinisch versorgt. Er will jedoch mit den Aktionen nichts mehr zu tun haben.

Erschreckend, wie wenig ideologischer Hintergrund und theoretische Schulung dahinter steckt, man handelt einfach aus dem Bauch heraus, und gerät deshalb bald auch ins Visier der Polizei, die mit dem Terrorparagraphen gegen die naiven Jugendlichen vorgeht, und sie somit auf die gleiche Ebene wie die andere Seite stellt.
Der Titel des Films ist der Zeile „Heute gehört uns Deutschland, und morgen die ganze Welt“ aus dem nationalsozialistischen Propagandalied „Es zittern die morschen Knochen“ entnommen. (Im Kino und auf Netflix)

*** spannend, aber eigentlich wenig ideologisch dargestellt ist der Kampf der gegensätzlichen Gruppen am rechten und linken Rand, beide haben einiges gemeinsam (Kampftraining und ihre typische Musik, u.a.) insgesamt hinterlässt der Film beim politisch mittdenkenden Betrachter einen zwiespältigen Eindruck.

Glory to the Queen

GLORY TO THE QUEEN

Tatia Skhirtladze | AT/GE/RS 2020 | 82 min | OmU
Nach dem Netflix-Renner „The Gambit Queen“ zeigt dieser Doc die Geschichte von vier Frauen aus der ehemaligen Georgischen Sowjetepublik, die es geschafft haben sich über Jahrzehnte an der Schachweltspitze zu halten: Nona Gaprindaschwili, Nana Alexandria, Maia Tschiburdanidze und Nana Iosseliani.
Viele junge Paare wurden damals dazu motiviert, ihre weiblichen Neugeborenen nach ihnen zu benennen. Und so interviewt der Film auch jene Frauen von heute, die noch stolz den Namen jener Schachweltmeisterinnen tragen. Der Film zeigt viele kleine Details aus Georgien, die vielleicht manchmal vom Thema ablenken – etwa der neue Luxuszug zwischen Batumi und Tiflis. Immerhin hat der Kommunismus damals den Frauen doch eine gewisse Chance gegeben, zu solchem Ruhm zu Ehren der UdSSR zu gelangen – nur eine von ihnen war ein überzeugtes Parteimitglied. Im Kino.

***1/2 – informativ

THE SOUL

Interessant auf Netflix! 125 Min, CS, Regie und Buch: Wie-Hao Cheng.

Unter dem doch eher mainstreamigen Angebot von Netflix finden sich durchaus einige Perlen (ab heute 6.5.21 übrigens auch „und morgen die ganze Welt“). Ein solcher ist der chinesische Zweistünder „The Soul“, der nur im chinesischen Original mit diversen Ut. zur Verfügung steht. In schmutzigen Farben, aber in Cinemascope, kommt der Thriller einher, der im Jahre 2031, also einer nicht so weit entfernten Zukunft, spielt. Abgesehen vom grausligen Mord an einem Vorstandsvorsitzendes eines milliardenschweren Konzerns verzichtet der Film auf wilde Actionszenen und ausufernde Gewalt. Der Oberstaatsanwalt ist selbst schwer krebskrank und wird nicht mehr lange leben, seine Frau ist ebenfalls ermittelnd bei der Polizei. Wird es mit der modernen RNA-Technik bald gelingen, auch die Seele des Menschen, d.h. seine Psyche mitsamt den sie prägenden Erinnerungen zu transferieren? Und wenn dies schief läuft, wie reinkarniert nach buddhistischem Glauben diese Seele? So scheint eine Person Anfälle von Besessenheit zu haben. Auf den Überwachungsvideos fällt auf, dass sie dabei vom Links- zum Rechtshänder wird. Doch es wird kein Ausflug in das Mystery-Genre, es ist zum Greifen nahe Science Fiction. Und diese gentechnischen Fortschritte sind die einzige Chance, das Leben des Oberstaatsanwaltes ein wenig zu verlängern, ein Deal bietet sich an .
**** recht kurzweilig!

Netflix Beobachtungen

„I care a lot“. Maria Grayson, eine geldgierige Betreuerin hat sich auf die Pflege besonders wohlhabender, alleinstehender Menschen spezialisiert. Mit einer bestochenen Gutachterin wird dem Richter höchster Handlungsbedarf vorgespielt und die Menschen entmündigt und in Luxuspflegeheimen eingesperrt.  Doch mit Jennifer hat sie die falsche erwischt. Sie wird zwar auch eingesperrt, medikamentös ruhig gestellt und ihr das Handy genommen, ihr teures Haus verkauft und die Konten leer geräumt, doch Diamanten im Banksafe könnte sie für jemanden anderen aufbewahrt haben. Als eben dieser sie zuhause besuchen will und das Haus gerade zum Verkauf restauriert wird, schlägt die Mafia zurück.
Sehr spannend und actionreich, nicht gut gegen böse, sondern das Böse schlechthin gegeneinander!

Kritik von Matthias Greuling:
https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/film/2093234-I-Care-A-Lot-Ein-moralischer-Totalschaden.html

Nach „The Vikings“ und „The Last Kingdom“ hat auch „Die Barbaren“ einen historischen Hintergrund: es geht um die „Varusschlacht“ im Teutoburger Wald, wo Germanische Stämme im Herbst des Jahres 9 die damalige Weltmacht Rom in einen Hinterhalt lockten und 20.000 römische Soldaten töteten. Die Österreichische Regisseurin Barbara Eder führt Regie.
Es fließt viel Blut, Verrat und eine Prise Sex sind weitere Zutaten. Kreuzigungen und Enthauptungen sind an der Tagesordnung.

Bajocero (Unter Null)

BAJOCERO

Spanien 2021, ca. 107 Min, Regie: Lluís Quílez
Drehbuch: Lluís Quílez, Fernando Navarro, mit Javier Gutiérrez in der Hauptrolle.

Seit 29.1.21 ist der spanische Thriller auf Netflix zu sehen und wer Hochspannung liegt richtig.
Martin ist Polizist und fährt auch Gefangenentransporter mit einem Spezialfahrzeug, das für jeden Gefangenen eine kleine Einzelzelle hat. Diesmal sind nicht nur die zu verlegenden Personen äußerst aggressiv, auch das Wetter ist entsprechend eiskalt und neblig und die Nachtfahrt somit kein Vergnügen.
Das voranfahrende Begleitfahrzeug verschwindet plötzlich und der Gefangenentransporter wird überfallen.
Martin ist kein brutaler Polizist und versucht die Lage zu deeskalieren.
Langsam erfährt man auch das Motiv des Mannes, der den Transport überfällt: er will aus einem der Gefangenen herauspressen, wo die Leiche seiner Tochter liegt, die er vergewaltigt und ermordet hat; dazu ist ihm jedes Mittel recht.
Es gelingt ihm Martin  im Transporter einzusperren und er lenkt das Fahrzeug auf einen zugefrorenen See, wo er ihn samt den eingeschlossenen Menschen versenkt, doch dank Martins Fachwissen gelingt einigen die Flucht aus dem eiskalten Wasser….
*** Wie bei all solchen Action -Filmen ist das Überleben in dieser Situation nicht sehr realistisch und natürlich gibt es einige Tote, aber für kurzweilige und eher typisch europäische Unterhaltung ist gesorgt. 

Neues aus der Welt (Netflix)

Neu auf Netflix:
Neues aus der Welt (News of the world)

USA 2020, 119 Min, Cinemascope.

Wikipedia

Der Film mit Tom Hanks und Helena Zengel in den Hauptrollen basiert auf dem gleichnamigen Roman von Paulette Jiles.

Helena Zengel ist uns aus dem Film „Systemsprenger“ bekannt, welcher der erfolgreichste FKC-Film des Jahres 2019 war. Sie spielte dort eine kaum zu bändigende, schwer erziehbare Jugendliche.
Auch im neuen Film, der ihr vielleicht mit 13 Jahren sogar einen Golden Globe für die besten Nebenrolle einbringen wird, ist sie wieder so ein nicht zu „vernünftiger Arbeit“ einsetzbares junges Mädchen.

Texas 1870. Captain Kidd, ehemaliger Südstaaten-Militär, zieht mit einer Handvoll Zeitungen durch die Ortschaften und liest den Menschen für etwas Kleingeld Neues aus der Welt vor. Seine Frau starb an Cholera, als er im Krieg war. Auf dem Weg zu einer Lesung wird ihm von einer Armeepatrouille die vorläufige Verantwortung für ein indianisch gekleidetes, aber strohblondes und wohl europäisches Mädchen namens Johanna Leonberger übertragen. Sie soll von den Kiowa-Indianern verschleppt worden sein, nachdem ihre Eltern ermordet wurden. Nun wurden aber auch ihre indianischen Zieheltern getötet. Nun soll er sie zu den einzigen Verwandten in einer 400 Meilen entfernten Stadt Castroville bringen. Doch bis dahin ist es weit und im Wilden Westen lauern viele Gefahren. Einmal möchten Bösewichte ihm Johanna abkaufen und als er das verweigert, mit Gewalt rauben. Doch zusammen erwehren sie die Gefahr. Sie spricht nur etwas Kiowa-Dialekt und ein paar Wörter Deutsch, und so kommen sie sich nur langsam näher.
(Achtung Spoiler!)
Leider erweisen sich die Verwandten Johannas als sehr konservativ, die den Nutzen eines Menschen nur an seiner Arbeitsleistung messen. Als er sie wieder einmal besucht, ist das traumatisierte und unglückliche Mädchen an ein Seil gebunden, weil sie nicht auf dem Feld arbeiten wollte und weglief. Kidd fragt Johanna, ob sie mit ihm gehen wolle, und das Kind fällt weinend in seine Arme. In der Schlussszene inszeniert sie die Geräusche zu den Geschichten, die er vorliest und scheint sehr glücklich dabei.

Ein selten humanitärer, sehr berührender Neo-Western, für das Genre recht langsam und bildgewaltig inszeniert ****

P.S. Leider ging der Film bei den Golden Globes leer aus….

Lupin

Sehenswert bei Netflix: Lupin

Eine besonders gut gemachte Serie – es gibt bislang nur den ersten Teil mit 5 Folgen  – ist Lupin. Die Serie ist an die Abenteuer des Meisterdiebs Arsène Lupin, einer fiktiven literarischen Figur des französischen Schriftstellers Maurice Leblanc aus dem Jahre 1905, angelehnt. Omar Sy spielt die Rolle des Assane Diop, der als 16-Jähriger ein Exemplar der Kriminalromane von seinem Vater erhält und, durch ihn inspiriert, selbst zum Meisterdieb wird. Doch brach für den junge Assane eine Welt zusammen: Sein Vater starb, nachdem er für ein Verbrechen angeklagt wurde, das er offensichtlich nicht begangen hatte. Wie das literarische Vorbild Lupin raubt Assane aus dem Louvre wertvollen Schmuck, ersteigert ihn für Unsummen (obwohl er mittellos ist), und tauscht das Original mit einer Kopie. Hinter ihm her ist natürlich die Pariser Polizei und ihr korrupterer Chef Pelligrini, der schon Assane´s Vater unschuldig ins Gefängnis steckte und in den Selbstmord trieb. Eine inzwischen mundtot gemachte Journalistin war ebenfalls diesem Pelligrini auf der Spur. Das köstliche Katz-und-Maus Spiel zwischen dem Meisterdieb ist extrem gut gemacht und spannend.
Es endet mit der Entführung des Sohnes von Assanes Freundin. Das ist natürlich ein guter Auftakt für den zweiten Teil, über dessen Starttermin aber noch nichts bekannt ist.
Vgl. Matthias Greuling in der Wiener Zeitung:

https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/medien/2088569-Ein-sympathischer-Meisterdieb-und-die-Leiden-der-unteren-Decks.html

Was wir wollten

Was wir wollten
Österreich 2020, Regie: Ulrike Kofler, Cinemascope, ca.96 Min
Ein Paar hat den vierten Versuch einer künstlichen Befruchtung erfolglos hinter sich, mehr Versuche sind nicht möglich. Die Ärztin rät den beiden sich einen schönen Urlaub zu gönnen und zu entspannen, vielleicht gelingt es dann auf natürliche Weise. Doch Alice geht schon auf die 40 zu, höchste Zeit zum Kinderkriegen nach Business Konzept. Sie fahren in ein schönes Resort nach Sardinien. Nebenan hat sich ein Tiroler Vorzeige-Ehepaar einquartiert, mit denen sie sich bald anfreunden. Doch die wollten ihre Nachkommen eigentlich gar nicht; die liebe kleine Tochter nervt manchmal und macht auch eine teure Brille kaputt; der ältere Sohn war eigentlich ein Unfall, mit dem Vater kommt er überhaupt nicht klar.

Die Frau des zweiten Ehepaares läuft zwar gerne oben-ohne herum, ist dennoch sehr katholisch und Astrologie-gläubig. Eines Tages schluckt ihr Sohn alle verfügbaren Tabletten und bricht zusammen, ein Zeichen, wie verzweifelt er sich in der Familie gefühlt haben muss..
Zuhause sind die Bauarbeiter mit dem Hausbau beschäftigt, der natürlich komplizierter und teurer wird als vorgesehen. Geläutert kehren sie nach dem Urlaub wieder heim.
Der Film hätte im Frühjahr in Österreich starten sollen und ist für den Auslands Oscar nominiert. Ulrike Kofler war die Schnittmeisterin der Marie Kreutzer Filme, hier tauschten die Frauen ihre Funktionen. Bestechend geometrisch exakt komponiert sind viele Bilder und handwerklich bestens gestaltet.

Durchaus kurzweilig, aber wenig Neues. ***

Die Unglaubliche Geschichte der Roseninsel

Die Unglaubliche Geschichte der Roseninsel
(L’incredibile storia dell’isola delle rose)

Regie: Sydney Sibilia, 117 Min, auf Netflix

Der äußerst unterhaltsame Film passt perfekt in diese Zeit des Eingesperrt-Seins durch die Pandemie. Wer träumt nicht von einer kleinen Insel im Meer, wo man tun und lassen kann was man will?
Der Abgänger eines Ingenieur – Studiums Giorgio Rosa und der Bauunternehmersohn Maurizio Orlandini kommen auf die Idee außerhalb der (damals geltenden) 7-Seemeilen-Zone eine künstliche Insel nach dem Prinzip einer Ölplattform  zu bauen und einen unabhängigen Mikrostaat auszurufen. Das Baumaterial wird von Orlandinis Vaters Baugeschäft abgezweigt und die technische Umsetzung obliegt dem kleinen Genie Rosa, der schon mit seinem selbstgebauten Auto, das er ohne Führerschein und Nummernschild fahren wollte, mit der Polizei in Konflikt kam. Dazu kommt noch Neumann, ein staatenlos gewordener PR-Experte, eine schwangere Frau, u.a.
Im Sommer floriert auf der 400 m2 das Geschäft mit partysüchtigen jungen Leuten, die auf der Insel abtanzen wollen und solange es nur das gewesen wäre, wäre das Interesse daran spätestens im Herbst wieder abgeflaut. Rosa bekräftigt hartknäckig die Selbstständigkeit, druckt eigene Pässe und Briefmarken, erklärt Esperanto als Staatssprache und verlangt vom Europarat gehört zu werden, ja sogar der UNO-Generalsekretär wird auf ihn aufmerksam. Nun wird daraus eine Staatsaffäre. Man versucht die beiden zu kaufen, indem man ihnen zwei höchst begehrte Lizenzen für Strandbars- und Restaurants am aufkommenden Strand von Rimini verspricht, doch sie sind nicht käuflich.
Was dann passiert? Der Staat lässt sein größtes Kriegsschiff auffahren und versenkt die Insel.

Das verrückteste daran ist aber, das fast alles in dem Film wahr ist. Der kriegerische Akt gegen die „Repubblica della Isola dele Rose“ war tatsächlich die bisher einzige Kriegserklärung, die von der Republik Italien ausgesprochen wurde, und somit wurde ja indirekt anerkannt, dass es sich um einen unabhängigen Staat gehandelt hat. Wie wir aus dem Nachspann erfahren, hatte der Vorfall weltweite Konsequenzen, damals wurde die 7-Meilen Zone von der UNO auf 15 weltweit ausgeweitet.
Lässig sind natürlich die miniberockten, Twist tanzenden  Mädchen und die Musik der 68er Jahre, wie Jimmy Hendrix´ Hey Joe und manche italienische Cover-Version der damaligen Welthits, wie California Dreamin. In jener Zeit gab es auf solchen „Inseln“ oder stationären Schiffen ja auch eine Menge Piratensender, was in einer Szene angedeutet wird, als sie nach Trinkwasser bohren und gleich die Polizei kommt, denn einen Piratensender hätte man nicht dulden können.

**** Die Realität schreibt ja noch immer die verrücktesten Geschichten. Und PS: erinnert ihr euch noch an „Kugelmugel“ des Vorarlberger Künstlers Edwin Lipburger? Der rief 1976 ebenfalls die „Republik Kugelmugel“ aus.

The Midnight Sky

Neu auf Netflix
The Midnight Sky
USA 2020, Regie: George Clooney, ca. 120 Min. Cinemascope.

Wir befinden uns im Jahr 2049 und ein „Ereignis“, auf das nicht näher eingegangen wird, löscht die auf der Erde lebende Menschheit aus. Dieser Zeitpunkt ist wohl nicht zufällig gewählt, denn manche Umweltziele, wie endgültige Verabschiedung von fossilen Brennstoffen, sind von manchen Staaten bis in das Jahr 2050 definiert, dem Film nach zu folgen also viel zu spät. Auch die Menschen in der nördlichen Polarregion werden evakuiert, dort kann man immerhin die Luft noch einatmen. Doch Augustine Lofthouse, ein krebskranker Wissenschaften einer Wetterstation in der Arktis will alleine dort bleiben. Ihm gesellt sich Iris, ein verlorenes kleines Mädchen dazu. Gleichzeitig befinden sich im All auf einer Raumstation noch Menschen, die besiedelbare Exoplaneten erkunden sollen und einen solchen auch gefunden haben. Lofthouse will zu denen Kontakt aufnehmen, möglicherweise sehen die vom All aus besser, was wirklich mit der Erde passiert ist.

Da niemand antwortet, nimmt Lofthouse an, seine Antenne sei zu schwach und wagt es mit Iris zu einem großen Teleskop zu gehen. Der Weg durch die eiskalte Gegend ist sehr gefährlich. Sie entdecken ein abgestürztes Flugzeug und als sie sich  in einer norwegischen Schutzhütte sicher fühlen, stürzen sie stattdessen in die eisigen Fluten. Mit letzter Kraft schaffen sie es zum riesigen Teleskop und es gelingt ihm mit dem Raumschiff Kontakt aufzunehmen. Dessen Besatzung hat sich auch schon gewundert, dass sich von der Erde niemand meldet, doch die Plauderei währt nicht lange, ein Meteoritenschwarm zerstört Radar und Antenne, bei der Reparatur kommt beim Unfall eine schwangere Astronautin ums Leben. Sie wollten eigentlich auf die Erde zurück. So wollen zwei Crewmitglieder mit ihrem Shuttle unbedingt auf der Erde ihre Familien suchen, während die anderen zurück zu dem zuvor gefundenen bewohnbaren Planeten reisen werden, ein Mann und eine Frau sind dabei, welche es dort als Menschheit neu versuchen wollen.
Der Film wird nie langweilig und ist optisch eindrucksvoll gestaltet, sei es mit Bildern von der kaputtgemachten Erde als auch dem ästhetisch-futuristisch gestalteten Raumschiff. George Clooney führt nicht nur Regie, sondern spielt als bärtiger alter Mann auch die Hauptrolle. Schade, dass ich den Film nur auf einem Laptop sehen konnte, aber vielleicht kommt er doch noch mal in ein Kino, solche großen Filme gehören auf die große Leinwand! *****

Was wir wollten
Österreich 2020, Regie Ulrike Kofler, Cinemascope, ca.96 Min
Ein Paar hat den vierten Versuch einer künstlichen Befruchtung erfolglos hinter sich, mehr Versuche sind nicht möglich. Die Ärztin rät den beiden sich einen schönen Urlaub zu gönnen und zu entspannen, vielleicht gelingt es dann auf natürliche Weise. Doch Alice geht schon auf die 40 zu, höchste Zeit zum Kinderkriegen nach Business Konzept. Sie fahren in ein schönes Resort nach Sardinien. Nebenan hat sich ein Tiroler Vorzeige-Ehepaar einquartiert, mit denen sie sich bald anfreunden. Doch die wollten ihre Nachkommen eigentlich gar nicht; die liebe kleine Tochter nervt manchmal und macht sie auch eine teure Brille kaputt; der ältere Sohn war eigentlich ein Unfall, mit dem Vater kommt er überhaupt nicht klar.

Die Frau des zweiten Ehepaares läuft zwar gerne oben-ohne herum, ist dennoch sehr katholisch und Astrologie-gläubig. Eines Tages schluckt ihr Sohn alle verfügbaren Tabletten und bricht zusammen, ein Zeichen, wie verzweifelt er sich in der Familie gefühlt haben muss..
Zuhause sind die Bauarbeiter mit dem Hausbau beschäftigt, der natürlich komplizierter und teurer wird als vorgesehen. Geläutert kehren sie nach dem Urlaub wieder heim.
Der Film hätte im Frühjahr in Österreich starten sollen und ist für den Auslands Oscar nominiert. Ulrike Kofler war die Schnittmeisterin der Marie Kreutzer Filme, hier tauschten die Frauen ihre Funktionen. Bestechend geometrisch exakt komponiert sind viele Bilder und handwerklich bestens gestaltet. Durchaus kurzweilig, aber wenig Neues. ***

Weitere Eindrücke aus der Netflix Auswahl:
The Vikings

Wer archaische Kampfszenen mit Schwert und Schild liebt, wen Gewaltszenen nicht stören und wohldosiert eingestreute Sexszenen gefallen, wird sich bei der mehrstaffeligen Netflix Serie The Vikings gut unterhalten. Grob gesehen, stimmen manche historische Eckpunkte der brutalen Raubzüge der Vikinger auf die britische Insel, ob die Frauen wirklich teils mitgekämpft und beim Sex bei den sonst streng patriarchalischen Kriegern so freizügig und aktiv waren, ist wissenschaftlich nicht erforscht. Jedenfalls wird das Ambiente gut eingefangen und auch die nordischen Landschaften schön vermarktet, in manchen Punkten werden Zugeständnisse an das Publikum von heute gemacht, der Regisseur wollte eine Serie für Millionen machen, nicht für wenige Historiker… Bedenklich sind auch manche ideologische Aspekte, wenn Menschenopfer, willkürliche und drakonischen Strafen als naturgegeben und von den Göttern gewollt dargestellt werden. Sind die gerechtesten und tapfersten Männer mal an der Macht, werden sie bald so, wie jene, die sie einst bekämpften…

Revolution
Um die Zustände während der französischen Revolution geht es hier, verdreckte, verarmte Städte und im Luxus schwelgender Hochadel stehen einander gegenüber, irgendwann verlieren die weiteren Folgen an Spannung und Aussagekraft. Ein Arzt, der schon über erstaunliche Fähigkeiten verfügt und eine Adelige, die in nicht standesgemäße Tiefen absteigt… Wiederum ist die Aufwändige Inszenierung der damaligen Zustände der Reiz der Serie.