Kategorie-Archiv: Filmkritik

Parasite

Regie: Bong Joon-ho, Südkorea, 2019, 132 Min, Dolby 5.1.

Der Film, der nicht nur die Goldene Palme von Cannes und einen Golden Globe, sondern auch vier Oscars errang ist deswegen (wieder) im Kino zu sehen.
Er fasziniert nicht nur durch seine vielen überraschenden Wendungen, sondern auch durch extreme Ping-Pong-Stereo Effekte über alle 5 Kanäle.

Es geht um arm und reich. Die ganz arme Familie Gi-taek, die zu viert in einem Kellerloch haust und als Erwerbsarbeit höchstens Pizzaschachteln faltet, steht einer ganz reichen gegenüber, die in einer riesigen Luxusvilla in einem Park lebt und auch so heißt.
Als der Sohn der Gi-taeks die seltene Chance erhält, bei den Parks Englisch-Nachhilfe zu geben (natürlich mit gefälschten Diplomen) gelingt es ihm, die gesamten Angestellten der Fam. Park abspenstig zu machen und die eigene Familie dort in den Einsatz zu bringen, was eigentlich gut gelingt, wäre da nicht ein eigenartiger Geruch, den sie verströmen.
Auch der Keller mit Atombunker (schließlich ist ja Nordkorea in der Nähe) birgt ein dunkles Geheimnis, auf das sie aufmerksam werden, als die Parks einen Ausflug machen und die Ga-taeks den Luxus einmal in vollen Zügen genießen wollen. Doch die Hausbesitzer kehren vorzeitig zurück und planen für die Kinder ein großes Indianerfest, alle Gi-taeks müssen da anpacken, doch dann wirds sehr blutig.

**** Was harmlos beginnt und böse endet, bietet uns klassische Kinounterhaltung, wer die Parasiten sind, mag jeder selbst entscheiden. Die Armen die sich trickreich einnisten, oder die Reichen, die ihre Hausangestellten und Fahrer zwar bezahlen, aber auch jederzeit wieder willkürlich entlassen, wenn sie nicht immer und jederzeit für sie schuften? Jedenfalls wird die kräftige Familienbande der Südkoreaner zelebriert.

1917

1917

USA/GB, Cinemascope, 110 Min.
Regie: Sam Mendes, gesehen in DF.

Der mit viel Lob, zwei Golden Globes und neun Oscar-Nominierungen gekrönte Film hat eine Besonderheit: er scheint in einer Einstellung und in Echtzeit gedreht worden sein, die Kamera ist praktisch immer in Bewegung und zeigt die Protagonisten auf uns zu rennen oder wir laufen ihnen hinterher. Ab und zu zeigt ein Schwenk, in welcher Umgebung wir uns befinden, dabei ist die Steadycam-Kamera in sehr tiefer Position, wie es Soldaten im Einsatz eben mal sind, sie gleitet förmlich mit durch die Schützengräben. Das ist zwar auch nichts Neues, es war aber eine gute Entscheidung, dieses Stilmittel hier so einzusetzen.

Durch Luftbildaufnahmen vom Juli 1917 erkennen die Engländer, die in Frankreich gegen die Deutschen kämpfen, dass der scheinbare Rückzug um einige Kilometer eine Falle ist, sie warten darauf, dass die englische Artillerie nun angreift und erwarten sie mit einer technischen Übermacht. Doch die 2. Kompanie an der direkten Frontlinie plant den Angriff.
Der Colonel, der die Luftbilder auswertete, gibt nun zwei Soldaten den Befehl durch das feindliche Gebiet hindurch (es soll ja leer sein) zu dieser vorzudringen und ihnen ein Brief zu überreichen, mit dem Befehl, den Angriff abzublasen, da sonst Tausende Soldaten sterben würden, darunter der Bruder des einen.

Von nun an ist atemlose Spannung angesagt und wie vom James-Bond-Regisseur Mendes nicht anders zu erwarten ist, passiert ständig etwas. Sie geraten in Sprengfallen, ziehen an Tierkadavern und gefallenen Kameraden vorbei. Auch stürzt ein deutsches Flugzeug auf sie ab, das von den Engländern abgeschossen wurde, sie ziehen den Piloten aus dem brennenden Wrack und als Dank für die Lebensrettung ersticht der Deutsche seinen englischen Feind. Manchmal gibt es Momente der Hoffnung und sogar der Menschlichkeit (natürlich nur auf englischer Seite, die Begegnung mit der jungen Frau mit Kind) und es ist schon von der Dramaturgie zu erwarten, dass zumindest einer der beiden es schafft, den Brief des Colonels an den Kommandanten an der Front zu bringen.

Wie es sich für Anti-Kriegsfilme gebührt, soll die lebensgefährliche Mühe nur einen Moment lang etwas Sinn ergeben, auf lange Sicht und im gesamten Kriegsgeschehen ändert das Heldentum nicht viel. Bemerkenswert ist auch die Filmmusik von Thomas Newman.
**** empfehlenswert, so hautnah hat man die Schrecken des Krieges selten im Kino miterlebt!

Der Leuchtturm

Der Leuchtturm

USA 2019, 109 Min, SW, 1,19:1
Regie: Robert Eggers

Gesehen in DF und Dolby 5.1

Der Film wurde auf analogem Film in Schwarzweiß und im Stummfilmformat aufgenommen.
Zumindest am Anfang erinnert die Mimik der Schauspieler Willem Dafoe und Robert Pattinsion und die Kameraführung tatsächlich an alte Stummfilme. Allerdings bezieht er in der ersten Hälfte einen Großteil sein Spannung seinem brillianten Dolby-Sounddesign .
Die Aufnahmen der an den Leuchtturm peitschenden Wellen sind unvergesslich!

Es geht also um einen Leuchtturm auf Maine im Nordosten der USA Ende des 19. Jahrhunderts, ein erfahrener Leuchtturmwärter und ein Neuling werden mit einem Boot auf eine bizarre Landzunge gebracht, wo der Leuchtturm, ein Wohngebäude und ein Nebelhorn sind. Damals gab es dort keine Kommunikation zum Land wie Telefon oder Funk. Eigentlich sollten sie in vier Wochen wieder abgelöst werden. Anfangs ist der Alte, Thomas Wake, sehr autoritär zu seinem Neuling, Ephraim Winslow, und lässt ihn nicht das Leuchtfeuer und die Fresnelllinse warten, er darf nur niedrige und schwere Arbeiten verrichten. Anfangs möchte Winslow vorschriftsgemäß auch keinen Alkohol trinken, was er nicht lange durchhält, da Wake kräftig trinkt. Schließlich ist die Situation dort nur im Suff auszuhalten. Als die vier Wochen um sind und sie vergeblich infolge eines heftigen Sturmes auf die Ablöse warten kippt der Film langsam, aber sicher in puren Horror um. Kann man die Begegnung mit einer Meerjungfrau im Rausch noch verstehen, wird es zunehmend heftiger und grausamer. Sowohl was das Wetter, als auch die Beziehung zwischen den beiden inzwischen vollkommen verdreckten Männern betrifft.

*** ½ sowohl formal als auch schauspielerisch beachtlich, entwickelt sich das düstere Kammerspiel zweier verwegener Gestalten zum Horror-Film. Doch manchmal reden sie im Suff ziemlich viel und deren Geheimnisse werden immer mehr, statt aufgedeckt.

 

Zwingli – der Reformator

Zwingli – der Reformator

CH/D 2019, Regie: Stefan Haupt
Cinemascope,  128 Min. DF

Die vier Vorarlberger protestantischen Kirchengemeinden gehören dem helvetischen, die meisten übrigen in Österreich dem Augsburger Bekenntnis an. Obwohl der Dornbirner evangelische Pfarrer Meyer die Werbetrommel rührte und vergeblich auf Schüler-Sondervorstellungen hoffte, blieben die Besucherzahlen hier weit unter den Erwartungen, dabei ist der Film in der Schweiz ein Renner und einer der größten und teuersten Schweizer Filme überhaupt.

Im Jahre 1519 wird ein Huldrych Zwingli (im Film Ulrich genannt) Leutpriester am Zürcher Großmünster. Er verkündet fortan das Neue Testament in deutscher Sprache zu verlesen und bemüht sich mit Experten aus ganz Europa um eine perfekte Übersetzung. Die konservativen Kräfte der katholischen Kirche sind entsetzt, sie möchten mit allen Mitteln verhindern, dass das Volk etwas versteht oder gar selbst die Bibel liest, sie sollen nur Pomp und Prunk in den Kirchen sehen, brav Steuern zahlen und gehorsam Fasten. Auch dagegen tritt Zwingli auf, er ist vor allem für eine soziale Kirche, die den Armen hilft.

Als er selbst von der Pest erfasst wird und mit riesigen Pestbeulen im Bett liegt, wird er von einer Frau gepflegt, die dann später seine Ehefrau werden sollte. Er überlebt, was er nur der Kraft Gottes zuschreibt und als Auftrag Gottes wertet, mit der Reformation der Kirche weiter zu machen. Gestützt wird er vom fortschrittlichen Zürcher Rat. Als er die Klöster auflöst und den klerikalen Prunk verkauft, wächst der Widerstand seiner Gegner. Sie versuchen Zürich aus dem Eidgenössischen Bund auszuschließen, was aber nicht gelingt.

Er muss zunehmend politisch-pragmatische Entscheidungen treffen, etwa der Hinrichtung von Erwachsenentäufern zustimmen. Und obwohl er anfangs gegen Krieg und Söldnertum wetterte, zieht auch er mit seinem Sohn in den Krieg gegen die katholisch-habsburgische Übermacht, den beide nicht überleben. Gescheitert ist er ebenfalls damit, von Luther Unterstützung zu bekommen. Dies gelang dann später seinem Nachfolger.

Mit über zwei Stunden ist der Film etwas lang geraten, wird aber nie langweilig. Max Simonischek mit modischem Drei-Tage-Bart spielt den lebensfrohen und Sinnesfreuden zugewandten Zwingli recht überzeugend, die Kamera setzt die im Inneren nur von Kerzen beleuchteten Räume in kontrastreiche, düstere Bilder um. Zwingli wird irgendwie als Heiliger und Märtyrer dargestellt. Sein Verhältnis zu seiner Frau ist auch nicht perfekt, er nimmt ihre Meinung nicht immer ernst, was symbolisch mit einem zerbrochenen Krug dargestellt wird, er ist in dieser Hinsicht doch ein Macho seiner Zeit.

*** Zwingli wollte, dass das Evangelium deutsch verkündet wird und dass danach gelebt wird. Der Film betont die sozialen Folgen dieser Lehre und weniger theologische Diskurse.

 

Und der Zukunft zugewandt

Und der Zukunft zugewandt

Bernd Böhlich | DE 2019 | 108 min
Mit: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn, Stefan Kurt, Barbara Schnitzler, Karoline Eichhorn

1952 in der Sowjetunion. Antonia Berger lebt mit ihrer an einer schweren Lungenkrankheit leidenden Tochter seit mehr als 10 Jahren in einem Arbeitslager, verurteilt zu lebenslanger Zwangsarbeit.

Die Kommunistin, die 1938 mit der „Kolonne Links“ in die Sowjetunion ging, um hier für die Revolution zu kämpfen, wurde dort unter absurden Vorwürfen verhaftet. Über das gesamte Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte – im Straflager. Als ihr Mann, in einem anderen, durch Stacheldraht getrennten Teil des Gulags,
zum Geburtstag der Tochter zur Frau und Tochter auf einen kurzen Besuch geht und wieder zurückkehrt wird er erschossen.
Einigen Politikern der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik ist es zu verdanken, dass 1952 die Ungerechtigkeit, der Antonia Berger und ihre Mitinsassinnen zum Opfer gefallen sind, nicht mehr hingenommen wird. Ihre Rückkehr in die DDR wird eingeleitet. Zusammen mit ihrer mittlerweile schwer kranken Tochter Lydia und ihren Haftgenossinnen Irma Seibert und Susanne Schubert kehrt sie in das Städtchen Fürstenberg, das spätere Eisenhüttenstadt, zurück.
Sie werden von SED-Parteikadern auf das freundlichste empfangen. Man veranlasst sofort, dass Lydia ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt wird. Ein sympathischer Arzt, Dr. Konrad Zeidler, kümmert sich persönlich um Lydia. Plötzlich scheint alles gut zu werden für Antonia und ihr Kind. Es wird viel getan, damit sie alle, auch Irma und Susanne, im aufgeräumten Fürstenberg ankommen können. Die aus der Haft Befreiten bekommen eine gute Wohnung, sie bekommen Geld und Lebensmittelkarten. Und vor allem gibt man ihnen eine würdevolle Arbeit, die ihren Berufen vor der Verhaftung entspricht, die ihnen eine ehrenhafte Position verschafft und sie teilhaben lässt am großen Auf- und Umbau, den diese Gesellschaft mit sich vorhat. Antonia wird zur Leiterin im Haus des Volkes ernannt. Für die Fürstenberger soll sie Kultur und Kunst erschaffen, Kunst für die Gemeinschaft, von der Gemeinschaft und im Sinne der Gemeinschaft. Dass diese Kunst politisch sein wird – wie jede andere auch – ist für Antonia selbstverständlich. Doch leider findet das Ganze nur unter einer Bedingung statt: sie müssen unterschreiben, niemanden davon zu berichten, was ihnen in der Sowjetunion widerfahren ist, sie müssen sagen, sie seien an verschiedenen Orten in der UdSSR gewesen. Es wäre untragbar, der Sowjetunion ungerechte Fehlurteile vorzuwerfen. Für eine der drei Frauen, ist das kaum akzeptabel und man fange schon wieder an, ihnen vorzuschreiben, was sie sagen dürfen.
Lydia wird dank dem neuen Penizillin rasch gesund; Dr. Zeidler kümmert sich nicht nur weiter um Lydia, sondern verliebt sich auch in Antonia. Er bleibt vorerst in der DDR, obwohl ihm sein Vater seine gutgehende Praxis in Hamburg anbietet.

Die ersten Risse in der scheinbaren Idylle kommen auf, als einem Parteibonzen der geplante Kindertanz zur Eröffnung der ersten Landwirtschaftskonferenz der DDR missfällt und sie am Todestag Stalins feiern statt trauern. Als Antonia ihrem Geliebten Dr. Zeidler ihr Tagebuch zu lesen gibt, verrät er sie an jenen Genossen, der Antonia bisher geführt hat. Als die drei Frauen einander wieder treffen und eine sich verplappert, landet Antonia wieder im Gefängnis…
Umspannt ist die Geschichte von Rückblenden des Berliner Mauerfalls am 9.11.89.
Die Geschichte an sich ist sehr berührend und auf wahren Begebenheiten beruhend. Wir spüren auch den ehrlichen Eifer einiger Kommunisten in der jungen DDR, eine Alternative zum Faschismus und Kapitalismus aufzubauen. Dabei wirkt alles zwar altmodisch und fast bieder, aber sauber, eher Jugendstil als graue Plattenbauten. Auch scheint es keinen Mangel an Alkoholika und Speisen gegeben zu haben.
Da man sich doch weitgehend einig ist, dass die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte nicht vergessen werden sollten, ist es nur logisch, auch die Verbrechen Stalins einmal zu beleuchten. Dies macht der Film aber nur indirekt, in dem die von der brüderlichen Hilfe der UdSSR abhängig gewesene DDR keinerlei Kritik an ihr dulden durfte.
Ob freilich mit dem Mauerfall für die Bürger der DDR alles besser wurde, kann wohl bezweifelt werden.
*** Sehr spannend, aber irgendwie etwas bieder.

Ihrer Zeit voraus

Ihrer Zeit Voraus

Tone Bechter, Österreich 2019, 75 Min., in Bregenzerwälder Mundart/ deutsch
Dokumentarfilm mit Spielfilmelementen; mit Stefan Pohl und Doris Metzler sowie weiteren Mitgliedern des Theatervereins Bizau, Fachkommentaren von Dr. Ulrike Längle u.a.

Tone Bechter und Doris Metzler

Neben dem Leben und Wirken von Franz Michael Felder (1839-1869), wird auch seine starke Frau Nanni und sein Schwager Kaspar Moosbrugger in den Vordergrund gerückt.
Besonders berührend ist wohl jene Szene, wo Nanni ihrem Geliebten unter Zwang der Familie sagen muss, er möge nicht mehr zur Stubat kommen, und danach weinend zusammenbricht. Gut gemacht auch die Szene, wo eine Brücke zusammenbricht und Franzmichl ins reißende Wasser fällt, fast ertrinkt und gerade noch gerettet werden kann.
Viele Fakten werden mit Comicartigen Bildern und einer Stimme aus dem Off erzählt, etwa auch, als dem jungen Felder in Innsbruck von einem betrunkenen Augenarzt das falsche Auge operiert wird und er auf diesem auch noch beeinträchtigt wird. Diese spannende Szene hätte man dramaturgisch effektiver einsetzen können…

Seine „Vorarlberg’sche Partei der Gleichberechtigung“ kämpfte für ein allgemeines Männerwahlrecht, damals waren nur jene, die auch Steuern zahlten, wahlberechtigt und die einfachen Bauern und die Frauen ausgeschlossen. Das Frauenwahlrecht dachte er auch schon an, sah die Zeit dafür aber nicht reif. Obwohl er seine Partei betont als christlich bezeichnete, stieß er auf erbitterten Widerstand der Kirche und der reichen Käsebarone. Er prangerte auch die sozialen Missstände jener Zeit an, gründete eine Versicherung für die Tiere, eine Genossenschaft und einen Käsehandelsverein. Doch seine Partei schaffte den Sprung in den Landtag nicht. Moosbrugger publizierte seine Ideen im Vorarlberger Volksblatt und seine literarischen Werke wurden auch in Dresden gewürdigt.
Felder starb im Alter von 29 Jahren in seinem Geburtshaus in Schoppernau an Lungentuberkulose

Bei der Kritik des Films muss man berücksichtigen, dass Bechter nur bescheidene finanzielle Mittel zur Verfügung hatte. Manche Hintergrundmusik (z.B. zu blühenden Bergwiesen) erscheint mir etwas zu konventionell und süßlich. Bechter hat sehr viele Informationen komprimiert zusammengefasst. Jedenfalls sind die Filmaufnahmen an Originalschauplätzen gut gelungen und vermitteln die Landschaft des Hinteren Bregenzerwaldes. Wunderbar das Spiel der beiden Hauptdarsteller.

Ich wünsche Tone Bechter sehr, dass er diesen Film auch auf Filmfestivals wie der Diagonale oder dem Heimat-Film Festival Freistadt einreicht und dort Erfolg hat. ***1/2

Systemsprenger

Systemsprenger

Nora Fingscheidt, Deutschland 2019, 119 Min., DF
Ich schrieb nach der Sichtung des Films beim „Crossing Europe“ Filmfestival in Linz:
Der bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Film lässt wohl niemanden kalt. „Es sei ein Film zum mitweinen“ meinte die Moderatorin. Für plötzlich so extrem aggressiv werdende Kinder hat das deutsche Fürsorgesystem einfach keine Maßnahmen parat. Im schlimmsten Fall kommt Benni gefesselt in die Jugendpsychiatrie und wird niedergespritzt. Keine Pflegefamilie nimmt sie mehr, soll sie nach Kenya geschickt werden? Benni hat wohl ein frühkindliches Trauma erlitten, greift man ihr ins Gesicht, so rastet sie aus. Dabei sehnt auch sie sich nach körperlicher Nähe. Und genau dies ist ihren Erziehern, die „professionelle Distanz“ halten müssen eigentlich verboten. Am ehesten geht es noch mit dem Anti-Gewalt-Trainer Micha, der mit ihr in den Wald geht wo sie sich ohne Handy, Internet, Fernsehen und Strom durchkämpfen müssen. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen Momenten, wo es mit ihr doch zu gehen scheint, und kurz drauf doch wirklich nicht. Sie büxt immer wieder aus, erfriert dabei halb oder verletzt sich, will eigentlich immer zur Mutter.

Fingscheidt hat typische Klischees von solchen Systemsprengern vermieden: wilde Buben, Großstadtdschungel wie Kreuzberg oder Neu-Kölln, Pubertät. So ist Benni ein hübsches blondes Mädchen vom Lande, deren Mutter sie zwar möchte, die aber Angst um ihre anderen beiden Kinder hat und komplett überfordert ist. Das etwas eigenwillige Ende ist eher aus finanzieller Not so entstanden und lenkt manche Zuseher in eine falsche Richtung. Nur so viel sei verraten: ein Suizid ist es nicht!
**** aufrührender Film um ein unerziehbares Kind, das den Schulbesuch verweigert und immer wieder ausrastet, herausragend gespielt.

PS: Normalerweise kritisiere ich die eigenen FKC-Filme hier nicht, da wegen sensationeller Nachfrage der Film im normalen Programm des Cinema weiterläuft, möchte ich aber so eine Orientierungshilfe anbieten.

Nobady

Nobadi

Österreich 2019, 90 Min, Cinemascope.
Regie: Karl Markovics

mit Heinz Trixner und Borhan Hassan Zadeh;  Premiere: Toronto International Film Festivals 2019 in der Sektion Contemporary World Cinema.

In der Schrebergartensiedlung “Zukunft” in Wien stirbt der Hund des 90 jährigen armen und alten Mannes Heinrich Senft. Er will ihn auf seinem kleinen Anwesen beerdigen, nachdem die fachgerechte Entsorgung durch die Tierkadaververwertung viel zu teuer gekommen wäre. Der einzige Platz ist bei der Hintertüre, doch ein alter Baumstrunk mit vielen Wurzeln muss zuerst beseitigt werden. Senft holt eine Hacke und macht sich an die Arbeit, doch gleich mal bricht der Stiel der Hacke ab, er besorgt sich beim Baumarkt einen neuen Stiel.

Auf dem Heimweg trifft er auf den jungen Afghanen Adib Ghubar, der auf dem Arbeitsstrich keine Chance hatte, da er humpelt. Adib spricht ihn an, doch Senft lehnt erst mal ab, als er aber auch mit der reparierten Hacke nicht wirklich weiterkommt, sucht er ihn doch und bietet ihm demütigende drei Euro pro Stunde an. Senft geht anfangs ausgesprochen autoritär und unfreundlich mit ihm um. Er bietet dem Muslim ein Tiefkühlgericht aus Schweinefleisch an, zur Alternative könne er Hundefutter aus Rindfleisch haben.

Adib hat eine Tätowierung „Nobady“, das sei sein Spitzname in einem afghanischen NATO-Lager gewesen, wo er zuletzt als Dolmetscher gearbeitet habe und weswegen er gut deutsch könne.

Senft hat auch Lagererfahrung, wie er betont, er war Sanitäter in einem KZ, was wir zwischen den Zeilen erfahren und wohl bei der SS.

Eigentlich will er Adib verabschieden, als die Grube ausgehoben ist, doch nachts sucht er ihn nochmal und findet ihn auf der Straße, wo er zusammengebrochen ist. Sein Bein ist schwarz geworden, Senft weiß, dass er Hilfe braucht und beginnt sich plötzlich fürsorglich um ihn zu kümmern, bringt ihn aber zu seiner Tierärztin (!) , wo es zu einem dramatischen Streit kommt, weil sie an Menschen nichts machen dürfe.

Nun beginnt der Film, der bisher eine Sozialstudie unterschiedlichster Männer war, immer spannender und makabrer zu werden.

**** Ein alter Nazi und ein verletzter Asylant gehen eine Schwarzarbeits-beziehung ein, die äußerst makaber endet, „schwarzer Humor“ ist dabei eine Untertreibung. Fast ein Horrorfilm, mit einfachen Mitteln an wenigen Drehorten aufgenommen. Das dritte Werk Markovics´ als Regisseur.

Deutschstunde

Deutschstunde

D 2019, 125 Min, Cinemascope

Neuverfilmung von Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ unter der Regie von Christian Schwochow. Mit Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tobias Moretti, u.a.
Inhaltlich hält sich der Film eng an den Inhalt des Buches, soweit ich es laut Wikipedia beurteilen kann und epd-film bestätigt. Allerdings sind manche zeitliche Bezüge in Rückblenden für den Zuseher gar nicht so leicht herstellbar.

Siggi Jepsen sitzt im Deutschland der Nachkriegszeit in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche ein und soll einen Aufsatz über „die Freuden der Pflicht“ schreiben. Es fällt ihm dazu so vieles ein, dass er nicht weiß, wo anzufangen und ein leeres Heft abgibt.
Er wird seine Haft freiwillig verlängern, bis sein Opus fertig ist. Aus dieser kargen Gefängniszelle reflektiert er nun sein Leben in der Zeit des Nationalsozialismus. Sein Vater, Jens Ole, war ein pflichtbewusster Polizist in einem Kaff an der Nordseeküste. Er schreckte nicht davor zurück, seinen Freund und Taufpaten seines Kindes Ludwig Nansen ein Berufsverbot als Maler zu überbringen, da dieser entartete Kunst produziere. Siggi war als damals 11jg. Bub eng mit Ludwig verbunden und oft bei ihm, er lernte bei ihm zu malen, und steckte dafür oft Prügel vom Vater ein, der die expressionistischen Bilder als krank empfand. Aber sein Vater setzte ihn auch skrupellos als Spion ein. Auch nach dem Krieg blieb sein Vater innerlich der alte Nazi. Erstmals wird er bei Kriegsende zwar verhaftet und offenbar auch gefoltert, doch bald wieder als Polizist in dem Ort eingesetzt. Als er versteckte Bilder Ludwigs verbrennt, meint Siggi dessen restlichen Werke vor ihm schützen zu müssen, stiehlt welche bei einer Ausstellung und kommt deshalb in die Jugendstrafanstalt.

Es gelingt dem aus der DDR stammenden Regisseur Schwochow wunderbar, das Klima der Angst und Unterdrückung durch einen Vertreter eines autoritären Regimes spürbar zu machen, ohne näher auf die Ideologie einzugehen (im Buch soll  die Frau des Polizisten eine glühende Verehrerin der Naziideologie gewesen sein, obwohl ihr die verbotenen Bilder gefielen). Auch die Unverbesserlichkeit solcher Menschentypen wird mehr als deutlich. Der Film ist voller symbolischer und aussagekräftiger Bilder, spannend und prominent besetzt. ****

Once Upon a Time … in Hollywood

Once Upon a Time …
in Hollywood

Quentin Tarantino, USA 2019, 162 Min, mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Michael Madsen, Damian Lewis, Kurt Russell, Timothy Olyphant.

Tarantinos neuntes Epos ist weitgehend ein Film-im-Film, über die Schwierigkeiten eines abgehalfterten B-Movie –Schauspielers wieder gut bezahlte Filmrollen zu bekommen. Zusammen mit seinem Stunt-Double zieht Rick Dalton von Set zu Set, meist noch mit gehörigem Restalkohol im Blut (großartig: die Szene wo sich Leonado Di Caprio deswegen selbst beschimpft). Er kaufte sich in Hollywood ein Haus, und seine Nachbarn sind Roman Polanski und die schwangere Sharon Tate (die in Wirklichkeit am 9.August 1969 im Auftrag von Charles Manson ermordet wurde).

Da sein Stunt wegen eines Frauenmordes einen schlechten Ruf hat, müssen sie in verhassten Spaghetti-Western in Rom mitspielen, was ihnen doch etwas Geld bringt. Es war die Zeit grooviger Popmusik (für mich das Schönste im Film!), als man bei der PanAm auch in der „Holzklasse“ noch ein Cocktail nach dem anderen gratis bestellen und rauchen konnte und die Hippies anfingen die Mode (Miniröcke!) und das Sexualverhalten zu beeinflussen.
Für seine Länge hat der Film relativ wenig Handlung, und historisch korrekt ist auch dieser Tarantino nicht. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen großartig und die Kamera ist detailverliebt, etwa wenn sie die damaligen Ami-Schlitten ins Cinemascope-Bild setzt.

*** In der ersten Hälfte fehlt die übliche Spannung der Tarantino-Filme, Szene folgte auf Szene, doch langsam braut sich ein mächtiger Showdown zusammen. Jedenfalls ist dieser Streifen eine wunderbare Zeitreise um genau 50 Jahre zurück. (Norbert Fink)