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Cancion Sin Nombre

La cancion sin nombre
(Lied ohne Namen)

Peru, CH, USA  2019, 97 Min, schwarzweiß, 3:4, Regie:  Melina León; Buch: Melina León, Michael J. White; Darsteller: Pamela Mendoza, Tommy Párraga, Lucio Rojas, u.a.

Der Film wurde vom Kinderhandel mit armen Frauen in Peru in den 80er Jahren inspiriert und basiert auf wahren Gegebenheiten. Georgina Condori, ist eine Peruanische Frau in einer mehrfach prekären Situation (Frau, Indigene, Arme und Migrantin). Als sie hochschwanger ist und auf dem Markt Kartoffeln verkauft, hört sie aus einem Lautsprecher, dass eine Institution ihr helfe, eine sichere Geburt in einer Klinik durchzuführen.
Doch dort wird ihr das neugeborene Mädchen gestohlen und ins Ausland verkauft.

In Peru herrscht Krieg zwischen dem Leuchtenden Pfad (Sendero Luminoso) und dem Heer, Pedro Campos, ein junger Journalist aus Lima, hört sich die Geschichte von Georgina an und beginnt zusammen mit der verzweifelten Mutter die Suche nach den Entführern. Der Justizapparat reagiert kaum und es fallen Kommentare, dass es dem Mädchen wohl bei wohlhabenden Eltern besser gehe.

Ein Film, der die politische Situation im Peru der 80er Jahre widerzuspiegelt, ein Film bei dem man Szene für Szene Wut empfindet. Musik spielt dabei eine wichtige Rolle, sie entführt uns in eine Welt der Klassengegensätze und voller Dunkelheit.

Stilistisch schaut der Film wie ein alter schwarzweißer 16mm-Film aus, mit ausgefranstem 3:4-Bildfenster.

Er war der große Gewinner des 45. Internationalen Iberoamerikanischen Filmfestivals von Huelva 2019 und wurde u.a. mit dem Goldenen Columbus für den Besten Spielfilm und dem Silbernen Columbus für die Beste Regie ausgezeichnet. Viele andere Preise!

**** herausragend, berührend und von dokumentarischer Genauigkeit!

(Gesehen an Bord von Thai Airways in spanischer OmeU)

 

4 x 4 (Ruedas)

4 x 4 (Ruedas)

Regie: Mariano Cohn, Buch: + Gaston Duprat
Argentinien/ Spanien 2019, 90 Min.

Ein junger Mann bricht in einen großen SUV mit abgedunkelten Scheiben ein, montiert das Autoradio und Navi ab und möchte dann abhauen. Doch alle Türen sind verschlossen, der Wagen schalldicht abgedichtet und es sieht niemand in den Wagen hinein. Doch dann realisiert der Dieb, dass sich weder Türen noch Fenster öffnen lassen und er in eine Falle geraten ist. Er versucht mit roher Gewalt irgendwie herauszukommen, vergebens, er verletzt sich nur dabei. Plötzlich kommt ein Anruf an das Kommunikationssystem des Wagens und es meldet sich ein Psychiater, der schon öfters Opfer von Diebstählen und Verbrechen geworden ist und spricht mit ihm, verlangt dass er eine Reihe von kriminellen Handlungen zugibt, sagt ihm wo etwas Wasser oder Schokolade versteckt ist, dreht mal die Heizung auf Saunatemperaturen, mal auf Tiefkühler, verlängert sein Leid.
Es ist klar, der Herr Doktor übt Selbstjustiz und straft den Dieb ab. Letztlich will er vor laufenden Fernsehkameras die Zuseher darüber abstimmen lassen, ob er ihn erschießen soll oder nicht….
*** Eine spannende Lektion in Sachen Selbstjustiz. Mit relativ einfachen Mitteln, gut gemachter und hochspannender Film

(Gesehen an Bord von Thai Airways in spanischer OmeU)

Berlinale 2020 und Césars 20 – die Gewinner

Hier alle Gewinner der Berlinale und der Pariser César-Verleihung vom 29.2.20

Quelle: Berlinale.de / Wikipedia

Parasite

Parasite

Regie: Bong Joon-ho, Südkorea, 2019, 132 Min, Dolby 5.1.

Der Film, der nicht nur die Goldene Palme von Cannes und einen Golden Globe, sondern auch vier Oscars errang ist deswegen (wieder) im Kino zu sehen.
Er fasziniert nicht nur durch seine vielen überraschenden Wendungen, sondern auch durch extreme Ping-Pong-Stereo Effekte über alle 5 Kanäle.

Es geht um arm und reich. Die ganz arme Familie Gi-taek, die zu viert in einem Kellerloch haust und als Erwerbsarbeit höchstens Pizzaschachteln faltet, steht einer ganz reichen gegenüber, die in einer riesigen Luxusvilla in einem Park lebt und auch so heißt.
Als der Sohn der Gi-taeks die seltene Chance erhält, bei den Parks Englisch-Nachhilfe zu geben (natürlich mit gefälschten Diplomen) gelingt es ihm, die gesamten Angestellten der Fam. Park abspenstig zu machen und die eigene Familie dort in den Einsatz zu bringen, was eigentlich gut gelingt, wäre da nicht ein eigenartiger Geruch, den sie verströmen.
Auch der Keller mit Atombunker (schließlich ist ja Nordkorea in der Nähe) birgt ein dunkles Geheimnis, auf das sie aufmerksam werden, als die Parks einen Ausflug machen und die Ga-taeks den Luxus einmal in vollen Zügen genießen wollen. Doch die Hausbesitzer kehren vorzeitig zurück und planen für die Kinder ein großes Indianerfest, alle Gi-taeks müssen da anpacken, doch dann wirds sehr blutig.

**** Was harmlos beginnt und böse endet, bietet uns klassische Kinounterhaltung, wer die Parasiten sind, mag jeder selbst entscheiden. Die Armen die sich trickreich einnisten, oder die Reichen, die ihre Hausangestellten und Fahrer zwar bezahlen, aber auch jederzeit wieder willkürlich entlassen, wenn sie nicht immer und jederzeit für sie schuften? Jedenfalls wird die kräftige Familienbande der Südkoreaner zelebriert.

55. Solothurner Filmtage 2020

Unser Schriftführer Urs hat auch heuer wieder die Solothurner Filmtage besucht und berichtet davon ausführlich.
Hier die Übersicht über die Preisverleihungen von Solothurn

41. Max Ophüls Preis Saarbrücken

Breaking News:

Obwohl heuer mengenmäßig eher knapp mit österreichischen Filmen beliefert, schnitten wir bei der Preisverleihung wieder sehr gut ab:
Bester Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“,
Beste Regie an Johanna Moder: „Waren einmal Revoluzzer“,
Beste Nachwuchsdarstellerin an die österr. Schauspielerin Maresi Riegner,
der begehrte Publikumspreis Spielfilm ging an Arash R.Rihahi: „Ein bisschen bleiben wir noch“,
der Fritz-Raff- Drehbuchpreis ging an Iliana Estañol und Johanna Lietha für „Lovecut“

Illustrierter Bericht als pdf

Alle Preise: https://www.fkc.at/archiv/img20/MOPPreise2020.pdf

Bericht vom 41. Max-Ophüls-Preis Filmfestival Saarbrücken, 20.-26.1.2020
von Dr. Norbert Fink

Montag, 20.1.20. Die Anreise mit der Bahn ist immer ein Abenteuer, so auch diesmal Schon in Lindau begann der Nervenkitzel, ob man alle Anschlüsse erreicht. Statt pünktlich loszufahren telefonierte der Lokführer, erst nach 20 Min ging es Richtung Aulendorf weiter, wobei er einiges aufholte und ein der Zug nach Ulm dort etwas wartete. Kurz vor Mannheim gab es eine Signalstörung, wieder Halt auf offener Strecke, doch auch der nächste Zug, der TGV nach Saarbrücken war davon betroffen, so bin ich mit gut 15 Min Verspätung angekommen.
Zum Farbcode:
blau, kursiv = Festivakkatalogtext
pink, kursiv = mein Kommentar und meine subjektive Bewertung
schwarz, standard = meine inhaltlichen und formalen Ergänzungen

BLOG I

Eröffnungsfilm:
Der heurige Opener war von einem Altmeister, Rosa von Praunheim.

Rosa von Praunheim

41. Filmfestival Max Ophüls Preis 2020 –
Bei der Eröffnung im Cinestar wurde die Spielfilm-Jury vorgestellt und der Ehrenpreis an Rosa von Praunheim vergeben.
Foto: ffmop / Oliver Dietze

DARKROOM – tödliche Tropfen

Regie: Rosa von Praunheim / Deutschland 2019 / Farbe / 89 Min. / Cast: Božidar Kocevski, Heiner Bomhard, Katy Karrenbauer, Christiane Ziehl, Janina Elkin u. a. / freigegeben ab 16

Lars (Božidar Kocevski), ein ehemaliger Krankenpfleger, ist Referendar an einer Grundschule in Berlin, hat seit Jahren eine feste Beziehung und führt scheinbar ein ganz normales Leben. Was sein Freund Roland (Heiner Bomhard) nicht ahnt: Lars schlägt sich heimlich durchs Berliner Nachtleben und verabreicht Bekannten oder auch Zufallsbekanntschaften eine Überdosis Liquid Ecstasy, auch K.-o.-Tropfen genannt. Drei Männer sterben, zwei weitere Opfer überleben. Lars wird verhaftet und zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Später nimmt er sich im Gefängnis das Leben. Der Film geht auf einen wahren Kriminalfall aus dem Jahr 2012 zurück und basiert auf den Gerichtsprotokollen der Journalistin Uta Eisenhardt, die den aufsehenerregenden Prozess begleitet hat. (Festivalkatalog)

Der Film zeigt einen sympathischen Mann, der eine typisch homosexuelle Beziehung führt, aber mit seinem Partner eine offene vereinbart, diese Freieheit nützt er dazu aus, seinen Opfern eine Überdosis von Liquid Estacy zu verabreichen, die daran oft rasch sterben. Sein langjähriger Lebensgefährte will von alle dem nichts bemerkt haben. Wir sehen in rasanten Schnitten den Prozess und seine Haftbedingungen. Wegen Suicidgefahr ist er an sein Bett fixiert und auch das Licht wird ihm nachts nicht abgeschaltet. Es gibt viele explizite Sexszenen, die jedoch nie vulgär wirken.
Fragwürdig an dem Film ist eigentlich nur, dass das Tatmotiv nicht gut herausgearbeitet wurde und bis auf ein stereotypes Statement der Gerichtspsychiaterin eigentlich alles im unklaren bleibt.

*** teils sehr originell und witzig fotografiert, komplett im Schwulenmilieau und mit expliziten Sexszenen spielend, an wahren Ereignissen von Saarbrücken und Berlin orientierter Film über einen Serienmörder.

Dienstag

SEKURITAS

Regie: Carmen Stadler / Schweiz 2019 / Farbe / Cinemascope /117 Min. / Schweizerdt., Arab. mit dt. Ut / dt. Erstaufführung / Cast: Kathrin Veith, Jeanne Devos, Duraid Abbas Ghaieb, Vilmar Bieri, Daniel Kasztura, This Maag / freigegeben ab 12

Ein marodes Bürogebäude, das bald abgerissen wird, hegt einen letzten Wunsch: Noch einmal möchte es eine Liebesgeschichte erleben. Und dafür kommen die kuriosesten Gestalten in Frage – die Einzelgänger·innen der Nachtschicht: eine mysteriöse Wachfrau, die durch ihre Kontrollarbeit unnahbar und ruhelos ist. Ein arabischer Putzmann, der Radio-Nachrichten aus seinem Heimatland hört, die ihn noch einsamer machen. Eine verwirrte Sekretärin, die sich nach einer Familie sehnt. Ein kauziger Koch, der an seinem letzten Rezept laboriert, und ein wortkarger Chef, der vor leeren Stühlen seine Abschlussrede probt.
Im Dunkeln zwischen leeren Arbeitsplätzen begegnen und beobachten sie sich, weichen sich aus und ziehen sich wie Magneten an. Und falls zu wenig läuft, hilft das Gebäude mit einem Stromausfall nach.

Sekuritas spielt im ehemaligen Gebäude der Fa. Studer-Revox in Dübendorf. Nur eine A77 Bandmaschine in einem Chefbüro erinnert an die ehemalige Fabrik für hochwertige Studiobandmaschinen. Das Gebäude soll bald mal abgerissen werden, doch noch immer hat eine Wachfrau und ein Putzmann dort Dienst. Die Wachfrau muss protokollieren, wer nachts noch anwesend ist, das sind ein Studer-Sohn in der Chefetage, eine Sekretärin, sein Sohn in der Küche ganz unten und der Personalchef, der alle Mitabeiter*innen entlassen muss. Zwischem den Putzmann aus Bgdad und der Sicherheitsfrau entwickelt sich eine Affäre, als sie mit der Sekretärin die Wache tauscht, kommt auch sie zu einem sexuellem Erlebnis.

Der Film besticht vor allem durch den Soundtrack, freilich hätte man aus der Idee eines Gebäudes mit Seele und seinen geisterhaften Geräuschen mehr machen können. So erwarten wir, dass es einmal in die Luft fliegt oder zumindest gesprengt wird. Das passiert nicht und macht deshalb das Ende etwas fad. Auch sind viele optische Gags und und kurze Dialoge recht heiter, dennoch gibt es manche Längen.

*** gute Idee, doch leider als Hommage an die Studer-Revox-Bandmaschinen oder seine Entwickler wenig geeignet.

FABIU

Regie: Stefan Langthaler / Österreich 2020 / Farbe / 30 Min. / Uraufführung / Cast: Günter Tolar, Kristóf Gellén, Birgit Stimmer

Der 80-jährige Rentner Arthur lebt in einer Wiener Gemeindewohnung und pflegt schon seit längerer Zeit liebevoll seine schwerkranke Ehefrau Martha. Bisher unterstützten ihn dabei ausschließlich weibliche Pflegehilfen, als jedoch am Beginn einer neuen Woche plötzlich der ungarische Pflegehelfer Fabiu vor der Tür steht, gerät Arthurs Routine ins Wanken. Bald beginnen sich die zwei Männer sukzessive anzunähern, und in Arthur kommen Gefühle hoch, die von tiefer Sehnsucht und unterdrückter Begierde zeugen.

Der mittellange Film handelt von einem ungarischen Pflegehelfer, Fabiu, der offensichtlich schwul ist, Arthur, der seine Frau Martha zu pflegen hat, will eigentlich eine Frau zu deren Pfelge. Doch zunehmend kommen sich die beiden näher, seine Ehe blieb kinderlos , und er war in Wahrheit wohl auch schwul. Nach einer schönen Rückenmassage kommen sie sich näher. Als Fabiu´s Mutter schwer erkrankt und nur in einer Privatklinik geheilt werden kann, entschließt sich Arthur, für diese Kosten aufzukommen, wenn Fabiu ihn küsst…

*** Mit Macro-Close-Ups, Großaufnahmen der alternden  Haut und vielen anderen kleinen Details optisch herausragend gestaltet, zeigt der Film eine homoerotische Beziehung zwischen einem wohlhabenden Österreicher und einem ungarischen Pfleger.

OKTOPUS UND MURÄNE

Regie: Sebastian Husak / Deutschland 2020 / Farbe / 43 Min. /3:4-Format/ Uraufführung / Cast: Leonard Scheicher, Mala Emde, Vincent Redetzki

Max ist mit den Verpflichtungen und Entscheidungen des Erwachsenwerdens überfordert. Er sehnt sich nach den alten Freundschaften und Orten seiner Schulzeit. Darum lädt er seinen ehemals besten Freund Jonas auf das Boot ein, auf dem sie während ihrer Kindheit fast jeden Sommer verbracht haben. Doch nicht nur, weil Jonas seine Freundin Nora mitbringt, wird klar, dass die Tage auf dem Boot diesmal anders verlaufen werden, als die alten Freunde sich das vorgestellt haben.

*Zwei junge Männer und eine Frau auf einem Kutter, das kann nicht gut gehen. Der eine junge Mann ist wohl in jenen verliebt, der seine Freundin mitbringt. Dass der nicht recht weiß, wie er sexuell orientiert ist, sorgt für enorme Spannungen. Ich fand das pubertäre Geschehen langweilig!

SILVIA IS MY NAME

Regie: Max Benyo / Kenia, Deutschland 2020 / Dokumentarfilm / Farbe / 63 Min. / Cinemascope, Maa, Kiswahili, Engl. mit dt. UT / Uraufführung

Silvia Sempeyu gehört zum Stamm der Massai und lebt mit ihren fünf Kindern in einer kleinen Holzhütte an der Grenze zwischen Kenia und Tansania. Selbst von dramatischen Schicksalsschlägen in ihrem Leben betroffen, kämpft sie unermüdlich für die Frauenrechte in ihrer Region. Mit einem Motorradtaxi besucht sie junge Frauen, die minderjährig schwanger und Opfer von sexueller Gewalt geworden sind – und erklärt den Älteren, weshalb die Beschneidung ihrer Töchter und Enkelinnen für die Mädchen sehr gefährlich ist. Silvia ruft Gleichgesinnte auf, sich mit ihr gegen das Patriarchat zu wehren und sich selbstständig und unabhängig zu machen von den Männern.
Doch mit ihrem Engagement stößt die Frauenrechtlerin immer wieder auf Widerstände. Sie wird belächelt, manche reagieren aggressiv auf ihre Ideen und Forderungen. Auch Frauen.

* Der gutgemeinte Film kämpft gegen die Genitalverstümmelung an Massai-Frau in Kenia und Tansania. Wer wird dies schon rechtfertigen? – Höchstens evangelikale Sekten! In schönen Cinemascope-Bildern, einer Musik, die besser zur „Universum“ -Serie passen würde und die auch mit ganz anderen Texten unterlegt werden könnten, werden wir in den schnell wechselnden Untertiteln überfordert, finden keine Zeit, die Bilder zu genießen; viele Bilder waren zu dunkel und so die Gesichter der Afrikaner*innen nicht mehr zu erkennen. Leider eine Enttäuschung!

BLOG II
Mittwoch bis Donnerstag früh

REGELN AM BAND, BEI HOHER GESCHWINDIGKEIT

Regie: Yulia Lokshina / Deutschland 2020 / Dokumentarfilm / 3:4 /Farbe / 92 Min. / Dt., Rumän., Engl., Russ., Poln. mit dt. UT / Uraufführung / freigegeben ab 12

In der westdeutschen Provinz kämpfen osteuropäische Leiharbeiter·innen im größten deutschen Schweineschlachtbetrieb ums Überleben und Aktivist·innen, die sich für deren Rechte einsetzen, mit den Behörden. Zur gleichen Zeit proben Münchener Gymnasiast·innen das Bertolt-Brecht-Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“, das sich schon 1931 mit Marktmacht und Monopolbildung und der Ausbeutung und Aussperrung von Arbeiter·innen beschäftigte – und reflektieren über die deutschen Wirtschaftsstrukturen und ihr Verhältnis dazu.
Verwoben mit den Gedankengängen der Jugendlichen und ihrer Auseinandersetzung mit dem Text in den Proben erzählt der Film in unterschiedlichen Fragmenten über Bedingungen und Facetten von Leiharbeit und Arbeitsmigration in Deutschland.

Der Doc zeigt uns keine Bilder von Ost-Arbeitern, die Schweine schlachten, zerkleinern und abpacken, sondern geht das Problem prekärer Arbeitsbedingungen von mehreren Seiten aus an.
Wir bekommen im Ton Geschichten einer überforderten Frau erzählt, die ein Kind auf der Straße gebiert und es in einem Einkaufssack liegen lässt, wir sehen Arbeiterfamilien in alten Wohnwagen am Stadtrand hausen, etc. Dazu proben Münchener Gymnasiast·innen das Bertolt-Brecht-Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“, ein linkes Paradestück. Die liebevolle Behandlung von Haustieren kontrastiert mit dem Leiden jener Tiere, die wir gerne billig essen.
***

DER WÄCHTER

Regie: Albin Wildner / Österreich 2019 / Farbe / 33 Min. / dt. Erstaufführung / Cast: Rainer Wöss, Anna Tenta, Anton Noori, Gertrud Roll, Susi Stach, Vitus Wieser

Sein Hund scheint einer seiner letzten treuen Verbündeten zu sein, nachdem Raphael mit zunehmendem Alter für wirtschaftliche Interessen überflüssig geworden ist: Der ehemalige Techniker eines erfolgreichen Industrieunternehmens wird vom AMS zu einem Job als Nachtwächter gedrängt. Mit der engagierten Unterstützung der ukrainischen Pflegerin seiner Mutter entsteht vorübergehend die Hoffnung, die neue Lebenssituation bewältigen zu können.

Raphael wird unter Bezug auf schärfere Zumutungsbestimmungen vom AMS als Nachtwächter vermittelt und umgeschult. Er darf sogar seinen Schäferhund mitnehmen. Als er eines Nachts auf Einbrecher stößt und den Hund loslässt, wird dieser erschossen. Er ruft zuerst die Hunderettung, erst später die Polizei und seinen Wachdienst-Chef an. Er verliert nun auch diesen Job. Ein Stückchen Hoffnung auf Menschlichkeit verspricht ein Besuch in der Volksoper mit der ukrainischen Pflegerin seiner Mutter…

***** herausragend, an der Filmakademie Wien unter Prof. Haneke entstanden.

GIRL MEETS BOY

Regie: Ferdinand Arthuber / Deutschland 2020 / Farbe / 31 Min. / Uraufführung / Cast: Franziska Weisz, Carlo Ljubek u. a.

Gwen trifft Ben. Gwen hat mit den Themen Beziehung und Liebe vorerst abgeschlossen. Ben teilt ihre Einstellung und so treffen die beiden eine Abmachung. Sie einigen sich auf eine, im ersten Moment, einfache Regel. Was bleibt, wenn die Masken fallen– wie viel Wahrheit brauchen wir für Nähe.

Fast entschuldigt haben sich die Filmemacher, einen heterosexuellen Film gedreht zu haben. Dabei kommt es eigentlich gar nicht soweit. Es beginnt mit einem Prozess mit dem Ex, er will eine überdurchschnittliche Entschädigung zahlen, sie will nur ein Näherungsverbot. Erstmals hat sie die Nase voll von den Männern. Doch Ben ist originell und anders genug, um Gwen wieder zum Lachen zu bringen. Sie streifen durchs nächtliche Berlin, zechprellern und verprügeln den Ex. Danach kommt es doch zu einer erotischen Begegnung, nach der Ben einen Suicidversuch begeht… ***

 MASEL TOV COCKTAIL

Regie: Arkadij Khaet, Mickey Paatzsch / Deutschland 2020 / Farbe, s/w / 30 Min. /Dt., Russ. mit dt. Ut / Uraufführung / Cast: Alexander Wertmann, Mateo Wansing Lorrio, Steffen C. Jürgens, Petra Nadolny, Luke Piplies u. a.

Masel tov Cocktail Zutaten:1 Jude, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus

Zubereitung: Alle Zutaten in einen Film geben, aufkochen lassen und kräftig schütteln. Im Anschluss mit Klezmer-Musik garnieren. Verzehr: Vor dem Verzehr anzünden und im Kino genießen – 100% koscher.

Die BRD hatte nach dem Zerfall der UdSSR rund 200.000 deutschstämmigen Juden aus der Sowjetunion die Einreise und Einbürgerung gewährt. In einer Maturaklasse ist es ein solcher junger Jude satt, immer so als Opfer gesehen zu werden. Als ihn ein Deutscher anrempelt, schlägt er zurück und soll sich entschuldigen, der Deutsche muss dafür jüdische Denkmäler polieren…
*** Sehr witziger Umgang mit dem Problem!

BAUMBACHER SYNDROME

Regie: Gregory Kirchhoff / Deutschland 2019 / Cinemascope, Farbe / 85 Min. / Dt., Engl. mit dt. Ut / Cast: Tobias Moretti, Elit Iscan, Lenz Moretti, Richard Sammel, Ingvild Deila, Karoline Schuch

Late-Night-Show-Moderator Max Baumbacher wacht eines Morgens mit einer ungewöhnlich tiefen, fast magischen Stimme auf. Die Nachricht über diese beispiellose Veränderung verbreitet sich in kürzester Zeit weltweit und sorgt für so viel Aufmerksamkeit, dass Baumbacher beschließt, sich in der spanischen Villa seines Managers vor der Öffentlichkeit zu verstecken. Aber als Max die junge verrückte Fida kennenlernt und ihn sein depressiver Sohn aus einer früheren Beziehung unerwartet besucht, muss Max sich seiner Vergangenheit stellen.

Eines Morgens wandelt sich die Stimme von Baumbacher in eine Stimme wie die Monster von Disney und Hollywood um. Er verzieht sich auf das Luxus-Anwesen seines Produzenten auf Mallorca und freundet sich zaghaft mit einer Berg-Wanderin an, die ein einfaches Leben führt. Sein Sohn besucht ihm, um Geld für eine Südamerika Reise zu betteln, die halbe Welt macht sich Sorgen um ihn und will ihn interviewen. Ein Filmregisseur möchte seine Geschicjte verfilmen… Letztlich führt in dies zu den fundamentalen menschlichen Gefühlen, Einsamkeit und Freundschaft. ****

Donnerstag

NOTHING MORE PERFECT

Regie: Teresa Hoerl / Deutschland 2020 / Farbe / 87 Min. / Uraufführung / Cast: Lilia Herrmann, Mira Partecke, Thorsten Merten, Konstantin Gries / freigegeben ab 12

Maya ist 16 und sehnt sich nach dem Tod. Oder viel mehr nach der Vorstellung davon. Einmal alle in Aufruhr versetzen und wenn der Preis dafür das Leben selbst ist. Doch weiter als bis zu blumigen Selfie-Abschiedsbotschaften auf einem Suizid-Forum ist sie noch nicht gegangen. Das ändert sich, als Maya nach Prag verreist. Während ihre berufsjugendlichen Eltern dort nur Fun und Feiern im Kopf haben, wird aus Mayas Suizid-Luftschloss plötzlich eine reale Bedrohung.

Eine Familie reist mit einem Odltimer-Auto (Opel Record) nach Prag: Vater, Mutter und Tochter. Doch sind Mutter und Vater eigentlich nicht mehr zusammen und so schläft die Mutter mit der Tochter im Hotelbett. Die 16jg. Maya fühlt sich gemobbt und mit ihren 51 Kilo viel zu dick, sie versucht sich an No-Carb Diät und läuft viel. In Prag stößt sie auf einen deutschsprechenden Dealer, von dem sie eine tödliche Dosis Medikamente kauft und sich irgendwie in ihn verliebt. Der ist immerhin so feinfühlig, ihr Placebos zu verklickern. Der Vater trinkt recht viel, die Mutter auch nicht viel weniger und leisten sich so einigen Touristen-Luxus, wie Kurschenfahrten. Maya macht sich immer mehr selbständig und als ihr Dealer von ihr nichts mehr wissen, setzt sie sich in die Badewanne, trinkt mehrere Wodkas und den Wein vom Vater und schluckt die Pillen, all dies wird als live-Stream ins Internet gestellt. Doch sie stirbt nicht und will vom Dealer das Geld zurück.

*** Was als pubertäre Szene mit viel Discomusik und Fun beginnt wird doch zunehemend vielschichtig: das Verhalten der Deutschen im Urlaub, der Übertourismus, die Sprachlosigkeit in der Familie, die Sucht zum ständigen Internet-Social-Media-Konsum, der Abmagerungszwang etc.

SUNBURNED

Regie: Carolina Hellsgård / Deutschland, Niederlande, Polen 2019 / Farbe / 94 Min. / Dt., Engl. mit dt. Ut / dt. Erstaufführung / Cast: Zita Gaier, Gedion Oduor Wekesa, Sabine Timoteo, Nicolais Borger / freigegeben ab 12

Die eigenwillige 13-jährige Claire verbringt die Ferien mit ihrer älteren Schwester Zoe und ihrer Mutter Sophie in einem Hotel am Meer in Andalusien. Sophie verlebt ihre Tage am Pool und zeigt nur minimales Interesse an ihren Töchtern. Als sich Zoe in Michael verliebt, ist Claire auf sich allein gestellt. Am Strand lernt sie den jungen senegalesischen Strandverkäufer Amram kennen. Sie möchte ihm helfen, doch macht dadurch unabsichtlich seine verzweifelte Situation noch aussichtsloser.

Bei Matalascañas in der Provinz Huelva in Andalusien gedreht, haben wir auch hier mit Deutschen im Urlaub zu tun. Und die drei Frauen, Mutter und zwei Töchter möchten offenbar nur Fun und Abenteuer. Nachdem Mutter und die ältere Schwester bald mal ihre Sexpartner gefunden haben, wird es für die 13 Jährige und noch unerfahrene Claire schwierig, sie bandelt mit Amram, einem senegalischen Strandverkäufer an, der ihr sein Leid anvertraut. Sie will ihm helfen, doch die Ringe und der Schmuck nebst Kreditkarte der Mutter, führen nur dazu, dass falsche Personen des Diebstahls verdächtig werden und er in ein Lager kommt. Als er von dort fliehen kann, sperrt sie ihn in die Ladeluke des Bootes des Lovers ihrer Mutter, da am nächsten Tag ein Ausflug nach Marokko geplant ist, doch am nächsten Morgen ist er weg…

*** auch hier wird das Verhalten der deutsche Touristen unter die Lupen genommen, etwas Immigration kommen dazu… flüssig und zuletzt berührend erzählt.

Kurzfilmtour, hier werden nur bereits ausgezeichnete Kurzfilme gezeigt, sie sollen in mehreren deutschen Programmkinos vorgeführt werden, hier beim MOP beginnt ihre Tournee.

DIE TINTE TROCKNET NICHT

Regie: Felix Herrmann / Deutschland 2019 / Experimentalfilm / s/w / 15 Min. / Cast: Süheyla Onlü, Amelle Schwerk, Hassan Akkouch

Zwei Freundinnen, junge deutsche Muslima, leben in einer WG zusammen. Sie beobachten die Kultur, die Kirche, Dating-Websites, Beziehungen und sich gegenseitig. Die eine lernt jemanden kennen, die andere sich selbst. Die eine denkt pragmatisch, die andere romantisch.

*** Der Film versucht das Klischees über die Muslimas zurecht zu rücken. Sie sind ja recht normal, sieht man vom Burkini im Hallenbad ab, jedenfalls hängen auch sie am Handy und suchen …. einen Mann!

DOROTCHKA

Regie: Olga Delane / Deutschland 2019 / Dokumentarfilm / Farbe / 20 Min, Cinemascope

In einem entlegenen sibirischen Dorf, wo die Ehe traditionell als das höchste Glück für die Frau gilt, lebt die 80-jährige Dorotchka. Sie ist eine archetypische Babuschka, immer allein geblieben. Scharfsinnig und selbstkritisch reflektiert sie, am Küchentisch sitzend, über die Liebe, Reue und Einsamkeit.

**** Die 8o jährige Dorotchka hat viel mitgemacht – sie wurde vergewaltigt,  gebar eine Tochter, heiratete einen Mann, der keine Kinder mehr bekommen konnte. Nachdem sie den Filmaufnahmen zustimmte, habe sie erst mal nichts geredet, doch mit der Zeit doch „scheibchenweise“  ihre Lebensgeschichte erzählt und über die Männer geschimpft, denen sie es immer wieder heimzahlte.

32-RBIT

Regie: Victor Orozco Ramirez / Deutschland, Mexiko 2018 / Animation / s/w / 8 Min. / Span. mit dt. Ut / freigegeben ab 12

Mit gespenstisch anmutenden, surrealen Bildern animiert der Film verstörende und irrsinnige Szenen aus dem Internet. Eine Voiceover-Stimme erzählt von den Verheißungen der virtuellen Parallelwelt und der ernüchternden Erkenntnis, dass mit CTRL+Z nicht alles rückgängig zu machen ist. 

***Der Deutschmexikaner Ramirez hat, nachdem er auf die Bilderflut im Internet gestoßen ist, viele Filme (von Zugsunfällen etc.) gesammelt und zusammengeschnitten und danach diese Videos in Tausenden von Einzelskizzen animiert.

SEE DER FREUDE (LAKE OF HAPPINESS)

Regie: Aliaksei Paluyan / Deutschland 2019 / Farbe / 30 Min. / Cinemascope, Russ. mit dt. Ut / Cast: Anastasiya Plyats, Elena Zui-Vaitekhouskaya, Igar Sigau, Palina Kudzina, Tatsyana Markhel.

Weißrussland 1991. Nach dem Tod ihrer Mutter wird die neunjährige Jasja kurzerhand in ein Waisenhaus abgeschoben. Obwohl sie hier erste zarte Freundschaftsbande knüpft und zum ersten Mal Kind sein darf, kann sie es kaum erwarten, dass ihr Vater sie wieder abholt. Als dieser nicht auftaucht, entschließt sich Jasja, auf eigene Faust in ihr Dorf zurückzukehren. Doch dort muss sie erkennen, dass ihr Zuhause sich verändert hat. 

 ***** Die herausragend in Cinemascope und Vintage-Farben fotografierte Film zeigt die berührende Geschichte der neunjährigen Jasja. Als ihre Mutter stirbt, schiebt sie ihr Vater in ein Waisenhaus ab und hält sein Versprechen nicht, sie bald zu besuchen. Als sie ihn aufsucht, gerät sie in eine Hochzeit, ihr Vater heiratet gerade eine neue Frau. Sie muss zur Kenntnis nehmen, dass ihr neuer Platz leider in jenem Waisenhaus ist. Herausragend!
Dank an die Regieassistentin Khata, die mich auf dieses kleine Meisterwerk aufmerksam machte!

DIE LETZTEN 5 MINUTEN DER WELT

Regie: Jürgen Heimüller / Deutschland 2019 / Farbe / 8 Min. / Cinemascope, Cast: Martin Muliar, Jürgen Heimüller, Christine Klein, Konstanze Dutzi, Boris Popovic

Das Ende der Welt steht kurz bevor, und anstatt in den vermeintlich sicheren Bunker zu gehen, findet sich eine kleine, illustre Gesellschaft auf einer Bank vor einem Haus ein, um reinen Tisch zu machen: Ehrliche Geständnisse, letzte Biere, die Frage, ob man nicht doch in den Bunker gehen sollte – und vor allem: Wird Vroni ihrem Joseph den Seitensprung verzeihen?

**** In einer Einstellung von Theaterschauspielern gedreht, warten zwei Männer auf einer Bank vor einem Haus in den österr. Bergen auf den Weltuntergang, der in fünf Minuten kommen soll und verzichten auf einen Platz im angeblich sicheren Bunker; es gesellen sich drei weitere Personen dazu. Sie trinken noch ein Dosenbier einer Billigmarke und gestehen sich gegenseitige ihre Seitensprünge. Was gibt es Lustigeres?

Freitag

PARADIES

Regie: Immanuel Esser / Deutschland 2020 / Farbe / 80 Min. / Uraufführung / Cast: Franziska Machens, Holger Daemgen, Johannes Kühn, Isabelle Hoepfner u. a. / freigegeben ab 12

Für den Tod zu arbeiten, ist gar nicht so dramatisch, wenn man zu dritt in einem Dienstwagen lebt und den ganzen Tag übers Land fährt, um von einem Todesort zum anderen zu kommen. Doch inmitten dieser beschaulichen Alltäglichkeit sehen sich die drei Mitarbeiter·innen der Wiederverwertungsgesellschaft „Styx“ plötzlich mit ihrer eigenen Tilgung konfrontiert – und beginnen die Regeln ihrer Welt zu hinterfragen.

Rein absurdes Kinos ist das! In einer anderen Zeit, irgendwann. Früher habe man die Menschen in Kisten beerdigt. Heute zieht ein Team von drei Personen durch die Wälder und verlassene Gegenden, töten Menschen nach einer Liste und packen sie in einem Sack zur Wiederverwertung ab. In einem Ford Transit leben sie, schlafen auf den engen Sitzen oder eben draußen im Wald. Auf Plakaten wird „Leben, statt pflegen!“ propagiert. Eine Botschaft verkündet ihnen, dass auch einer von ihnen auf der Liste steht. Sie haben keine Angst vor dem Tod, sie gehorchen einer Hierarchie. Eine Paketausfahrerin wird lange beobachtet, mal erscheint sie hübsch und fit, mal sehr kränklich.
*** Ein Film, der viele philosophische und soziale Fragen aufwirft.

BLOG III (25.1.20)

ARCHE NORA

Regie: Anna Kirst / Österreich 2020 / Dokumentarfilm / Farbe / 79 Min. / Engl., Span. mit dt. UT / Uraufführung

Durch die Geburt auf US-amerikanischem Boden erhält man in den USA automatisch die Staatsbürgerschaft – das gilt auch für die Kinder von undokumentierten Einwanderern. Ihre Eltern können jedoch jederzeit abgeschoben werden. Nora, eine konservative Geschäftsfrau in Miami, hat die Vollmacht für Tausende dieser Kinder. Sie nutzt ihr Image einer altruistischen Heldin in den Medien und ihre Kontakte zur republikanischen Partei, um auf allen Ebenen für die Kinder zu kämpfen. Die Peruanerin Gissel muss Nora vielleicht bald eine Vollmacht für ihre Tochter geben, um ihr im Falle einer Abschiebung eine Zukunft in den USA zu ermöglichen. Carmens Söhne sind sogenannte „Dreamers“, deren Zukunft an einem seidenen Faden hängt und die jederzeit in ein Land abgeschoben werden könnten, das sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen.

Der Film begleitet drei emanzipierte Frauen bei ihrem Kampf für eine bessere Zukunft und taucht dabei ein in eine Parallelwelt, die mit gängigen Klischees bricht.

Nora hat das Sorgerecht über mehr als 1500 Kinder, deren Eltern von einer Abschiebung in ihre mittelamerikanischen Länder bedroht sind. Obama hatte ein Programm für diese sg. Dreamers geschaffen, aber damit haben die Eltern der in den USA geborenen Kinder ihre eigene Abschiebung unterschrieben. Interessant, dass auch viele Republikaner und Trump-Wähler diese engagierte Frau unterstützen, vielleicht erreichen sie sogar so bei Trump mehr, wir sehen das soziale Engagement von wohlhabenden Amerikanern.

Gerade heute war in den Nachrichten zu hören, dass Trump diesen „Geburtstourismus“ beenden will.
*** handwerklich sehr gut gemachter DOC über US-Amerikaner, die den in den USA geborenen Kindern helfen will, deren Eltern nach Zentralamerika abgeschoben werden sollen.

WAREN EINMAL REVOLUZZER

Regie: Johanna Moder / Österreich 2019 / Farbe / 104 Min. / Dt., Russ., Engl. mit dt. Ut / dt. Erstaufführung / Cast: Julia Jentsch, Manuel Rubey, Aenne Schwarz, Marcel Mohab, Lena Tronina, Tambet Tuisk

Nach dem Hilferuf eines russischen Freundes aus Studienzeiten ergreifen zwei befreundete Wiener Paare kurzentschlossen die Chance zu helfen: Endlich einmal nicht nur reden, sondern wirklich was tun. Doch was die Enddreißiger als Abenteuer begreifen, bedroht rasch das Gefüge der alten Freundschaft. Denn: Hilfe kann sehr unterschiedlich definiert werden.

Als Publikumspreis-verdächtig würde ich diesen österr. Film einstufen. Er hatte seine Weltpremiere am 29.9. beim Zürcher Filmfestival. Helene, eine Wiener Richterin will Pavel einen alten Liebhaber, der in Moskau in der Klemme sitzt, helfen. Als gerade der Mann eines befreundeten Ehepaars nach Moskau muss, gibt sie ihm ein Päckchen (mehr Geld als erlaubt) mit. Kurz danach kündigt Pavel  seine Ankunft in Österreich an, doch er ist – welch Schreck! – nicht alleine gekommen sondern mit Frau Eugenia und Kind. Grund für die Flucht nach Österreich soll seine Frau gewesen sein, die als Putin-kritische NGO in Lebensgefahr sei und europaweit gefahndet werde.
Sie ziehen mal in Helenes kleine Wohnung ein. Jakob, der Freund der Richterin verzieht sich in ein altes Haus im Kamptal und will dort eine Musik-CD produzieren. Die Kinder machen einiges kaputt.
Die Geschehnisse geraten aus dem Ruder … Die Russen werden in das größere alte Haus verbracht, Helene wird gestresst bis zum Herzinfarkt und alte Freundschaften auf die Probe gestellt, Die Beziehung des befreundeten Ehepaars zerbricht und auch jene von Volker, einem Therapeuten, der hier alles nur noch schlimmer macht, zu seinem Vater wird arg strapaziert ….

**** köstliche Tragi-Komödie um Helfen und ausgenutzt-werden.

Samstag

ГДЕ ОСТАЛСЯ ДОМОВОЙ /
STANDING IN FRONT OF MANY HOUSES

Regie: Ekaterina Reinbold Deutschland 2020 | 68 Min. | Russ. mit dt. UT

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion emigriert Natascha mit ihrer Familie nach Deutschland. 20 Jahre später kehrt sie zurück an den Baikalsee im Südwesten Sibiriens, wo sie den ersten Teil ihrer Kindheit verbracht hat. Natascha trifft die Menschen im Dorf, deren Leben immer noch von den Spätfolgen der Perestroika, dem Regimewechsel von der Sowjetunion zum heutigen Russland, geprägt ist.
Über die Begegnungen mit den Dorfbewohner·innen versucht Natascha, eine Verbindung zu diesem für sie identitätsstiftenden und gleichzeitig fremden Ort herzustellen. Die Kamera indes, die Nataschas Rückkehr dokumentiert, scheint ihre eigene Agenda zu verfolgen. Und immer mehr stellt sich die Frage, wer eigentlich die Protagonistin dieser Reise ist – die Person hinter oder diejenige vor der Kamera. (wrtl. Übersetzung: wo ist der Domovoi-Hausgeist geblieben?)

Der sehr persönliche Doc ist eigentlich ein kleiner Spielfilm, Natasha aus Berlin kehrt nach 20 Jahren in das Land ihrer Kindheit zurück. Es geht dabei um Hausgeister, an die viele noch glauben; sie ist sehr bedrückt, dass sie ihre alten Gefühle nicht noch einmal erleben kann. So nebenbei erfahren wir, wie die Menschen am Baikalsee heute leben.
** Kameraführung nicht ganz professionell, nicht viel Inhalt.

BLOG IV

SPACE DOGS

Regie: Elsa Kremser, Levin Peter / Österreich, Deutschland 2019 / Dokumentarfilm / Farbe / 91 Min. / Cinemascope, Russ. mit dt. UT

Die streunende Hündin Laika wurde als erstes Lebewesen ins All geschickt – und damit in den sicheren Tod. Einer Legende nach kehrte sie als Geist zur Erde zurück und streift seither durch die Straßen von Moskau. Laikas Spuren folgend und aus Perspektive der Hunde gedreht, begleitet der Film die Abenteuer ihrer Nachfahren: zweier Straßenhunde im heutigen Moskau.

Zur Zeit als die Sowjets in der Weltraumfahrt noch führend waren, setzten sie Hunde (und später sogar Schildkröten) ein, um die „Ungefährlichkeit“ für Säugetiere  zu beweisen, die Amerikaner versuchten es mit Schimpansen, ehe mit Jury Gagarin der erste Mensch ins All geschossen wurde.

****Der beachtliche Doc spürt den tapferen und starken Moskauer Straßen*hündinnen nach, auch Laika, das erste Lebewesen im All,  war eine solche. Gefilmt wurde aus ihrem Blickwinkel und vor allem bei Nacht, weitere Elemente sind bisher nicht veröffentlichte Filme über das Training der sowjetischen Weltraumhunde aus den russischen Archiven.

LOVECUT

Regie: Iliana Estañol, Johanna Lietha / Schweiz, Österreich 2020 / Farbe / 94 Min. / Cinemascope, Uraufführung / Cast: Sara Toth, Kerem Abdelhamed, Maximilian Kuess, Luca von Schrader, Valentin Gruber, Melissa Irowa u. a.

Sechs Jugendliche in Wien. Der auf Bewährung verurteilte Ben lernt auf Tinder die rebellische Luka kennen. Doch was als unverbindliche Affäre beginnt, wirft schon bald die Frage nach der Definition von Liebe auf. Momo führt derweil eine virtuelle Beziehung mit Alex, der sich weigert, sie im echten Leben zu treffen, weil er online seine Behinderung bislang vor ihr verstecken konnte. Anna und Jakob hingegen sind verliebt und laden ihre privaten Sexvideos ins Internet, um damit Geld zu verdienen.

Jugendliche hängen nicht nur gerne ständig am Handy, sie knipsen und filmen auch alles, sogar ihr Intimleben. Manche laden eigene erotische Szenen gegen Geld auf gewisse Seiten hoch. Sie lernen sich über Tinder kennen und kommen gleich zur Sache, haben oft Probleme mit den Eltern und dem Gesetz.

Besonders berührend waren die Szenen mit Alex, einem jungen Burschen im Rollstuhl, der bei einer professionellen Sexhelferin abchecken muss, was geht und was nicht, das gab ihm Hoffnungen, welche in der Realität aber nicht erfüllt wurden, obwohl eine potentielle Partnerin vorhanden war.

*** Das Ende ist etwas eigenwillig, offenbar sind die Jugendlichen doch etwas zu weit gegangen, wenn sie ihre  Grenzen ausloten. Der Fritz-Raff-Drehbuchpreis des Festivals geht an Iliana Estañol und Johanna Lietha für „Lovecut“.

Begründung der Jury: Das Drehbuch glaubt an die Jugend. An ihre Kraft aus sich selbst heraus, erwachsen zu werden. Es ist ein genaues Drehbuch. Voller Humor. Es wurde geschrieben mit Sorgfalt für die szenische Stimmigkeit und mit Lust an der Recherche. Zauberhaft lebendig porträtiert es sechs Figuren, so unterschiedlich, so eigenständig, so eigensinnig. So liebenswert.

EIN BISSCHEN BLEIBEN WIR NOCH

Regie: Arash T. Riahi / Österreich 2020 / Farbe / 102 Min. / Cinemascope, Dt., Tschetschen. mit dt. Ut / Uraufführung / Cast: Leopold Pallua, Rosa Zant, Anna Fenderl, Christine Ostermayer, Rainer Wöss u. a.

Die tschetschenischen Flüchtlingskinder Oskar  und Lilli leben seit sechs Jahren in Österreich, aber sie haben noch immer kein dauerhaftes Bleiberecht. Als die Familie abgeschoben werden soll, unternimmt ihre psychisch labile Mutter einen Selbstmordversuch. Der versuchte Suizid bewirkt zwar einen Aufschub der Abschiebung, aber Oskar und Lilli werden von ihrer Mutter getrennt und vorerst bei verschiedenen Pflegeeltern untergebracht. Heimlich halten die Geschwister Kontakt zueinander und hoffen, sich und ihre Mutter bald wieder zu treffen. Mit der unbändigen Kraft ihrer Liebe zueinander versuchen sie, jede bürokratische Hürde mit Leidenschaft und Phantasie zu überwinden.

Großartig ist der neueste Film von Arash und zurecht mit dem Publikumspreis ausgezeichnet! Viele optische Gags, flotte Sprüche der aufgeweckten Kinder und einen ernsthaften Hintergrund. Die Polizei stürmt frühmorgens die Wohnung, um die vaterlose Familie abzuschieben. Die Mutter flüchtet sich ins Bad und schneidet sich die Pulsadern auf, die Kinder flüchten aufs Dach. Letztlich kommt die Mutter in die Psychiatrie und die Kinder zu getrennten Pflegeeltern, solange es ihr schlecht geht, dürfen sie nicht abgeschoben werden, also spielt sie die Verrückte und Gelähmte. Auch die Kinder, eigentlich lieb und brav merken, dass sie besser böse sein sollten, um wieder zusammenzukommen. Oskar ist bei einer Familie mit einer Parkinson-kranken Großmutter gelandet, mit der er sich blendend versteht, doch die  Pflegemutter ist auch recht labil. Lilli ist bei einem Lehrerehepaar gelandet und freundet sich in der Schule mit einer Außenseiterin an, deren Mutter wohl drogensüchtig ist und auf den Strich geht. Ihr schenkt sie viel Geld, bis sie merkt, dass sie damit Drogen kauft.

Das Ende bleibt offen, doch wenigstens einen schönen Abend verbringt die Familie noch gemeinsam, ehe wieder die Polizei kommt.

***** Frei nach dem Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer, filmisch höchst unterhaltsam. Ja, gute und böse Menschen gibt es Überall und in jeder Kategorie.

1917

1917

USA/GB, Cinemascope, 110 Min.
Regie: Sam Mendes, gesehen in DF.

Der mit viel Lob, zwei Golden Globes und neun Oscar-Nominierungen gekrönte Film hat eine Besonderheit: er scheint in einer Einstellung und in Echtzeit gedreht worden sein, die Kamera ist praktisch immer in Bewegung und zeigt die Protagonisten auf uns zu rennen oder wir laufen ihnen hinterher. Ab und zu zeigt ein Schwenk, in welcher Umgebung wir uns befinden, dabei ist die Steadycam-Kamera in sehr tiefer Position, wie es Soldaten im Einsatz eben mal sind, sie gleitet förmlich mit durch die Schützengräben. Das ist zwar auch nichts Neues, es war aber eine gute Entscheidung, dieses Stilmittel hier so einzusetzen.

Durch Luftbildaufnahmen vom Juli 1917 erkennen die Engländer, die in Frankreich gegen die Deutschen kämpfen, dass der scheinbare Rückzug um einige Kilometer eine Falle ist, sie warten darauf, dass die englische Artillerie nun angreift und erwarten sie mit einer technischen Übermacht. Doch die 2. Kompanie an der direkten Frontlinie plant den Angriff.
Der Colonel, der die Luftbilder auswertete, gibt nun zwei Soldaten den Befehl durch das feindliche Gebiet hindurch (es soll ja leer sein) zu dieser vorzudringen und ihnen ein Brief zu überreichen, mit dem Befehl, den Angriff abzublasen, da sonst Tausende Soldaten sterben würden, darunter der Bruder des einen.

Von nun an ist atemlose Spannung angesagt und wie vom James-Bond-Regisseur Mendes nicht anders zu erwarten ist, passiert ständig etwas. Sie geraten in Sprengfallen, ziehen an Tierkadavern und gefallenen Kameraden vorbei. Auch stürzt ein deutsches Flugzeug auf sie ab, das von den Engländern abgeschossen wurde, sie ziehen den Piloten aus dem brennenden Wrack und als Dank für die Lebensrettung ersticht der Deutsche seinen englischen Feind. Manchmal gibt es Momente der Hoffnung und sogar der Menschlichkeit (natürlich nur auf englischer Seite, die Begegnung mit der jungen Frau mit Kind) und es ist schon von der Dramaturgie zu erwarten, dass zumindest einer der beiden es schafft, den Brief des Colonels an den Kommandanten an der Front zu bringen.

Wie es sich für Anti-Kriegsfilme gebührt, soll die lebensgefährliche Mühe nur einen Moment lang etwas Sinn ergeben, auf lange Sicht und im gesamten Kriegsgeschehen ändert das Heldentum nicht viel. Bemerkenswert ist auch die Filmmusik von Thomas Newman.
**** empfehlenswert, so hautnah hat man die Schrecken des Krieges selten im Kino miterlebt!

Der Leuchtturm

Der Leuchtturm

USA 2019, 109 Min, SW, 1,19:1
Regie: Robert Eggers

Gesehen in DF und Dolby 5.1

Der Film wurde auf analogem Film in Schwarzweiß und im Stummfilmformat aufgenommen.
Zumindest am Anfang erinnert die Mimik der Schauspieler Willem Dafoe und Robert Pattinsion und die Kameraführung tatsächlich an alte Stummfilme. Allerdings bezieht er in der ersten Hälfte einen Großteil sein Spannung seinem brillianten Dolby-Sounddesign .
Die Aufnahmen der an den Leuchtturm peitschenden Wellen sind unvergesslich!

Es geht also um einen Leuchtturm auf Maine im Nordosten der USA Ende des 19. Jahrhunderts, ein erfahrener Leuchtturmwärter und ein Neuling werden mit einem Boot auf eine bizarre Landzunge gebracht, wo der Leuchtturm, ein Wohngebäude und ein Nebelhorn sind. Damals gab es dort keine Kommunikation zum Land wie Telefon oder Funk. Eigentlich sollten sie in vier Wochen wieder abgelöst werden. Anfangs ist der Alte, Thomas Wake, sehr autoritär zu seinem Neuling, Ephraim Winslow, und lässt ihn nicht das Leuchtfeuer und die Fresnelllinse warten, er darf nur niedrige und schwere Arbeiten verrichten. Anfangs möchte Winslow vorschriftsgemäß auch keinen Alkohol trinken, was er nicht lange durchhält, da Wake kräftig trinkt. Schließlich ist die Situation dort nur im Suff auszuhalten. Als die vier Wochen um sind und sie vergeblich infolge eines heftigen Sturmes auf die Ablöse warten kippt der Film langsam, aber sicher in puren Horror um. Kann man die Begegnung mit einer Meerjungfrau im Rausch noch verstehen, wird es zunehmend heftiger und grausamer. Sowohl was das Wetter, als auch die Beziehung zwischen den beiden inzwischen vollkommen verdreckten Männern betrifft.

*** ½ sowohl formal als auch schauspielerisch beachtlich, entwickelt sich das düstere Kammerspiel zweier verwegener Gestalten zum Horror-Film. Doch manchmal reden sie im Suff ziemlich viel und deren Geheimnisse werden immer mehr, statt aufgedeckt.

 

Festival de Huelva, 2019

Die großen Gewinner des45. Internationalen Iberoamerikanischen Filmfestivals von Huelva sind heuer:
Cancion Sin Nombre (“Lied ohne Namen“), welcher den Goldenen Columbus für den Besten Spielfilm und den Silbernen Columbus für die Beste Regie  gewann.
Als Bester Hauptdarsteller wurde Renato Quattordio in „Yo Adolscente“ „(Ich, Heranwachsender“) und als Beste Hauptdarstellerin Andrea Henry in „Polvora en la Corzon“ („Staub im Herzen“) ausgezeichnet.
Der Spezialpreis der Jury ging an „Los dias de la bellena“ (Die Tage der Bellena).
Hier ein Bericht unserer Korrespondentin Sarita in spanisch.

Zwingli – der Reformator

Zwingli – der Reformator

CH/D 2019, Regie: Stefan Haupt
Cinemascope,  128 Min. DF

Die vier Vorarlberger protestantischen Kirchengemeinden gehören dem helvetischen, die meisten übrigen in Österreich dem Augsburger Bekenntnis an. Obwohl der Dornbirner evangelische Pfarrer Meyer die Werbetrommel rührte und vergeblich auf Schüler-Sondervorstellungen hoffte, blieben die Besucherzahlen hier weit unter den Erwartungen, dabei ist der Film in der Schweiz ein Renner und einer der größten und teuersten Schweizer Filme überhaupt.

Im Jahre 1519 wird ein Huldrych Zwingli (im Film Ulrich genannt) Leutpriester am Zürcher Großmünster. Er verkündet fortan das Neue Testament in deutscher Sprache zu verlesen und bemüht sich mit Experten aus ganz Europa um eine perfekte Übersetzung. Die konservativen Kräfte der katholischen Kirche sind entsetzt, sie möchten mit allen Mitteln verhindern, dass das Volk etwas versteht oder gar selbst die Bibel liest, sie sollen nur Pomp und Prunk in den Kirchen sehen, brav Steuern zahlen und gehorsam Fasten. Auch dagegen tritt Zwingli auf, er ist vor allem für eine soziale Kirche, die den Armen hilft.

Als er selbst von der Pest erfasst wird und mit riesigen Pestbeulen im Bett liegt, wird er von einer Frau gepflegt, die dann später seine Ehefrau werden sollte. Er überlebt, was er nur der Kraft Gottes zuschreibt und als Auftrag Gottes wertet, mit der Reformation der Kirche weiter zu machen. Gestützt wird er vom fortschrittlichen Zürcher Rat. Als er die Klöster auflöst und den klerikalen Prunk verkauft, wächst der Widerstand seiner Gegner. Sie versuchen Zürich aus dem Eidgenössischen Bund auszuschließen, was aber nicht gelingt.

Er muss zunehmend politisch-pragmatische Entscheidungen treffen, etwa der Hinrichtung von Erwachsenentäufern zustimmen. Und obwohl er anfangs gegen Krieg und Söldnertum wetterte, zieht auch er mit seinem Sohn in den Krieg gegen die katholisch-habsburgische Übermacht, den beide nicht überleben. Gescheitert ist er ebenfalls damit, von Luther Unterstützung zu bekommen. Dies gelang dann später seinem Nachfolger.

Mit über zwei Stunden ist der Film etwas lang geraten, wird aber nie langweilig. Max Simonischek mit modischem Drei-Tage-Bart spielt den lebensfrohen und Sinnesfreuden zugewandten Zwingli recht überzeugend, die Kamera setzt die im Inneren nur von Kerzen beleuchteten Räume in kontrastreiche, düstere Bilder um. Zwingli wird irgendwie als Heiliger und Märtyrer dargestellt. Sein Verhältnis zu seiner Frau ist auch nicht perfekt, er nimmt ihre Meinung nicht immer ernst, was symbolisch mit einem zerbrochenen Krug dargestellt wird, er ist in dieser Hinsicht doch ein Macho seiner Zeit.

*** Zwingli wollte, dass das Evangelium deutsch verkündet wird und dass danach gelebt wird. Der Film betont die sozialen Folgen dieser Lehre und weniger theologische Diskurse.