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Tausend Zeilen

Tausend Zeilen

D 2022, 93 Min, Scope; Regie: Michael „Bully“ Herbig.

Grundsätzlich ist die Idee gut zu zeigen, wie auch als seriös geltende Nachrichtenmagazine die Sensationsgier ihr Leser befriedigen und Texte schlichtweg erfinden – Fake News also.
Es geht hier um den Fall Claas Relotius (im Film: Lars Bogenius), der viele (auch österreichische) Medienpreise gewann und für viele Magazine, darunter den „Spiegel“ (im Film „die Chronik“), reißerisch formulierte Reportagen aus Krisengebieten lieferte. Es ist sein eigener Kollege Juan Romero (= Moreno), dem Unstimmigkeiten in dessen Texten auffallen. Als Romero mit seinem Fotografen vor Ort an der US-Mexikanischen Grenze die Angaben überprüfen, decken sie den Fake auf, ihr Kollege war nie da. Sie riskieren dabei ihren Job und stoßen auch auf der obersten Ebene nur auf Unverständnis, auch seine eigene Frau und vor allem die Kinder sind verstört.

Was passiert allerdings, wenn ein Juxregisseur wie Herbig sich des Stoffes annimmt? Ein extrem rasanter, ja stakato-artiger Schnitt zwischen Wahrheit und Lüge, Einbeziehung der eigenen Familie und ein westernartiger Stil. Wie es wirklich endete („der Spiegel“ gab den Fehler zu) wird nur angedeutet.

Ich fand den Film relativ spannend, allerdings nicht genau genug. Die Kritikermeinungen sind höchst uneinheitlich. ***

Meine Stunden mit Leo

Meine Stunden mit Leo

Großbritannien 2022 Regie: Sophie Hyde mit: Daryl McCormack, Emma Thompson, Isabella Laughland, Länge: 97 min.

Bei dem Film handelt es sich um ein Kammerspiel für zwei Personen, wie es auch auf einer Bühne stattfinden könnte. Nur in der Schlussszene kommt eine dritte Person dazu. Das impliziert also, dass man keine gewaltigen Bilder erwarten kann, es wird weitgehend gesprochen. Die erotischen Szenen sind nur kurz und sehr dezent. Aber die Kamera erlaubt unterschiedliche Perspektiven und Daryl McCormack und Emma Thompson spielen hervorragend.
Um was geht’s? Die pensionierte und verwitwete Religionslehrerin Nancy trifft in einem teuren Hotelzimmer den Callboy Leo, beide stellen sich unter einem falschen Namen vor.
Nancys Problem: sie hatte noch nie einen Orgasmus, ihr verstorbener Mann schenkte ihr zwar zwei Kinder, doch ging er beim Sex immer gleich vor und schlief danach ein.
Mit klaren Vorstellungen, was sie bisher im Leben versäumt hatte, trifft sie den schönen und muskulösen Leo. Doch er kommt nicht gleich zur Sache, sondern will mit ihr reden, ihre Hintergründe erfahren, was sie nur noch verklemmter werden lässt. Wie ein guter Gesprächstherapeut bringt er sie dazu, wenigstens über ihre Wünsche und Fantasien zu sprechen. Kurzum, beim ersten Treffen passiert noch gar nichts, aber sie rafft sich zusammen und vereinbart weitere Treffen mit dem hochpreisigen Sexarbeiter.
Als Religionslehrerin kannte sie alle moralisierenden Argumente, wie Zwangsprostitution, persönlicher Erniedrigung usw., die er jedoch treffend und glaubhaft entkräftigen kann.
Und damals, als die Röcke der Mädchen immer kürzer wurden, beschimpfte sie ihre Schülerinnen als Schlampen, wenn sie so freizügig bekleidet waren.
Als Frau, die nichts dem Zufall überlassen will, hat sie eine genaue Liste, was sie erlernen will und welche Stellungen sie ausprobieren möchte, doch wenn sie es wirklich angehen will, kommen ihr alle möglichen Zweifel auf und die Lernerfolge stellen sich nur langsam ein. Es ist aber sie, die ein totales Tabu bricht, kein sexuelles, sondern eines die Identität betreffendes: sie erschnüffelt Leos wahren Namen und das ist in Zeiten des Cybermobbings ein absolutes No-Go. Auch wenn es den Anschein hatte, sie hätten eine freundschaftliche Beziehung, sie war auf das Setting des bezahlten Kontakts beschränkt. Trotzdem treffen sie sich ein letztes Mal in der Hotellobby, wo dann eine ehemalige Schülerin als Kellnerin auftaucht und ungewollt auch ihre wahre Identität verrät. Inzwischen nimmt sie ihren Körper so wahr, wie er eben in dem Alter mal ist.

Während die immer bunter werdende Diversity-Debatte alle möglichen Varianten von Beziehungen zu normalisieren versucht, bleibt die seit Jahrtausenden bewährte Form des bezahlten Sex weiterhin ein Tabu, ja wird in vielen Ländern wie Frankreich und Schweden, oder in unserem sauberen Ländle verboten. In anderen Beispielen der Filmgeschichte, wird das Thema auch ins Romantische verklärt (Pretty Woman). Das Tolle an dem Film ist, dass die üblichen Geschlechterrollen hier vertauscht wurden. Wenn ein Mann für Sex mit einer Jüngeren zahlt, ist es unmoralisch, wenn eine Frau dasselbe macht, wird sie dann zur Heldin? Der Film zeigt, dass man keinen Sexpartner kauft, sondern eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, die genau definiert ist. Viele Menschen haben nicht das Glück den idealen Partner gefunden zu haben, sollen diese kein Recht auf Sex haben?
Nancy wird  Leo nicht nur ihren Freundinnen empfehlen, vielmehr fordert sie,
dass seine Dienstleistungen von der öffentlichen Hand gefördert werden.
Diese Forderung gab es in den 80er Jahren von behinderten Menschen (im Film „behinderte Liebe“)-
Sehr witzig, aber mit ernsthafter Botschaft! ****

 

Last Film Show

LAST FILM SHOW – DAS LICHT, AUS DEM DIE TRÄUME SIND

Regie: Pan Nalin, Indien, Frankreich 2021, Scope, 112 Min, Guyarat. OmU

Bislang galt „Cinema Paradiso“ als der Film, der wohl als letzter Film eines sterbenden Kinos passend erschien. Die „Last Film Show“ hat das Zeug, ihm den Rang abzulaufen.
Anfangs meint man in einem Kinderfilm zu sein. Doch der Film ist vielmehr eine Würdigung des analogen Zeitalters des chemischen Celluloid-Films, das überall recht abrupt zu Ende ging.
Samay ist ein aufgeweckter Junge, der in Indien in der Nähe einer Meterspur-Bahnlinie wohnt und dort den Reisenden Tee verkauft, er ist vor allem der Held des Films.
Sein strenger Vater, an sich der obersten Kaste der Brahmanen zugehörig, aber nicht englisch sprechend, ist nur Teekocher. Als er ihn in ein Kino mitnimmt, ist Samay vom Kino fasziniert und er will einmal Filmemacher werden.
Als er sich kurz danach ins Kino schmuggelt, wird er unsanft hinausgeschmissen, doch der Filmvorführer Fazal hat ein Herz für ihn und zeigt ihm die analogen 35mm-Filmprojektoren.
Da Samays Mutter eine hervorragende Köchin ist, versorgt er ihn mit einer guten Lunchbox und darf dafür vom Vorführraum aus Filme anschauen, auch bekommt die Kinotechnik und Grundlagen des Films erklärt.

Samay und seine Freunde klauen nun am Bahnhof ganze Filmrollen und wollen selber einen Projektor basteln. Was ihnen im Film im Prinzip mit Abdeckflügeln zu gelingen scheint, dürfte aber in der Realität mangels eines Malterserkreuzes wohl nicht klappen. Samay wird erwischt und kommt in eine Jugendstrafanstalt…
Doch die Zeiten wandeln sich. Die Eisenbahngesellschaft plant schon schnellere elektrische Breitspurzüge, was bedeuten würde, dass in dem Dorf dann kein Zug mehr hält und der Vater arbeitslos wird. Und im Kino kommt es noch dicker: die Digitalprojektoren kommen, die kann nur ein Computerfreak bedienen und dazu muss man gut Englisch können. Die schweren 35mm-Projektoren werden eingeschmolzen und Besteck daraus gemacht. Tonnen von Filmrollen werden ebenfalls recycelt und zu bunten Armreifen verwandelt. Samays einzige Chance für ein besseres Leben ist in eine Stadt zu ziehen, wo es eine gute Schule für ihn gibt.
Sowohl im Vorspann als auch in den Credits ist der Film vielen bekannten Regisseuren, von Lina Wertmüller, Tarkowski, Fellini, Antonioni, Godard, Kubrick usw. gewidmet.
*** nettes Feelgood-Kino, das als letzte Aufführung des TASKino Filmclubs im Rio-Kino Feldkirch der absolut richtige Film war.

RioKino Feldkirch

Doch auch dort gibt es Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit wieder weitergeht!

Rio Kino und Pizzeria Feldkirch – geschlossen seit 31.8.22

Corsage

Corsage

Regie: Marie Kreutzer, A/D/F (arte)/Lux 2022, Scope, 113 Min.

Der neue „Sisi“- Film über die österr.- ungarische Kaiserin Elisabeth ist eine feministische Darstellung der Befindlichkeiten der Kaiserin um 1877, als sie 40 Jahre alt wurde. Dies war damals die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen. Bei Ehebruch wurden damals Frauen in die Psychiatrie gesteckt und mit kalten Bädern abgekühlt. Mit einigen historischen Fakten wird recht „kreativ“ umgegangen, d.h. sie stimmen nicht oder sind zeitlich falsch platziert, etwa wurde die Cinematographie erst 1895 durch die Gebr. Lumiére erfunden.
Die Aufgabe der Kaiserin war es zu repräsentieren, die des Kaisers zu regieren. Zu Beginn des Films, nachdem sie sich so eng wie möglich das Corsett zuschnüren ließ, sollte sie mit dem Kaiser einen neuen Prachtbau auf der Wiener Ringstraße eröffnen, doch sie fällt bei Einsteigen in die Kutsche in Ohnmacht. Dies hat sie gut geübt, wenn sie etwas nicht machen will, fällt sie einfach in Ohnmacht und ist entschuldigt.
Sisi raucht, nähert sich manchen Männern (etwa dem Reitlehrer) näher, als es das Hofzerimoniell erlaubt, sie hat Essstörungen (während die Gesellschaft mehrere Gänge an der feierlich gedeckten Tafel verzehrt, nimmt sie nur eine fein aufgeschnittene Orange zu sich), ist depressiv (bekommt dagegen das „harmlose“ Heroin verschrieben), ist sportlich (v.a. beim Reiten), reist gerne und hält sich gerne im ungarischen Teil des Reiches auf.

Das Männerbild ist ebenso „feministisch“: der Kaiser ist ein cholerischer und schmieriger Ungustl, und wenn sie, selten genug, mal Sex mit ihm will, kann er nicht. Ähnliches widerfährt ihr mit dem Bayrischen König Ludwig II. Dennoch liebt sie ihren Kaiser Franz Josef (der hier einen aufgeklebten Bart hat) und ihre Tochter, die sie nach ihren Vorstellungen mehrsprachig erziehen lässt. Auch ihr tragischer Tod wurde stark verändert. Der fand zwar tatsächlich auf einem Schiff statt (aber nicht in Italien, sondern in Genf) und nicht so wie dargestellt.

Auch die Farbdramaturgie ist bemerkenswert. Der Film ist in kühlen Blautönen gehalten, die Farben sind eher stumpf und düster. Erst beim tragischen Ende leuchten auch mal warme, leuchtende Farben auf, die Erfüllung der Todessehnsucht.

Es geht Kreutzer also darum, das kitschige Sisi-Bild der jungen Romy-Schneider zu zerstören und zu zeigen wie weit sie sich doch aus dem goldenen Käfig befreien und welche Freiheiten sie sich gönnen konnte. Hintergrund-Filmmusik hat der Film kaum, wenn Musik vorkommt (etwa von den Stones „When Tears Go By“ auf der Harfe gespielt), dann ist es die Kaiser-Hymne oder welche des 20. oder 21. Jhdts.

 Der Film errang in Cannes „Un Certain Regard“ als beste Darstellerin für Vicky Krieps.
*** Langweilig ist er nicht, aber er fokussiert sich nur auf die Kaiserin ab 40 und einige Details stimmen nicht. Bei mir hinterließ er deshalb einen zwiespältigen Eindruck.

Elvis

Elvis

Biopic über den Musiker und Schauspieler Elvis Aaron Presley (1935-1977), dargestellt von Austin Butler. Mit Tom Hanks als den „Colonel Tom Parker” und Olivia de Longe als Priscilla.
Regie und Buch: Baz Luhrmann; AUS, USA  2022, 159 Min, Cinemascope, Dolby 7.1.
Das Positive gleich mal zu Beginn. Gut ersichtlich ist die einfache Herkunft von Elvis Aaron Presley, er wohnte – zur Zeit der Apartheid – in einer an sich schwarzen Gegend, besuchte mit seinen farbigen Freunden die von Gospelmusik durchdrungenen Gottesdienste und versuchte als Weißer Musik im Sounddesign der Afroamerikaner zu machen. Er ist fasziniert vom Blues eines B.B. King. Seine erste Platte brachte er mit 20 Jahren bei SUN Records, einem für schwarze Musik spezialisierten Label heraus und sie wurde sowohl von schwarzen wie weißen Sendern gespielt und war auf Anhieb ein Erfolg. So wird der mehr als zwielichtige angebliche „Colonel“ Tom Parker auf ihn aufmerksam und drängt sich ihm als Manager auf und wechselt auf den nationalen Plattenlaben RCA, kassiert die Hälfte der Einnahmen und hetzt ihn von Show zu Show, bringt ihn ins neue Medium Fernsehen. Doch er kann auch wegen ihm nie im Ausland auftreten, da der Colonel dort wohl gleich verhaftet würde…
Erzählt wird auch das Ganze bis zu Elvis´ bitteren Tod mit des Colonels Stimme aus dem Off.

Ein Biopic hat nun mal die Eigenschaft keine Doc zu sein. So sehen und hören wir den wahren Elvis kaum, gesungen und gespielt wird er von Austin Butler. Wer Elvis´ Musik kennt, schätzt seine Vielfalt. Von wildem Sound bei „Hound Dog“, wo er mit dem Unterkörper und den Beinen so fibrierte, dass Frauen in Ekstase fielen bis zu samtweichen Liebesliedern und auch kritischen Songs wie „In The Ghetto“. Der Sound im Film ist zu sehr der einer schmetternden Big Band mit schwarzen Tänzerinnen, wie er sich im damaligen Hotel International in Las Vegas wochenlang inszenierte und spiegelt seine Vielfalt kaum wieder.

Erfreulicherweise ist der Film trotz seiner Länge nie langweilig, die deutsche Epoche, wo er als Soldat in Deutschland dienen musste (sonst drohte man ihm, ihn wegen seiner unzüchtigen Bewegungen einzubuchten) erfährt man nur, dass er dort seine Frau Priscilla kennen lernte, auch sein Niedergang in Drogen und unter fragwürdiger ärztlicher Betreuung wird eher knapp gehalten, der Konflikt mit seinem dominanten Manager steht im Vordergrund.
Für Fans der Musik von Elvis, dem „King of Rock & Roll“ und erfolgreichster Einzelunterhalter aller Zeiten sehenswert.  ***

Rimini

RIMINI

Spielfilm, AT/DE/FR 2022, 114 min, Regie: Ulrich Seidl

Ein ehemaliger Schlagerstar singt und säuft im winterlichen Rimini gegen die Wirklichkeit an. Ulrich Seidls neuer Film, der seine Uraufführung im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale gefeiert hat, ist das vielschichtige Porträt eines Taumelnden, formuliert in gewohnter Härte, versetzt mit überraschender Zärtlichkeit. In RIMINI steht Michael Thomas, der beste Crooner Österreichs, auf der Bühne, Inge Maux und Claudia Martini begeistern als seine Fans.(diagonale.at)

Der gealterte Schlagersänger Richie Bravo (den gab es wirklich, er ist in Neunkirchen 1963 geboren!), dessen Mutter gerade gestorben ist und dessen Vater, schwer an Alzheimer erkrankt, in einem Pflegeheim in Österreich lebt geht im Winter nach Rimini, wo er in den sonst leer stehenden Strandhotels älteren Damen und Herren seine bekannten Schlager (Amore mio) im Karaoke-Verfahren vorsingen kann, er tröstet aber auch kostenpflichtig viele Frauen seines Alters und erfüllt ihnen die sexuellen Wünsche, gibt ihnen die Illusion noch begehrenswert und sexy zu sein. Er braucht das Geld dringend, denn mit der Gage von 300€, die ihm die Hotels zahlen,  kann er kaum seine Schnäpse zahlen, die er konsumiert oder ausgibt. Das Wetter ist fürchterlich, Schneeregen, trotzdem kauern viele Flüchtlinge fast reglos an den Strandbuden, ihr Schicksal ist noch trostloser als jenes der weiblichen Fans von Richie, die sich von ihm trösten lassen.
Eine überraschende Wendung taucht kurz vor der Hälfte des Films in Person seiner Tochter Tessa auf, für die er nie da war, nie Alimente bezahlte oder sonstwie unterstützte. Sie ist nun mit einer Gruppe syrischer Immigranten in Rimini aufgetaucht und fordert, was ihr zustehe, doch Richie hat kein Geld und muss sich etwas einfallen lassen.

Vielschichtiger, stimmig – trostlos fotografierter, spannender und weitgehend unterhaltsamer Film, der wieder tief in die Seele der Menschen blickt. Die Schlagermusik von damals nimmt dabei erfreulicherweise nicht überhand. Herausragendes Meisterwerk von Ulrich Seidl: vielschichtig, ehrlich, emotional. *****

25. Diagonale Graz 2022

Bericht von der 25.Diagonale Graz, 5. – 10.4.22
von Dr. Norbert Fink

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Ausführlicher illustrierter Langbericht (pdf)

Alle Preise der Diagonale 2022

Die großen Preise gingen an Ulrich Seidl für Rimini (bester Spielfilm)
und an Sabine Derflinger für Alice Schwarzer (bester Doc)

Rotzbub

ROTZBUB

Regie: Santiago López Jover,Marcus H. Rosenmüller; Drehbuch: Martin Ambrosch

Der 2016 verstorbene Karikaturist Manfred Deix hat noch selber das Drehbuch abgenommen, es geht in diesem Animationsfilm weitgehend um sein Leben.
Es beginnt mit seiner Geburt, mit den Wehen seiner Mutter und sein Leiden im Geburtskanal, doch als er endlich die richtige Position findet und in die grelle Welt kommt, ist natürlich alles zum Schreien, doch als der Rotzbub den üppigen Busen seiner Mutter sieht, kommt Freude auf.
Die Handlung ist in den 60er Jahren in einem fiktiven österreichischen Ort namens Siegheilkirchen angesiedelt. Sein Vater, der im Krieg einen Arm verloren hat, konnte nichts anderes machen als Wirt werden. Dort versammelt sich die Gemeinde, vom Pfarrer bis zum Gendarmen (der allabendlich sturzbetrunken ist), doch die am Stadtrand lebenden Roma-Frauen werden nicht bedient. Anders in der Espresso-Bar Jessy, wo ein wunderbarer Wurlitzer steht und andere Klänge verbreitet.
Doch es gibt Stockkonservative und Ewiggestrige, letztere planen ein Rohrbomben-Attentat auf die Roma, was der Bub aufdeckt. Er ist natürlich ein begabter Zeichner, aber etwas schüchtern, seine Freunde wollen seine erotischen Zeichnungen vervielfältigen und vermarkten. Doch sein opus magnum wird die „Aktualisierung“ des neuen Wandgemäldes auf dem Rathaus sein, das von seinem Onkel gerade von braunen Flecken befreit wurde; es wird viele schockieren – obwohl der Rotzbub allerhand beobachtet und von den Rundungen der Frauen fasziniert ist, verliebt er sich in das schlanke Roma-Mädchen Mariolina (die Deix´Ehefrau ähnlich sein soll). Natürlich kriegen kirchliche und weltliche Obrigkeiten gehörig ihr Fett ab.
Der Film war ursprünglich in 3D konzipiert, offenbar hat man aber bedacht, dass Deix´Karikaturen nie in 3D waren und so ist der Film in Österreich nur in 2D erschienen. Die Musik wurde eigens dazu komponiert und soll an die Rock & Roll Ära der Sixties anklingen, leider fand ich sie wenig zündend, andererseits wurde sie so nicht zu dominant.
Der Spanier Santiago Lopez Jover ist einer der ganz Großen der Animationsbranche. Regisseur Marcus H. Rosenmüller kommt aus Bayern und wurde mit WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT berühmt. Viele berühmte österr. Schauspieler verleihen den Figuren ihre Stimme, etwa Roland Düringer, Erwin Steinhauer, Adele Neuhauser, Armin Assinger.
Die Animationen sind detailfreudig und perfekt gemacht, die Figuren natürlich typisch Deix.
**** unterhaltsames Sittenbild der 60er Jahre, freilich ohne politische Bezüge.

Operation Schwarze Krabbe / Windfall

Neu auf Netflix Mitte März 22:

OPERATION SCHWARZE KRABBE
Schweden 110 Min, Scope; Regie: Adam Berg.
In einer postapokalyptischen Welt, die von einem noch immer währenden Krieg weitgehend zerstört wurde, wird in einem besonders harten Winter ein aus sechs Soldaten (darunter eine ehemalige Eisschnellläuferin) bestehendes Team auf eine geheime Mission geschickt. Sie sollen zwei mysteriöse Kapseln über einen gefrorenen Archipel auf Schlittschuhen transportieren. Unter ihnen befindet sich Caroline Edh, der man versprochen hat, sie könne nach erfolgreichem Abschluss der Mission ihre Tochter wiedersehen, dies spornt sie zu unmenschlichen Leistungen an.
Das Eis ist manchmal sehr dünn und bricht manchmal. Das Team verliert durch Feindeinwirkung mehrere Männer, selbst harmlos scheinende Zivilisten sind es nicht und  die mysteriösen Kapseln dürften die Komponenten für virale Biowaffen sein, die den Krieg entscheidend ändern, aber wohl auch die Menschheit auslöschen könnten.

Extrem spannender Kriegsfilm mit verstörenden Bildern, der eigentlich in der Gegenwart spielt und natürlich momentan hochaktuell ist.  Die Musik stammt von Dead People. Die Premiere des Films erfolgte Anfang Februar 2022 beim Göteborg International Film Festival. ****

WINDFALL
USA 2022, 92 Min, Scope, Regie: Charlie McDowell

Die ersten Szenen wähnten mich in einem Haneke-Film zu sein, etwas erinnerte er mich an die Funny Games de österr. Professors.
Ein Mann bricht in das weitläufige, von Orangenhainen und Parkanlagen umsäumte Luxus-Anwesen eines Tech-Millionärs ein. Die Villa ist schlecht gesichert und Überwachungskameras scheinen auch keine vorhanden zu sein. Er findet ein paar Tausend Dollar und eine Rolex und wäre mit dieser Beute eigentlich zufrieden gewesen. Doch gerade jetzt taucht der reiche Mann mit seiner Frau auf, er tut so, als ob er bewaffnet wäre und fesselt die beiden. Nun fordert er 150.000$, doch dazu meint der Milliardär, da komme er nicht weit und könne nicht lange ein schönes Leben führen, bietet ihm praktisch mehr an, allerdings sei es auch für ihn nicht so einfach, das Geld physisch schnell zu beschaffen und außerdem habe es ein großes Gewicht,
Allerdings verläuft nichts, wie geplant und es entwickelt sich schnell ein Psychospielchen zwischen den drei Menschen, besonders als auch noch der Gärtner, ein Latino, dazu kommt. Nach längeren Dialogen kommt es dann schließlich zum Show-Down, als einen Tag später das Geld geliefert wird und es kommt zu einer überraschenden Wendung.

Gedreht weitgehend in der schönen Villa, wird das Cinemascope-Format voll ausgespielt, nicht durchgehend hochspannend, im mittleren Teil ziemlich dialoglastig, aber doch sehenswert! **

An Impossible Project

An Impossible Project

Regie: Jens Meurer | DE, AT 2020 | 93 min, auch 35mm
Mit: Florian Kaps, Ilona Cerowska, Dana Martin, Anna Kaps u.v.a

An Impossible Project handelt vom Revival des Analogen im Allgemeinen und vom Polaroid-Foto im Besonderen.

Die Museumswelt Frastanz kündigte an, in ihrem Museumskino den Film auf 35mm zu zeigen, was leider wegen eines Projektorschadens nicht gelang, aber digital konnte er in engl. OmU gezeigt werden, Höhepunkt war jedoch die Einladung an Florian Kaps und Christian Lutz, welche eine Firma für unmögliche Projekte zu gründen.
Florian Kaps, kurz Doc genannt, ist eigentlich Biologe und der Superexperte für die Augenmuskulatur der Spinnen. Er nimmt sich nun dem Projektmanagement hoffnungslos unmöglicher und unwirtschaftlicher Projekte an. Er kaufte für nur 150.000€ das letzte noch existierende Polaroid-Werk in Enschede, Niederlande, doch durfte er den Namen „Polaroid“ nicht mehr verwenden. Nach langem Streit durfte er „Impossible Film for Polaroid SX70 Cameras“ verwenden. Das größte Problem war aber, dass die Rezeptur bzw. die Chemikalien zur Herstellung des hochkomplizierten (mehr als 17 Schichten) Films nicht mehr vorhanden war und so der Film neu erfunden werden musste, was anfangs gar nicht so recht klappen wollte.
Christian Lutz  war jedoch Meister im Networking und fand richtig reiche Männer, die Millionen in die Hand nahmen, und so gelang es nicht nur Polaroid wieder an Bord zu bekommen, sondern tatsächlich einen guten Film herzustellen.
Zusammen mit Rollei erfand er einen Apparat, mit dem man Handyfotos auf Polaroid kopieren kann. Auch eine neue Sofortbildkamera mit Ringblitz wurde entwickelt (und kann für rund 100€ erworben werden).
Den Direktschnitt von Vinylplatten – echte, teure Unikate – ging er an, genauso wie die Idee das seit Jahrzehnten vor sich hin modernde Südbahnhotel auf dem Semmering wieder mit Leben zu füllen – immerhin veranstaltete er dort eine Party. Das Hotel wechselte inzwischen auch den Besitzer.
Das Analoge ist eben kein Bild hinter einer Glasscheibe, sondern eines, das man in die Hand nehmen kann, das einen Geruch hat, haptische Qualitäten hat usw.

Kommentar: Analoge Projekte gibt es auch noch andere: seit Jahren wird die Rettung des Ferrania-Filmwerkes versucht und dort Kleinstauflagen von SW und Diafilmen, 16 und Super 8 hergestellt. Die österr. Firma Rebeat versucht (mit großen Schwierigkeiten) eine HD-Vinylplatte mit Laserschnitt zu bekommen und sogar Tonbänder für die Spulenmaschinen erleben ein gewisses Comeback, mehr als 300€ zahlt man für eine erste Kopie von den Masterbändern einer LP….
Kodak kommt kaum noch den Bestellungen für analogen Film nach und auch Fuji produziert wieder in großem Ausmaß analoge Filme. Sogar ORWO (als Orwotec) hat eine Nische gefunden, Ilford gibt es nach wie vor…

Unterhaltsamer und informativer Film über hochriskante start-ups, teils sogar witzig, und mit tollem Soundtrack, der ebenfalls an die analogen Zeiten erinnert.***1/2