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Systemsprenger

Systemsprenger

Nora Fingscheidt, Deutschland 2019, 119 Min., DF
Ich schrieb nach der Sichtung des Films beim „Crossing Europe“ Filmfestival in Linz:
Der bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Film lässt wohl niemanden kalt. „Es sei ein Film zum mitweinen“ meinte die Moderatorin. Für plötzlich so extrem aggressiv werdende Kinder hat das deutsche Fürsorgesystem einfach keine Maßnahmen parat. Im schlimmsten Fall kommt Benni gefesselt in die Jugendpsychiatrie und wird niedergespritzt. Keine Pflegefamilie nimmt sie mehr, soll sie nach Kenya geschickt werden? Benni hat wohl ein frühkindliches Trauma erlitten, greift man ihr ins Gesicht, so rastet sie aus. Dabei sehnt auch sie sich nach körperlicher Nähe. Und genau dies ist ihren Erziehern, die „professionelle Distanz“ halten müssen eigentlich verboten. Am ehesten geht es noch mit dem Anti-Gewalt-Trainer Micha, der mit ihr in den Wald geht wo sie sich ohne Handy, Internet, Fernsehen und Strom durchkämpfen müssen. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen Momenten, wo es mit ihr doch zu gehen scheint, und kurz drauf doch wirklich nicht. Sie büxt immer wieder aus, erfriert dabei halb oder verletzt sich, will eigentlich immer zur Mutter.

Fingscheidt hat typische Klischees von solchen Systemsprengern vermieden: wilde Buben, Großstadtdschungel wie Kreuzberg oder Neu-Kölln, Pubertät. So ist Benni ein hübsches blondes Mädchen vom Lande, deren Mutter sie zwar möchte, die aber Angst um ihre anderen beiden Kinder hat und komplett überfordert ist. Das etwas eigenwillige Ende ist eher aus finanzieller Not so entstanden und lenkt manche Zuseher in eine falsche Richtung. Nur so viel sei verraten: ein Suizid ist es nicht!
**** aufrührender Film um ein unerziehbares Kind, das den Schulbesuch verweigert und immer wieder ausrastet, herausragend gespielt.

PS: Normalerweise kritisiere ich die eigenen FKC-Filme hier nicht, da wegen sensationeller Nachfrage der Film im normalen Programm des Cinema weiterläuft, möchte ich aber so eine Orientierungshilfe anbieten.

Nobady

Nobadi

Österreich 2019, 90 Min, Cinemascope.
Regie: Karl Markovics

mit Heinz Trixner und Borhan Hassan Zadeh;  Premiere: Toronto International Film Festivals 2019 in der Sektion Contemporary World Cinema.

In der Schrebergartensiedlung “Zukunft” in Wien stirbt der Hund des 90 jährigen armen und alten Mannes Heinrich Senft. Er will ihn auf seinem kleinen Anwesen beerdigen, nachdem die fachgerechte Entsorgung durch die Tierkadaververwertung viel zu teuer gekommen wäre. Der einzige Platz ist bei der Hintertüre, doch ein alter Baumstrunk mit vielen Wurzeln muss zuerst beseitigt werden. Senft holt eine Hacke und macht sich an die Arbeit, doch gleich mal bricht der Stiel der Hacke ab, er besorgt sich beim Baumarkt einen neuen Stiel.

Auf dem Heimweg trifft er auf den jungen Afghanen Adib Ghubar, der auf dem Arbeitsstrich keine Chance hatte, da er humpelt. Adib spricht ihn an, doch Senft lehnt erst mal ab, als er aber auch mit der reparierten Hacke nicht wirklich weiterkommt, sucht er ihn doch und bietet ihm demütigende drei Euro pro Stunde an. Senft geht anfangs ausgesprochen autoritär und unfreundlich mit ihm um. Er bietet dem Muslim ein Tiefkühlgericht aus Schweinefleisch an, zur Alternative könne er Hundefutter aus Rindfleisch haben.

Adib hat eine Tätowierung „Nobady“, das sei sein Spitzname in einem afghanischen NATO-Lager gewesen, wo er zuletzt als Dolmetscher gearbeitet habe und weswegen er gut deutsch könne.

Senft hat auch Lagererfahrung, wie er betont, er war Sanitäter in einem KZ, was wir zwischen den Zeilen erfahren und wohl bei der SS.

Eigentlich will er Adib verabschieden, als die Grube ausgehoben ist, doch nachts sucht er ihn nochmal und findet ihn auf der Straße, wo er zusammengebrochen ist. Sein Bein ist schwarz geworden, Senft weiß, dass er Hilfe braucht und beginnt sich plötzlich fürsorglich um ihn zu kümmern, bringt ihn aber zu seiner Tierärztin (!) , wo es zu einem dramatischen Streit kommt, weil sie an Menschen nichts machen dürfe.

Nun beginnt der Film, der bisher eine Sozialstudie unterschiedlichster Männer war, immer spannender und makabrer zu werden.

**** Ein alter Nazi und ein verletzter Asylant gehen eine Schwarzarbeits-beziehung ein, die äußerst makaber endet, „schwarzer Humor“ ist dabei eine Untertreibung. Fast ein Horrorfilm, mit einfachen Mitteln an wenigen Drehorten aufgenommen. Das dritte Werk Markovics´ als Regisseur.

Deutschstunde

Deutschstunde

D 2019, 125 Min, Cinemascope

Neuverfilmung von Siegfried Lenz‘ Roman „Deutschstunde“ unter der Regie von Christian Schwochow. Mit Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tobias Moretti, u.a.
Inhaltlich hält sich der Film eng an den Inhalt des Buches, soweit ich es laut Wikipedia beurteilen kann und epd-film bestätigt. Allerdings sind manche zeitliche Bezüge in Rückblenden für den Zuseher gar nicht so leicht herstellbar.

Siggi Jepsen sitzt im Deutschland der Nachkriegszeit in einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche ein und soll einen Aufsatz über „die Freuden der Pflicht“ schreiben. Es fällt ihm dazu so vieles ein, dass er nicht weiß, wo anzufangen und ein leeres Heft abgibt.
Er wird seine Haft freiwillig verlängern, bis sein Opus fertig ist. Aus dieser kargen Gefängniszelle reflektiert er nun sein Leben in der Zeit des Nationalsozialismus. Sein Vater, Jens Ole, war ein pflichtbewusster Polizist in einem Kaff an der Nordseeküste. Er schreckte nicht davor zurück, seinen Freund und Taufpaten seines Kindes Ludwig Nansen ein Berufsverbot als Maler zu überbringen, da dieser entartete Kunst produziere. Siggi war als damals 11jg. Bub eng mit Ludwig verbunden und oft bei ihm, er lernte bei ihm zu malen, und steckte dafür oft Prügel vom Vater ein, der die expressionistischen Bilder als krank empfand. Aber sein Vater setzte ihn auch skrupellos als Spion ein. Auch nach dem Krieg blieb sein Vater innerlich der alte Nazi. Erstmals wird er bei Kriegsende zwar verhaftet und offenbar auch gefoltert, doch bald wieder als Polizist in dem Ort eingesetzt. Als er versteckte Bilder Ludwigs verbrennt, meint Siggi dessen restlichen Werke vor ihm schützen zu müssen, stiehlt welche bei einer Ausstellung und kommt deshalb in die Jugendstrafanstalt.

Es gelingt dem aus der DDR stammenden Regisseur Schwochow wunderbar, das Klima der Angst und Unterdrückung durch einen Vertreter eines autoritären Regimes spürbar zu machen, ohne näher auf die Ideologie einzugehen (im Buch soll  die Frau des Polizisten eine glühende Verehrerin der Naziideologie gewesen sein, obwohl ihr die verbotenen Bilder gefielen). Auch die Unverbesserlichkeit solcher Menschentypen wird mehr als deutlich. Der Film ist voller symbolischer und aussagekräftiger Bilder, spannend und prominent besetzt. ****

Once Upon a Time … in Hollywood

Once Upon a Time …
in Hollywood

Quentin Tarantino, USA 2019, 162 Min, mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Michael Madsen, Damian Lewis, Kurt Russell, Timothy Olyphant.

Tarantinos neuntes Epos ist weitgehend ein Film-im-Film, über die Schwierigkeiten eines abgehalfterten B-Movie –Schauspielers wieder gut bezahlte Filmrollen zu bekommen. Zusammen mit seinem Stunt-Double zieht Rick Dalton von Set zu Set, meist noch mit gehörigem Restalkohol im Blut (großartig: die Szene wo sich Leonado Di Caprio deswegen selbst beschimpft). Er kaufte sich in Hollywood ein Haus, und seine Nachbarn sind Roman Polanski und die schwangere Sharon Tate (die in Wirklichkeit am 9.August 1969 im Auftrag von Charles Manson ermordet wurde).

Da sein Stunt wegen eines Frauenmordes einen schlechten Ruf hat, müssen sie in verhassten Spaghetti-Western in Rom mitspielen, was ihnen doch etwas Geld bringt. Es war die Zeit grooviger Popmusik (für mich das Schönste im Film!), als man bei der PanAm auch in der „Holzklasse“ noch ein Cocktail nach dem anderen gratis bestellen und rauchen konnte und die Hippies anfingen die Mode (Miniröcke!) und das Sexualverhalten zu beeinflussen.
Für seine Länge hat der Film relativ wenig Handlung, und historisch korrekt ist auch dieser Tarantino nicht. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen großartig und die Kamera ist detailverliebt, etwa wenn sie die damaligen Ami-Schlitten ins Cinemascope-Bild setzt.

*** In der ersten Hälfte fehlt die übliche Spannung der Tarantino-Filme, Szene folgte auf Szene, doch langsam braut sich ein mächtiger Showdown zusammen. Jedenfalls ist dieser Streifen eine wunderbare Zeitreise um genau 50 Jahre zurück. (Norbert Fink)

Alpinale 2019 – Preisverleihung

Preisverleihung der 34. Alpinale Nenzing 2019

vom 10.8.19  von Norbert Fink

Heuer wurde sehr viel Wert darauf gelegt, der Alpinale einen internationalen Flair zu geben.
Dies bedeutet, dass die meisten Ansprachen in Englisch und Deutsch erfolgten. Was jedoch schlimmer ist, sogar die vier v-shorts, also die Vorarlberger Beiträgen waren in Englisch und ohne Untertitel gezeigt, ich wage zu bezweifeln, dass die Mehrheit der Besucher dabei alles verstanden hat! Diese Filme hätten meines Erachtens wenigsten deutsche Untertitel haben sollen. Filmemacher begründeten dies so, dass man englischsprachige Filme leichter an Fernsehanstalten verkaufen könne (als ob es keine deutschsprachigen gäbe).
Im Programmheft wurde übrigens weder vermerkt welche Sprachfassung, noch welches Bildformat die Filme hatten, was auf interntaionalen Festivals üblich wäre.

So verwundert es also nicht, dass der Publikumspreis an einen österreichischen Film ging, der in deutsch gesprochen und englisch untertitelt war.

Zu unserer Überraschung fand der Abschlussabend im Freien statt und es fing zu regnen an.
Nach der Pause war es aber wieder trocken und das Publikum überlebte alles in den Bio-Regenponchos. Somit fanden drei Abende auf dem Ramschwagplatz, zwei im –Saal statt.

Und so urteilte die Jury und das Publikum:

Bester Kurzfilm in der Kategorie v-shorts: 1 + 1 = 1

Rupert Höller (Österr. 2019, 7 Min,  teils hochformatig).
Der Student der Filmakademie zeigt in atmosphärischen Bildern, wie eine schlaflose Nacht verschiedenste Erinnerungen hochleben lässt. Mich berührte der Film nicht.*

Bester Kurzfilm International: HÖRST DU, MUTTER?

Tuna Kaptan (D, Türkei 2019, 19 Min) zeigt den ganz normalen Terror gegen die kurdische Bevölkerung in der Türkei. Weil sie ihrem Enkel handgestrickte Pullover ins Gefängnis schickte, wird sie zu 7 Jahren Hausarrest mit Fußfessel wegen „Unterstützung von Terroristen“ verurteilt, doch die Fußfessel „made in China“ hat ihre Tücken und der Radius reicht nicht einmal zum Wäsche aufhängen. Weitere Strafen folgen. Unaufgeregt wird der Alltag geschildet, den die alte Frau stoisch erträgt. ****

Bester Kurzfilm Animation: INANIMATE

Lucia Bulgheroni hat einen interessanten Stop-Motion – Knetfiguren Animationsfilm geschaffen, der auch Bezug auf die „Schöpfer“ der Figuren herstellt.
(Kritik: siehe Dienstag)

Bester Kurzfilm Hochschule: SHABBOS KALLAH

Aleeza Chanowitz (Israel 2017, 15 Min) zeigt einen persönlichen Einblick in die jüdische Kultur. Am Wochenende vor der Hochzeit ihrer besten Freundin versammeln sich alle Frauen, um der Braut Glückwünsche auszusprechen. Dabei prallen auch konservative und sehr liberale Weltanschauungen aufeinander und es wird viel gelacht und etwas gestritten.**

Preis der Jury: PORTRAIT OF MY FAMILY IN MY 13TH YEAR

Für mich nicht nachvollziehbar war diese Entscheidung, auch beim zweiten Ansehen konnte ich nicht viel Hintergründe dieses Film-im-Filmes und Vater-Sohn-Konfliktes erkennen.

Lobende Erwähnung der Jury: DER HUND BELLT

Der österreichische Hochschulfilm DER HUND BELLT ist keine Realitätssuppe und geht über Sozialporno hinaus – so die Beschreibung des bei der ALPINALE anwesenden Matthias Halibrand, der für Kamera, Schnitt und den Titelsong verantwortlich war.

(habe ich leider nicht gesehen)

Publikumspreis: DIE SCHWINGEN DES GEISTES

Völlig zurecht hat dieser wunderbare, heitere und tiefsinnige Film den Publikumspreis gewonnen, wenngleich angeblich nur mit einer Stimme Mehrheit.
(Siehe Freitag!)

Kinder-Publikumspreis: AMEISE

Die vierminütige Animation von Julia Ocker kam bei den Kindern am besten an. Fast 40 Prozent der jungen ALPINALE-Besuchern stimmten für den Film, in dem es um eine Ameise geht, die im Gegensatz zu ihren Artgenossen alles irgendwie anders macht.

Bester Kurzfilm Horror: POINT OF VIEW

Zu Halloween 2018 wurde eine Horror-Filmnacht veranstaltet, bei dem dieser Film den Publikumspreis errang und nun erstmals mit dem „blutigen Einhorn“ ausgezeichnet wurde.
Als ob eine Autopsie einer übel zugerichteten Leiche nicht schon schrecklich genug wäre, ein unguter Hausmeister kommt auch noch dazu und bekommt auch sein Fett ab.
Durchgehend spannend mit überraschender Wendung und einigen genretypischen Schockeffekten ***

 Norbert Fink, 11.8.19

Quelle: https://alpinale.at/die-preistraeger-des-34-alpinale-kurzfilmfestivals/

 

Alpinale am Freitag

34. Alpinale NENZING

Bericht vom Freitag, 9.8.19

Das Wetter war an diesem Tag sehr schön und warm und die Alpinale konnte heuer zum zweiten Mal open air stattfinden. Die Projektionsqualität war gut und der Sound besser als im Saal. Die Stimmung war hervorragend!

Wieder war die Qualität der Filme durchzogen, allerdings waren doch einige wahre Leckerbissen dabei. Leider waren wieder die meisten Filme in englisch ohne Untertitel und ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Zuseher dabei jedes Wort verstanden haben. Irgendwie befremdlich war, dass sowohl heute als auch am Dienstag sogar der Vorarlberg-Beitrag (v-shorts) in Englisch und ohne Untertitel war. Doch im einzelnen:

DEAD-END

Maximilian Feurstein und Ted Dontchev (GB 2018, 8 Min, SW, Cinemascope) präsentierten eine Folterszene. Liest man nicht das Programmheft, bleibt einem unverständlich, warum der Mann gefoltert wird. Der einzige Vorarlberg-Bezug liegt darin, dass in einer Vorarlberger Garage im Winter und in zwei Tagen gedreht wurde. Die Handlung laut Heft: Bryan hat eine Massenvernichtungswaffe von seinem Boss gestohlen. Sein Boss will sie zurück. Wird Bryan sein Leben opfern, um Tausende zu retten?
Als seine Familie auch bedroht wird, knickt er offenbar ein. Eine mehr als dünne und wenig innovative Geschichte! *

PORTRAIT OF MY FAMILY IN MY 13TH YEAR

Omri Dekel-Kadosh (Israel 2017, 16 Min, 4:3) filmte an seiner Filmhochschule genau das, wovor er gewarnt wurde: erstens soll man nicht am Strand filmen, weil der feine Sand die Geräte und Linsen beschädigen kann, zweitens soll man nichts Autobiografisches zeigen. Und genau das hat er in seinem Film-im-Film gemacht. Er setzte sich selbst, die Familie und sogar seinen Hund ein, der dann letztlich bei den Dreharbeiten an Dehydrierung stirbt. Mehrmals wird dieselbe Szene aufgenommen und immer kommt was dazwischen oder passt was nicht. Ich konnte damit nichts anfangen!*

PSICOLAPSE

Arnau Gòdia Montesinos (Spanien, 2018, 7 Min, ohne Dialoge, katalonische Wörter im Bild) zeigt diesem gut gemachten Animationsfilm eine Psychiaterin, die von einem apathischen Klienten konsultiert wird. Sie versucht alles Mögliche, aus ihm ein Wort oder eine Gestik herauszubringen. Erst, als sie ihn abfotografiert und aus den Einzelbildern eine Animation gestaltet, reagiert er heftig und sehr erfreut über das Resultat. Aber danach braucht sie selbst einen Psychiater.  ****

JOC!

Andreea Valean (Rumänien 2018, 16 Min., Cinemascope) führt uns mit dokumentarischem Blick in das trostlose und gefährliche Leben der Straßenkinder Bukarest. Der zwölfjährige Dani versucht Wasser an Autofahrer zu verkaufen, das Wasser kommt aus einem Springbrunnen und die Flaschen aus dem Müll. Er braucht um Schulden zu zahlen jedoch mehr Geld und will dies bei einem Pappkarton-Wettrennen auf den Gleisen der Tramway gewinnen. Die Begegnungen mit der Tram sorgen dabei für Spannungsmomente. Leider war die genaue Handlung nur schwer auszumachen; man hätte mit den Schauspielern und aus dem Thema mehr machen können! **

IN WONDERLAND

Christopher Haydon (GB 2017, 10 Min) . In der ersten Einstellung sieht man, wie Alice zu spät zu Michael kommt, der in höchster Eile zum Flughafen geht. Es ist wohl die Trennung, sie werden an einem anderen Ozean und an einem anderen Strand sein und voneinander träumen. Durch die Finger rinnender Sand dient als Symbol der Zeit. Auch diese Geschichte erschien mir sehr dünn. *

THE LAST TALE ABOUT EARTH

Magdalena Seweryn (Polen 2018, 17 Min, Hochschule, Cinemascope) verführt uns in eine Welt nach der Apokalypse. Ein Vater haust mit seinen beiden Töchtern in einem Bunker, den sie nur mit Schutzkleidung verlassen dürfen. Als eine der Töchter sich im Gestrüpp einen Luftschlauch verletzt, droht sie an der vergifteten Atmosphäre zu sterben, kann aber noch gerettet werden. Beim Eintritt in den Bunker müssen sie sich immer dekontaminieren. Die Mädchen glauben etwas Lebendiges zu sehen, was der Vater nicht sieht. Das Ende ist zwar hoffnungsvoll, aber unlogisch, es sei denn sie hätten sich die Katastrophe nur eingebildet.
An sich stimmig fotografiert, aber schwer verständlich. ***

WIDDERSHINS

Simon P Biggs (GB 2018 [Schottland], 11 Min, SW, Animation) kleines Meisterwerk erinnert an Jules Verne oder den Chaplin Film „moderne Zeiten“, webt jedoch moderne Elemente wie der durch künstliche Intelligenz gesteuerte Überwachungsstaat ein. Ein Mann wird total von einem Roboter-Butler gesteuert, der Verkehr erfolgt durch verschiedenste Flugobjekte und der Verkehr stockt sich wie am Boden. Dem geschniegelten Herrn fällt dabei eine eigenwillige Frau mit ihrem Flugvehikel auf und er verliebt sich in sie. Sie wieder zu finden erweist sich als wahres Abenteuer. ****

DIE SCHWINGEN DES GEISTES

Albert Meisl (Österreich 2018, 29 Min, Filmakademie Wien). Der mit Abstand beste Film des Abends war eine herzerfrischende Komödie um Szabo, einen chaotischen Musikwissenschaftler, der seinen Job verloren hat und fremde Wohnungen betreut. Ausgerechnet Fitzhum, der seine Stelle eingenommen hat, braucht von ihm eine ganz seltene österreichische Singel-Platte aus den 60er Jahren um sich bei einem Haward-Professor der auf Besuch in Wien ist, sich einzuschmeicheln. Allerdings kommt dann ein Problem hinzu, dass ein Papagei entfliegt, bei der Beschaffung eines ähnlichen Exemplares kommt es zu Problemen mit dem Artenschutz und Fitzhum landet auf dem Polizeirevier. Doch das ist nun die Chance für Szabo. *****

Norbert Fink
Ich berichte in kürze von der Preisverleihung!

34. Alpinale Nenzing

Bericht von der Eröffnung der Alpinale 2019 am 6.8.19

Das Wetter war am Nachmittag sehr stürmisch und regnerisch, weswegen im Freien weder Leinwand noch Stühle aufgebaut wurden, der erste Abend fand also im Ramschwag-Saal Nenzing statt. Um etwa 20:30 stellte der Moderator Joe Baumgartner die Jury und anwesende FilmemacherInnen vor. Obfrau Manuela Mylonas und der Nenzinger Bürgermeister Florian Kasseroler hielten kurze Reden. Ein kurzes Filmquiz – man sollte den entsprechenden Filmtitel durch Emojis erraten – war durchaus unterhaltsam.
Der Ramschwag-Saal war vollbesetzt. Im Foyer konnte man VR-Shorts mit den Virtual-Reality Brillen erleben und durch eigenen Kopfbewegungen die Bildausschnitte beeinflussen.

Das Programm war des ersten Abends sehr durchwachsen:

I AM SOCIAL

Selina Nenning (A 2018, 6 Min.) bebilderte das Problem, dass manche Leute in den sozialen Netzwerken viele Freunde haben, aber im wirklichen Leben vielleicht gar keine. Der Film in der Reihe v-shorts ist englischsprachig ohne Untertitel und löst das Problem so, dass sich die 16-jährige Olivia ihre realen Freunde nur einbildet. Ganz überzeugt hat mich das nicht. **

MAKE ALIENS DANCE

Sebastian Petretti (GB 2019, 25 Min) führt uns in ein analoges Tonstudio der 80er Jahre mit einer 2-Zoll-Bandmaschine und begleitet einen etwas behinderten jungen Mann, der ständig Kopfhörer aufhat (und vom Diskman CD hört) bei seinem Job als Aufräumer eines Stadions. Die Handlung um eine verschwundene Schwester, deren Stimme auf den Bändern aufgenommen wurde, ist schwer nachvollziehbar.  Auch die Kameraarbeit war nicht überzeugend. *

LE MANS 1955

Quentin Baillieux (F 2018, 15 Min.) dokumentiert als Animationsfilm das 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1955, wo ein Auto in die Zuschauertribüne raste und 80 Menschen starben. Trotzdem wurde das Rennen zu Ende geführt. Mercedes nahm danach sein Team aus dem Rennen, obwohl es eine Runde vor Jaguar lag. Der Reiz des Films liegt in der Animation.
Auf die Ursachen und Hintergrunde des Unfalls wurde nicht eingegangen. ***

SKIN
Guy Nattiv (USA 2018, 20 Min.) schildert den in den USA noch immer existierenden Rassenhass und Waffenwahn. Aus einem nichtigen Anlass tötet ein weißer Mann einen Schwarzen. Doch dessen Clan lauert ihm auf. Zur Strafe wird er am ganzen Körper schwarz tätowiert, was dramatische Folgen hat. ***

THE WIND PHONE

Kristen Gerweck (USA 2019, 16 Min) stützt sich auf wahre Begebenheiten im Rahmen des Tsunamis von Fukushima. Wir sehen eine einsame Telefonkabine am Strand und Menschen, die scheinbar sehr emotionale Telefongespräche führen. Sie stehen geduldig Schlange.
Wie uns der Nachspann lehrt, hat diese Telefonkabine keine Verbindung zum Telefonnetz. Sie können so imaginär mit ihrem beim Tsunami verstorbenen Angehörigen reden.

PERCHT
Béla Baptiste (A 2018, 17 Min.) präsentierte den überzeugendsten Film dieses Abends.
Es geht um alte Traditionen wie Krampusse und Perchten, die in angsterregenden Masken durch die Straßen ziehen und Kinder erschrecken und auch Frauen belästigen. Als der offizielle Umzug zu Ende ist, gehen sie danach in ein Gasthaus und zwingen ein junges Paar, von einer ekelhaften Flüssigkeit zu trinken. Sie machen am Anfang den Spaß mit, als es ihnen aber reicht, wird der Percht gewalttätig, verletzt die Frau (Elisabeth Wabisch) und flüchtet.
Dabei wird ihm sein Kostüm zum Verhängnis. *****

SQUARING THE CIRCLE

Karolina Specht (Polen 2019, 5 Min) versucht in diesem abstrakt gezeichneten Animationsfilm die Quadratur des Kreises, was natürlich letztlich nicht gelingen kann.
Künstlerisch durchaus beachtlich. ***

INANIMATE

Lucia Bulgheroni (GB 2018, 8 Min.) zeigt uns das normale Leben von animierten Figuren, die kunstvoll aus Ton geknetete Gesichter haben. Doch plötzlich müssen sie erkennen, dass sie von Menschen geformt werden und ihr scheinbares Leben in einer Modellwelt nur ihre Illusion ist. Der Zuschauer, der sich mit den animierten Figuren identifiziert, wird jäh aus seinen Gedanken gerissen. Von der Animationstechnik sehr gut gemacht, inhaltlich aber etwas dünn. ***

EIN KUCHEN FÜR HERRN LECKERSCHMAUS

Dolunay Gördüm (D 2018, 9 Min.) nimmt kurz und prägnant verschiedene Modeströmungen der Ernährung, mit und ohne Chia, vegan oder fleischlich, aufs Korn. Die Konditormeisterin Lisl Gisl ist stolz auf ihren giftgrünen Müslikuchen, doch die Konkurrenz geht hart mit ihr um, als ihr Lehrling eine allergische Reaktion auf Chia erleidet, dreht sich aber der Spiess um. Alle buhlen um die Gunst des Gurus Leckerschmaus, ein alter Herr, der wohl nicht mehr Herr aller Sinne ist. ****

Bemerkung: stolz wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass nun auch Cinemascope-Filme (2,35 :1) endlich zur Geltung kommen und nun breiter sind als die 16:9 – Standardformate.
Eine neue Software reserviert die ganze Breite dem Cinemascope-Format, während bei den anderen Formaten nun rechts und links die Streifen sind. Danke! Ich empfand es immer als schrecklich, wenn Filme, die breiter und größer als die normalen sein sollten, kleiner dargestellt wurden. Danke!

Das Geheimnis eines Lebens

Das Geheimnis eines Lebens (Red Joan)

Regie: Trevor Nunn, GB 2018, 102 Min, Cinemascope

Die grundsätzliche Idee des Films ist sehr gut und leider wahr: nur wenn beide Seiten die Atombombe haben, wird sie nie eingesetzt werden und es herrscht Frieden oder zumindest ein Gleichgewicht des Schreckens.

Joan, eine erfolgreiche Physik-Absolventin der Uni Cambridge erhält zu Beginn des Zweiten Weltkrieges einen streng geheimen Job in der britischen Forschungszentrale zur Entwicklung der Atombombe. Die ursprüngliche Idee, alle Alliierten, also auch die Sowjetunion, sollten gemeinsam daran forschen um ja schneller als die Deutschen zu sein, wird durch das „Manhattan“-Projekt der Amerikaner torpediert und so arbeiten die Briten gerade mal mit den Kanadiern zusammen. Sie verliebt sich in Leo, der für die republikanische Spanien-Brigade agiert, zu ihm ist sie über die ebenfalls links eingestellte Kommilitonin Sonja, Leos Schwester gekommen. Er arbeitet als Spion für die Sowjetunion und kann sie dazu bringen, den neuesten Forschungsstand an die Sowjets weiterzuleiten. Dabei war Geld nie ein Motiv, sondern nach dem Atombombeneinsatz der USA in Hiroshima und Nagasaki wuchs in ihr die feste Überzeugung, dass alle Großmächte diese fürchterliche Waffe haben sollen, damit sie nie eingesetzt werden kann.

Leider hätte man aus diesem tollen Stoff, der zudem noch auf wahren Begebenheiten (Fall Melita Norwood) beruht wesentlich mehr machen können. Er pendelt zwischen dem Verhör der inzwischen über 80jährigen Dame (Judi Dench) und ihrer Erinnerung an die Jugendzeit hin und her. Hätte das Genre des Agentenfilms schon an sich das Potential zu Hochspannung (wird sie erwischt?) so schafft dieser Film das Kunststück, nie wirklich die Nerven des Zusehers zu kitzeln. Auch die Liebesszenen zwischen Joan und Leo sind brav und bieder und manche biografischen Sprünge bleiben unklar. **

The Dead Don´t Die

USA 2019, 105 Min, Regie: Jim Jarmusch, gesehen in DF.

Jim Jarmusch verbeugt sich mit diesem Film vor dem Altmeister des Zombie-Films, George A. Romero, der 1968 mit „Die Nacht der lebenden Toten“ nicht nur einen Kultfilm geschaffen hatte, sondern auch das Horror-Genre neu belebte. Aber auch „Nosferatu“, „Psycho“ und andere Filmklassiker werden immer wieder – zumindest verbal – zitiert. Auch ist es ein bisschen Film-im-Film, denn die Schauspieler, die teils oder ganz das Drehbuch kennen, prophezeien schon zu Beginn, dass der Film böse enden wird und kommentieren so den Film selbst.

Es geht um das Team einer Polizeistation in Centerville, einem friedlichen Dorf in den USA, das normalerweise nicht mit blutigen Ereignissen belastet wird, doch das wird sich nach der ersten Patroillefahrt langsam, aber sicher ändern.
Dabei wird auch auf eine USA geschaut, in der vieles Wahres, wie der Klimawandel, von ihrem Präsidenten als Fake News abgetan wird, und viele Verschwörungstheorien und Falschmeldungen als glaubhaft gelten. Gleich zu Beginn sind wir mit einer Zeitverschiebung konfrontiert, die von einer Polwanderung, ausgelöst durch Fracking in den Polargebieten, stattfindet; so ist es abends ungewöhnlich lange hell. Auch Tiere reagieren ungewöhnlich, fliehen vor vertrautem Gebiet oder aus Kuscheltieren werden Raubkatzen. Wenn es aber dunkel wird, kommt noch größeres Unheil auf die Menschen zu: die Untoten kommen aus ihren Gräbern. Sie können bekanntlich nur durch Köpfen oder Kopfschuss wirklich tot gemacht werden. Aber was tun, wenn es so viele sind? Eine angebliche Irin, die ein neues, schräges Bestattungsunternehmen im beschaulichen Centerville eröffnet hat, sammelt Daten über die Irdischen und köpft heldenhaft mit einem Samurei-Schwert viele Zombies. Sie erweist sich jedoch als Außerirdische und kann noch in letzter Sekunde eine fliegende Untertasse herbeirufen, die sie rettet…

**** Vergnügliche Zombiekomödie mit vielen filmhistorischen Hinweisen und Starbesetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Tom Waits, Iggy Pop u.v.a.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Frankreich 2018, Cinemascope, 111 Min.
Regie: Julian Schnabel / Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg
gesehen in DF.
Regisseur Julian Schnabel ist selber ein Maler. Er engagierte Willem Dafoe (63) den Ausnahmekünstler Vinzent Van Gogh (37 jg. zum Todestag) zu spielen und konzentriert sich auf die Art, wie Vang Gogh gemalt hatte und wie er die Realität, Mensch und Natur, subjektiv gesehen hat.  Van Gogh malte sehr schnell und impulsiv, entsprechend hektisch ist auch die Handkamera, die ihm folgt, und welche die großen Entfernungen und Hindernisse, die er mit seiner Staffelei zurücklegte, nachvollzieht.
Bekanntlich verkauften sich seine Bilder erst zu seinem Begräbnis und ohne die Hilfe seines Bruders Theo hätte er nicht überleben können. Er freundet sich mit Gaugin an, doch sind die beiden zu verschieden, um zusammen leben zu können.
Die Trennung von Gaugin schmerzt ihn sehr.
Er eckt immer wieder an und wird für verrückt erklärt, in Anstalten eingewiesen. In therapeutischen Gesprächen erkennen ein Arzt und ein Priester durchaus seine eigenwillige Sichtweise an und helfen ihm etwas. Letzterer ist auch erstaunt, dass Van Gogh als Sohn eines Pastors durchaus bibelfest ist, etwa wenn Vang Gogh fetststell, dass auch Christus erst posthum Anerkennung fand.

Musik spielt in dem Film kaum eine Rolle, die wenige, die gespielt wird, ist nicht sehr einprägsam, die wackelige Handkamera war gar nicht mein Geschmack und vernunmöglichte einen ruhigen Blick auf die Natur und Van Goghs Bilder, das Cinemascope-Format aber schon. Mutig von Schnabel ist es jedenfalls, auf die bekanntesten und beliebtesten Gemälde Van Goghs zu verzichten, und eher abstrakt wirkende Details z.B. von Baumwurzeln einzugehen. Auch benennt er seine angebliche Krankenheit (Depression aus Einsamkeit ?) nicht, zeigt aber eine mögliche Variante seiner Ermordung. Dennoch bleibt er oft an der Oberfläche, besonders bei seinen Beziehungen zu Frauen, und schweift manchmal ins Spirituelle ab.
*** sehenswert, aber sehr eigenwillig. Beeindruckende Leistung von Willem Dafoe.