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The Dead Don´t Die

USA 2019, 105 Min, Regie: Jim Jarmusch, gesehen in DF.

Jim Jarmusch verbeugt sich mit diesem Film vor dem Altmeister des Zombie-Films, George A. Romero, der 1968 mit „Die Nacht der lebenden Toten“ nicht nur einen Kultfilm geschaffen hatte, sondern auch das Horror-Genre neu belebte. Aber auch „Nosferatu“, „Psycho“ und andere Filmklassiker werden immer wieder – zumindest verbal – zitiert. Auch ist es ein bisschen Film-im-Film, denn die Schauspieler, die teils oder ganz das Drehbuch kennen, prophezeien schon zu Beginn, dass der Film böse enden wird und kommentieren so den Film selbst.

Es geht um das Team einer Polizeistation in Centerville, einem friedlichen Dorf in den USA, das normalerweise nicht mit blutigen Ereignissen belastet wird, doch das wird sich nach der ersten Patroillefahrt langsam, aber sicher ändern.
Dabei wird auch auf eine USA geschaut, in der vieles Wahres, wie der Klimawandel, von ihrem Präsidenten als Fake News abgetan wird, und viele Verschwörungstheorien und Falschmeldungen als glaubhaft gelten. Gleich zu Beginn sind wir mit einer Zeitverschiebung konfrontiert, die von einer Polwanderung, ausgelöst durch Fracking in den Polargebieten, stattfindet; so ist es abends ungewöhnlich lange hell. Auch Tiere reagieren ungewöhnlich, fliehen vor vertrautem Gebiet oder aus Kuscheltieren werden Raubkatzen. Wenn es aber dunkel wird, kommt noch größeres Unheil auf die Menschen zu: die Untoten kommen aus ihren Gräbern. Sie können bekanntlich nur durch Köpfen oder Kopfschuss wirklich tot gemacht werden. Aber was tun, wenn es so viele sind? Eine angebliche Irin, die ein neues, schräges Bestattungsunternehmen im beschaulichen Centerville eröffnet hat, sammelt Daten über die Irdischen und köpft heldenhaft mit einem Samurei-Schwert viele Zombies. Sie erweist sich jedoch als Außerirdische und kann noch in letzter Sekunde eine fliegende Untertasse herbeirufen, die sie rettet…

**** Vergnügliche Zombiekomödie mit vielen filmhistorischen Hinweisen und Starbesetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Tom Waits, Iggy Pop u.v.a.

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Frankreich 2018, Cinemascope, 111 Min.
Regie: Julian Schnabel / Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel, Louise Kugelberg
gesehen in DF.
Regisseur Julian Schnabel ist selber ein Maler. Er engagierte Willem Dafoe (63) den Ausnahmekünstler Vinzent Van Gogh (37 jg. zum Todestag) zu spielen und konzentriert sich auf die Art, wie Vang Gogh gemalt hatte und wie er die Realität, Mensch und Natur, subjektiv gesehen hat.  Van Gogh malte sehr schnell und impulsiv, entsprechend hektisch ist auch die Handkamera, die ihm folgt, und welche die großen Entfernungen und Hindernisse, die er mit seiner Staffelei zurücklegte, nachvollzieht.
Bekanntlich verkauften sich seine Bilder erst zu seinem Begräbnis und ohne die Hilfe seines Bruders Theo hätte er nicht überleben können. Er freundet sich mit Gaugin an, doch sind die beiden zu verschieden, um zusammen leben zu können.
Die Trennung von Gaugin schmerzt ihn sehr.
Er eckt immer wieder an und wird für verrückt erklärt, in Anstalten eingewiesen. In therapeutischen Gesprächen erkennen ein Arzt und ein Priester durchaus seine eigenwillige Sichtweise an und helfen ihm etwas. Letzterer ist auch erstaunt, dass Van Gogh als Sohn eines Pastors durchaus bibelfest ist, etwa wenn Vang Gogh fetststell, dass auch Christus erst posthum Anerkennung fand.

Musik spielt in dem Film kaum eine Rolle, die wenige, die gespielt wird, ist nicht sehr einprägsam, die wackelige Handkamera war gar nicht mein Geschmack und vernunmöglichte einen ruhigen Blick auf die Natur und Van Goghs Bilder, das Cinemascope-Format aber schon. Mutig von Schnabel ist es jedenfalls, auf die bekanntesten und beliebtesten Gemälde Van Goghs zu verzichten, und eher abstrakt wirkende Details z.B. von Baumwurzeln einzugehen. Auch benennt er seine angebliche Krankenheit (Depression aus Einsamkeit ?) nicht, zeigt aber eine mögliche Variante seiner Ermordung. Dennoch bleibt er oft an der Oberfläche, besonders bei seinen Beziehungen zu Frauen, und schweift manchmal ins Spirituelle ab.
*** sehenswert, aber sehr eigenwillig. Beeindruckende Leistung von Willem Dafoe.

Int. Filmfestival Fribourg

Internationale Filmfestival Fribourg 2019

Abermals haben wir vom FKC das internationale Filmfestival in Fribourg besucht. Vom 15. Bis 23. März wurden wieder Filme aus allen Enden und Ecken der Welt in Fribourgs Kinosälen gezeigt. Dass das Interesse gross an dieser Multikulti-Veranstaltung ist, zeigen die verkauften 40‘000 Eintritte; das sind durchschnittlich mehr als 1000 Kinokarten pro Tag! Es ist wie das IFFI auf Filme aus Ländern des Südens und Ostens spezialisiert.
Hier der Bericht von Urs

Solothurner Filmtage 2019

Unser Schriftführer, Dr. Urs Vokinger, besuchte auch dieses Jahr wieder Solothurn. Er besprach 10 Spiel- und Dokumentar Filme.

Gegen den Strom

Gegen den Strom
(Kona fer í stríð; Woman at War)

Island 2018, 101 Min, Cinemascope, isl. OmU
Regie und Buch: Benedikt Erlingsson

Halla ist Chorleiterin und hat vor vier Jahren einen Antrag auf Adoption eines Kindes gestellt. Doch sie führt ein Doppelleben, indem sie einen Krieg gegen die immer mächtig werdendere Aluminiumindustrie führt. Mit Pfeil und Bogen legt sie inmitten der archaischen isländischen Landschaft die Stromleitungen lahm. Wir vom FKC haben auch diskutiert, ob wir diesen Film spielen sollten. Ein promovierter Physiker unter uns war dagegen, so was sei physikalisch unmöglich! Gut, sie schießt mit Pfeil und Bogen erst ein dünnes Seil über die drei Phasen der Hochspannungsleitung und wenn der Pfeil auf der anderen Seite den Boden erreicht hat, zieht sie das Seil, an dessen Ende ein Stahlseil folgt mit Gummihandschuhen über die Leitung und verursacht einen Kurzschluss. „Die Terroristen“ werden dann natürlich gleich mit Drohnen und Hubschraubern gesucht, während sie geschickt der Polizei entkommt wird als Running Gag jeweils ein Rad fahrender lateinamerikanischer Tourist verhaftet, der sich in der Nähe aufhielt. Halla findet in einem vermeintlichen Cousin und Schafszüchter bald eine Verbündeten und kann mit härteren Bandagen, wie Sprengstofffanschlägen weitermachen.

Ihre zum Verwechseln ähnliche Schwester Asa plant eine innere Reise zu sich selbst und will zu Gurus gehen. Doch Halla bekommt plötzlich die Möglichkeit ein ukrainisches Kriegswaisenkind adoptieren zu können. Doch bei der Ausreise auf dem Flughafen gerät sie in strenge DNA-Kontrollen und wird nach einer Verfolgungsjagd in einem Taxi verhaftet.
Nun tauschen die beiden Schwestern die Rollen, notgedrungen macht Halla die innere Reise im Gefängnis und Asa adoptiert Nika, das Kind aus der Ukraine. Auch die Reise von Asa und Nika nach Hause in Island wird ein Abenteuer!

Stilistisch hat Erlingsson einige „Dogma 95“ Regeln pointiert umgesetzt, andere gebrochen.
So wird die Musik immer im Bild gezeigt, drei Musiker (Tuba, Harmonium / Klavier und Schlagzeug) und ein ukrainischer 3-Frauen-Chor greifen aber nie ein. Auch die Regel, kein künstliches Licht einzusetzen, dürfte befolgt worden sein und versetzen die meisten Szenen in ein düsteres, fahles Licht; hingegen wurde im Scope-Format und natürlich digital gedreht, um die Landschaften besser zur Geltung zu bringen.

***1/2 Insgesamt ist der Film mit seinen Verfolgungsjagden durchaus spannend und sehr originell, die „Bergfrau“, wie sie sich in einem Bekennerschreiben nennt, hätte aber ihre Gründe für ihr Handeln etwas detaillierter ausführen können, die angeblichen Umweltbestrebungen für eine lebenswerte Zukunft auf dem Planeten der Energiekonzerne auf Hochglanzpapier hören sich ähnlich an!
Norbert Fink

Roma (Netflix)

ROMA
Mexico, USA , 135 Min. span/mixtekische OmU
SW/Cinemascope
Regie: Alfonso Cuarón
ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen von Venedig, 2018

Der Titel “Roma” hat weder was mit der italienischen Hauptstadt Rom, noch der fahrenden europäischen Minderheit der Sinti und Roma zu tun, sondern einem Stadtteil von Mexiko-Stadt.

Mit dokumentarischer Präzision begleitet der Film die indigene Hausangestellte Cleo, die von einem Kampfsportler geschwängert wird und der sie schon bei der ersten Andeutung, sie könnte von ihm schwanger sein, verlässt. Doch auch die Hausherrin Sofia hat mir ihrem Gatten Probleme, auch er verlässt die Familie mit 4 Kindern. Trotz der Schwangerschaft hält sie zu Cleo und leidet mit ihr, als sie ein totes Kind gebärt. Sie wird schließlich zur Heldin, als sie – eine Nichtschwimmerin –zwei Kinder von Sofia aus den Fluten des Ozeans rettet, welche die Kraft der Wellen unterschätzen.
Der Film spielt im Stadtteil Roma von Mexiko-Stadt, wo 1971 ein Massaker (Matanza de Tlateloloc) an protestierenden Studenten angerichtet wurde.

Der anfangs etwas langsam dahin fließende Film gewinnt im weiteren Verlauf an Fahrt und Spannung und kann auch als Beispiel klassenübergreifender Frauensolidarität interpretiert werden. Von der Stärke des Körpers, der Seele und des Geistes, wie es die Kampfsportler predigen, ist freilich in der Praxis nichts zu merken.
Ein sehr sehenswerter Film über den Alltag in Mexiko.***1/2

Zu sehen auf Netflix und ev. in Schweizer Kinos.
Auch ich meine, dass Filme ins Kino gehören und auf einer großen Leinwand angeschaut werden sollen. Dass gerade die Streamingdienste in Punkto Bildqualität die normalen Fernsehsender übertreffen (full-HD oder sogar UHD) und deshalb in den immer größer werdenden Heimkinos beliebt werden, ist eine Tatsache. Mutig ist es sicher, in Schwarzweiß und Cinemascope zu drehen, eine eher unübliche Kombination. Erfreulich auch, dass Netflix immer mehr europäische Filme auf die Liste nimmt und auch OmU-Fassung anbietet.

Genaue Handlung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roma_(Film)

Glücklich wie Lazzaro

Glücklich wie Lazzaro
Lazzaro felice

D, F, IT, CH 2018 (arte,TSI, rai), 127 Min, it OmU, aufgenommen auf 16mm analog

Regie: Alice Rohrwacher

Eine scheinbar verwunschene Dorfgemeinschaft tief in der italienischen Provinz lebt noch wie zu feudalen Zeiten, ausgebeutet von einer Gräfin, die sie durch Verschuldung in einer Art Leibeigenschaft hält. Wenn jemand Hilfe braucht, ruft er Lazzaro herbei; der junge Mann von sanftem Gemüt ist zu jedem Handlangerdienst bereit. Aber dann wird der Gräfin doch noch das Handwerk gelegt, die Dorfgemeinschaft verschlägt es ins Exil, alle altern bis auf Lazzaro … LAZZARO FELICE trifft den Ton zwischen Märchen und Neorealismus so genau, dass man beides als wahres Wunder erlebt. Ein Film, der mit jeder Szene überrascht und verführt und doch von sozialer Wirklichkeit erzählt. (Barbara Schweizerhof)

Auf der Tabakplantage der Marchesa Alfonsina de Luna in einem durch eine Naturkatastrophe weitgehend abgeschnittenen Teil Süditaliens, herrscht noch die Leibeigenschaft, blanke Sklaverei. Die Arbeiter werden immer mehr verschuldet und kennen kein Geld, nur Tauschgeschäfte. Sie bekommen schlechteres Essen als die Haustiere der Herrin. Als Tancredi, der rebellische Sohn der Marchesa seine eigene Entführung inszeniert und ein Kind die Polizei anruft, fliegt die illegale Tabakproduktion, die Nichtbezahlung und -versicherung der Arbeiter auf und die Herrin wird verhaftet.
Räuber räumen ihre luxuriöse Wohnung leer. Lazzaro hilft ihnen gutgläubig noch dabei, wird aber zu Fuß in die ferne Stadt geschickt, wo er erstmals so etwas wie das moderne Leben kennen lernt. Die Arbeiter werden in eine Stadt gebracht, wo sie am Rande des Bahnhofes dahinvegetieren und von Gelegenheitsdiebstählen etc. leben.
Lazzaro scheint zu nichts nütze, kennt jedoch unscheinbare Pflanzen, die man Essen kann.

Hauptfigur ist die biblische Gestalt des Lazarus, ein Bauernjunge, der so gutmütig ist, dass er oft für einfältig gehalten wird. Nach einem scheinbar tödlichen Sturz von einem Felsen wird er von einem Wolf wieder zum Leben erweckt und altert nicht mehr. Später in der Stadt, trifft er Tancredi, den er als Halbbruder wähnt, wieder, wird von ihm aber schwer enttäuscht.

Im nostalgischen 16mm-Stil, mit eher verhaltenen dumpfen Farben, erinnert der Film an den Sozialrealismus des Neorealismo, zeigt die Ausbeutung der Menschen, aber auch die Lebenskraft der einfachen, armen und meist analphabetischen Menschen. Mehrere religiöse Andeutungen und an Wunder grenzende Absurditäten nagen freilich etwas an seiner Glaubwürdigkeit.

Ein berührender Film mit märchenhaften Wendungen. ****

Neben einigen Programmkinos soll er demnächst auch auf Netflix zu sehen sein.

THE HOUSE THAT JACK BUILT

THE HOUSE THAT JACK BUILT

Regie: Lars von Trier, DK,D,F,S 2018,  153 Min, Cinemascope
Erstaufführung: Festival Cannes, 14.5.2018 (außer Konkurrenz)
Mit Matt Dillon, Bruno Ganz u.a..

Dem Film eilt der Ruf voraus, einer der unerträglichsten, grausamsten und zynischsten Filme zu sein. Bezüglich der Gewalteskalation übertreffe er sogar Haneke´s „Funny Games“. Soll man sich das antun?

Der Film spielt in den USA und handelt von dem hochintelligenten Ingenieur Jack, der sich rühmt Serienmörder von 61 Menschen zu sein, vorwiegend Frauen, aber auch Kinder und Männer hat er innert 12 Jahren auf dem Gewissen. Er ist zugegebenermaßen ein Psychopath und Zwangsneurotiker, der sich durch das Morden Erleichterung verschafft. Redegewandt und höflich gelingt es ihm, Zutritt in die Wohnungen der Opfer zu erlangen, um sie dann zu erwürgen, erstechen oder zu erschießen.

Die Polizei ist in dem Film nicht nur dumm, sondern auch als ineffizient und ignorant dargestellt, statt Hilferufen geschundener Frauen nachzugehen, jagt sie lieber kleinkriminelle Drogenhändler. Doch sein teuflisches Werk wird auch dadurch erleichtert, dass die Umwelt nicht auf Schreie reagiert und der alles egal zu sein scheint, was in der Nachbarschaft passiert.

Der Film ist in mehrere Episoden, hier „Ereignisse (Incidents) genannt, und einen Epilog am Schluss eingeteilt. Jack sieht seine Taten als inszenierte Kunstwerke und Trier vergleicht sie mit gotischen Kathedralen und bedeutenden Gemälden. In der Tat gibt es in der Kunstgeschichte die Darstellung der Heiligen Agatha von Catanien (gest. um 250) mit abgeschnittenen Brüsten. Eine der grausamsten Szenen des Films ist sicherlich eine solche Amputation, wo eine vorher verbal gedemütigte Frau, Simple, gefesselt, die schönen Brüste abgeschnitten und sie dann ermordet wird. Zuvor zeichnet er penibel mit einem Filzstift den Schnitt vor.

Abgemildert und in eine christliche Ethik eingeordnet wird das ganze freilich durch die Stimme Bruno Ganz´aus dem Off, der als Verge Jack immer wieder auf seinen Zynismus hinweist und auch Parallelen zum Massenmord der Nazis in den KZ zieht.

Schließlich wird auch bildgewaltig die Hölle dargestellt, wie sie Kirchenmaler kaum drastischer ausmalen könnten: als glühender Lavastrom in eine unendliche Tiefe. Dorthin begleitet ihn Verge dann auch.

Sicherlich ist es Trier gelungen, wieder einen Skandal zu entfachen und das Arthouse-Publikum zu schockieren, während echte Splatter-Fans sicher nur gähnen werden. Aber er kreiert wieder Bilder, die man nicht so leicht vergisst und provoziert eher die Kunstwelt.

Auch der Musikeinsatz ist gekonnt David Bowie, John Lennon und Carlos Alomar, provokant wenn auch ein paar Takte Vivaldi erklingen.

Langweilig ist der Film wahrlich nicht, allerdings steigert sich die Spannung nicht kontinuierlich wie bei Haneke, sondern muss sich in jedem neuen „Ereignis“ neu aufbauen.
Es hängt von den individuellen Seherfahrungen der Zuschauer ab, ob sie die Bilder ertragen möchten, die doch deutlich über der Tatort-Schwelle liegen.
Sicher ein Film, der zwiespältige Gefühle hinterlässt. ***

Cold War – Breitengrad der Liebe

Cold War –
Der Breitengrad der Liebe

Regie: Pawel Pawlikowski  („Ida“)
Mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc u.a.
Polen, GB F, 2018, 88 Min, SW, 1:1.37

Ist Cold War ein Musikfilm? Oder ein Liebesfilm? Oder gar ein Agentenfilm im Kalten Krieg?
Musikalisch ist der Bogen sehr weit gespannt und geht von mazurischer und anderer Volksmusik über Cool Jazz  und Klassik bis zum Rock & Roll und Schlager. Er ist in kontrastreichem Schwarzweiß und im „uralten“ fast quadratischen Format, welches den Blick einengt und ihn nach vorne drängt, im Gegensatz zum Cinemascope, welches uns in weite Landschaften schweifen lässt. Dies ist natürlich alles bewusst so gemacht und soll der räumlichen Enge der Protagonisten entsprechen, jedes Bild ist für dieses Format komponiert.

Der Komponist Wiktor und seine Kollegin Irena reisen im Jahr 1949, zur Zeit des polnischen Wiederaufbaus, mit ihrem Tonbandgerät durch die ärmlichen Bergdörfer ihres Landes, um dort nach versteckten Gesangstalenten zu suchen. Die besten der so entdeckten Musikerinnen und Musiker werden zu einem Vorsingen und Vortanzen in ein schönes altes Herrschaftshaus geladen, wo eine politisch konforme Vorzeige-Truppe geformt werden soll. Darunter ist auch die auf Bewährung freigelassene blonde Schönheit Zula, in die sich Wiktor verliebt. Doch ihre Liebe ist nicht ganz ungetrübt, wurde Zula doch nur unter der Bedingung freigelassen, Wiktor politisch zu bespitzeln. In der Tat flieht er bei einem Auftritt bei den int. Jugendfestspielen der DDR in Ostberlin in den Westen (die Mauer stand damals noch nicht), obwohl ihm eigentlich mit seiner Folklore-Truppe „Mazura“ eine große internationale Karriere bevorstand. Doch Zula, die eigentlich mitkommen sollte, lässt ihn alleine.
Jahre später treffen und lieben sie sich in Paris wieder, er nimmt mit ihr eine Jazz-Platte auf und lebt von Auftritten in Jazzclubs. Im blockfreien Jugoslawien besucht er erneut einen Auftritt der Truppe und wird dabei entführt. Was dies soll, bleibt uns freilich verborgen.

Selbst der polnische Botschafter in Paris hält ihn für verrückt, als er, inzwischen offenbar staatenlos, einen Antrag auf Einreise in die Volksrepublik Polen stellt. Dort angekommen wird er sofort interniert und wegen Verrats zu 15 Jahren verurteilt. Doch Zula, die über beste Kontakte verfügt, holt ihn wieder raus. Was sie nun gemeinsam vorhaben, ist mehr als tragisch.
Durchgehend spannend und mit längeren Musikbeiträgen durchsetzt, macht Pawlikowsi im Stile seines preisgekrönten Filmes „Ida“ weiter, der ebenfalls in diesem strengen SW-Format gedreht wurde und besticht durch die an den „Film-Noir“ erinnernde Fotographie. Die Liebesgeschichte hingegen  erscheint mir etwas holprig und schwer nachvollziehbar. ****

Die Gewinner von Huelva 2018

44.Iberoamerikanisches Filmfestival von Huelva

Erwartungsgemäß war Àlvaro Brechner Folter-Drama La noche de 12 años / Die zwölfjährige Nacht der große Gewinner des Festival. Er errang zwar „nur“  den Silbernen Columbus für die beste Regie, den besten technisch-künstlerischen Beitrag, den  besten Schauspieler, Alfonso Tort, und den Publikumspreis für den besten Spielfilm. (siehe unsere Kritik)

Der Film „Miriam Miente / Miriam lügt“  gewinnt den Goldenen Columbus beim 44. Iberoamerikanischen Filmfestival von Huelva.

Laut der Jury ist der Film „Miriam Mente“ von Cabral y Estrada „eine faszinierende Chronik der Dominikanischen Jugend, in der es den Regisseuren gelingt, die sozialen Widersprüche und rassischen Vorurteile, die Eltern an Kinder vermitteln, mit exquisiter Zartheit und Frische darzustellen. Die komplexen Charaktere, die strenge Inszenierung, der scharfe Einsatz des Vordergrunds, die Detailfülle und die schönen Interpretationen bestätigen, dass es sich um einen intelligenten, sensiblen und bewegenden Film handelt und die Regisseure über ein außergewöhnliches Talent verfügen um alles zu zeigen, wagen seine Figuren nicht zu sagen „.
Siehe unsere Kritik

Pilar Gamboa (in „Recreo“)  erhält den  Silbernen Columbus als beste Schauspielerin
Siehe unsere Kritik
und „Las Herederas“ erhält den Sonderpreis der Jury

Der Film „Las herderas/Die Erbinnen“ (Paraguay, Deutschland, Uruguay, Brasilien, Norwegen und Frankreich) von Marcelo Martinessi wurde ebenfalls von der Jury gelobt, die beschlossen hat, ihm den Sonderpreis zu verleihen, weil er das Publikum mit einem verborgenen Thema konfrontiert, die verbotene weibliche Homosexualität in der paraguayischen Gesellschaft und dies auf eine Weise tut, die es unmöglich macht, wegzusehen. Für die fließende, elegante, ehrliche und schöne Fotografie eine universelle Geschichte über Zuneigung, Freiheit, Angst und Verlangen. Für die Verwendung einer subjektiven Kamera, die hilft, in das dunkle Universum der beiden Hauptfiguren einzudringen. Eine sehr kluge Idee, die er in einem Debütfilm verwendet hat. “

Alle Preise im Detail (in Spanisch und dt. Übersetzung)

Huelva gilt als bedeutendes Schaufenster für das lateinamerikanische Kino.
Leider kommen nur sehr wenige Filme in deutschsprachige Verleihe.