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Bitte warten

Bitte warten

Regie: Pavel Cuzuioc, Österreich 2020, 86 min,

Mittwoch, 7.4. 21, 17:30 Uhr in Österr. Kino-Erstaufführung:

Bitte warten

Österreich 2020, 86 Min, rumänische, ukrainische, bulgarische, russische O.m.dt.U.; Dokumentarfilm. Regie: Pavel Cuzuioc
Telefonmonteur

In seinem Dokumentarfilm „Bitte warten“ folgt Regisseur Pavel Cuzuioc sechs Mitarbeitern von Telefon-, TV- und Internet-Anbietern durch Bulgarien, Rumänien, Moldau und die Ukraine. Er begleitet sie vom streng strukturierten Server-Park bis zum Kabelsalat im Hinterhof, und in die Wohnungen der Kunden hinein, wo das Informationszeitalter auf post-sowjetische Realitäten trifft. Das Spektrum ist breit: Ein Pope. Ein Sammler. Arbeitslose. Eine Quebecerin in der Ukraine und eine Äthiopierin in Bulgarien. Nicht zu vergessen Pensionisten; reizende alte Damen darunter, die in lila ausgemalten Räumen blutrünstige Geschichten erzählen. Cuzuiocs behutsame, beobachtende, aber nie voyeuristische Kameraführung lässt den Protagonisten Raum zur Entfaltung; sie danken es ihm mit intimen Einblicken in ihr Leben und ihre Gedankenwelt.

Kabeltechniker in Osteuropa steuern den modernen Turmbau zu Babel. Mit unerschütterlichem Humor und ein wenig Philosophie halten sie die Verbindung in einer unstimmigen Welt.

Eine audiovisuelle Allegorie über Kommunikation – Der Film folgt Kabeltechniker in verschiedenen Ländern bei ihren Aufträgen. Jeder Kunde, den sie besuchen, bietet einen Einblick in seinem eigenen Mikrokosmos. Mit so einer Vielfalt an Mitteln der Kommunikation bevölkern wir immer noch einen modernen Turmbau zu Babel; eine geordnete Diskordanz von Persönlichkeiten und Perspektiven.

„Warteschleife des Lebens“, Georg Thiel:  Eine häufige Situation, und eigentlich ganz banal: man hängt in der Warteschleife einer Telekom–Firma, hört die Worte „Bitte warten!“ – und ist verstimmt. Doch wer hätte gedacht, dass diese enervierende Phrase, in der immer auch eine Ahnung von Unendlichkeit mitschwingt, die erstaunlichsten Räume erschließt?

Egal wer oder wie sie sind – mehr oder weniger arm, gebildet oder einfach gestrickt, aus der Zeit gefallen, oder nur verschroben: in ihrer Präsenz und ihrer Verletzlichkeit sind sie einander gleich. Genauso, was ihren Wunsch nach Anschluss – sowohl im menschlichen als auch im technischen Sinne – betrifft.

Letzteres ist die eigentliche Aufgabe der porträtierten Telecom-Techniker. In der Praxis sind sie jedoch viel mehr: Berater, Zuhörer, Gesellschafter, die-richtigen-Fragen-Steller, Psychologen, Berichterstatter. Sogar Philosophen, mit klaren Vorstellungen über den Fortschritt, die Menschheit und das Leben an sich.

Pavel Cuzuioc, der neben Konzeption und Produktion auch für Regie, Ton und Kamera zuständig war, dreht streng dokumentarisch, schneidet allerdings fiktional. Für „Bitte warten“ bedeutet das, dass die Kamera zurückhaltend agiert und mit wenigen, fixen Einstellungen ein Auskommen findet, damit die Kunden so ungestört wie möglich und vor allem authentisch agieren können. Gleichzeitig erhält die zweite und dritte Schicht im Kader viel Aufmerksamkeit und trägt wesentlich zur Grundstimmung des Filmes bei.

Beim Schnitt wurde eine weitere Erzähl-Ebene eingezogen: Immer wieder unterbrochen von der rumänischen Warteschleife „Așteptați răspunsul operatorului” („Warten Sie auf die Antwort des Mitarbeiters“) und ein paar Takten der als Wartemusik missbrauchten Zauberflöte, folgt der Film, über die verschiedenen Länder hinweg, lose der Struktur eines typischen Arbeitstages eines Netzwerk- Technikers im Außendienst. Die neuen Medien sind dabei nicht nur Arbeitsinhalt, sondern werden immer wieder selbst zu Protagonisten, etwa als Propaganda aus dem Fernsehen, als Film im Film, und sogar als Abspann im Abspann, sowie der in der Form von Radiomeldungen über Verbrechen, auf die immer wieder Bezug genommen wird.

Mit seinem neuesten Film gelingt Pavel Cuzuioc ein zeitgeschichtliches und zugleich zeitloses Dokument. Mit seiner klaren, ästhetischen Bildsprache beleuchtet er die Schnittstellen von Moderne und Tradition, und behält doch immer den Menschen im Fokus, und zwar nicht nur mit seiner Verwirrung und technischen Unzulänglichkeit, sondern auch mit seinen Wünschen und Hoffnungen, seinen Vorstellungen und Interpretationen von der Wirklichkeit. Und vor allem mit seiner Suche nach Antworten in der Warteschleife des Lebens.

Viennale2020 – MehrWertFilmpreis“
JURYBEGRÜNDUNG: BITTE WARTEN IST EIN LEISER FILM, DER SICH DER THEMATIK DER KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIE HUMORVOLL UND KLUG WIDMET. WIR BEGLEITEN DIE TELEKOMMUNIKATIONS-MONTEURE BEI IHREN BESUCHEN IN HAUSHALTE: AM LAND, MEIST IN KLEINEN DÖRFERN UND REISEN SO IN EINIGE, AN DIE EU GRENZENDE ÖSTLICHE, NACHBARLÄNDER. WIR ERHALTEN EINBLICK IN PERSÖNLICHE GESCHICHTEN, IN ANDERE LEBENSREALITÄTEN. ALS VERBINDEND ZEIGT SICH, DASS TELEKOMMUNIKATION IMMER AUCH EINE KETTE VON NICHT ENDEN WOLLENDEN ABSURDITÄTEN IST, DENEN WIR ALLE AUSGELIEFERT SIND. EIN WIEDERKEHRENDES THEMA IM FILM IST DIE KRITIK DER MENSCHEN AM SCHLECHTEN PROGRAMM, DAS MAN IHNEN VERKAUFT. DIESER FILM GEHÖRT DEFINITIV NICHT DAZU.
Astra Filmfest Rumänien 2020 – Bester Dokumentarfilm, Special Mention

Pavel Cuzuioc ist in Chișinău, Republik Moldau geboren. 2000 ist er nach Wien gezogen und studierte Film Regie und Produktion bei der Filmakedemie Wien. Seine Filme wurden bei verschiedenen internationalen Filmfestivals gezeigt, wie bei u.a. Locarno Film Festival, HotDocs, Clermont Ferrand ISFF, Transylvania IFF, FIPA, Cottbus FF, Helsinki IFF, Black Night IFF und DocAviv FF.

Trailer: https://youtu.be/vWRpB0dGhdo