Schlagwort-Archiv: Prostitution

Meine Stunden mit Leo

Meine Stunden mit Leo

Großbritannien 2022 Regie: Sophie Hyde mit: Daryl McCormack, Emma Thompson, Isabella Laughland, Länge: 97 min.

Bei dem Film handelt es sich um ein Kammerspiel für zwei Personen, wie es auch auf einer Bühne stattfinden könnte. Nur in der Schlussszene kommt eine dritte Person dazu. Das impliziert also, dass man keine gewaltigen Bilder erwarten kann, es wird weitgehend gesprochen. Die erotischen Szenen sind nur kurz und sehr dezent. Aber die Kamera erlaubt unterschiedliche Perspektiven und Daryl McCormack und Emma Thompson spielen hervorragend.
Um was geht’s? Die pensionierte und verwitwete Religionslehrerin Nancy trifft in einem teuren Hotelzimmer den Callboy Leo, beide stellen sich unter einem falschen Namen vor.
Nancys Problem: sie hatte noch nie einen Orgasmus, ihr verstorbener Mann schenkte ihr zwar zwei Kinder, doch ging er beim Sex immer gleich vor und schlief danach ein.
Mit klaren Vorstellungen, was sie bisher im Leben versäumt hatte, trifft sie den schönen und muskulösen Leo. Doch er kommt nicht gleich zur Sache, sondern will mit ihr reden, ihre Hintergründe erfahren, was sie nur noch verklemmter werden lässt. Wie ein guter Gesprächstherapeut bringt er sie dazu, wenigstens über ihre Wünsche und Fantasien zu sprechen. Kurzum, beim ersten Treffen passiert noch gar nichts, aber sie rafft sich zusammen und vereinbart weitere Treffen mit dem hochpreisigen Sexarbeiter.
Als Religionslehrerin kannte sie alle moralisierenden Argumente, wie Zwangsprostitution, persönlicher Erniedrigung usw., die er jedoch treffend und glaubhaft entkräftigen kann.
Und damals, als die Röcke der Mädchen immer kürzer wurden, beschimpfte sie ihre Schülerinnen als Schlampen, wenn sie so freizügig bekleidet waren.
Als Frau, die nichts dem Zufall überlassen will, hat sie eine genaue Liste, was sie erlernen will und welche Stellungen sie ausprobieren möchte, doch wenn sie es wirklich angehen will, kommen ihr alle möglichen Zweifel auf und die Lernerfolge stellen sich nur langsam ein. Es ist aber sie, die ein totales Tabu bricht, kein sexuelles, sondern eines die Identität betreffendes: sie erschnüffelt Leos wahren Namen und das ist in Zeiten des Cybermobbings ein absolutes No-Go. Auch wenn es den Anschein hatte, sie hätten eine freundschaftliche Beziehung, sie war auf das Setting des bezahlten Kontakts beschränkt. Trotzdem treffen sie sich ein letztes Mal in der Hotellobby, wo dann eine ehemalige Schülerin als Kellnerin auftaucht und ungewollt auch ihre wahre Identität verrät. Inzwischen nimmt sie ihren Körper so wahr, wie er eben in dem Alter mal ist.

Während die immer bunter werdende Diversity-Debatte alle möglichen Varianten von Beziehungen zu normalisieren versucht, bleibt die seit Jahrtausenden bewährte Form des bezahlten Sex weiterhin ein Tabu, ja wird in vielen Ländern wie Frankreich und Schweden, oder in unserem sauberen Ländle verboten. In anderen Beispielen der Filmgeschichte, wird das Thema auch ins Romantische verklärt (Pretty Woman). Das Tolle an dem Film ist, dass die üblichen Geschlechterrollen hier vertauscht wurden. Wenn ein Mann für Sex mit einer Jüngeren zahlt, ist es unmoralisch, wenn eine Frau dasselbe macht, wird sie dann zur Heldin? Der Film zeigt, dass man keinen Sexpartner kauft, sondern eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, die genau definiert ist. Viele Menschen haben nicht das Glück den idealen Partner gefunden zu haben, sollen diese kein Recht auf Sex haben?
Nancy wird  Leo nicht nur ihren Freundinnen empfehlen, vielmehr fordert sie,
dass seine Dienstleistungen von der öffentlichen Hand gefördert werden.
Diese Forderung gab es in den 80er Jahren von behinderten Menschen (im Film „behinderte Liebe“)-
Sehr witzig, aber mit ernsthafter Botschaft! ****