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Belfast

Belfast

GB 2021, 97 Min, SW und Farbe, Regie: Kenneth Branagh

Kenneth Branagh ist Schauspieler und Regisseur, zuletzt führte er Regie bei „Tod am Nil“ und „Mord im Orient Express“, die optisch brillant, inhaltlich aber konventionell waren.
Mit Belfast wagt er ein autobiographisches Werk über seine Kindheit in Belfast, in dem auch die Musik (v.a. von Van Morrison) eine stimmungsmachende Rolle spielt.
Formal brillant – die eigentliche Handlung in kontrastreichem Schwarzweiß, Vergleiche mit heute und Filmen in saturierten Farben und alles gekonnt fotografiert. Er kommt auch gleich zur Sache: nachdem er kurz zeigt wie fast idyllisch Protestanten und Katholiken zusammenleben, kommt es überraschend zu explosiven Gewalttätigkeiten. Erzählt wird aus der Sicht des 9jg Buddy, eines guten Schülers in einer protestantischen Schule. Sein Vater arbeitet zunehmen in England und besucht die Familie alle 14 Tage mit dem Flugzeug. Die an sich unpolitische Familie, die mit allen kann, wird immer mehr in den Konflikt hineingezogen bzw. dazu gezwungen. Eine gewichtige Rolle spielen auch seine Großeltern. Opa gibt ihm Tipps im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Der Vater möchte angesichts der sich verschärfenden Lage, dass die ganze Familie nach England zieht, wo er ein schöneres Haus kaufen könne. Doch Buddy und seine Mama wollen bleiben. Erst als Opa stirbt ist die Zeit für eine Entscheidung reif.
Formal beachtlich, aber im Prinzip eine Familiengeschichte, klammert Branagh politische Hintergründe ziemlich aus und manchmal holpert die Spannung etwas. ***1/2

Netflix-Tipps:
Obscuros Deseos (Dunkle Leidenschaften)
Meine spanischen Freunde empfahlen mir die mexikanische Serie als besonders sexy und spannend. Was in der Familie eines angesehenen Richters, seine Frau ist Dozentin an der juridischen Fakultät, ihrer attraktiven Tochter, sein nach einem Schusswechsel mit ihm gehbehinderter Bruder und Polizist und einem jungen Mann, der mit Mutter und Tochter schläft, passiert, kann man als jede/r mit jedem umschreiben. Was als Sex in der Oberschicht beginnt, wird zunehmend zum komplizierten Thriller, ein Mord, für den es mehrere Verdächtige gibt, war doch nur ein Suizid etc. und der Richter selbst gerät immer mehr ins Zwielicht. Zwei Staffeln je ca. 30 min. *** (auch in spanischer OmU verfügbar)

Absturz – Der Fall gegen Boeing
Rory Kennedy, 98 Min. Die aufschlussreiche Doc untersucht, wie es dazu kommen konnte, dass Boeing mit der 737 MAX so viele Fehler machte, dass es zum Absturz zweier neuer Maschinen im Jahre 2019 gekommen ist. Begonnen habe der Wandel der Firmenmoral mit der Übernahme des Konkurrenten McDonnell-Douglas, dessen CEO im neuen Konzern mehr auf Effektivität und Rendite, denn auf Sicherheit setzte und dem familiären Arbeitsklima eine Ende setzte. Bei der Konstruktion wurde die Maschine aus dem 737-Baukasten einfach länger gemacht und mit schwereren Triebwerken ausgestattet, dadurch aber auch der Schwerpunkt ungünstig verlagert. Um nicht nach oben kippen zu können, wurde eine Software eingebaut, welche die Nase unten halten sollten, die Piloten müssten dazu nicht geschult werden, was ein Verkaufsargument war. ****

Roma (Netflix)

ROMA
Mexico, USA , 135 Min. span/mixtekische OmU
SW/Cinemascope
Regie: Alfonso Cuarón
ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen von Venedig, 2018

Der Titel “Roma” hat weder was mit der italienischen Hauptstadt Rom, noch der fahrenden europäischen Minderheit der Sinti und Roma zu tun, sondern einem Stadtteil von Mexiko-Stadt.

Mit dokumentarischer Präzision begleitet der Film die indigene Hausangestellte Cleo, die von einem Kampfsportler geschwängert wird und der sie schon bei der ersten Andeutung, sie könnte von ihm schwanger sein, verlässt. Doch auch die Hausherrin Sofia hat mir ihrem Gatten Probleme, auch er verlässt die Familie mit 4 Kindern. Trotz der Schwangerschaft hält sie zu Cleo und leidet mit ihr, als sie ein totes Kind gebärt. Sie wird schließlich zur Heldin, als sie – eine Nichtschwimmerin –zwei Kinder von Sofia aus den Fluten des Ozeans rettet, welche die Kraft der Wellen unterschätzen.
Der Film spielt im Stadtteil Roma von Mexiko-Stadt, wo 1971 ein Massaker (Matanza de Tlateloloc) an protestierenden Studenten angerichtet wurde.

Der anfangs etwas langsam dahin fließende Film gewinnt im weiteren Verlauf an Fahrt und Spannung und kann auch als Beispiel klassenübergreifender Frauensolidarität interpretiert werden. Von der Stärke des Körpers, der Seele und des Geistes, wie es die Kampfsportler predigen, ist freilich in der Praxis nichts zu merken.
Ein sehr sehenswerter Film über den Alltag in Mexiko.***1/2

Zu sehen auf Netflix und ev. in Schweizer Kinos.
Auch ich meine, dass Filme ins Kino gehören und auf einer großen Leinwand angeschaut werden sollen. Dass gerade die Streamingdienste in Punkto Bildqualität die normalen Fernsehsender übertreffen (full-HD oder sogar UHD) und deshalb in den immer größer werdenden Heimkinos beliebt werden, ist eine Tatsache. Mutig ist es sicher, in Schwarzweiß und Cinemascope zu drehen, eine eher unübliche Kombination. Erfreulich auch, dass Netflix immer mehr europäische Filme auf die Liste nimmt und auch OmU-Fassung anbietet.

Genaue Handlung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roma_(Film)