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Gegen den Strom

Gegen den Strom
(Kona fer í stríð; Woman at War)

Island 2018, 101 Min, Cinemascope, isl. OmU
Regie und Buch: Benedikt Erlingsson

Halla ist Chorleiterin und hat vor vier Jahren einen Antrag auf Adoption eines Kindes gestellt. Doch sie führt ein Doppelleben, indem sie einen Krieg gegen die immer mächtig werdendere Aluminiumindustrie führt. Mit Pfeil und Bogen legt sie inmitten der archaischen isländischen Landschaft die Stromleitungen lahm. Wir vom FKC haben auch diskutiert, ob wir diesen Film spielen sollten. Ein promovierter Physiker unter uns war dagegen, so was sei physikalisch unmöglich! Gut, sie schießt mit Pfeil und Bogen erst ein dünnes Seil über die drei Phasen der Hochspannungsleitung und wenn der Pfeil auf der anderen Seite den Boden erreicht hat, zieht sie das Seil, an dessen Ende ein Stahlseil folgt mit Gummihandschuhen über die Leitung und verursacht einen Kurzschluss. „Die Terroristen“ werden dann natürlich gleich mit Drohnen und Hubschraubern gesucht, während sie geschickt der Polizei entkommt wird als Running Gag jeweils ein Rad fahrender lateinamerikanischer Tourist verhaftet, der sich in der Nähe aufhielt. Halla findet in einem vermeintlichen Cousin und Schafszüchter bald eine Verbündeten und kann mit härteren Bandagen, wie Sprengstofffanschlägen weitermachen.

Ihre zum Verwechseln ähnliche Schwester Asa plant eine innere Reise zu sich selbst und will zu Gurus gehen. Doch Halla bekommt plötzlich die Möglichkeit ein ukrainisches Kriegswaisenkind adoptieren zu können. Doch bei der Ausreise auf dem Flughafen gerät sie in strenge DNA-Kontrollen und wird nach einer Verfolgungsjagd in einem Taxi verhaftet.
Nun tauschen die beiden Schwestern die Rollen, notgedrungen macht Halla die innere Reise im Gefängnis und Asa adoptiert Nika, das Kind aus der Ukraine. Auch die Reise von Asa und Nika nach Hause in Island wird ein Abenteuer!

Stilistisch hat Erlingsson einige „Dogma 95“ Regeln pointiert umgesetzt, andere gebrochen.
So wird die Musik immer im Bild gezeigt, drei Musiker (Tuba, Harmonium / Klavier und Schlagzeug) und ein ukrainischer 3-Frauen-Chor greifen aber nie ein. Auch die Regel, kein künstliches Licht einzusetzen, dürfte befolgt worden sein und versetzen die meisten Szenen in ein düsteres, fahles Licht; hingegen wurde im Scope-Format und natürlich digital gedreht, um die Landschaften besser zur Geltung zu bringen.

***1/2 Insgesamt ist der Film mit seinen Verfolgungsjagden durchaus spannend und sehr originell, die „Bergfrau“, wie sie sich in einem Bekennerschreiben nennt, hätte aber ihre Gründe für ihr Handeln etwas detaillierter ausführen können, die angeblichen Umweltbestrebungen für eine lebenswerte Zukunft auf dem Planeten der Energiekonzerne auf Hochglanzpapier hören sich ähnlich an!
Norbert Fink