Schlagwort-Archiv: Filmkritik

Roma (Netflix)

ROMA
Mexico, USA , 135 Min. span/mixtekische OmU
SW/Cinemascope
Regie: Alfonso Cuarón
ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen von Venedig, 2018

Der Titel “Roma” hat weder was mit der italienischen Hauptstadt Rom, noch der fahrenden europäischen Minderheit der Sinti und Roma zu tun, sondern einem Stadtteil von Mexiko-Stadt.

Mit dokumentarischer Präzision begleitet der Film die indigene Hausangestellte Cleo, die von einem Kampfsportler geschwängert wird und der sie schon bei der ersten Andeutung, sie könnte von ihm schwanger sein, verlässt. Doch auch die Hausherrin Sofia hat mir ihrem Gatten Probleme, auch er verlässt die Familie mit 4 Kindern. Trotz der Schwangerschaft hält sie zu Cleo und leidet mit ihr, als sie ein totes Kind gebärt. Sie wird schließlich zur Heldin, als sie – eine Nichtschwimmerin –zwei Kinder von Sofia aus den Fluten des Ozeans rettet, welche die Kraft der Wellen unterschätzen.
Der Film spielt im Stadtteil Roma von Mexiko-Stadt, wo 1971 ein Massaker (Matanza de Tlateloloc) an protestierenden Studenten angerichtet wurde.

Der anfangs etwas langsam dahin fließende Film gewinnt im weiteren Verlauf an Fahrt und Spannung und kann auch als Beispiel klassenübergreifender Frauensolidarität interpretiert werden. Von der Stärke des Körpers, der Seele und des Geistes, wie es die Kampfsportler predigen, ist freilich in der Praxis nichts zu merken.
Ein sehr sehenswerter Film über den Alltag in Mexiko.***1/2

Zu sehen auf Netflix und ev. in Schweizer Kinos.
Auch ich meine, dass Filme ins Kino gehören und auf einer großen Leinwand angeschaut werden sollen. Dass gerade die Streamingdienste in Punkto Bildqualität die normalen Fernsehsender übertreffen (full-HD oder sogar UHD) und deshalb in den immer größer werdenden Heimkinos beliebt werden, ist eine Tatsache. Mutig ist es sicher, in Schwarzweiß und Cinemascope zu drehen, eine eher unübliche Kombination. Erfreulich auch, dass Netflix immer mehr europäische Filme auf die Liste nimmt und auch OmU-Fassung anbietet.

Genaue Handlung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roma_(Film)

Cold War – Breitengrad der Liebe

Cold War –
Der Breitengrad der Liebe

Regie: Pawel Pawlikowski  („Ida“)
Mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc u.a.
Polen, GB F, 2018, 88 Min, SW, 1:1.37

Ist Cold War ein Musikfilm? Oder ein Liebesfilm? Oder gar ein Agentenfilm im Kalten Krieg?
Musikalisch ist der Bogen sehr weit gespannt und geht von mazurischer und anderer Volksmusik über Cool Jazz  und Klassik bis zum Rock & Roll und Schlager. Er ist in kontrastreichem Schwarzweiß und im „uralten“ fast quadratischen Format, welches den Blick einengt und ihn nach vorne drängt, im Gegensatz zum Cinemascope, welches uns in weite Landschaften schweifen lässt. Dies ist natürlich alles bewusst so gemacht und soll der räumlichen Enge der Protagonisten entsprechen, jedes Bild ist für dieses Format komponiert.

Der Komponist Wiktor und seine Kollegin Irena reisen im Jahr 1949, zur Zeit des polnischen Wiederaufbaus, mit ihrem Tonbandgerät durch die ärmlichen Bergdörfer ihres Landes, um dort nach versteckten Gesangstalenten zu suchen. Die besten der so entdeckten Musikerinnen und Musiker werden zu einem Vorsingen und Vortanzen in ein schönes altes Herrschaftshaus geladen, wo eine politisch konforme Vorzeige-Truppe geformt werden soll. Darunter ist auch die auf Bewährung freigelassene blonde Schönheit Zula, in die sich Wiktor verliebt. Doch ihre Liebe ist nicht ganz ungetrübt, wurde Zula doch nur unter der Bedingung freigelassen, Wiktor politisch zu bespitzeln. In der Tat flieht er bei einem Auftritt bei den int. Jugendfestspielen der DDR in Ostberlin in den Westen (die Mauer stand damals noch nicht), obwohl ihm eigentlich mit seiner Folklore-Truppe „Mazura“ eine große internationale Karriere bevorstand. Doch Zula, die eigentlich mitkommen sollte, lässt ihn alleine.
Jahre später treffen und lieben sie sich in Paris wieder, er nimmt mit ihr eine Jazz-Platte auf und lebt von Auftritten in Jazzclubs. Im blockfreien Jugoslawien besucht er erneut einen Auftritt der Truppe und wird dabei entführt. Was dies soll, bleibt uns freilich verborgen.

Selbst der polnische Botschafter in Paris hält ihn für verrückt, als er, inzwischen offenbar staatenlos, einen Antrag auf Einreise in die Volksrepublik Polen stellt. Dort angekommen wird er sofort interniert und wegen Verrats zu 15 Jahren verurteilt. Doch Zula, die über beste Kontakte verfügt, holt ihn wieder raus. Was sie nun gemeinsam vorhaben, ist mehr als tragisch.
Durchgehend spannend und mit längeren Musikbeiträgen durchsetzt, macht Pawlikowsi im Stile seines preisgekrönten Filmes „Ida“ weiter, der ebenfalls in diesem strengen SW-Format gedreht wurde und besticht durch die an den „Film-Noir“ erinnernde Fotographie. Die Liebesgeschichte hingegen  erscheint mir etwas holprig und schwer nachvollziehbar. ****