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Spielberg´s West Side Story

West Side Story

Regie: Steven Spielberg, USA 2021, 157 Min, Scope, auch in dolby atmos
Nach der Musik von Leonard Bernstein.

Die Geschichte der West Side Story entstand mit der Idee, Shakespeares Romeo und Julia -Geschichte, von zwei jungen Liebenden aus verfeindeten Familien in die heutige Zeit zu übertragen. 1957 wurde es als Musical in New York mit großem Erfolg uraufgeführt. Revolutionär war vor allem die Musik von Leonard Bernstein, die Klassik mit Latino- und Jazzelementen verband. Der Mambo und der Schlager America daraus und mit diesen Bernstein, wurden weltbekannt.

Im Jahre 1961 führte Robert Wise in einer opulenten 70mm-Roadshow-Verfilmung mit 6-Kanal-Magnetton Regie. Ich sah 2018 diesen wunderbaren Film in einer restaurierten 70mm-Fassung, er war 151 Min lang, und hatte zwei Ouvertüren und die Walk-Out-Musik. Der Film erhielt gleich zehn Oscars.

Heute wird daran kritisiert, dass die Schauspieler, die Latinos oder Afroamerikaner verkörperten, geschminkte Weiße waren. Allerdings war Rita Moreno, welche die Anita verkörperte eine weiße Frau aus Puerto Rico, sie spielt – als mittlerweile 90 jährige – eine eigens geschaffene Rolle als zwischen den beiden Gruppen vermittelnde Valentina im neuen Film.
Da auch jener von Spielberg im Jahr 1958 spielt, wäre weder von der Bildqualität her (70mm ist unübertroffen) noch vom Ton her ein Grund zu einem Remake.
Auch beim neuen Film fasziniert vor allem die grandiose Musik Bernsteins. Gustavo Dudamel dirigiert das N.Y. Philharmonic Orchestra, das einst von Bernstein gegründet wurde.
Während der frühere Film in brillanten Farben erstrahlte, wurden nun weitgehend schmutzige Farben, passend zu den heruntergekommenen Stadtteilen, gewählt.

Eine babylonische Sprachverwirrung beschert uns freilich die deutsche Synchronfassung. Die im Vergleich zum Original wesentlich länger gewordenen Dialogpassagen bestehen aus Sätzen, in denen einige Wörter englisch und einige spanisch sind. In der DF sind das dann deutsch und spanisch (nicht übersetzt oder untertitelt). Es entgehen nicht spanisch Sprechenden so einige bissige Sprüche! Wird gesungen, ist natürlich auch in der DF deutsch untertitelt, wobei es sich um eine sehr freie, keineswegs wörtliche Übersetzung handelt. Für mich wäre die Originalfassung, in der sowohl spanische, als auch englische Textteile untertitelt werden, ideal.

Die Handlung ist ja bekannt und auf Wikipedia nachzulesen. Romeo und Julia sind Anton und Maria, Anton ist bei den Jets, Julia aus Puerto Rico gehört zu den Sharks. Beide sind Jugendbanden, die von der Gentrifizierung betroffen sind, verslumte Stadtteile sollen abgerissen und ein Lincoln Center erbaut werden. Der neue Film beginnt also in einem im Abriss befindlichen Stadtteil, wo sich die verfeindeten, ja einander hassenden Jugendlichen mit voller Aggressivität prügeln. Im Film von 1961 war es ein Basketball-Spielplatz. Die Polizei versucht die beiden Seiten voneinander fern zu halten bzw. zu integrieren. Bei so einem Versuch, friedlich einen Ball zu veranstalten, verlieben sich beim Tanz Anton und Maria unsterblich ineinander, deren Gangs bereiten sich aber auf eine regelrechte Schlacht gegeneinander vor, bei der schließlich Anton in den Armen von Maria stirbt. Erst dann bemerken beide Seiten, dass sie zu weit gegangen sind und tragen gemeinsam den Leichnam von Anton weg.

Auch die neue Fassung hat mir gut gefallen, vor allem dank der tollen Schauspielerinnen, allerdings nicht so sehr von den Dialogen her, die manchmal die Länge des Films spüren lassen. Dennoch hat mich die 1961er Version im 70mm Original  mehr berührt. Es wäre sicher mutiger gewesen, die Handlung in die heutige Zeit zu versetzen, denn leider gibt es Rassismus und Ausgrenzung von Eingewanderten noch immer. ***
Auch der neue Film ist bereits für Golden Globes und Oscars nominiert.

(PS.: Es gibt eine arte-Dokumentation, über Bernstein. In Wien gab es eine vielbeachtete deutsche Fassung der West Side Story an der Volksoper, die Bernstein gut gefiel)

Zwingli – der Reformator

Zwingli – der Reformator

CH/D 2019, Regie: Stefan Haupt
Cinemascope,  128 Min. DF

Die vier Vorarlberger protestantischen Kirchengemeinden gehören dem helvetischen, die meisten übrigen in Österreich dem Augsburger Bekenntnis an. Obwohl der Dornbirner evangelische Pfarrer Meyer die Werbetrommel rührte und vergeblich auf Schüler-Sondervorstellungen hoffte, blieben die Besucherzahlen hier weit unter den Erwartungen, dabei ist der Film in der Schweiz ein Renner und einer der größten und teuersten Schweizer Filme überhaupt.

Im Jahre 1519 wird ein Huldrych Zwingli (im Film Ulrich genannt) Leutpriester am Zürcher Großmünster. Er verkündet fortan das Neue Testament in deutscher Sprache zu verlesen und bemüht sich mit Experten aus ganz Europa um eine perfekte Übersetzung. Die konservativen Kräfte der katholischen Kirche sind entsetzt, sie möchten mit allen Mitteln verhindern, dass das Volk etwas versteht oder gar selbst die Bibel liest, sie sollen nur Pomp und Prunk in den Kirchen sehen, brav Steuern zahlen und gehorsam Fasten. Auch dagegen tritt Zwingli auf, er ist vor allem für eine soziale Kirche, die den Armen hilft.

Als er selbst von der Pest erfasst wird und mit riesigen Pestbeulen im Bett liegt, wird er von einer Frau gepflegt, die dann später seine Ehefrau werden sollte. Er überlebt, was er nur der Kraft Gottes zuschreibt und als Auftrag Gottes wertet, mit der Reformation der Kirche weiter zu machen. Gestützt wird er vom fortschrittlichen Zürcher Rat. Als er die Klöster auflöst und den klerikalen Prunk verkauft, wächst der Widerstand seiner Gegner. Sie versuchen Zürich aus dem Eidgenössischen Bund auszuschließen, was aber nicht gelingt.

Er muss zunehmend politisch-pragmatische Entscheidungen treffen, etwa der Hinrichtung von Erwachsenentäufern zustimmen. Und obwohl er anfangs gegen Krieg und Söldnertum wetterte, zieht auch er mit seinem Sohn in den Krieg gegen die katholisch-habsburgische Übermacht, den beide nicht überleben. Gescheitert ist er ebenfalls damit, von Luther Unterstützung zu bekommen. Dies gelang dann später seinem Nachfolger.

Mit über zwei Stunden ist der Film etwas lang geraten, wird aber nie langweilig. Max Simonischek mit modischem Drei-Tage-Bart spielt den lebensfrohen und Sinnesfreuden zugewandten Zwingli recht überzeugend, die Kamera setzt die im Inneren nur von Kerzen beleuchteten Räume in kontrastreiche, düstere Bilder um. Zwingli wird irgendwie als Heiliger und Märtyrer dargestellt. Sein Verhältnis zu seiner Frau ist auch nicht perfekt, er nimmt ihre Meinung nicht immer ernst, was symbolisch mit einem zerbrochenen Krug dargestellt wird, er ist in dieser Hinsicht doch ein Macho seiner Zeit.

*** Zwingli wollte, dass das Evangelium deutsch verkündet wird und dass danach gelebt wird. Der Film betont die sozialen Folgen dieser Lehre und weniger theologische Diskurse.

 

Once Upon a Time … in Hollywood

Once Upon a Time …
in Hollywood

Quentin Tarantino, USA 2019, 162 Min, mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Michael Madsen, Damian Lewis, Kurt Russell, Timothy Olyphant.

Tarantinos neuntes Epos ist weitgehend ein Film-im-Film, über die Schwierigkeiten eines abgehalfterten B-Movie –Schauspielers wieder gut bezahlte Filmrollen zu bekommen. Zusammen mit seinem Stunt-Double zieht Rick Dalton von Set zu Set, meist noch mit gehörigem Restalkohol im Blut (großartig: die Szene wo sich Leonado Di Caprio deswegen selbst beschimpft). Er kaufte sich in Hollywood ein Haus, und seine Nachbarn sind Roman Polanski und die schwangere Sharon Tate (die in Wirklichkeit am 9.August 1969 im Auftrag von Charles Manson ermordet wurde).

Da sein Stunt wegen eines Frauenmordes einen schlechten Ruf hat, müssen sie in verhassten Spaghetti-Western in Rom mitspielen, was ihnen doch etwas Geld bringt. Es war die Zeit grooviger Popmusik (für mich das Schönste im Film!), als man bei der PanAm auch in der „Holzklasse“ noch ein Cocktail nach dem anderen gratis bestellen und rauchen konnte und die Hippies anfingen die Mode (Miniröcke!) und das Sexualverhalten zu beeinflussen.
Für seine Länge hat der Film relativ wenig Handlung, und historisch korrekt ist auch dieser Tarantino nicht. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen großartig und die Kamera ist detailverliebt, etwa wenn sie die damaligen Ami-Schlitten ins Cinemascope-Bild setzt.

*** In der ersten Hälfte fehlt die übliche Spannung der Tarantino-Filme, Szene folgte auf Szene, doch langsam braut sich ein mächtiger Showdown zusammen. Jedenfalls ist dieser Streifen eine wunderbare Zeitreise um genau 50 Jahre zurück. (Norbert Fink)

Roma (Netflix)

ROMA
Mexico, USA , 135 Min. span/mixtekische OmU
SW/Cinemascope
Regie: Alfonso Cuarón
ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen von Venedig, 2018

Der Titel “Roma” hat weder was mit der italienischen Hauptstadt Rom, noch der fahrenden europäischen Minderheit der Sinti und Roma zu tun, sondern einem Stadtteil von Mexiko-Stadt.

Mit dokumentarischer Präzision begleitet der Film die indigene Hausangestellte Cleo, die von einem Kampfsportler geschwängert wird und der sie schon bei der ersten Andeutung, sie könnte von ihm schwanger sein, verlässt. Doch auch die Hausherrin Sofia hat mir ihrem Gatten Probleme, auch er verlässt die Familie mit 4 Kindern. Trotz der Schwangerschaft hält sie zu Cleo und leidet mit ihr, als sie ein totes Kind gebärt. Sie wird schließlich zur Heldin, als sie – eine Nichtschwimmerin –zwei Kinder von Sofia aus den Fluten des Ozeans rettet, welche die Kraft der Wellen unterschätzen.
Der Film spielt im Stadtteil Roma von Mexiko-Stadt, wo 1971 ein Massaker (Matanza de Tlateloloc) an protestierenden Studenten angerichtet wurde.

Der anfangs etwas langsam dahin fließende Film gewinnt im weiteren Verlauf an Fahrt und Spannung und kann auch als Beispiel klassenübergreifender Frauensolidarität interpretiert werden. Von der Stärke des Körpers, der Seele und des Geistes, wie es die Kampfsportler predigen, ist freilich in der Praxis nichts zu merken.
Ein sehr sehenswerter Film über den Alltag in Mexiko.***1/2

Zu sehen auf Netflix und ev. in Schweizer Kinos.
Auch ich meine, dass Filme ins Kino gehören und auf einer großen Leinwand angeschaut werden sollen. Dass gerade die Streamingdienste in Punkto Bildqualität die normalen Fernsehsender übertreffen (full-HD oder sogar UHD) und deshalb in den immer größer werdenden Heimkinos beliebt werden, ist eine Tatsache. Mutig ist es sicher, in Schwarzweiß und Cinemascope zu drehen, eine eher unübliche Kombination. Erfreulich auch, dass Netflix immer mehr europäische Filme auf die Liste nimmt und auch OmU-Fassung anbietet.

Genaue Handlung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roma_(Film)

Cold War – Breitengrad der Liebe

Cold War –
Der Breitengrad der Liebe

Regie: Pawel Pawlikowski  („Ida“)
Mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc u.a.
Polen, GB F, 2018, 88 Min, SW, 1:1.37

Ist Cold War ein Musikfilm? Oder ein Liebesfilm? Oder gar ein Agentenfilm im Kalten Krieg?
Musikalisch ist der Bogen sehr weit gespannt und geht von mazurischer und anderer Volksmusik über Cool Jazz  und Klassik bis zum Rock & Roll und Schlager. Er ist in kontrastreichem Schwarzweiß und im „uralten“ fast quadratischen Format, welches den Blick einengt und ihn nach vorne drängt, im Gegensatz zum Cinemascope, welches uns in weite Landschaften schweifen lässt. Dies ist natürlich alles bewusst so gemacht und soll der räumlichen Enge der Protagonisten entsprechen, jedes Bild ist für dieses Format komponiert.

Der Komponist Wiktor und seine Kollegin Irena reisen im Jahr 1949, zur Zeit des polnischen Wiederaufbaus, mit ihrem Tonbandgerät durch die ärmlichen Bergdörfer ihres Landes, um dort nach versteckten Gesangstalenten zu suchen. Die besten der so entdeckten Musikerinnen und Musiker werden zu einem Vorsingen und Vortanzen in ein schönes altes Herrschaftshaus geladen, wo eine politisch konforme Vorzeige-Truppe geformt werden soll. Darunter ist auch die auf Bewährung freigelassene blonde Schönheit Zula, in die sich Wiktor verliebt. Doch ihre Liebe ist nicht ganz ungetrübt, wurde Zula doch nur unter der Bedingung freigelassen, Wiktor politisch zu bespitzeln. In der Tat flieht er bei einem Auftritt bei den int. Jugendfestspielen der DDR in Ostberlin in den Westen (die Mauer stand damals noch nicht), obwohl ihm eigentlich mit seiner Folklore-Truppe „Mazura“ eine große internationale Karriere bevorstand. Doch Zula, die eigentlich mitkommen sollte, lässt ihn alleine.
Jahre später treffen und lieben sie sich in Paris wieder, er nimmt mit ihr eine Jazz-Platte auf und lebt von Auftritten in Jazzclubs. Im blockfreien Jugoslawien besucht er erneut einen Auftritt der Truppe und wird dabei entführt. Was dies soll, bleibt uns freilich verborgen.

Selbst der polnische Botschafter in Paris hält ihn für verrückt, als er, inzwischen offenbar staatenlos, einen Antrag auf Einreise in die Volksrepublik Polen stellt. Dort angekommen wird er sofort interniert und wegen Verrats zu 15 Jahren verurteilt. Doch Zula, die über beste Kontakte verfügt, holt ihn wieder raus. Was sie nun gemeinsam vorhaben, ist mehr als tragisch.
Durchgehend spannend und mit längeren Musikbeiträgen durchsetzt, macht Pawlikowsi im Stile seines preisgekrönten Filmes „Ida“ weiter, der ebenfalls in diesem strengen SW-Format gedreht wurde und besticht durch die an den „Film-Noir“ erinnernde Fotographie. Die Liebesgeschichte hingegen  erscheint mir etwas holprig und schwer nachvollziehbar. ****