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Crossing Europe Linz, 2021

Bericht Crossing Europe Linz 21 im Zeichen der Corona Krise

Auch wenn viele Corona-Maßnahmen gelockert wurde, bleibt doch eine Reihe von lästigen Details, die das Leben kompliziert machen. Das Ticketsystem ist auf den ersten Blick sehr kompliziert. Als Akkreditierter muss man sich gleich doppelt zu jedem Film anmelden – erstens mit jener eMail-Adresse, mit der man um die Akkreditierung ansuchte, sich registrieren. Dann kann man aus den Filmen des derzeitigen und nächsten Tages die Filme aussuchen und sogar den Sitzplatz aussuchen (so es noch welche unter der 50% Beschränkung gibt) und dann reservieren. Dann muss man die Reservierungsbestätigung per eMail abwarten und diese nochmals bestätigen. Doch dem nicht genug! Zwischen 120 und 30 Min vor der reservierten Vorstellung muss man das eTicket anfordern und kriegt es als pdf wieder zugemailt. Dadurch wird es fast unmöglich, zwei aufeinanderfolgende Filme zu sehen, denn dazu müsste man während der erste Film läuft dies im Kinosaal machen, was ja verboten ist. Dies reduziert die Auswahl deutlich.
Hier meine Meinung zu den gesehenen Filmen, vorangestellt ist der Katalog-Text (CE).

Mandibules
Quentin Dupieux, Frankreich / Belgien 2020, color, 78 Minuten, Französisch, Scope, OmeU

Bss bss bss tönt es aus dem Kofferraum jenes alten Mercedes, den die Einfaltspinsel Manu und Jean-Gab geklaut haben, um eine Aktentasche von A nach B zu transportieren. Verursacherin des Geräuschs ist eine Fliege in der Größe eines Terriers. Die Freunde beschließen, das Insekt zu trainieren, um damit richtig viel Geld zu verdienen. Chef-Absurdist Quentin Dupieux ist ein Ausnahmeregisseur des europäischen Kinos, nicht zuletzt da er seine irrwitzigen Konzepte mit einer bemerkenswerten Beiläufigkeit inszeniert. Gesteuert wurde die Riesenfliege übrigens von Dave Chapman, der in der jüngsten STAR WARS-Trilogie den Droiden BB-8 zum Leben erweckt hat. (CE)

Zur Eröffnungsveranstaltung habe ich keine Karte mehr bekommen, ich ergatterte noch die Vorletzte für einen Eröffnungsfilm. Mandibules enttäuschte mich aber etwas. Die scheidende Festivalleiterin Christine Dollhofer preiste ihn als aberwitzig, absurd  und surreal in den höchsten Tönen. Zwei geistig eher einfach gestrickte Ganoven sollen gegen ein schönes Honorar eine Tasche in einem Kofferraum von A nach B bringen, und wundern sich über die seltsamen Geräusche, die nicht vom geklauten alten Benz stammen können. Es ist nämlich eine Riesenfliege, die sie Dominique nennen. Die wollen sie nicht zurückgeben, sondern zirkusmäßig trainieren und als Drohne für einen Bankraub verwenden. Dabei werden sie von einer Mädchenclique mit jemandem verwechselt und eingeladen. Ich fand die Story etwas dünn, die Tricktechnik mit der Riesenfliege war gut gemacht, und Riesen-Gozillas, -Ameisen und Affen gab es ja schon. Es ist halt sehr schwierig eine gute Komödie zu machen. **

DASATSKISI –Beginning
Dea Kulumbegashvili, Georgien / Frankreich 2020, color, 125 Minuten, Georgisch, OmeU
Regie: Dea Kulumbegashvili

Es gibt Filme, die sind in ihrer leisen Wucht so gewaltig, dass es einem förmlich den Atem verschlägt. DASATSKISI ist so ein kleines Meisterwerk und ein famoses Kinodebüt obendrein. Die georgische Regisseurin erzählt darin mit faszinierenden, in statischen Einstellungen gefilmten Bildern von Yana, einer liebenswürdigen Pfarrersfrau und folgsamen Zeugin Jehovas, deren Welt unverhofft und auf brutale Weise aus ihrer Erstarrung gelöst wird. DASATSKISI ist Anfang und Ende, Hölle und Auferstehung, Realismus und Überhöhung, alles zugleich, und ein Film, den man unbedingt auf der großen Leinwand gesehen haben sollte. (Pamela Jahn) (CE)

In der ersten Szene sehen wir die großzügige, schöne Wohnung, das Familienleben scheint intakt, nichts deutet auf extrem religiös eingeschränktes Verhalten hin, sieht man davon ab, dass sie keinen Alkohol trinken (was die Georgier sonst gern und reichlich machen, waren sie doch zu Sowjetzeiten das Weinand). In einen modernen Saal, ein Bethaus, kommen mehrere Familien mit ihren Kindern, ein paar haben sich beim Fußballspielen beschmutzt und wurden deshalb gerügt), es beginnt die Exegese der Stelle aus dem alten Testament, wo Abraham Gott seinen Sohn Isaak opfert. Auch diese ist nicht zufällig gewählt, und wird am Schluss einen Sinn ergeben. Seine Frau Yana will jedoch ihren Mann nicht begleiten und zu Hause bleiben, sie will die Zeit nutzen, sich über ihre Rolle klar zu werden.

Das Bethaus der Zeugen Jehovas, einer in Georgien offenbar nicht beliebten Religionsgemeinschaft wird während einer Bibelstunde (Thema: Abraham opfert Jehova seinen Sohn) mit Molotov-Cocktails angegriffen und in Brand gesteckt. Während der Gemeindevorsteher sofort versucht, ein neues Haus zu finanzieren, bleibt seine Frau Yana zuhause. Sie wird von einem angeblichen Polizisten aufgesucht und sexuell belästigt, er frägt er sie über die sexuellen Praktiken ihres Mannes aus und nimmt das Gespräch auf. Etwas später wird sie in einem seichten Fluss vergewaltigt. Sie kann weder ihrer Mutter noch ihrem Mann die volle Wahrheit sagen und vergiftet danach ihren Sohn, oder opfert sie ihm ihrem Gott? In der Schlußszene ein junger Mann in einer ausgedörrten Landschaft, er fällt um, verfault und zerfällt zu Asche.

Der Film ist komplett statisch im engen 3:4 Format gedreht, es gibt nur wenige, langsame Schwenks. Extrem lange, sperrige Einstellungen kontrastieren mit der an sich actionreichen Handlung. Ein Film, der durchaus zum Nachdenken über religiöse Minderheiten anregt. ***

HAYALETLER – Ghosts
Azra Deniz Okyay

Türkei / Frankreich / Katar 2020, color, 87 Minuten, Cinemascope, Türkisch, OmeU, Wettbewerb Spielfilm

Der Strom fällt aus in Istanbul und die Stadt versinkt mit jeder Stunde mehr im Chaos. Betroffen sind auch vier Menschen aus einem Viertel, dass im Sinne der Gentrifizierung immer mehr der „neuen Türkei“ weichen muss. Eine Mutter, deren Sohn im Gefängnis sitzt und dringend Geld braucht. Eine junge Frau, die immer nur ans Tanzen denken kann. Eine Aktivistin, die gegen unrechtmäßige Inhaftierungen demonstriert und ein Mann, der von moralisch verwerflichen und illegalen Geschäften lebt. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder an diesem Tag und vereinen sich bei einem Deal, der fast schief läuft. (Angela Sirch)(EC)

Dubiose Spekulanten vermieten in Istanbul baufällige und einsturzgefährdete Altwohnungen an syrische Flüchtlinge, Ziel ist jedoch deren Abriss und der Neubau moderner, aber teurer Wohnungen. Ein riesiger Stromausfall verschärft die Lebenssituation der Menschen, Jugendliche wollen ihre Rap-Musik zum Tanzen, wie sie diese Strom so laut spielen können, bleibt mir etwas schleierhaft. Alle haben zuwenig Geld und versuchen welches auszuborgen oder es mit illegalen Geschäften. Dem Film fehlte vor allem ein Spannungsbogen.*

Mare
Andrea Štaka, Schweiz / Kroatien 2020, color, 84 Minuten, Kroatisch / Englisch, OmeU, von analogem Super-16mm (!)

Hausfrau, Mutter, Ehefrau. Mare ist geübt in der klassischen, klischeebehafteten und – wie man hoffen möchte – veralteten Frauenrolle. Dass sie sich darin nicht wohl fühlt und nach mehr Unabhängigkeit und Autonomie sehnt, ignoriert ihr Mann gekonnt. Während er als Security-Mitarbeiter am Flughafen von Dubrovnik Flugzeugen beim Starten zusieht, hebt Mare insgeheim emotional ab: Sie erlebt sexuelle Höhenflüge mit einem jungen Unbekannten. Ein bodenständiger, physischer, auf Super 16mm gedrehter Film, der das Wesentliche nicht mit Worten erzählt, sondern die Bilder für sich sprechen lässt. (Ines Ingerle) (CE)

Das ganz normale Alltagsleben einer Familie, die nahe am Flughafen Dubrovnik lebt. Mare ist eine durchaus lebensfrohe und energiegeladene Frau mit Ehemann, drei teils pubertierenden Kindern und einem ausländischen Liebhaber. Sie träumt immer wieder von hier wegzukommen. Ihr Mann arbeitet beim Sicherheitsdienst des Flughafens, und der Liebhaber wohl auch, den er weiss, wenn ihr Mann Dienst hat. Als der Lover wieder zurück geht, nimmt sie ihren Job an, um so unabhängiger vom Mann zu werden.

*** Mit viel Sexszenen gespickter, unterhaltsamer Film über die Banalitäten des Alltags. Am Schluss erklingt das spanische Lied “Soy pecadora” (ich bin eine Sünderin)

ANNY
Helena Třeštíková, Tschechien 2020, color, 66 Minuten, Tschechisch, OmeU, 3:4, PAN DOC

Helena Třeštíková – mit ihren Filmen seit vielen Jahren Stammgast bei Crossing Europe – legt eine weitere faszinierende Langzeitbeobachtung vor, in der ein individuelles Schicksal mit soziopolitischen Entwicklungen in Tschechien verknüpft wird. Von 1996 bis 2012 folgte sie – einfühlsam und doch mit der nötigen Distanz – der Pragerin Anny, die sich wechselweise als Toilettenfrau und Prostituierte durchs Leben schlägt. Obwohl die mehrfache Mutter gesundheitliche und finanzielle Probleme hat, meistert sie diese mit Lebenswillen und Humor. Ein berührendes Porträt, das vom Überleben in einer harten Welt erzählt. (Oliver Stangl) (EC)

Das tschechische Fernsehen CT hat die Pragerin Anny von 1996 bis zu ihrem Tod begleitet, sie war eine starke Frau, die wirklich jede Arbeit annahm, von der Toilettenfrau bis zu sexuellen Dienstleistungen. Offen und ehrlich berichtet sie davon, warum und wie sie es macht, auf was man achten muss und wie man im Alter mit gesundheitlichen Problemen zu rechnen hat.  Einmal hat sie ein Freier sogar geheiratet, ist dann aber wieder zu seiner ersten Frau zurückgekehrt. ***

ALL-IN
Volkan Üce, Belgien / Niederlande / Frankreich 2021, color, 80 Minuten, Kurdisch / Türkisch / Englisch, OmeU, DOC Wettbewerb.

Ismail and Hakan sind zwei junge Männer, die sich aus ihren Dörfern aufmachen an die Türkische Riviera, um in einem großen All-Inclusive-Resort zu arbeiten. Während die Gäste den Urlaub genießen, sieht die Realität für die Angestellten anders aus. Volkan Üces Film beschäftigt sich auch mit dem Aufeinanderprall zweier Welten, mehr aber noch mit der Entwicklung, die die beiden Männer im Laufe der Zeit durchleben. Von naiv-staunenden Anfängern werden sie zu „abgebrühten“ Profis, die sich auch zusehends klarer werden, was ihre eigene Zukunft betrifft. Ein bemerkenswerter, ehrlicher und aufschlussreicher Dokumentarfilm mit zwei sympathischen Protagonisten. (Andreas Ungerböck) (CE)

Ein Luxus-All-inclusive Resort an der türkischen Riviera und einem Bilderbuch-Palmenstrand. Doch gebadet wird eher im Aqua-Park mit seinen Attraktionen. Ein junger Mann bewirbt sich als Wasserretter, er hat zwar angeblich Schopenhauer und Nietzsche gelesen, aber keine berufliche Erfahrung. Während die Gäste riesige Portionen von den Buffets nehmen und das meiste wieder wegwerfen, wird das Personal streng kontrolliert, ob es nichts getrunken oder eingesteckt hat. Hakan kündigt, nach dem er einen Unfall nicht verhindern konnte. Doch im nächsten Jahr kommt er vielleicht wieder, wo sonst kriegt er Arbeit?

Ein Film der an der Grenze zwischen Fiktion und Doc wandert, handelt die Geschichte doch um die beiden Protagonisten Ismail und Hakan, die als islamisch erzogene Menschen vom Hoteldirektor in guten Sitten erzogen werden müssen, denn die freizügig bekleideten Gäste aus Russland, England oder Deutschland sind für sie Wesen aus einer anderen Welt, ja vielleicht dem Paradis. Allzu kritisch ist der Doc freilich nicht. ***

MILA  –  APPLES
Christos Nikou, Griechenland / Polen / Slowenien 2020, color,3:4,  90 Minuten, Griechisch, OmeU, Wettbewerb Spielfilm

Eine rätselhafte Pandemie hat Teile der Menschheit befallen. Die Betroffenen können sich an ihr bisheriges Leben nicht erinnern und stranden im Nirgendwo, wie der Protagonist Aris, der in einem Bus in Athen aufgegriffen wird. Er kommt ins Spital, und nachdem er offenbar von niemandem vermisst wird, verordnet man ihm ein staatliches Programm, das ihn langsam wieder ans Alltagsleben heranführen soll. Dazu muss er verschiedene Aufgaben bewältigen. Regisseur Nikou begleitet ihn mit einem herrlich lakonischen Humor. Wer sich an Yorgos Lanthimos erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch: Nikou war dessen Regieassistent bei DOGTOOTH (2009). (Andreas Ungerböck) (CE)

In Griechenland grassiert eine neue Pandemie, die eine sofortige Amnesie auslöst. Menschen in der Straßenbahn wissen nicht mehr, wer sie sind, wo sie wohnen, wohin sie  wollten. Sie werden von der Rettung aufgegriffen, und wenn sie keine Dokumente bei sich haben, die sie identifizieren, ins Spital gebracht. Dort werden sie fotografiert und aufwändige psychologische Gedächtnistests werden mit ihnen gemacht. Einige werden von den Angehörigen gefunden, aber nicht viele. Aris, der gerne Äpfel isst,  wird ein Neustart-Programm angeboten. Er bekommt eine Wohnung, Geld und Anweisungen per Tonbandkasetten. Diese werden immer komplexer und können auch „geh in eine Tanzbar, trink viel, such dir eine gute Tänzerin aus und mach mit ihr auf der Toilette Sex, einen one-night-stand“. So freundet er sich tatsächlich mit einer Frau an doch die möchte eine Beziehung aufbauen., inzwischen wird es zeitlich unmöglich, alle Anweisungen gleichzeitig zu befolgen.

Zweifellos sind mit der krankhaften Amnesie auch politische Zustände gemeint. Der Film ist durchgehend spannend, auch Musik spielt eine große Rolle, tragen alte Schlager auch zum Erinnern bei, genauso wie das Twist-Tanzen, und was die Pandemie betrifft, so ein Neustart wäre für viele gar nicht schlecht. Der bislang beste Film! ****

 

Crossing Europe Linz

Der umfangreiche Bericht mit Bildern vom Festival ist hier