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Alice Schwarzer

Alice Schwarzer

Österreich / Deutschland 2022, 100 min, deutsche Originalfassung;
Regie: Sabine Derflinger
„Im erhellenden Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit zeichnet ‚Alice Schwarzer‘ Werdegang und Wirkung der deutschen Frauenrechtlerin und Journalistin nach – und besticht durch unglaubliches Archivmaterial.“ (Falter)

Alice Schwarzer

Der neue Doc von Sabine Derflinger widmet sich der Ikone des Feminismus, Alice Schwarzer. Er ist manchmal witzig und heiter. Schwarzer ist sehr wortgewandt und schlagfertig, immer hochaktiv; kritische Fragen zu ihrer Person wurden nicht gestellt, etwa über eine Steueraffäre. Schwarzer führt uns an den Ort ihrer Kindheit bei Wuppertal, erinnert sich an ihre Zeit in Frankreich, wo sie sich mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre anfreundete. 1977 gründete sie Emma und nahm zu allen nur möglichen Fragen aus feministischer Sicht Stellung, war ein beliebter Gast bei Talkshows. 1978 klagte sie den STERN wegen sexistischer Titelbilder. Sie trat für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ein, sie will die Freier bei Prostitution bestrafen. Wir zeigen die etwas gekürzte 100-Minuten-Fassung, die Festivalkopie hatte 136 min.

Der Film erhielt den Großen Diagonale Preis des Landes Steiermark als besten Dokumentarfilm 2022.

Alice Schwarzer in jungen Jahren in Pisa

Seit Jahrzehnten prägt Alice Schwarzer, Ikone der Zweiten Frauenbewegung, den Diskurs um Geschlechtergerechtigkeit und polarisiert mit ihren Statements. Sabine Derflinger, die sich bereits mit DIE DOHNAL Frauenministerin / Feministin / Visionärin einer außergewöhnlichen Frau gewidmet hat, verschränkt in ihrem neuen Film die Ebenen von Vergangenheit und Gegenwart, begleitet einen bewegten Alltag zwischen „EMMA“-Redaktion, öffentlichen Auftritten und Selbstreflexion. (Diagonale Katalogtext)

„Während ich mich auf den Film mit Alice Schwarzer vorbereite, lese, wieder lese und Archivmaterial sichte, beschäftige ich mich auch mit den Kontroversen, die Alice Schwarzer ausgelöst hat. Die Beschäftigung mit ihr figuriert eine Vielheit an Stimmen und Meinungen. Das ist spannend für den Film, und dennoch gilt es, das Wesentliche ihres Schaffens im Fokus zu behalten“, schreibt Regisseurin Sabine Derflinger. Ihre biografische Annäherung beginnt sie dann auch gleich mit einem Auftritt, 1975 im WDR ausgestrahlt, der seinerzeit polarisierte und starkes mediales Echo hervorrief: Alice Schwarzer im TV-Duell mit Esther Vilar, die in ihrem Buch „Der dressierte Mann“ die Männer vor den Frauen in Schutz nahm. Im Anschluss schrieb die „Berliner Morgenpost“: „Die Emanzipiertheit von Alice Schwarzer ist von der Art, die kein Mann unterstützen möchte und von der sich auch die meisten Frauen distanzieren dürften.“ Die „Ruhr Nachrichten“ spöttelten indes: „Ihr Redefluß hätte nur durch das Herausreißen der Zunge gestoppt werden können.“

1975, da war Schwarzer schon einige Jahre mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet, ihr wichtiges Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ war gerade veröffentlicht worden und bis zum Erscheinen der ersten Ausgabe von „EMMA“ waren es nur noch wenige Monate. Sabine Derflinger, die sich erst 2019 mit DIE DOHNAL Frauenministerin / Feministin / Visionärin einer außergewöhnlichen Frau gewidmet hat, setzt mit Alice Schwarzer diese Linie fort. Sie geht dabei zurück bis zu Schwarzers Anfängen als Journalistin, die sich mit großer Begeisterung auch in scheinbar unbedeutende Sachverhalte vertiefte, keinen Konflikt scheute, die Kraft der Provokation schnell begriff. Dabei erzählt ihr Film nicht chronologisch, sondern verschränkt Vergangenheit und Gegenwart miteinander, versucht, Bezüge herzustellen. Archivmaterial wechselt mit teils sehr privaten Aufnahmen, die Schwarzer beispielsweise mit Bettina Flitner zeigen, Fotografin und seit 2018 Schwarzers Ehefrau.

Darüber hinaus bezieht die Ikone der Zweiten Frauenbewegung Stellung zu ihrer kontrovers diskutierten Berichterstattung zum Kachelmann-Prozess in „BILD“, streift ihre Positionen sowohl zum politischen Islam als auch zur Prostitution. Ergebnis ist ein bewegter Fluss durch die Jahrzehnte: Alice Schwarzer als engagierte und leidenschaftliche Chefin der noch immer in Köln aufgelegten „EMMA“, als Talkshow-Host und Gast diverser Fernsehformate, in Algerien, auf einer Brücke beim Fachsimpeln mit Passanten über das beste Kölsch, in einem Münchner Hotelzimmer sich schminkend und dabei die eigene öffentliche Rezeption reflektierend. „Durch das Aufeinanderprallen der Zeitebenen können wir die Veränderung wahrnehmen und ihr Werk in einer Gesamtheit begreifen, ohne dass die Hälfte des Inhalts weggelassen wird, ohne zu polarisieren, ohne den Feminismus zu zersetzen und die Generationen von Feminist*innen zu entzweien“, so Derflinger. (Katalogtext, cw)

Ausführliche Rezension von Walter Gasperi unter: https://www.film-netz.com/post/diagonale-22-von-klassisch-bis-jugendlich-frisch-ein-res%C3%BCmee

Trailer: https://youtu.be/f-IzRIGOrUI