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Corsage

Corsage

Regie: Marie Kreutzer, A/D/F (arte)/Lux 2022, Scope, 113 Min.

Der neue „Sisi“- Film über die österr.- ungarische Kaiserin Elisabeth ist eine feministische Darstellung der Befindlichkeiten der Kaiserin um 1877, als sie 40 Jahre alt wurde. Dies war damals die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen. Bei Ehebruch wurden damals Frauen in die Psychiatrie gesteckt und mit kalten Bädern abgekühlt. Mit einigen historischen Fakten wird recht „kreativ“ umgegangen, d.h. sie stimmen nicht oder sind zeitlich falsch platziert, etwa wurde die Cinematographie erst 1895 durch die Gebr. Lumiére erfunden.
Die Aufgabe der Kaiserin war es zu repräsentieren, die des Kaisers zu regieren. Zu Beginn des Films, nachdem sie sich so eng wie möglich das Corsett zuschnüren ließ, sollte sie mit dem Kaiser einen neuen Prachtbau auf der Wiener Ringstraße eröffnen, doch sie fällt bei Einsteigen in die Kutsche in Ohnmacht. Dies hat sie gut geübt, wenn sie etwas nicht machen will, fällt sie einfach in Ohnmacht und ist entschuldigt.
Sisi raucht, nähert sich manchen Männern (etwa dem Reitlehrer) näher, als es das Hofzerimoniell erlaubt, sie hat Essstörungen (während die Gesellschaft mehrere Gänge an der feierlich gedeckten Tafel verzehrt, nimmt sie nur eine fein aufgeschnittene Orange zu sich), ist depressiv (bekommt dagegen das „harmlose“ Heroin verschrieben), ist sportlich (v.a. beim Reiten), reist gerne und hält sich gerne im ungarischen Teil des Reiches auf.

Das Männerbild ist ebenso „feministisch“: der Kaiser ist ein cholerischer und schmieriger Ungustl, und wenn sie, selten genug, mal Sex mit ihm will, kann er nicht. Ähnliches widerfährt ihr mit dem Bayrischen König Ludwig II. Dennoch liebt sie ihren Kaiser Franz Josef (der hier einen aufgeklebten Bart hat) und ihre Tochter, die sie nach ihren Vorstellungen mehrsprachig erziehen lässt. Auch ihr tragischer Tod wurde stark verändert. Der fand zwar tatsächlich auf einem Schiff statt (aber nicht in Italien, sondern in Genf) und nicht so wie dargestellt.

Auch die Farbdramaturgie ist bemerkenswert. Der Film ist in kühlen Blautönen gehalten, die Farben sind eher stumpf und düster. Erst beim tragischen Ende leuchten auch mal warme, leuchtende Farben auf, die Erfüllung der Todessehnsucht.

Es geht Kreutzer also darum, das kitschige Sisi-Bild der jungen Romy-Schneider zu zerstören und zu zeigen wie weit sie sich doch aus dem goldenen Käfig befreien und welche Freiheiten sie sich gönnen konnte. Hintergrund-Filmmusik hat der Film kaum, wenn Musik vorkommt (etwa von den Stones „When Tears Go By“ auf der Harfe gespielt), dann ist es die Kaiser-Hymne oder welche des 20. oder 21. Jhdts.

 Der Film errang in Cannes „Un Certain Regard“ als beste Darstellerin für Vicky Krieps.
*** Langweilig ist er nicht, aber er fokussiert sich nur auf die Kaiserin ab 40 und einige Details stimmen nicht. Bei mir hinterließ er deshalb einen zwiespältigen Eindruck.