Epicentro

Epicentro

Dokumentarfilm, AT/FR 2020, 108 min, spanische, englische OmU
Regie, Buch, Kamera: Hubert Sauper

In Havanna, Kuba, steht Veränderung vor der Tür. Fidel Castro ist tot, in den USA ist Trump der neue Präsident. Kann die karibische Republik das Paradies bleiben, für das es einige halten? Was wird aus der politischen Utopie? Hubert Sauper legt in seinem Film viele Fährten aus, es geht um die Macht der Kamera, Hollywood und Imperialismus. Um Tourist/innen und vermeintliche Kubafreund/innen, einen Fotografen aus New York und Kompliz/innenschaft.

Kubanische Frau mit Fidel-Plakat

Hubert Sauper geht in Epicentro auf eine Reise. Das Imaginative spielt eine Rolle, genauso aber auch beinharte Realität. Wir befinden uns auf Kuba. Ist dort das Paradies zu finden? Immer wieder geistert der Begriff durch den Film, ebenso das Wort „Utopie“, das man folgendermaßen übersetzen kann: good place oder no place.

Inspiriert hat Sauper unter anderem ein Buch von Johannes Schmidl namens „Energie und Utopie“. Hier geht es auch darum, wie es sich mit Paradoxien leben lässt. Und warum der Mensch dazu tendiert, am Status quo festzuhalten. Epicentro legt viele Fährten aus. Die Macht des Kinos ist von zentraler Bedeutung („Kino ist Hexerei“) und natürlich die USA, der benachbarte „Imperialist“, von dem sich viele, die Sauper mit seiner Kamera einfängt, bedroht fühlen, der aber gleichzeitig enorm fasziniert. Die USA seien für sie Disney, sagt eine junge Frau in einer Bar. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio und dazwischen Mickey Mouse. In einer anderen Szene torkelt in einem Wohnzimmer Captain Jack Sparrow über den Fernsehbildschirm.

Sauper agiert in Epicentro mit freier Kamera, man wird eingewebt in eine Stadt, Havanna, in der ­sich Marodes, Aufpoliertes, verbliebener Kommunismus und in Form von Tourist/innen einströmender Kapitalismus (ein Federhalter für mehr als 2.000 US-Dollar in einer Auslage) vermischen. Ein älterer Deutscher und Anhänger des Tango, der sich im Land gut auszukennen meint, fasst das Leben auf Kuba als wohlhabender weißer Mann so: „Sonne, leben, Spaß haben.“ Ein Fotograf aus New York wiederum verschenkt einen Kugelschreiber an einen kleinen Jungen, weil der eine Gegenleistung vom Fremden erwartet, der unaufgefordert in die Wohnbereiche seiner Familie eingedrungen ist und nun alle und alles ablichtet. Normalerweise würde er so etwas nicht tun, für Fotos in irgendeiner Form bezahlen. Denn: „Getting photographed by me is an honor.“

Der Kontrast, wie sich Sauper seinen Protagonist/innen nähert, tritt dann umso deutlicher hervor. Sauper ist kein Imperialist mit Kamera in der Hand, er wird zum Komplizen, insbesondere der Kinder, die im Film zu sehen sind. Vor allem ein Mädchen sticht hervor, an der Schwelle zur Frau, das von einer Karriere als Schauspielerin träumt und dem man streckenweise auch zutraut, dass es diesen Traum verwirklichen wird. Während der Dreharbeiten stirbt Fidel Castro, und ein paar Kilometer weiter nördlich kommt Donald Trump an die Macht. Epicentro wird möglicherweise zum Epizentrum eines sich ankündigenden Umbruchs. (Katalogtext Diagonale, cw)

Für mich, der schon auf Kuba war und persönliche Beziehungen bis heute pflegt, war dies der beste Film des Festivals. Zu Beginn bekommen wir eine Lektion in Filmgeschichte; ist der Film nicht generell Fake? Ganze Seeschlachten wurden mit Modellen in der Badewanne gefilmt. Kubas Jugend bekommt dies erklärt. Er zeigt Havanna vor der Pandemie aus dem Blickwinkel von Touristen (dem schlimmsten Aggregatzustand des Menschen), die ein Sozialismus-Museum erleben wollen, aber auch von Kindern, die fröhlich und selbstsicher Fragen zur Geschichte beantworten. Natürlich hören wir Guantanamera, die kubanische Nationalhymne und die Internationale. In großartigen Bildern sehen wir, wenn wir vom Malecon in Richtung Miami blicken stürmische Wellen, die meterhoch aufbrausen. Es wird nicht verschwiegen, dass die wunderschöne Altstadt von La Habana in sehr desolatem Zustand ist, Medikamente und Lebensmittel knapp sind und es Prostitution gibt. Aber solange es Salsa-Musik und Rum gibt, sind die Menschen noch fröhlich. Damals durften riesige Kreuzfahrtschiffe noch in Havanna einfahren und auch amerikanische Touristen erstaunt das Revolutionsmuseum besuchen. Zwei fotogene Kinder hat Sauper ins Herz geschlossen und sogar in Hotels und Shopping Malls eingeschleust, die nur für die zahlungskräftigen Ausländer bestimmt sind.

Wer nicht gerade ein Trump-Anhänger ist und den Imperialismus gut findet, wird diesen Film lieben!****

Trailer hier

Epicentro

Epicentro

Dokumentarfilm, AT/FR 2020,  108 min, spanisch, englisch OmU
Regie, Buch, Kamera : Hubert Sauper

In Havanna, Kuba, steht Veränderung vor der Tür. Fidel Castro ist tot, in den USA ist Trump der neue Präsident. Kann die karibische Republik das Paradies bleiben, für das es einige halten? Was wird aus der politischen Utopie? Hubert Sauper legt in seinem Film viele Fährten aus, es geht um die Macht der Kamera, Hollywood und Imperialismus. Um Tourist/innen und vermeintliche Kubafreund/innen, einen Fotografen aus New York und Kompliz/innenschaft.

Hubert Sauper geht in Epicentro auf eine Reise. Das Imaginative spielt eine Rolle, genauso aber auch beinharte Realität. Wir befinden uns auf Kuba. Ist dort das Paradies zu finden? Immer wieder geistert der Begriff durch den Film, ebenso das Wort „Utopie“, das man folgendermaßen übersetzen kann: good place oder no place.

Inspiriert hat Sauper unter anderem ein Buch von Johannes Schmidl namens „Energie und Utopie“. Hier geht es auch darum, wie es sich mit Paradoxien leben lässt. Und warum der Mensch dazu tendiert, am Status quo festzuhalten. Epicentro legt viele Fährten aus. Die Macht des Kinos ist von zentraler Bedeutung („Kino ist Hexerei“) und natürlich die USA, der benachbarte „Imperialist“, von dem sich viele, die Sauper mit seiner Kamera einfängt, bedroht fühlen, der aber gleichzeitig enorm fasziniert. Die USA seien für sie Disney, sagt eine junge Frau in einer Bar. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio und dazwischen Mickey Mouse. In einer anderen Szene torkelt in einem Wohnzimmer Captain Jack Sparrow über den Fernsehbildschirm.

Sauper agiert in Epicentro mit freier Kamera, man wird eingewebt in eine Stadt, Havanna, in der ­sich Marodes, Aufpoliertes, verbliebener Kommunismus und in Form von Tourist/innen einströmender Kapitalismus (ein Federhalter für mehr als 2.000 US-Dollar in einer Auslage) vermischen. Ein älterer Deutscher und Anhänger des Tango, der sich im Land gut auszukennen meint, fasst das Leben auf Kuba als wohlhabender weißer Mann so: „Sonne, leben, Spaß haben.“ Ein Fotograf aus New York wiederum verschenkt einen Kugelschreiber an einen kleinen Jungen, weil der eine Gegenleistung vom Fremden erwartet, der unaufgefordert in die Wohnbereiche seiner Familie eingedrungen ist und nun alle und alles ablichtet. Normalerweise würde er so etwas nicht tun, für Fotos in irgendeiner Form bezahlen. Denn: „Getting photographed by me is an honor.“

Der Kontrast, wie sich Sauper seinen Protagonist/innen nähert, tritt dann umso deutlicher hervor. Sauper ist kein Imperialist mit Kamera in der Hand, er wird zum Komplizen, insbesondere der Kinder, die im Film zu sehen sind. Vor allem ein Mädchen sticht hervor, an der Schwelle zur Frau, das von einer Karriere als Schauspielerin träumt und dem man streckenweise auch zutraut, dass es diesen Traum verwirklichen wird. Während der Dreharbeiten stirbt Fidel Castro, und ein paar Kilometer weiter nördlich kommt Donald Trump an die Macht. Epicentro wird möglicherweise zum Epizentrum eines sich ankündigenden Umbruchs. (Katalogtext Diagonale, cw)

Für mich, der schon auf Kuba war und persönliche Beziehungen bis heute pflegt, war dies der beste Film des Festivals. Zu Beginn bekommen wir eine Lektion in Filmgeschichte; ist der Film nicht generell Fake? Ganze Seeschlachten wurden mit Modellen in der Badewanne gefilmt. Kubas Jugend bekommt dies erklärt. Er zeigt Havanna vor der Pandemie aus dem Blickwinkel von Touristen (dem schlimmsten Aggregatzustand des Menschen), die ein Sozialismus-Museum erleben wollen, aber auch von Kindern, die fröhlich und selbstsicher Fragen zur Geschichte beantworten. Natürlich hören wir Guantanamera, die kubanische Nationalhymne und die Internationale. In großartigen Bildern sehen wir, wenn wir vom Malecon in Richtung Miami blicken stürmische Wellen, die meterhoch aufbrausen. Es wird nicht verschwiegen, dass die wunderschöne Altstadt von La Habana in sehr desolatem Zustand ist, Medikamente und Lebensmittel knapp sind und es Prostitution gibt. Aber solange es Salsa-Musik und Rum gibt, sind die Menschen noch fröhlich. Damals durften riesige Kreuzfahrtschiffe noch in Havanna einfahren und auch amerikanische Touristen erstaunt das Revolutionsmuseum besuchen. Zwei fotogene Kinder hat Sauper ins Herz geschlossen und sogar in Hotels und Shopping Malls eingeschleust, die nur für die zahlungskräftigen Ausländer bestimmt sind.

Wer nicht gerade ein Trump-Anhänger ist und den Imperialismus gut findet, wird diesen Film lieben!****

Trailer hier

Papicha

Papicha

Frankreich / Algerien / Belgien /Katar 2019, 105 min, arab. O.m.U.
Regie: Mounia Meddour; Drehbuch: Fadette Drouard, Mounia Meddur.

Eine junge algerische Studentin will 1997 eine Modenschau veranstalten, obwohl das nicht einfach ist, da in ihrem Land Frauen unterdrückt werden. – „Ein dynamischer, leidenschaftlicher, glühender Film.“ (Watson.ch)

Mounia Meddour

Algier in den 90er Jahren. Die 18-jährige Studentin Nedjma lebt im Studentenwohnheim und träumt davon, Modedesignerin zu werden. Nach Einbruch der Nacht schlüpft sie mit ihren besten Freundinnen durch den Zaun des Wohnheims, und geht in den Nachtclub, wo sie den „Papichas“, hübschen algerischen Mädchen, ihre Kreationen verkauft. Die politische und soziale Lage im Land verschlechtert sich zunehmend. Ungeachtet dieser Ausweglosigkeit beschließt Nedjma, für ihre Freiheit zu kämpfen, und veranstaltet eine Modenschau, mit der sie sich über alle Verbote hinwegsetzt.

Nachdem PAPICHA das Publikum in Cannes bewegte, wurde er nach und nach zum Referenzfilm für die neue algerische Generation, als Symbol für ihren Wunsch nach Meinungsfreiheit. Er wurde für Algerien bei den Oscars für den besten internationalen Film nominiert, auch wenn der algerische Kinostart danach zensiert wurde.

Die Geschichte ist inspiriert von den eigenen Erfahrungen der Regisseurin Mounia Meddour und ihrer vier Freundinnen, die alle von einem neuen Leben träumten.


Ausführliche Besprechung unter: https://www.film-netz.com/post/papicha

Trailer hier

Papicha

Papicha

Frankreich / Algerien / Belgien /Katar 2019, 105 min, arab. O.m.U.
Regie: Mounia Meddour; Drehbuch: Fadette Drouard, Mounia Meddur.

Eine junge algerische Studentin will 1997 eine Modenschau veranstalten, obwohl das nicht einfach ist, da in ihrem Land Frauen unterdrückt werden. – „Ein dynamischer, leidenschaftlicher, glühender Film.“ (Watson.ch)

Algier in den 90er Jahren. Die 18-jährige Studentin Nedjma lebt im Studentenwohnheim und träumt davon, Modedesignerin zu werden. Nach Einbruch der Nacht schlüpft sie mit ihren besten Freundinnen durch den Zaun des Wohnheims, und geht in den Nachtclub, wo sie den „Papichas“, hübschen algerischen Mädchen, ihre Kreationen verkauft. Die politische und soziale Lage im Land verschlechtert sich zunehmend. Ungeachtet dieser Ausweglosigkeit beschließt Nedjma, für ihre Freiheit zu kämpfen, und veranstaltet eine Modenschau, mit der sie sich über alle Verbote hinwegsetzt.

Nachdem PAPICHA das Publikum in Cannes bewegte, wurde er nach und nach zum Referenzfilm für die neue algerische Generation, als Symbol für ihren Wunsch nach Meinungsfreiheit. Er wurde für Algerien bei den Oscars für den besten internationalen Film nominiert, auch wenn der algerische Kinostart danach zensiert wurde.

Die Geschichte ist inspiriert von den eigenen Erfahrungen der Regisseurin Mounia Meddour und ihrer vier Freundinnen, die alle von einem neuen Leben träumten.


Ausführliche Besprechung unter: https://www.film-netz.com/post/papicha

Trailer hier

Ema

Ema

Chile 2019, 101 Min, spanische OmU
Regie: Pablo Larraín, mit Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal u.v.m.

Ema

Ema und Gastón sind künstlerische Freigeister einer Tanzkompanie. Ihr Leben wird von einem Tag auf den anderen aus den Angeln gerissen, als ihr kleiner Adoptivsohn Polo Emas Schwester schwer verletzt. Impulsiv und radikal wie sie ist, entscheidet sich Ema, das Kind wieder fortzugeben, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Plötzlich steht die junge Tänzerin im Kreuzfeuer der Kritik. Ihr Partner, die Kollegen, das Jugendamt alle verurteilen ihre Entscheidung als eigenmächtig und herzlos. Was nun folgt, steh t auf keinem Blatt der Welt geschrieben: Statt zu leiden, stürzt sich die selbstbewusste Ema ins Leben. Zusammen mit ihrer Mädchen Gang legt sie die Welt um sich herum in Flammen. Reggaeton, der Tanz der Straße und der Jugend, ist dabei ihr Ventil. Liebe, Familie, Kunst Ema sprengt alle Koordinaten. Sie experimentiert, überschreitet Grenzen, verführt Männer und Frauen um am Ende alle Fäden des Schicksals selbst in der Hand zu halten.

Pablo Larraín (NO, NERUDA) widmet sich mit EMA der heutigen Jugend, ihrer Absolutheit, ihrer Freiheit, ihrer Kompromisslosigkeit. In seinen flirrenden, aufgeladenen Bildern, die zwischen harter Realität und Metapher oszillieren, fängt Larraín die explosive Kraft einer unvergesslichen Heldin ein. Wer sich auf dieses flammend e Avantgarde Märchen einlässt, wird mitgerissen in ein Delirium,das auf der Leinwand seinesgleichen sucht. Modernes, schillerndes, vielleicht sogar wahnsinniges Kino at its best!

Ausführliche Besprechung von Walter Gasperi unter: https://www.film-netz.com/post/streaming-ema-ema-y-gast%C3%B3n

Ema ist Tänzerin und lebt zusammen mit Gastón. Sie hatten ein Waisenkind adoptiert, doch nach kurzer Zeit entschied sich Ema, ihn „zurückzugeben“, da er mit Feuer spielte und jemanden verletzt hat. Ihr Umfeld reagierte entsetzt und auch Ema scheint es sich überlegt zu haben. Doch als das Adoptionsamt ihr sagt, dass er bei einer neuen Familie ist, ist Ema klar: Sie zieht in den Krieg! Ihre Waffen: Sex, Tanz – und ein Flammenwerfer!

„Ein heftiger Film, der unmittelbar an die frühen Melodramen von Pedro Almodóvar erinnert und sich kräftig ins Gedächtnis brennt.“ (cineman)

„Durch seine intensive szenische Erzählweise findet der außergewöhnliche Film markante Bilder für die Ambivalenz von Mutterschaft und verbindet die Kraft des Reggaeton-Tanzes eindrucksvoll mit der Suche nach neuen Lebensweisen.“ (filmdienst.de)
„Der Film ist spielerisch montiert, zärtlich inszeniert und fein intoniert. Ema y Gastón ist ein cineastischer Leckerbissen.“ (SRF 2 Kultur)

„Eine gestalterisch aussergewöhnliche Geschichte voller Liebe, Passion, Tanz und Musik. Ein bildgewaltiges Werk mit Sogwirkung.“ (Kulturtipp)

Trailer: https://youtu.be/-tFtNnZ_zgM

Ema

Ema

Chile 2019, 101 Min, spanische OmU
Regie: Pablo Larraín, mit Mariana Di Girolamo, Gael García Bernal u.v.m.

Ema und Gastón sind künstlerische Freigeister einer Tanzkompanie. Ihr Leben wird von einem Tag auf den anderen aus den Angeln gerissen, als ihr kleiner Adoptivsohn Polo Emas Schwester schwer verletzt. Impulsiv und radikal wie sie ist, entscheidet sich Ema, das Kind wieder fortzugeben, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Plötzlich steht die junge Tänzerin im Kreuzfeuer der Kritik. Ihr Partner, die Kollegen, das Jugendamt alle verurteilen ihre Entscheidung als eigenmächtig und herzlos. Was nun folgt, steh t auf keinem Blatt der Welt geschrieben: Statt zu leiden, stürzt sich die selbstbewusste Ema ins Leben. Zusammen mit ihrer Mädchen Gang legt sie die Welt um sich herum in Flammen. Reggaeton, der Tanz der Straße und der Jugend, ist dabei ihr Ventil. Liebe, Familie, Kunst Ema sprengt alle Koordinaten. Sie experimentiert, überschreitet Grenzen, verführt Männer und Frauen um am Ende alle Fäden des Schicksals selbst in der Hand zu halten.

Pablo Larraín (NO, NERUDA) widmet sich mit EMA der heutigen Jugend, ihrer Absolutheit, ihrer Freiheit, ihrer Kompromisslosigkeit. In seinen flirrenden, aufgeladenen Bildern, die zwischen harter Realität und Metapher oszillieren, fängt Larraín die explosive Kraft einer unvergesslichen Heldin ein. Wer sich auf dieses flammend e Avantgarde Märchen einlässt, wird mitgerissen in ein Delirium,das auf der Leinwand seinesgleichen sucht. Modernes, schillerndes, vielleicht sogar wahnsinniges Kino at its best!

Ausführliche Besprechung von Walter Gasperi unter: https://www.film-netz.com/post/streaming-ema-ema-y-gast%C3%B3n

Ema ist Tänzerin und lebt zusammen mit Gastón. Sie hatten ein Waisenkind adoptiert, doch nach kurzer Zeit entschied sich Ema, ihn „zurückzugeben“, da er mit Feuer spielte und jemanden verletzt hat. Ihr Umfeld reagierte entsetzt und auch Ema scheint es sich überlegt zu haben. Doch als das Adoptionsamt ihr sagt, dass er bei einer neuen Familie ist, ist Ema klar: Sie zieht in den Krieg! Ihre Waffen: Sex, Tanz – und ein Flammenwerfer!

„Ein heftiger Film, der unmittelbar an die frühen Melodramen von Pedro Almodóvar erinnert und sich kräftig ins Gedächtnis brennt.“ (cineman)

„Durch seine intensive szenische Erzählweise findet der außergewöhnliche Film markante Bilder für die Ambivalenz von Mutterschaft und verbindet die Kraft des Reggaeton-Tanzes eindrucksvoll mit der Suche nach neuen Lebensweisen.“ (filmdienst.de)
„Der Film ist spielerisch montiert, zärtlich inszeniert und fein intoniert. Ema y Gastón ist ein cineastischer Leckerbissen.“ (SRF 2 Kultur)

„Eine gestalterisch aussergewöhnliche Geschichte voller Liebe, Passion, Tanz und Musik. Ein bildgewaltiges Werk mit Sogwirkung.“ (Kulturtipp)

Trailer: https://youtu.be/-tFtNnZ_zgM

Ema

 

Sigmund Freud – Jude ohne Gott

Sigmund Freud – Jude ohne Gott

Frankreich /Österreich 2020, 97 min, deutsche Originalfassung
Regie: David Teboul, mit der Stimme von Birgit Minichmayr als Anna Freud.

Bisher unveröffentlichte Archivbilder vergegenwärtigen Freud nicht nur als genialen Wissenschaftler und Autor, sondern auch als Privatmenschen in all seinen unterschiedlichen Facetten.

Sigmund und Anna Freud

Es gelingt Regisseur Teboul ein Doppelporträt von Sigmund Freud und seiner Tochter Anna. Im Londoner Familienexil durchforstet sie die Korrespondenz ihres Vaters und erzählt den Film höchst subjektiv und im Zwiegespräch mit Sigmund Freud und seinen Briefpartnern. Aktuelle Bilder und neu gefundenes Archivmaterial zeigen das Leben Freuds im Exil und auf Reisen, seine Arbeit und die intensive Verbindung mit seiner Tochter Anna, die nicht nur seine Wegbegleiterin und Gralshüterin des Freud’schen Erbes war, sondern als Erforscherin der kindlichen Psyche selbst Geschichte schrieb. „Ein cineastischer Leckerbissen.“ (Die Furche)

Bemerkenswert sind die recht gut restaurierten Home Movies aus dem Hause Freud, die auch seine Beziehung zu seinem Hund und seinen Lebensstil als Raucher zeigen, aus wissenschaftshistorischer Sicht ist der Film vielleicht etwas weniger ergiebig. Norbert Fink

Im Wien der Jahrhundertwende entwickelt ein visionärer und bahnbrechender Sigmund Freud die Psychoanalyse, bis er 1938 ins Exil nach London gezwungen wird. Ein intimes Porträt, das – auch aus der Perspektive seiner Tochter Anna erzählt – auf Freuds Korrespondenzen und Texten basiert, und eine Befragung von „Heimat“ und „jüdischer Identität“. Bisher unveröffentlichte Archivbilder vergegenwärtigen Freud nicht nur als genialen Denker, sondern auch als Privatmenschen in all seinen unterschiedlichen Facetten.

„Ein cineastischer Leckerbissen. […] Wenn auf einen Film das Wort ‚Kleinod‘ passt, dann auf diese unprätentiöse Näherung.“ (Die Furche)

„Diese raren Filmaufnahmen der Freuds in Wien aus den 1930er Jahren sind nur eine der wertvollen Material-Entdeckungen, die der französische Regisseur David Teboul in seinem Film zusammengetragen hat.“ (ORF)

„Der Film kommt dem Menschen tatsächlich sehr nahe, ohne den zeitgeschichtlichen Kontext aus den Augen zu lassen.“ (Salzburger Nachrichten)

„Der Film schildert mit Feinheit, Vertrautheit und visueller Eleganz die Figur des Vaters der Psychoanalyse.“ (Le Monde)

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=9CGYW9rwyUs

Sigmund Freud – Jude ohne Gott

Sigmund Freud – Jude ohne Gott

Frankreich /Österreich 2020, 97 min, deutsche Originalfassung
Regie: David Teboul, mit der Stimme von Birgit Minichmayr als Anna Freud.

Bisher unveröffentlichte Archivbilder vergegenwärtigen Freud nicht nur als genialen Wissenschaftler und Autor, sondern auch als Privatmenschen in all seinen unterschiedlichen Facetten.

Es gelingt Regisseur Teboul ein Doppelporträt von Sigmund Freud und seiner Tochter Anna. Im Londoner Familienexil durchforstet sie die Korrespondenz ihres Vaters und erzählt den Film höchst subjektiv und im Zwiegespräch mit Sigmund Freud und seinen Briefpartnern. Aktuelle Bilder und neu gefundenes Archivmaterial zeigen das Leben Freuds im Exil und auf Reisen, seine Arbeit und die intensive Verbindung mit seiner Tochter Anna, die nicht nur seine Wegbegleiterin und Gralshüterin des Freud’schen Erbes war, sondern als Erforscherin der kindlichen Psyche selbst Geschichte schrieb. „Ein cineastischer Leckerbissen.“ (Die Furche)

Bemerkenswert sind die recht gut restaurierten Home Movies aus dem Hause Freud, die auch seine Beziehung zu seinem Hund und seinen Lebensstil als Raucher zeigen, aus wissenschaftshistorischer Sicht ist der Film vielleicht etwas weniger ergiebig. Norbert Fink

Bemerkenswert sind die recht gut restaurierten Home Movies aus dem Hause Freud, die auch seine Beziehung zu seinem Hund und seinen Lebensstil als Raucher zeigen, aus wissenschaftshistorischer Sicht ist der Film vielleicht etwas weniger ergiebig. Norbert Fink

Im Wien der Jahrhundertwende entwickelt ein visionärer und bahnbrechender Sigmund Freud die Psychoanalyse, bis er 1938 ins Exil nach London gezwungen wird. Ein intimes Porträt, das – auch aus der Perspektive seiner Tochter Anna erzählt – auf Freuds Korrespondenzen und Texten basiert, und eine Befragung von „Heimat“ und „jüdischer Identität“. Bisher unveröffentlichte Archivbilder vergegenwärtigen Freud nicht nur als genialen Denker, sondern auch als Privatmenschen in all seinen unterschiedlichen Facetten.

„Ein cineastischer Leckerbissen. […] Wenn auf einen Film das Wort ‚Kleinod‘ passt, dann auf diese unprätentiöse Näherung.“ (Die Furche)

„Diese raren Filmaufnahmen der Freuds in Wien aus den 1930er Jahren sind nur eine der wertvollen Material-Entdeckungen, die der französische Regisseur David Teboul in seinem Film zusammengetragen hat.“ (ORF)

„Der Film kommt dem Menschen tatsächlich sehr nahe, ohne den zeitgeschichtlichen Kontext aus den Augen zu lassen.“ (Salzburger Nachrichten)

„Der Film schildert mit Feinheit, Vertrautheit und visueller Eleganz die Figur des Vaters der Psychoanalyse.“ (Le Monde)

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=9CGYW9rwyUs

Crossing Europe Linz, 2021

Bericht Crossing Europe Linz 21 im Zeichen der Corona Krise

Auch wenn viele Corona-Maßnahmen gelockert wurde, bleibt doch eine Reihe von lästigen Details, die das Leben kompliziert machen. Das Ticketsystem ist auf den ersten Blick sehr kompliziert. Als Akkreditierter muss man sich gleich doppelt zu jedem Film anmelden – erstens mit jener eMail-Adresse, mit der man um die Akkreditierung ansuchte, sich registrieren. Dann kann man aus den Filmen des derzeitigen und nächsten Tages die Filme aussuchen und sogar den Sitzplatz aussuchen (so es noch welche unter der 50% Beschränkung gibt) und dann reservieren. Dann muss man die Reservierungsbestätigung per eMail abwarten und diese nochmals bestätigen. Doch dem nicht genug! Zwischen 120 und 30 Min vor der reservierten Vorstellung muss man das eTicket anfordern und kriegt es als pdf wieder zugemailt. Dadurch wird es fast unmöglich, zwei aufeinanderfolgende Filme zu sehen, denn dazu müsste man während der erste Film läuft dies im Kinosaal machen, was ja verboten ist. Dies reduziert die Auswahl deutlich.
Hier meine Meinung zu den gesehenen Filmen, vorangestellt ist der Katalog-Text (CE).

Mandibules
Quentin Dupieux, Frankreich / Belgien 2020, color, 78 Minuten, Französisch, Scope, OmeU

Bss bss bss tönt es aus dem Kofferraum jenes alten Mercedes, den die Einfaltspinsel Manu und Jean-Gab geklaut haben, um eine Aktentasche von A nach B zu transportieren. Verursacherin des Geräuschs ist eine Fliege in der Größe eines Terriers. Die Freunde beschließen, das Insekt zu trainieren, um damit richtig viel Geld zu verdienen. Chef-Absurdist Quentin Dupieux ist ein Ausnahmeregisseur des europäischen Kinos, nicht zuletzt da er seine irrwitzigen Konzepte mit einer bemerkenswerten Beiläufigkeit inszeniert. Gesteuert wurde die Riesenfliege übrigens von Dave Chapman, der in der jüngsten STAR WARS-Trilogie den Droiden BB-8 zum Leben erweckt hat. (CE)

Zur Eröffnungsveranstaltung habe ich keine Karte mehr bekommen, ich ergatterte noch die Vorletzte für einen Eröffnungsfilm. Mandibules enttäuschte mich aber etwas. Die scheidende Festivalleiterin Christine Dollhofer preiste ihn als aberwitzig, absurd  und surreal in den höchsten Tönen. Zwei geistig eher einfach gestrickte Ganoven sollen gegen ein schönes Honorar eine Tasche in einem Kofferraum von A nach B bringen, und wundern sich über die seltsamen Geräusche, die nicht vom geklauten alten Benz stammen können. Es ist nämlich eine Riesenfliege, die sie Dominique nennen. Die wollen sie nicht zurückgeben, sondern zirkusmäßig trainieren und als Drohne für einen Bankraub verwenden. Dabei werden sie von einer Mädchenclique mit jemandem verwechselt und eingeladen. Ich fand die Story etwas dünn, die Tricktechnik mit der Riesenfliege war gut gemacht, und Riesen-Gozillas, -Ameisen und Affen gab es ja schon. Es ist halt sehr schwierig eine gute Komödie zu machen. **

DASATSKISI –Beginning
Dea Kulumbegashvili, Georgien / Frankreich 2020, color, 125 Minuten, Georgisch, OmeU
Regie: Dea Kulumbegashvili

Es gibt Filme, die sind in ihrer leisen Wucht so gewaltig, dass es einem förmlich den Atem verschlägt. DASATSKISI ist so ein kleines Meisterwerk und ein famoses Kinodebüt obendrein. Die georgische Regisseurin erzählt darin mit faszinierenden, in statischen Einstellungen gefilmten Bildern von Yana, einer liebenswürdigen Pfarrersfrau und folgsamen Zeugin Jehovas, deren Welt unverhofft und auf brutale Weise aus ihrer Erstarrung gelöst wird. DASATSKISI ist Anfang und Ende, Hölle und Auferstehung, Realismus und Überhöhung, alles zugleich, und ein Film, den man unbedingt auf der großen Leinwand gesehen haben sollte. (Pamela Jahn) (CE)

In der ersten Szene sehen wir die großzügige, schöne Wohnung, das Familienleben scheint intakt, nichts deutet auf extrem religiös eingeschränktes Verhalten hin, sieht man davon ab, dass sie keinen Alkohol trinken (was die Georgier sonst gern und reichlich machen, waren sie doch zu Sowjetzeiten das Weinand). In einen modernen Saal, ein Bethaus, kommen mehrere Familien mit ihren Kindern, ein paar haben sich beim Fußballspielen beschmutzt und wurden deshalb gerügt), es beginnt die Exegese der Stelle aus dem alten Testament, wo Abraham Gott seinen Sohn Isaak opfert. Auch diese ist nicht zufällig gewählt, und wird am Schluss einen Sinn ergeben. Seine Frau Yana will jedoch ihren Mann nicht begleiten und zu Hause bleiben, sie will die Zeit nutzen, sich über ihre Rolle klar zu werden.

Das Bethaus der Zeugen Jehovas, einer in Georgien offenbar nicht beliebten Religionsgemeinschaft wird während einer Bibelstunde (Thema: Abraham opfert Jehova seinen Sohn) mit Molotov-Cocktails angegriffen und in Brand gesteckt. Während der Gemeindevorsteher sofort versucht, ein neues Haus zu finanzieren, bleibt seine Frau Yana zuhause. Sie wird von einem angeblichen Polizisten aufgesucht und sexuell belästigt, er frägt er sie über die sexuellen Praktiken ihres Mannes aus und nimmt das Gespräch auf. Etwas später wird sie in einem seichten Fluss vergewaltigt. Sie kann weder ihrer Mutter noch ihrem Mann die volle Wahrheit sagen und vergiftet danach ihren Sohn, oder opfert sie ihm ihrem Gott? In der Schlußszene ein junger Mann in einer ausgedörrten Landschaft, er fällt um, verfault und zerfällt zu Asche.

Der Film ist komplett statisch im engen 3:4 Format gedreht, es gibt nur wenige, langsame Schwenks. Extrem lange, sperrige Einstellungen kontrastieren mit der an sich actionreichen Handlung. Ein Film, der durchaus zum Nachdenken über religiöse Minderheiten anregt. ***

HAYALETLER – Ghosts
Azra Deniz Okyay

Türkei / Frankreich / Katar 2020, color, 87 Minuten, Cinemascope, Türkisch, OmeU, Wettbewerb Spielfilm

Der Strom fällt aus in Istanbul und die Stadt versinkt mit jeder Stunde mehr im Chaos. Betroffen sind auch vier Menschen aus einem Viertel, dass im Sinne der Gentrifizierung immer mehr der „neuen Türkei“ weichen muss. Eine Mutter, deren Sohn im Gefängnis sitzt und dringend Geld braucht. Eine junge Frau, die immer nur ans Tanzen denken kann. Eine Aktivistin, die gegen unrechtmäßige Inhaftierungen demonstriert und ein Mann, der von moralisch verwerflichen und illegalen Geschäften lebt. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder an diesem Tag und vereinen sich bei einem Deal, der fast schief läuft. (Angela Sirch)(EC)

Dubiose Spekulanten vermieten in Istanbul baufällige und einsturzgefährdete Altwohnungen an syrische Flüchtlinge, Ziel ist jedoch deren Abriss und der Neubau moderner, aber teurer Wohnungen. Ein riesiger Stromausfall verschärft die Lebenssituation der Menschen, Jugendliche wollen ihre Rap-Musik zum Tanzen, wie sie diese Strom so laut spielen können, bleibt mir etwas schleierhaft. Alle haben zuwenig Geld und versuchen welches auszuborgen oder es mit illegalen Geschäften. Dem Film fehlte vor allem ein Spannungsbogen.*

Mare
Andrea Štaka, Schweiz / Kroatien 2020, color, 84 Minuten, Kroatisch / Englisch, OmeU, von analogem Super-16mm (!)

Hausfrau, Mutter, Ehefrau. Mare ist geübt in der klassischen, klischeebehafteten und – wie man hoffen möchte – veralteten Frauenrolle. Dass sie sich darin nicht wohl fühlt und nach mehr Unabhängigkeit und Autonomie sehnt, ignoriert ihr Mann gekonnt. Während er als Security-Mitarbeiter am Flughafen von Dubrovnik Flugzeugen beim Starten zusieht, hebt Mare insgeheim emotional ab: Sie erlebt sexuelle Höhenflüge mit einem jungen Unbekannten. Ein bodenständiger, physischer, auf Super 16mm gedrehter Film, der das Wesentliche nicht mit Worten erzählt, sondern die Bilder für sich sprechen lässt. (Ines Ingerle) (CE)

Das ganz normale Alltagsleben einer Familie, die nahe am Flughafen Dubrovnik lebt. Mare ist eine durchaus lebensfrohe und energiegeladene Frau mit Ehemann, drei teils pubertierenden Kindern und einem ausländischen Liebhaber. Sie träumt immer wieder von hier wegzukommen. Ihr Mann arbeitet beim Sicherheitsdienst des Flughafens, und der Liebhaber wohl auch, den er weiss, wenn ihr Mann Dienst hat. Als der Lover wieder zurück geht, nimmt sie ihren Job an, um so unabhängiger vom Mann zu werden.

*** Mit viel Sexszenen gespickter, unterhaltsamer Film über die Banalitäten des Alltags. Am Schluss erklingt das spanische Lied “Soy pecadora” (ich bin eine Sünderin)

ANNY
Helena Třeštíková, Tschechien 2020, color, 66 Minuten, Tschechisch, OmeU, 3:4, PAN DOC

Helena Třeštíková – mit ihren Filmen seit vielen Jahren Stammgast bei Crossing Europe – legt eine weitere faszinierende Langzeitbeobachtung vor, in der ein individuelles Schicksal mit soziopolitischen Entwicklungen in Tschechien verknüpft wird. Von 1996 bis 2012 folgte sie – einfühlsam und doch mit der nötigen Distanz – der Pragerin Anny, die sich wechselweise als Toilettenfrau und Prostituierte durchs Leben schlägt. Obwohl die mehrfache Mutter gesundheitliche und finanzielle Probleme hat, meistert sie diese mit Lebenswillen und Humor. Ein berührendes Porträt, das vom Überleben in einer harten Welt erzählt. (Oliver Stangl) (EC)

Das tschechische Fernsehen CT hat die Pragerin Anny von 1996 bis zu ihrem Tod begleitet, sie war eine starke Frau, die wirklich jede Arbeit annahm, von der Toilettenfrau bis zu sexuellen Dienstleistungen. Offen und ehrlich berichtet sie davon, warum und wie sie es macht, auf was man achten muss und wie man im Alter mit gesundheitlichen Problemen zu rechnen hat.  Einmal hat sie ein Freier sogar geheiratet, ist dann aber wieder zu seiner ersten Frau zurückgekehrt. ***

ALL-IN
Volkan Üce, Belgien / Niederlande / Frankreich 2021, color, 80 Minuten, Kurdisch / Türkisch / Englisch, OmeU, DOC Wettbewerb.

Ismail and Hakan sind zwei junge Männer, die sich aus ihren Dörfern aufmachen an die Türkische Riviera, um in einem großen All-Inclusive-Resort zu arbeiten. Während die Gäste den Urlaub genießen, sieht die Realität für die Angestellten anders aus. Volkan Üces Film beschäftigt sich auch mit dem Aufeinanderprall zweier Welten, mehr aber noch mit der Entwicklung, die die beiden Männer im Laufe der Zeit durchleben. Von naiv-staunenden Anfängern werden sie zu „abgebrühten“ Profis, die sich auch zusehends klarer werden, was ihre eigene Zukunft betrifft. Ein bemerkenswerter, ehrlicher und aufschlussreicher Dokumentarfilm mit zwei sympathischen Protagonisten. (Andreas Ungerböck) (CE)

Ein Luxus-All-inclusive Resort an der türkischen Riviera und einem Bilderbuch-Palmenstrand. Doch gebadet wird eher im Aqua-Park mit seinen Attraktionen. Ein junger Mann bewirbt sich als Wasserretter, er hat zwar angeblich Schopenhauer und Nietzsche gelesen, aber keine berufliche Erfahrung. Während die Gäste riesige Portionen von den Buffets nehmen und das meiste wieder wegwerfen, wird das Personal streng kontrolliert, ob es nichts getrunken oder eingesteckt hat. Hakan kündigt, nach dem er einen Unfall nicht verhindern konnte. Doch im nächsten Jahr kommt er vielleicht wieder, wo sonst kriegt er Arbeit?

Ein Film der an der Grenze zwischen Fiktion und Doc wandert, handelt die Geschichte doch um die beiden Protagonisten Ismail und Hakan, die als islamisch erzogene Menschen vom Hoteldirektor in guten Sitten erzogen werden müssen, denn die freizügig bekleideten Gäste aus Russland, England oder Deutschland sind für sie Wesen aus einer anderen Welt, ja vielleicht dem Paradis. Allzu kritisch ist der Doc freilich nicht. ***

MILA  –  APPLES
Christos Nikou, Griechenland / Polen / Slowenien 2020, color,3:4,  90 Minuten, Griechisch, OmeU, Wettbewerb Spielfilm

Eine rätselhafte Pandemie hat Teile der Menschheit befallen. Die Betroffenen können sich an ihr bisheriges Leben nicht erinnern und stranden im Nirgendwo, wie der Protagonist Aris, der in einem Bus in Athen aufgegriffen wird. Er kommt ins Spital, und nachdem er offenbar von niemandem vermisst wird, verordnet man ihm ein staatliches Programm, das ihn langsam wieder ans Alltagsleben heranführen soll. Dazu muss er verschiedene Aufgaben bewältigen. Regisseur Nikou begleitet ihn mit einem herrlich lakonischen Humor. Wer sich an Yorgos Lanthimos erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch: Nikou war dessen Regieassistent bei DOGTOOTH (2009). (Andreas Ungerböck) (CE)

In Griechenland grassiert eine neue Pandemie, die eine sofortige Amnesie auslöst. Menschen in der Straßenbahn wissen nicht mehr, wer sie sind, wo sie wohnen, wohin sie  wollten. Sie werden von der Rettung aufgegriffen, und wenn sie keine Dokumente bei sich haben, die sie identifizieren, ins Spital gebracht. Dort werden sie fotografiert und aufwändige psychologische Gedächtnistests werden mit ihnen gemacht. Einige werden von den Angehörigen gefunden, aber nicht viele. Aris, der gerne Äpfel isst,  wird ein Neustart-Programm angeboten. Er bekommt eine Wohnung, Geld und Anweisungen per Tonbandkasetten. Diese werden immer komplexer und können auch „geh in eine Tanzbar, trink viel, such dir eine gute Tänzerin aus und mach mit ihr auf der Toilette Sex, einen one-night-stand“. So freundet er sich tatsächlich mit einer Frau an doch die möchte eine Beziehung aufbauen., inzwischen wird es zeitlich unmöglich, alle Anweisungen gleichzeitig zu befolgen.

Zweifellos sind mit der krankhaften Amnesie auch politische Zustände gemeint. Der Film ist durchgehend spannend, auch Musik spielt eine große Rolle, tragen alte Schlager auch zum Erinnern bei, genauso wie das Twist-Tanzen, und was die Pandemie betrifft, so ein Neustart wäre für viele gar nicht schlecht. Der bislang beste Film! ****

 

Nomadland

Nomadland

USA 2020, 108 Min, Cinemascope; Regie: Chloé Zhao.

Es ist ein kleines Wunder, wie ein Film, der ganz ohne Sex und Gewalt auskommt und von einer 60 jg. trauernden Frau, die in einem Kleinbus durch die Wüsten der USA reist, um so allein zu leben, mit drei Oscars und vielen Festivalpreisen von Toronto bis Venedig ausgezeichnet wurde. Er hat eigentlich nichts, was das breite Publikum anziehen könnte. Dennoch, nach etwas Befremden über absolute Banalitäten folgt man irgendwie Fern, der Protagonistin, durch die Natur und auf Campingplätze. Sie nimmt jede Arbeit an – u.a. bei Amazon oder bei Restaurants entlang der Fernverkehrsrouten. Sie ist nicht gerade gesellig, hat aber dennoch einige menschliche Kontakte. Sie legt Wert darauf, nicht obdachlos zu sein, denn ihr Van hat ja ein Dach. Das einzige gröbere Problem ist, dass dieses betagte Fahrzeug einmal eine größere Reparatur braucht oder ausgetauscht werden sollte; ein Faktum, wie dass alle Menschen sterblich sind. Wir sehen die USA mit einem komplett anderen Auge, fernab von Trump oder Biden, aus dem Blickwinkel marginalisierter Menschen, die ihren Job oder gar die Heimat verloren haben, weil vielleicht eine ganze Region bedeutungslos geworden ist. Manche Bilder der einsamen Natur sind durchaus reizvoll. Einige scheinen im Nomadentum mit durchaus teuren und gut ausgestatteten Campingbussen auch eine Art Aussteigertum vom Turbokapitalismus zu zelebrieren. So trifft Fern trifft den Organisator Bob Wells, der mitten in der Wüste Gleichgesinnte versammelt.

*** In seiner glaubhaften Echtheit ein einzigartiger Film, der ohne Action auskommt.