Werk ohne Autor

Werk ohne Autor

Deutschland, Italien 2018, 188 Min
Regie und Drehbuch:
Florian Henckel von Donnersmarck
Darsteller: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer u.a.

Eines vorweg – es gibt äußerst kontroverse Kritiken zu diesem Film und natürlich schreckt die Länge von 188 Min (ohne Pause!) erst mal ab. Dennoch der Film ist nie langweilig, im Gegenteil: er ist pures Gefühlskino mit einem Schuss Pädagogik.

Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) erteilt uns Geschichtsunterricht über die Nazis, deren Haltung zur „entarten Kunst“ wie Kadinsky und vor allem am Verbrechen der Euthanasie an angeblich unheilbar Kranken, die als „unlebenswert“ eingestuft wurden.

Die schöne Tante des jungen Kurt, der mal berühmter Maler werden wird, spielt u.a. gerne nackt Klavier – Grund genug sie als „schizophren“ zu diagnostizieren , dann zwangssterilisieren und letztlich zu vergasen. Die explizite Darstellung der schönen Nackten, wie sie mit einer ahnungslosen Frau mit Down-Syndrom in die Gaskammer geführt wird, ist dabei umstritten. Die geistig behinderte Frau lächelt ihre Mörderin noch an und sagt „ich hab dich lieb“ – „ich auch“ erwidert sie. Dann schließt sich die schwere Türe zur Gaskammer. Dem folgt der Feuersturm auf Dresden durch alliierte Bomber.

Manche Kritiker mögen offenbar auch schöne nackte Frauen nicht, denn davon gibt’s im Film einige zu sehen, nicht korrekt mag sein, Frauen auf ihre Mutterrolle zu reduzieren, aber war das nicht der damalige Zeitgeist?

Der von den Russen inzwischen gefangene Nazi-Gynäkologe verhilft einer Frau eines Sowjetgenerals zur Geburt eines gesunden Knaben, wird rehabilitiert und in der DDR wieder Chefarzt. Dort verliebt sich der Kunststudent Kurt, dem in der DDR eine große Karriere als Maler des sozialistischen Realismus bevorstehen könnte, in die dessen Tochter Elly und zieht gar als Mieter in ihr Haus. Als sie von ihm schwanger wird, schreckt ihr Vater nicht zurück, an seiner eigenen Tochter eine Abtreibung vorzunehmen, um die Beziehung des jungen Liebespaares zu stören. Auf der Uni ebenfalls ideologischer Kunstunterricht. Picasso sei mal auf dem richtigen Weg gewesen, habe sich aber von geldgierigen Kunstsammlern dazu verleiten lassen, unbedingt was Neues zu machen. („Guernica“ wird nicht erwähnt). 1961 geht es noch kurz vor dem Mauerbau in die BRD, wo Kurt in Düsseldorf bei Beuys einen Studienplatz bekommt. Auch der Nazi-Arzt musste fliehen, da ihn der Sowjet nicht mehr schützen konnte. Nachdem sich der Kurt mal stilistisch austobt, kommt er nach einem Diskurs mit Beuys zu seinem eigenen – in seiner Familiengeschichte verankerten – Stil. . Im Westen lebt Kurt mit seiner Frau verarmt und muss sich vom reichen Naziarzt immer wieder demütigen lassen.

Der Film ist inspiriert von der Lebensgeschichte des 1932 in Dresden geborenen Malers Gerhard Richter – im Film Kurt Bannert genannt. Der Künstler selbst hat sich von der Mitarbeit an „Werk ohne Autor“ zurückgezogen – im Film trägt er einen anderen Namen, genauso wie seine Kollegen an der Düsseldorfer Kunstakademie und dessen Professor, Joseph Beuys.
(Der Film) scheut weder große Gefühle noch starke Bilder: „Werk ohne Autor“ – das neue, dreistündige Kino-Epos von Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) ist Künstlerbiografie, Historiendrama und Liebesfilm in einem. (BR, der ihn mitproduziert hat, erschien in einem großen US-Verleih)

BR: Drei Genres also. Was steht für Sie im Vordergrund?

Florian Henckel von Donnersmarck: Das klingt wirklich höllisch kompliziert, wenn Sie das so beschreiben. Für mich ist es eigentlich hauptsächlich ein Film über einen Schwiegervater, der mit allen Mitteln versucht, seinen Schwiegersohn zu zerstören, weil er das Gefühl hat, dass dieser Junge seine Tochter nicht verdient. Der Schwiegervater, phantastisch gespielt von Sebastian Koch, sieht in diesem Schwiegersohn alles, was er verachtet. Er findet ihn schwach und findet überhaupt, dass ein Künstler auch gar nicht die Stärke in der Welt hat, um seine Tochter zu beschützen. Und er verwendet seine ganze Stellung, um diesen Jungen zu bekriegen.

**** Trotz der Überlänge ein kurzweiliger Film, der sich frei an der Biografie des höchstbezahlten deutschen Malers Gerhard Richter orientiert, dessen Bilder die teuersten eines lebenden Künstlers sind. Er wird aber, wie auch dessen Lehrer Beuys nicht beim Namen genannt; alle drei deutschen Staaten haben ihre Tücken und ihren eigenen Kunstmarkt, doch das Verbrechen der Euthanasie an der Tante kann nie vergessen werden und die Erinnerung daran zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Für Kunstsinnige sind die Vergleiche der drei grundlegend verschiedenen Kunstauffassungen von Nazideutschland, der DDR und der BRD durchaus interessant. Vergleicht man die Biographie Richters, so ist besonders die Liebesgeschichte mit Elly erfunden, die „Abmalungen“ von privaten Fotos jedoch waren ein künstlerischer Wendepunkt Richters.

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