Toni Erdmann

D 2016, 162 Min. Regie: Maren Ade

Der in Cannes von vielen Kritikern favorisierte deutsche Wettbewerbsbeitrag „Toni Erdmann“ erhält gerade jetzt euphorische Kritiken. Tatsächlich ist es ein außergewöhnlicher Film, der sich eher langsam und banal entwickelt und dann surrealistische Schärfe und sozialkritischen Biss erhält.
Es ist eine Komödie der Art „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, wo ebenfalls Scherzartikel in eher tragischen Situationen eingesetzt werden, um die persönlichen Probleme zu kaschieren.
Der 65jg. Winfried ist erfolgloser Musiklehrer, geschieden, und sein geliebter Hund stirbt an Altersschwäche. Seine Tochter Ines ist eine eiskalte Unternehmungsberaterin, die Firmen Outsourcing schmackhaft machen soll, auch wenn dabei Hunderte Mitarbeiter gekündigt werden. Sie berät gerade in Bukarest eine Ölfirma. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter ist unterkühlt, was Winfried sehr schmerzt. Völlig unangemeldet taucht er in Bukarest auf und heftet sich an Ines´ Fersen, um sich deutlich von den gestylten Manager-Typen abzusetzen, setzt er schiefe Zähne und eine zottige Perücke ein und macht viele Scherze, bleibt aber immer höflich. Bei Ines´ Kollegenschaft kommen diese besser an als bei ihr. Er trifft sie ins Herz, wenn er daran zweifelt, dass sie auch glücklich sei. Einsam hetzt sie von einem Termin zum anderen und hat kein Mitleid mit denjenigen, die auf ihre Empfehlungen hin entlassen werden sollen. Plötzlich gibt Winfried sich als „Toni Erdmann, Lebenscoach von Ion Tiriac“ aus, der für dieselbe Beratungsfirma wie Ines arbeite. Er begleitet sie fortan bei ihren Beratungsterminen und beweist wesentlich höhere soziale Kompetenz als sie, nur langsam nimmt Ines die soziale Realität in Rumänien und herzliche Gastfreundschaft der Rumänen wahr.

Als geschäftlich nicht so ganz rund läuft, soll sie zu ihrem Geburtstag eine Party für das ganze Team machen, um es emotional zu stabilisieren. Ihr dafür gekauftes Kleid erweist sich als Zwangsjacke und so entscheidet sie sich spontan, nackt aufzutreten und das auch von den Gästen zu verlangen. Auch ein großer Gorilla taucht auf – natürlich ihr Vater. Das hat natürlich Folgen auf ihrem Job.

**** etwas lang geraten, aber nie langweilig, analysiert der Film die unmenschliche und stereotype Vorgangsweise der internationalen Beratungsfirmen und die Folgen – auch für die Psyche der MitarbeiterInnen. Als komische Figur, wie ein Hofnarr, der exakt die Situation analysiert, taucht der Vater einer solchen Beraterin auf, um wieder in Kontakt mit ihr zu kommen.

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