THE HOUSE THAT JACK BUILT

THE HOUSE THAT JACK BUILT

Regie: Lars von Trier, DK,D,F,S 2018,  153 Min, Cinemascope
Erstaufführung: Festival Cannes, 14.5.2018 (außer Konkurrenz)
Mit Matt Dillon, Bruno Ganz u.a..

Dem Film eilt der Ruf voraus, einer der unerträglichsten, grausamsten und zynischsten Filme zu sein. Bezüglich der Gewalteskalation übertreffe er sogar Haneke´s „Funny Games“. Soll man sich das antun?

Der Film spielt in den USA und handelt von dem hochintelligenten Ingenieur Jack, der sich rühmt Serienmörder von 61 Menschen zu sein, vorwiegend Frauen, aber auch Kinder und Männer hat er innert 12 Jahren auf dem Gewissen. Er ist zugegebenermaßen ein Psychopath und Zwangsneurotiker, der sich durch das Morden Erleichterung verschafft. Redegewandt und höflich gelingt es ihm, Zutritt in die Wohnungen der Opfer zu erlangen, um sie dann zu erwürgen, erstechen oder zu erschießen.

Die Polizei ist in dem Film nicht nur dumm, sondern auch als ineffizient und ignorant dargestellt, statt Hilferufen geschundener Frauen nachzugehen, jagt sie lieber kleinkriminelle Drogenhändler. Doch sein teuflisches Werk wird auch dadurch erleichtert, dass die Umwelt nicht auf Schreie reagiert und der alles egal zu sein scheint, was in der Nachbarschaft passiert.

Der Film ist in mehrere Episoden, hier „Ereignisse (Incidents) genannt, und einen Epilog am Schluss eingeteilt. Jack sieht seine Taten als inszenierte Kunstwerke und Trier vergleicht sie mit gotischen Kathedralen und bedeutenden Gemälden. In der Tat gibt es in der Kunstgeschichte die Darstellung der Heiligen Agatha von Catanien (gest. um 250) mit abgeschnittenen Brüsten. Eine der grausamsten Szenen des Films ist sicherlich eine solche Amputation, wo eine vorher verbal gedemütigte Frau, Simple, gefesselt, die schönen Brüste abgeschnitten und sie dann ermordet wird. Zuvor zeichnet er penibel mit einem Filzstift den Schnitt vor.

Abgemildert und in eine christliche Ethik eingeordnet wird das ganze freilich durch die Stimme Bruno Ganz´aus dem Off, der als Verge Jack immer wieder auf seinen Zynismus hinweist und auch Parallelen zum Massenmord der Nazis in den KZ zieht.

Schließlich wird auch bildgewaltig die Hölle dargestellt, wie sie Kirchenmaler kaum drastischer ausmalen könnten: als glühender Lavastrom in eine unendliche Tiefe. Dorthin begleitet ihn Verge dann auch.

Sicherlich ist es Trier gelungen, wieder einen Skandal zu entfachen und das Arthouse-Publikum zu schockieren, während echte Splatter-Fans sicher nur gähnen werden. Aber er kreiert wieder Bilder, die man nicht so leicht vergisst und provoziert eher die Kunstwelt.

Auch der Musikeinsatz ist gekonnt David Bowie, John Lennon und Carlos Alomar, provokant wenn auch ein paar Takte Vivaldi erklingen.

Langweilig ist der Film wahrlich nicht, allerdings steigert sich die Spannung nicht kontinuierlich wie bei Haneke, sondern muss sich in jedem neuen „Ereignis“ neu aufbauen.
Es hängt von den individuellen Seherfahrungen der Zuschauer ab, ob sie die Bilder ertragen möchten, die doch deutlich über der Tatort-Schwelle liegen.
Sicher ein Film, der zwiespältige Gefühle hinterlässt. ***

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