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Untitled

Untitled


Österreich/Deutschland 2017, 107 min, Cinemascope, O.m.U.
Kamera und Idee: Michael Glawogger (gestorben im April 2014)
Gesprochen von Birgit Minichmayr

Glawoggers letztes Projekt wurde von Monika Willi zu Ende geführt: Eine Reise durch die Welt, um zu beobachten, zuzuhören und zu erfahren. – „Ein durch und durch faszinierendes Film-Essay“ (kino-zeit.de)

„Dieser Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition”, so Michael Glawogger, dessen frühere Filme häufig die globale Ausbeutung behandelten. 2014 verstarb der Regisseur auf seiner ziellosen Reise durch den Balkan, Italien, Nordwest- und Westafrika bereits nach fünf Monaten an Malaria.“ (Berlinale)

„Es wird ein Film über die Schönheit, über das Glück, jedenfalls ganz anders als alles, was ich gedreht habe.” Das schrieb er aus Liberia an die Süddeutsche Zeitung, über die ich mit ihm in Verbindung war. Es war die letzte Botschaft von ihm: Der desaströse Globalzustand, den er in seiner Trilogie für alle sichtbar machte, ist ihm selbst zum Verhängnis geworden. Liberia war die Endstation seiner Reise, er wurde falsch diagnostiziert.” (Helmut Groschup in: Dolomiten)

Am 3.12. 2013 brach Michael Glawogger mit einem kleinen Team auf zu einer Reise um die Welt. Ein Film sollte dabei entstehen, von dem niemand wusste, wie er aussehen, und wovon er erzählen würde. Glawogger wollte nur das Aufnehmen, was ihn interessierte, berührte, beunruhigte, frei von inhaltlichen Vorgaben.
Bei den Arbeiten an seinen früheren, weltumspannenden Dokumentarfilmen ‚Megacities‘ (1997), ‚Workingman’s Death‘ (2005) und ‚Whores‘ Glory‘ (2011) hatte Glawogger immer wieder Dinge gesehen und gehört, die in fasziniert, aber nichts mit dem jeweiligen Thema zu tun hatten. So blieben außerordentlich Bilder unfixiert, verwehten ungewöhnliche Klänge.
Bei UNTITLED sollte das anders sein. Eine Route wurde bestimmt entlang Glawoggers Erinnerungen und Sehnsuchtsorten; und was auch immer auf dem Weg passierte, sich zeigte, würde einen Platz in diesem Werk finden können. Parallel zu dem Film schrieb Glawogger zwei Blogs, in denen er seine Eindrücke, Gedanken und Träumereien wiedergab, was mal wie ein Tagebucheintrag klingen mochte und mal wie eine Kurzgeschichte.
Nach rund einem Drittel des Weges, am Ende des ersten Hauptreisestücks: Afrika, verstarb Michael Glawogger an den Folgen einer Malariainfektion.
Seine langjährige Schnittmeisterin Monika Willi machte aus dem bis dahin entstandenen Material und den Blog-Texten einen Film im Geiste wie auch zum Gedächtnis Glawoggers. Kriegsverheerte Geisterstädte in Serbien, Ringer im Senegal, eine winterlichee Berghütte in Italien und Goldsucher in Sierra Leone sind nur einige der Orte und Menschen, deren Bilder und Klänge hier zu einer Kinowelterfahrung verwoben wurden, Nebeneinander stehen: Einbeinige Fußballer in einem Bürgerkriegsland und ein einsam seinen Ball tretendes Mädchen in einem felsigen Nirgendwo; die Brutalität einer Schlägerei, die wie aus dem Nichts ausbrach, und die Stille einer Landschaft nach dem Genozid; das Aufstieben tausender Vögel in einem spätwinterlichen Marschland, das rastlose Schnüffeln und Bellen räudiger Köter am Rande einer Landstraße, und das geduldige Starren eines Esels auf einem Wüstenzug. Sie alle erzählen von der Gewaltigkeit und Ungeheuerlichkeit der Welt; dem Glück ein Anderer zu sein, wie auch der Erfahrung, dass es kein fernes Leid gibt und keine fremde Freude; und davon, dass man immer nur ein Gast ist auf Erden.“ (Olaf Möller)

Berlinale 2017: Panorama
Eröffnungsfilm der Diagonale 2017 in Graz
Ich schrieb nach der Sichtung des Films auf der Diagonale:
*** Untitled ist ein Film ohne Handlung, ohne Ordnung, er ist weder chronologisch noch thematisch sortiert, er soll möglichst Bewegung zeigen – das für den Film ja typische  – und so sehen wir in willkürlicher Abfolge, was Glawogger faszinierte: Menschen und Tiere in den übelsten Situtationen,
in vom Krieg zerschossenen oder wegen Erdbeben verlassenen Gebäuden, wie Menschen und Tiere auf die Müllwagen warten, um noch etwas Verwertbares zu finden, Diamantenschürfer, und mehrmals kämpfende Männer, lange mühsame Wege um Wasser zu bekommen, Brandrodungen, usw. Er hinterlässt einen nachdenklichen Zuschauer, der diese gewaltigen Bilder selbst einordnen muss, aber jedenfalls Bilder einer zerfallenden und zunehmend unbewohnbaren Welt verdauen muss.

Trailer:
https://youtu.be/XhJQd4gg5IY