Programm
August 2010
1. Film
2.
Film
Eintrittspreise: Normallänge
7€ - Weltlichtspiele Dornbirn
Donnerstag, 5.8.10 - 19.30 Uhr und Freitag, 6.8.10 - 21. 30 Uhr
Que tan lejos
Ecuador 2006, 92 min,
spanische O.m.U. , Regie: Tania Hermida

Zwei junge Frauen reisen durch Ecuador - per Rucksack. Die Spanierin Esperanza als Touristin, die einheimische Tristeza auf dem Weg nach Cuenca zu dem Mann, den sie liebt und der kurz davor ist, eine andere zu heiraten. Ihr Bus muss aufgrund eines Arbeiterstreiks halten, also nehmen die beiden Frauen ihre Reise selbst in die Hand. Auf ihrem Weg treffen sie eine Reihe von hoffnungslos verschrobenen Personen, die sie dazu ermutigen, ihr eigenes Leben neu zu überdenken. Tania Hermidas tragikomisches Roadmovie ist eine kurzweilige Meditation über das Reisen und lange Fahrten in Überlandbussen.
Recht unterhaltsam und handwerklich sehr gut gemacht, zeigt der Film eine durch einen Streik zusammengewürfelte Gruppe junger Menschen: Esperanza, eine spanische Touristin, Tristeza, eine weiße Ecuadorianerin, die in Cuenca die Hochzeit ihres Geliebten verhindern will; Jesus, ein gescheiterter Schauspieler, reist mit der Asche seiner Großmutter durchs Land, ein wohlhabender Chico nimmt diese AutostopperInnen mit auf eine Odysse durch Ecuador. Ein Road-Movie ohne besonders kritische Untertöne – am ehesten wird noch das Verhältnis zur indigenen Bevölkerung aufgearbeitet.

Tania Hermida hat in diesem Film, wie sie in einem FKC-Interview gestand, viele
leere Plätze und Strassen gezeigt, dies sei metaphorisch gemeint. Auch habe sie
entgegen den üblichen Gepflogenheiten die Situation in ihrem Land nicht
übertrieben, sondern verharmlost. Sie empfehle allen, ihr schönes Land zu
bereisen und touristische Fallen gäbe es überall. Sie ist stolz darauf, ohne
Sex, Autounfälle und sonstige Explosionen ausgekommen zu sein. Während unter den
weißen Abkömmlingen Pizarros heute noch ein latenter Rassismus gegen die
Indigenas herrscht, zeigt sie zwei Chetchuan sprechende Indios auf ihren
Motorrädern als lockere Burschen, während Esparanza ihnen gegenüber auch wie
eine Gringa („Gringita“) auftritt.
Ausgezeichnet mit dem Publikumspreis des IFF Innsbruck 2009.
Donnerstag, 19.8.10 - 19:30 Uhr und Freitag, 20.8.10 - 21:30 Uhr
Die Frau mit den fünf Elefanten
Schweiz/Deutschland
2009, 93 min, deutsche Originalfassung

Vadim Jendreyko zeichnet in seinem vielfach
preisgekrönten Dokumentarfilm ein bewegendes Porträt der
Dostojewskij-Übersetzerin Swetlana Geier. Sie gilt als die größte Übersetzerin
russischer Literatur ins Deutsche. Ihre Neuübersetzungen von Dostojewskijs fünf
großen Romanen, genannt die "fünf Elefanten", sind ihr Lebenswerk und
literarische Meilensteine. Swetlana Geiers Leben wurde von Europas wechselvoller
Geschichte überschattet und ihr Schicksal ist außergewöhnlich: 1923 in der
Ukraine geboren, erlebt sie mit 15, wie ihr Vater bei Stalins politischen
Säuberungen verhaftet wird, 18 Monate später schwer misshandelt entlassen wird
und kurz darauf stirbt. Mit 18 verliert sie ihre beste Freundin, als SS
Kommandos in Kiew 30.000 Juden hinrichten. Während der Besetzung der Ukraine
arbeitet sie als Dolmetscherin und wird 1943 mit ihrer Mutter in ein
Ostarbeiterlager in Dortmund interniert. Sie erlebt die Gräuel zweier
Diktaturen, aber trifft immer wieder auf Menschen mit Zivilcourage und Mut, die
sich für sie engagieren und ihr Überleben ermöglichen.
Schweizer Filmpreis 2010: Bester
Dokumentarfilm
Swetlana Geier gilt als die grösste Übersetzerin russischer Literatur ins
Deutsche. Soeben hat sie für den Zürcher Ammann Verlag ihr Lebenswerk beendet -
die Neuübersetzung der fünf grossen Romane von Dostojewskij - genannt die fünf
Elefanten. Dafür wurde sie mit dem Übersetzerpreis der Buchmesse Leipzig geehrt.
Mit Vadim Jendreyko reist die über 80-jährige Frau zum ersten Mal aus ihrer
Wahlheimat Deutschland zurück an die Orte ihrer Kindheit in die Ukraine. Ihr
Leben wurde von Europas wechselvoller Geschichte überschattet. Im Übertragen der
russischen Sprache ins Deutsche hat sie eine neue Heimat gefunden, die auch
tiefen seelischen Schmerz überwindbar macht.
Swetlana Geiers Schicksal ist aussergewöhnlich, und Vadim Jendreyko löst dessen
Fäden behutsam auf, um daraus eine Geschichte zu weben, die - ohne Vereinfachung
- von grossem Leid, Zufällen, unerhofften Chancen und einer Leidenschaft für
Literatur erzählt. Die 1923 in Kiew geborene Swetlana war 16, als ihr Vater nach
der Entlassung aus den stalinschen Lagern starb, und 19, als in der Nähe von
Kiew 30’000 Juden von SS-Kommandos hingerichtet wurden. 1943 floh sie nach
Deutschland. Die folgenden Jahre waren geprägt von entscheidenden Begegnungen
für ihr Überleben und ihre sprachliche Weiterbildung, dank der sie ab den 50er
Jahren eine hervorragende Übersetzerin und eine renommierte Akademikerin im
Literaturbereich wurde.
In Tupfern zeichnet der Film ihre Erinnerung auf (Archivbilder widerspiegeln
dieWeltgeschichte, deren Zeugin sie war) und folgt ihr zuhause bei ihren
Alltagsaufgaben wie auch bei ihrer literarischen Tätigkeit. Seit 1992 ist sie
voll beschäftigt mit fünf Elefanten, nämlich „Verbrechen und Strafe“, „Der
Idiot“, „Böse Geister“, „Ein grüner Junge“ und „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor
Michajlowitsch Dostojewskij. Ihre Übersetzungen aus dem Russischen ins Deutsche
erregten Aufsehen. 2008 nahm sie sich „Der Spieler“ vor und ein Jahr später
ihren letzten Dostojewskij, „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“.
Das Geheimnis, dem Vadim Jendreyko nachspürt, liegt darin, dass die Übersetzung
zuinnerst im Werk den Geist seiner Inspiration und dasWesen seinerWeltanschauung
erreichen muss. Die Fäden einer weissen Tischdecke sind die Metapher für die
Sätze der Literatur, die zu einem einzigen Text verwebt werden müssen im
Bewusstsein, dass jede Übersetzung letztendlich unvollkommen ist. Und während
ihr Sohn im Spital ist und sie für ihn die Gerichte kocht, die ihm gut tun
müssen, während ihr Sohn im Sterben liegt, führt Swetlana Geier ihr Werk weiter,
empfängt ihren persönlichen Korrektor, dessen Bemerkungen von berührender
Bildung und Aufmerksamkeit dem Text gegenüber zeugen.
Ihre Begegnungen sind Sternstunden. So steht denn im Zentrum von Die Frau mit
den 5 Elefanten der Text, der unser Menschsein erhellt und dessen unsagbarem
Wert sich der Film im Sog von Swetlana Geiers aussergewöhnlicher Präsenz nähert.
Jean Perret, Visions du Réel 2009