Ein Abgang ohne Glanz
58. Internationales Filmfestival von Locarno
Bericht von Walter Gasperi


 

Schon im Juni hatte Irene Bignardi bekannt gegeben, dass sie mit Ende des heurigen Festivals als Direktorin zurücktreten werde. Einen glanzvollen Abgang mit begeisternden Filmen hätte man der Römerin gewünscht, doch daraus wurde leider nichts: Das Mittelmaß dominierte.

Über den Stand der Filmkunst sagt das wenig aus, aber viel über die schwierige Position des „kleinsten unter den großen Festivals“. Locarno muss das nehmen, was die Großen übrig lassen, und gleichzeitig darf Locarno, da es ein A-Festival ist, zumindest in den Wettbewerb keinen Film aufnehmen, der schon auf einem anderen Festival lief.

Freier programmieren könnte man freilich das Abendprogramm auf der Piazza Grande. Statt zwanghaft nach Uraufführungen zu suchen, die nicht halten, was sie versprechen, könnte hier wie vor 20 Jahren unter David Streiff ein „Best of“ der anderen Festivals gezeigt werden. Aber auch hier gibt’s Probleme, denn die  Verleiher legen sich quer, weil sie Angst haben, einerseits vor Raubkopierern andererseits vor finanziellen Einbussen beim regulären Kinoeinsatz, wenn schon 8000 potentielle Besucher den Film in Locarno gesehen haben.

 

Und unter einem weiteren Problem leidet das Festival am Lago Maggiore. Um Stars nach Locarno zu locken werden Ehrenpreise vergeben, doch aktuelle Filme bringen die Geehrten nicht mit und so häufen sich auf der Piazza die Reprisen von Abbas Kiarostamis „Quer durch den Olivenhain“ (Ehrenleopard für Kiarostami) über Nagisa Oshimas „Merry Christmas, Mr. Lawrence“ (Raimondo Rezzonico-Preis für den Produzenten Jeremy Thomas) bis zu Spike Jonzes „Being John Malkovich“ (Excellence Award für John Malkovich“) und Terry Gilliams „Time Bandits“ (Ehrenleopard für Gilliam).

 

Die aktuellen auf der Piazza gezeigten Filme werden dagegen kaum den Sprung ins Kino schaffen. Die Irin Gaby Dellal erzählt in „On a Clear Day“ zwar eine Geschichte, die deutlich vom Arthouse-Erfolg „The Full Monty“ inspiriert ist, erreicht aber nie dessen Niveau. Zwischen Komik und Tragik balancierend ist zwar der Beginn, wenn eine Glasgower Werft geschlossen und der 55jährige Schiffsbauer Frank entlassen wird, doch die soziale Verankerung geht mit Fortdauer des Films verloren und eine zunehmend rührselige Familiengeschichte rückt in den Mittelpunkt. Flott und unterhaltsam inszeniert ist das zwar fraglos, doch auch sehr glatt mit kantenlosen Figuren wie aus dem Lehrbuch und reduziert aufs oberflächliche Storytelling, wo ein genauer Blick auf das Milieu, auf die Personen und die Räume nötig wären. Peter Mullan könnte mit seiner physischen Präsenz diesen Film sicherlich tragen, doch auch ihm wird zu wenig Platz eingeräumt, um diesen arbeitslosen Schiffsbauer, der in seiner Sinnkrise beschließt durch den Ärmelkanal zu schwimmen, zu einem bewegenden Charakter entwickeln zu können.

 

Ähnliches lässt sich auch über den südafrikanischen „The Flyer“ sagen. Eine farbige Jugendgang überfällt einen Artisten, wird von diesem aber bald gestellt. Während Kier von diesen Hochseilakten fasziniert ist und sich von Anders trainieren lässt, wandert sein Freund nach einem weiteren Einbruch ins Gefängnis. Mit Entlassung dieses Freundes holt Kier, der sich inzwischen zudem verliebt hat, die Vergangenheit ein, doch das Happy End ist gewiss. Wie geschaffen für ein Resozialisierungs-programm ist dieser Jugendfilm, der aufzeigen will, dass jeder seinen eigenen Lebensweg wählt, dass sich Verbrechen nicht bezahlt macht und mit Einsatz alles zu schaffen ist. – Ganz nett erzählt, aber auch völlig überraschungsfrei, ohne Ecken und Kanten.

 

Die Wettbewerbsfilme kennzeichnete ein Rückzug ins Private, Familiengeschichten waren das große Thema. Drei Generationen von Frauen und zwei konträre Erziehungskonzepte prallen in Louise Archambaults „Familia“ aufeinander. Die spielsüchtige Michele verlässt mit ihrer 14-jährigen Tochter Marguerite ihren Partner und findet bei ihrer Jugendfreundin Janine, die mit zumeist abwesendem Mann und 12- jähriger Tochter Gabrielle in einem hübschen Vorstadthaus lebt. Während Janine ein Kontrollfreak ist, der von ihrer Tochter im Geheimen „Hitler“ genannt wird, hat Michele nicht nur sich selbst nicht im Griff, sondern kümmert sich auch nicht um ihre Tochter. Hervorragend gespielt und unterhaltsam ist dieser Frauenfilm, in dem die Männer äußerst schlecht wegkommen, aber auch nach einem Baukastenprinzip aufgebaut, sodass „Familia“ nie Dringlichkeit gewinnt.

 

Diese zwingende Kraft und Entschlossenheit fehlt auch Rodrigo Garcias „Nine Lives“.  Mit neun rund zwölfminütigen Plansequenzen reiht der in Kolumbien geborene Amerikaner neun Momentaufnahmen von Frauen in entscheidenden Lebenssituationen aneinander. Inserts mit dem Namen der jeweils im Zentrum stehenden Frau trennen die Episoden, die aber teilweise wieder lose dadurch miteinander verbunden sind, dass die Hauptperson der einen Episode in einer der folgenden als Nebenfigur auftaucht. Beiläufig und ohne Dramatisierung werden Aspekte des Lebens wie Tod und Krankheit, Familie und Beziehungsprobleme angeschnitten, doch wie der Zufall oder das Schicksal das Leben bestimmt, fügen sich diese Splitter nicht zu einem großen Kaleidoskop und der ganze Film ist nicht mehr als die Addition der zweifellos kunstvoll gestalteten und hervorragend gespielten Einzelteile.

 

Als Highlight des Festivals erwies sich Steve Buscemis „Lonesome Jim“, der in der Reihe „Cinéastes du présent“ gezeigt wurde. Wunderbar lakonisch erzählt Buscemi von einem jungen Mann, der nach jahrelangem Aufenthalt in New York zu seinen Eltern in den amerikanischen Mittelwesten heimkehrt. Die Situation ist trostlos. Sein Bruder Tim ist noch depressiver als er selbst, die Mutter erdrückt mit ihrem Gluckhennenverhalten alle und der Vater ist autoritär. Indem Buscemi aber jede Dramatik herunterspielt und unaufgeregt, ja lässig, mit enormer Empathie für die skurrilen Figuren, Dialogwitz und Situationskomik sowie unterlegt mit einem wunderbar ironischen Soundtrack erzählt, wird diese Tristesse wieder aufgehoben. Wie „Lonesome Jim“ die Ambivalenz durchhält in jeder Szene zu behaupten, das Leben sei beschissen, und gleichzeitig Leichtigkeit und Gelassenheit verbreitet, das ist das Wunder dieses hinsichtlich der Bildqualität leider nicht überzeugenden Kleinods.


 

 

 

Weitere Artikel zum Thema unter: www.kultur-online.net – Rubrik „Film“

 

zurück