Glücklich wie Lazzaro

Glücklich wie Lazzaro
Lazzaro felice

D, F, IT, CH 2018 (arte,TSI, rai), 127 Min, it OmU, aufgenommen auf 16mm analog

Regie: Alice Rohrwacher

Eine scheinbar verwunschene Dorfgemeinschaft tief in der italienischen Provinz lebt noch wie zu feudalen Zeiten, ausgebeutet von einer Gräfin, die sie durch Verschuldung in einer Art Leibeigenschaft hält. Wenn jemand Hilfe braucht, ruft er Lazzaro herbei; der junge Mann von sanftem Gemüt ist zu jedem Handlangerdienst bereit. Aber dann wird der Gräfin doch noch das Handwerk gelegt, die Dorfgemeinschaft verschlägt es ins Exil, alle altern bis auf Lazzaro … LAZZARO FELICE trifft den Ton zwischen Märchen und Neorealismus so genau, dass man beides als wahres Wunder erlebt. Ein Film, der mit jeder Szene überrascht und verführt und doch von sozialer Wirklichkeit erzählt. (Barbara Schweizerhof)

Auf der Tabakplantage der Marchesa Alfonsina de Luna in einem durch eine Naturkatastrophe weitgehend abgeschnittenen Teil Süditaliens, herrscht noch die Leibeigenschaft, blanke Sklaverei. Die Arbeiter werden immer mehr verschuldet und kennen kein Geld, nur Tauschgeschäfte. Sie bekommen schlechteres Essen als die Haustiere der Herrin. Als Tancredi, der rebellische Sohn der Marchesa seine eigene Entführung inszeniert und ein Kind die Polizei anruft, fliegt die illegale Tabakproduktion, die Nichtbezahlung und -versicherung der Arbeiter auf und die Herrin wird verhaftet.
Räuber räumen ihre luxuriöse Wohnung leer. Lazzaro hilft ihnen gutgläubig noch dabei, wird aber zu Fuß in die ferne Stadt geschickt, wo er erstmals so etwas wie das moderne Leben kennen lernt. Die Arbeiter werden in eine Stadt gebracht, wo sie am Rande des Bahnhofes dahinvegetieren und von Gelegenheitsdiebstählen etc. leben.
Lazzaro scheint zu nichts nütze, kennt jedoch unscheinbare Pflanzen, die man Essen kann.

Hauptfigur ist die biblische Gestalt des Lazarus, ein Bauernjunge, der so gutmütig ist, dass er oft für einfältig gehalten wird. Nach einem scheinbar tödlichen Sturz von einem Felsen wird er von einem Wolf wieder zum Leben erweckt und altert nicht mehr. Später in der Stadt, trifft er Tancredi, den er als Halbbruder wähnt, wieder, wird von ihm aber schwer enttäuscht.

Im nostalgischen 16mm-Stil, mit eher verhaltenen dumpfen Farben, erinnert der Film an den Sozialrealismus des Neorealismo, zeigt die Ausbeutung der Menschen, aber auch die Lebenskraft der einfachen, armen und meist analphabetischen Menschen. Mehrere religiöse Andeutungen und an Wunder grenzende Absurditäten nagen freilich etwas an seiner Glaubwürdigkeit.

Ein berührender Film mit märchenhaften Wendungen. ****

Neben einigen Programmkinos soll er demnächst auch auf Netflix zu sehen sein.

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