Fimkritken 2012 des FKC Dornbirn

wenn nicht anders angegeben ist Dr. Norbert Fink der Autor

WG = Prof. Walter Gasperi
Urs = Dr. Urs Vokinger

Weitere Kritiken von Walter Gasperi finden sich
auch hier. (Kultur-Online - auf Filmriss weiter klicken)
bestmöglich: *****, **** = herausragend, ***= sehenswert, ** diskutabel, * mangelhaft, # langweilig, ## = 2 Schlafkissen für besonders langweilige Filme

Hinweis - hier kritisiere ich im allgemeinen aktuelle Filme, die ich irgendwo auf der Welt sehe, in der Regel nicht jene, die wir sicher ins Programm aufnehmen oder selbst gezeigt haben.

 

Huhn mit Pflaumen The Artist Die eiserne Lady
Best Exotic Marygold Hotel Die Summe meiner einzelnen Teile Anfang 80
Elles - Das bessere Leben    
     
     


Elles – Das bessere Leben
Frankreich / Polen / Deutschland 2011, 99 Min, Cinemascope
Regie: Malgoska Szumowska
Mit: Juliette Binoche, Anaïs Demoustier, Joanna Kulig

Anna ist eine vielbeschäftigte Journalistin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder. Für die Zeitschrift „elle“ recherchiert sie im Mileau junger Frauen, die sich für ihr Studium oder eine tolle Wohnung in Paris im oberen Preissegment prostituieren. Dabei muss sie sich von einigen Klischees verabschieden, manche haben sogar ihren Spaß dabei und erzählen das so saftig, dass sie sich beim Gedanken daran einen runterholt. Ihr jüngster Sohn scheint spielesüchtig zu werden und ihr älterer schwänzt die Schule und nimmt lieber Drogen. Der Ehegatte nervt mit Einladungen seines Chefs nebst Anhang, wobei sie kochen soll.
Leider weiß man nicht so recht, was die Aussage des Filmes sein soll, denn der Film verzettelt sich – bei zugegeben genialem Schnitt und gekonnter Kamera – zwischen den jungen Damen vom ältesten Gewerbe und dem stressigen Leben zuhause. Die meisten Kunden seien normale verheiratete Männer, manchmal sei auch mal ein Perverser darunter, die meisten aber nett. Und auch für die professionellen Damen ist der Sex mit dem eigenen Freund eher eine langweilige Sache, genauso wie auch bei der Journalistin Anna das eigene Eheleben nicht mehr klappt, jedenfalls gelingt es ihr nicht mehr, den eigenen Mann zu verführen. Bemerkenswert ist auch der Soundtrack mit herrlicher Klassik und dem 2. Satz aus Beethovens Siebenter als Leitmotiv.

**1/2 Eine gestresste und frustrierte Journalistin recherchiert bei jungen Studentinnen, die sich zu Escorttarifen prostituieren und muss dabei ihre Vorurteile revidieren, käuflicher Sex scheint jedenfalls lustvoller als jener des faden Ehelebens zu sein. Trotz mancher Sexszenen teilweise etwas langweilig, schwenkt der Fokus zwischen Job und Privatem hin- und her.


Anfang 80
Österreich 2011, 90 Min, dolby 5.1

Regie und Buch: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl, mit Christine Ostermayer, Karl Merkatz u.a.

Die technisch perfekte Geyrhalterproduktion lässt vom Trailer her eher eine Komödie um die Liebe im Alter erwarten, ist jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Altern und Sterben. Die krebskranke Rosa kehrt vom Krankenhaus zurück und will in ihre Wohnung, doch da wohnt schon wer anderer drin, stattdessen hat ihre Tochter schon einen Platz im Pflegeheim für sie reserviert. Zufällig kommt Bruno vorbei und es ist Liebe auf den ersten Blick. Dabei ist Bruno seit 50 Jahren glücklich verheiratet. Als sie sich immer öfters im Altersheim lieben, werden sie hinausgeekelt, sie suchen eine gemeinsame Wohnung. Mittlerweise hat der Sohn von Bruno, der selber fremdgeht, seinen Vater entmündigen lassen („besachwaltern“). Als Rosa mit Blaulicht zwangseingewiesen wird und Bruno sich dagegen wehrt, wird er kurz sogar verhaftet, trifft aber auf einen verständnisvollen Amtsarzt.
Sie richten sich ihre Wohnung ein, werden aber von der mobilen Krankenpflege beaufsichtigt. Doch der Krebs von Rosa schreitet unerbittlich fort und ihre Pflege wird bei aller Liebe immer schwieriger. Wäre Sterbehilfe eine Lösung?

*** Alte Menschen werden ja oft wie Kinder behandelt und bevormundet. Dagegen und für eine freie Liebe im Alter wendet sich dieser bewegende Film. Christine Ostermayer erhielt bei der Diagonale den Schauspielpreis.


Die Summe meiner einzelnen Teile
Hans Weingartner, D 2011, 111 Min. , Dolby 5.1
Der in Feldkirch geborene Regisseur hat sich bereits im "weißen Rauschen" mit der Psychiatrie auseinandergesetzt, "die fetten Jahre sind vorbei" und "Free Rainer" waren weitere Werke von ihm.
Der Mathematiker Martin verliert nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie seinen gut bezahlten Job, seine Freundin, seine Wohnung, er wird gepfändet und landet auf der Straße und trinkt wieder. Er haust in Abbruchhäusern und im Wald, wo er sich aus Ästen und Planen eine Unterkunft bastelt. Er trifft dabei auf Viktor, einen 10 jg. Jungen aus der Ukraine, dessen Mutter an einer Überdosis gestorben ist, mit dem er sein Schicksal teilt. Sie halten sich mit dem Einsammeln von Pfandflaschen über Wasser; er nimmt  mit Lena, einer unbekannten Zahnarzthelferin, deren Brief er im Müll findet, Kontakt auf, träumt von einer Reise mit ihr nach Portugal. Als sein Waldhaus zerstört wird, rastet er aus. Der Film lässt offen, ob Viktor nur eine Halluzination ist, wie die Psychiaterin und Polizei behauptet  oder wirklich existiert, wofür er Beweise sammelt.
**** spannender Film über einen Mann in einer extremen Belastungssituation.  Das Krankheitsbild ist jedoch mehr eine halluzinatorische Schizophrenie, denn ein typischer Burnout,
die Erzählweise ist kantig und nicht linear.


Best Exotic Marygold Hotel


John Madden, GB 2012, 124 Min., Dolby 5.1
Aus den unterschiedlichsten Motiven fallen sieben ältere EngländerInnen auf einen Schmäh herein, in einem ehemaligen Maharadscha-Palast preisgünstig und unter sich ihren Lebensabend zu verbringen, das „Luxus-Hotel“ in Jaipur ist jedoch mehr eine Ruine, wo weder Türen, Telefon noch Wasserhähne funktionieren. Aber der Geschäftsführer ist wenigstens hoch motiviert.

Der Film funktioniert als Komödie kaum – die paar Gags sind alle schon im Trailer verpackt – doch bietet er allen, die schon mal in Indien waren, Erinnerungen an typische Indien-Erlebnisse, vor allem im Straßenverkehr – vor allem aus der schönen „Pink City“ Jaipur in Rajasthan. Viel besser ist der Film jedoch als Reflektion übers Altern, den Umgang mit alten Menschen (Abschieben in ein Dritte-Welt-Land?), der Möglichkeit, auch im Alter noch eine sinnvolle Beschäftigung zu finden und begangene Fehler zu korrigieren bzw. wie sich fremde Kulturen gegenseitig befruchten können (zugunsten des Westens: Verständnis für die „Unberührbaren“, keine Zwangsheiraten.)
„Am Ende ist alles gut – und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“, lautet die Devise dieses Filmes, der uns „politisch korrekt“ ein Indien zeigt, von dem wir übersättigte Europäer menschlich viel lernen können.
Man verzeiht deshalb, dass manche Details nicht ganz stimmig sind, so sind die betagten Engländer viel zu warm angezogen, trinken immer und überall feinen Wein (schwer zu bekommen). James-Bond-Fans werden Miss Monneypenny hier zwar auch vor exotischer Kulisse, aber in ganz anderem Zusammenhang kennen lernen. Sie bringt ein Call-Center auf Trab.

*** nette Culture-Clash Komödie, die als solche kaum funktioniert, aber besinnliche Einblicke in die westliche Art des Alterns und alte Menschen abzuschieben, liefert. Auffallend gute Dolby – Sourround – Effekte!


Die Eiserne Lady (The Iron Lady)
Phyllida Lloyd, F, GB 2011, 105 Min.
Meryl Streep spielt Mrs. Thatcher so exakt, dass man sich in einem Dokumentarfilm wähnt, sie wurde deshalb mit dem Oscar© ausgezeichnet.
Prinzipiell hinterlässt der Film ein ähnliches Gefühl wie Bruno Ganz als Hitler im "der Untergang", wird dabei zuviel die menschliche Seite betont und so indirekt um Sympathie geworben? Völlig im Vordergrund steht der dauernde Kampf von Margreth Thatcher um Vorherrschaft und Macht in einer von Männern dominierten Gesellschaft, ausgerechnet bei den Tories, den Konservativen und ausgerechnet im britischen Parlament schafft sie es zur ersten Ministerpräsidentin in Europa.
Der Film zeigt durchaus, dass ihre gewerkschaftsfeindliche und neoliberale Politik auch Gegner hatte, die einmal sogar eine Bombe zündeten (12.10.84 - Parteitag in Brighton). Auch der Angriff auf das argentinische Kriegsschiff "Belgrano", das an sich schon im Rückzug war, nahm sie auf ihre Kappe. Als sie jedoch schulmeisterlich ihre männlichen Ministerkollegen wegen eines Rechtschreibfehlers und mangelnder Vorbereitung auf eine Ministerratssitzung herabkanzelte, war das Maß voll - sie wurde von der eigenen Partei gestürzt.
Ihr Mann ist gestorben und einer ihre Söhne lebt in Südafrika - zuletzt leidet sie an Alzheimer  und realisiert dies nicht mehr, sie beklagt sich sogar, dass die Milch schon wieder teurer wurde.

Der durchaus kurzweilige Film ist als diskutabel zu bewerten, auch wenn man ihre Politik ablehnt, sicherlich hätte er politisch tiefsinniger werden können, ihr ganzer Ehrgeiz galt dem Ziel in eine reine Männerdomäne einzubrechen.  Die Leistung von Meryl Streep ist unbestritten. **


The Artist
Michel Hazanavicius, F, B 2011, schwarzweiss, ohne Dialoge, 4:3 Academy-Format, 100 Min.
Der mit vielen Oscars© preisgekrönte europäische Film ist ganz im Stile eines Stummfilms gemacht: das "aufrechte" Academy-Format 4:3, brillantes schwarzweiss und weitgehend stumm konsequent ohne Dialoge, nur an wenigen Stellen etwas Geräusche, aber ein volles Orchester an Filmmusik, nur zweimal klingt die beginnende Ära des Tonfilms an: einmal als Albtraum, welche Geräuscheffekte wohl möglich wären, hätte der Film plötzlich einen Ton, das andere Mal hören wir des Protagonisten Atmen und zum Happyend seine genagelten Schuhe beim Stepptanz.
1927: Peppy Miller sucht einen Job als Filmschauspielerin und küsst als Groupie George Valentin, den umjubelten Stummfilmstar der Kinograph Studios. Das Foto kommt auf die Titelseite des "Variety" und ärgert nicht nur seine Frau. Es wird bereits mit dem Tonfilm experimentiert, doch George hält nichts davon. Inzwischen bewährt sich die schöne Peppy beim Casting und wird engagiert, gleichzeitig wird George gefeuert. Er versucht sich noch selbst  als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller, doch sein Stummfilm floppt, während Peppy im Tonfilm triumphiert. Der Börsencrash von 1929 treibt ihn endgültig in den Ruin. Verlassen von Frau und den Filmstudios muss er auch seinen Buttler feuern und schlittert er in die Depression. Doch Peppy liebt George und will ihn retten, George zündet sein Anwesen an und bewahrt nur die Proberolle Film mit Peppy vor dem Feuer, sein treuer Hund rettet ihm das Leben. Kurz vor seinem Suizid taucht Peppy auf und bietet ihm eine Rolle als  Stepptänzer in einem Musikfilm an. Happyend.

Das äußerst originelle Melodram verknüpft französische Filmkunst mit der Geschichte und dem Glamour des frühen Hollywood-Kinos,
die etwas banale Lovestory ist einfach süß, vor allem die Erinnerung an die Frühzeit des Kinos, als die Mimik wichtiger war als die Stimme, ist sehr gut gelungen. ***1/2 


Huhn mit Pflaumen  Originaltitel: Poulet aux prunes

D,F 2011, 90 Min 

Die iranischstämmige Regisseurin Marjane Satrapi, die mit „Persepolis“ einen überragenden Animationsfilm schuf und damit berühmt wurde, enttäuscht in diesem weitgehend als Realfilm gedrehten Film etwas.  Es geht um den Violinisten Nasser Ali Khan, der sterben will, als sein geliebtes Instrument von seiner nicht geliebten Frau zerbrochen wird. Auch trauert er seiner unerfüllten großen Liebe nach, die zwar von der jungen Frau selbst erwidert worden wäre, aber das Nein-Wort ihres wohlhabenden Vaters, eines Juweliers, war stärker. Er sah in dem Künstler einen Hungerleider und keinen Ernährer seiner Tochter und Enkeln.
Wir befinden uns also  in einer patriarchalischen Welt, wie sie auch bei uns noch vor einigen Jahrzehnten üblich war.
Der Film ist zwar optisch sehr ansprechend und sehr poetisch, doch litten Logik und Glaubhaftigkeit extrem dabei; z.B. als er sich eine neue“Stradivari“ in einer entfernten Stadt ansehen will und sie vor dem Kauf gar nicht ausprobiert, sie nicht stimmen muss etc. Doch besonders enttäuschte die banale, süßliche  Musik – ein Portrait eines klassischen Violinisten sollte die Stimmung durch das große Repertoire an klassischer Musikliteratur schaffen, auch ist dem Zuseher der Unterschied im Urteil seines alten Lehrers zwischen „schlecht“ und „perfekt“ akustisch nicht nachvollziehbar. Ein Märchenfilm eher für Erwachsene also.
**  zwar poetisch, aber nicht nur musikalisch sehr banal.

 


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