wenn nicht anders angegeben ist Dr. Norbert Fink der Autor
WG = Prof. Walter Gasperi
Urs = Dr. Urs Vokinger
Weitere
Kritiken von Walter Gasperi finden sich
auch hier. (Kultur-Online
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bestmöglich: *****, **** = herausragend, ***= sehenswert, ** diskutabel, *
mangelhaft, # langweilig, ## = 2 Schlafkissen für besonders langweilige Filme
Hinweis - hier kritisiere ich im allgemeinen aktuelle Filme, die ich irgendwo
auf der Welt sehe, in der Regel nicht jene, die wir sicher ins Programm
aufnehmen oder selbst gezeigt haben.
| Huhn mit Pflaumen | The Artist | Die eiserne Lady |
| Best Exotic Marygold Hotel | Die Summe meiner einzelnen Teile | Anfang 80 |
| Elles - Das bessere Leben | ||
Elles
– Das bessere Leben
Frankreich / Polen / Deutschland 2011,
99 Min, Cinemascope
Regie: Malgoska Szumowska
Mit: Juliette Binoche, Anaïs Demoustier, Joanna Kulig
Anna ist eine vielbeschäftigte Journalistin, Ehefrau und Mutter zweier
Kinder. Für die Zeitschrift „elle“ recherchiert sie im Mileau junger Frauen,
die sich für ihr Studium oder eine tolle Wohnung in Paris im oberen
Preissegment prostituieren. Dabei muss sie sich von einigen Klischees
verabschieden, manche haben sogar ihren Spaß dabei und erzählen das so
saftig, dass sie sich beim Gedanken daran einen runterholt. Ihr jüngster
Sohn scheint spielesüchtig zu werden und ihr älterer schwänzt die Schule und
nimmt lieber Drogen. Der Ehegatte nervt mit Einladungen seines Chefs nebst
Anhang, wobei sie kochen soll.
Leider weiß man nicht so recht, was die Aussage des Filmes sein soll, denn
der Film verzettelt sich – bei zugegeben genialem Schnitt und gekonnter
Kamera – zwischen den jungen Damen vom ältesten Gewerbe und dem stressigen
Leben zuhause. Die meisten Kunden seien normale verheiratete Männer,
manchmal sei auch mal ein Perverser darunter, die meisten aber nett. Und
auch für die professionellen Damen ist der Sex mit dem eigenen Freund eher
eine langweilige Sache, genauso wie auch bei der Journalistin Anna das
eigene Eheleben nicht mehr klappt, jedenfalls gelingt es ihr nicht mehr, den
eigenen Mann zu verführen. Bemerkenswert ist auch der Soundtrack mit
herrlicher Klassik und dem 2. Satz aus Beethovens Siebenter als Leitmotiv.
**1/2 Eine gestresste und frustrierte Journalistin recherchiert bei jungen
Studentinnen, die sich zu Escorttarifen prostituieren und muss dabei ihre
Vorurteile revidieren, käuflicher Sex scheint jedenfalls lustvoller als
jener des faden Ehelebens zu sein. Trotz mancher Sexszenen teilweise etwas
langweilig, schwenkt der Fokus zwischen Job und Privatem hin- und her.
Anfang
80
Österreich 2011, 90 Min, dolby 5.1
Regie und Buch: Sabine Hiebler, Gerhard Ertl, mit Christine Ostermayer, Karl Merkatz u.a.
Die technisch perfekte Geyrhalterproduktion
lässt vom Trailer her eher eine Komödie um die Liebe im Alter erwarten, ist
jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Altern und Sterben. Die
krebskranke Rosa kehrt vom Krankenhaus zurück und will in ihre Wohnung, doch da
wohnt schon wer anderer drin, stattdessen hat ihre Tochter schon einen Platz im
Pflegeheim für sie reserviert. Zufällig kommt Bruno vorbei und es ist Liebe auf
den ersten Blick. Dabei ist Bruno seit 50 Jahren glücklich verheiratet. Als sie
sich immer öfters im Altersheim lieben, werden sie hinausgeekelt, sie suchen
eine gemeinsame Wohnung. Mittlerweise hat der Sohn von Bruno, der selber
fremdgeht, seinen Vater entmündigen lassen („besachwaltern“). Als Rosa mit
Blaulicht zwangseingewiesen wird und Bruno sich dagegen wehrt, wird er kurz
sogar verhaftet, trifft aber auf einen verständnisvollen Amtsarzt.
Sie richten sich ihre Wohnung ein, werden aber von der mobilen Krankenpflege
beaufsichtigt. Doch der Krebs von Rosa schreitet unerbittlich fort und ihre
Pflege wird bei aller Liebe immer schwieriger. Wäre Sterbehilfe eine Lösung?
*** Alte Menschen werden ja oft
wie Kinder behandelt und bevormundet. Dagegen und für eine freie Liebe im Alter
wendet sich dieser bewegende Film. Christine Ostermayer erhielt bei der
Diagonale den Schauspielpreis.
Die
Summe meiner einzelnen Teile
Hans Weingartner, D 2011,
111 Min. , Dolby 5.1
Der in Feldkirch geborene Regisseur hat sich bereits im "weißen Rauschen"
mit der Psychiatrie auseinandergesetzt, "die fetten Jahre sind vorbei" und
"Free Rainer" waren weitere Werke von ihm.
Der Mathematiker Martin verliert nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie
seinen gut bezahlten Job, seine Freundin, seine Wohnung, er wird gepfändet
und landet auf der Straße und trinkt wieder. Er haust in Abbruchhäusern und
im Wald, wo er sich aus Ästen und Planen eine Unterkunft bastelt. Er trifft
dabei auf Viktor, einen 10 jg. Jungen aus der Ukraine, dessen Mutter an
einer Überdosis gestorben ist, mit dem er sein Schicksal teilt. Sie halten
sich mit dem Einsammeln von Pfandflaschen über Wasser; er nimmt mit
Lena, einer unbekannten Zahnarzthelferin, deren Brief er im Müll findet,
Kontakt auf, träumt von einer Reise mit ihr nach Portugal. Als sein Waldhaus
zerstört wird, rastet er aus. Der Film lässt offen, ob Viktor nur eine
Halluzination ist, wie die Psychiaterin und Polizei behauptet oder
wirklich existiert, wofür er Beweise sammelt.
**** spannender Film über
einen Mann in einer extremen Belastungssituation. Das Krankheitsbild
ist jedoch mehr eine halluzinatorische Schizophrenie, denn ein typischer
Burnout,
die Erzählweise ist kantig und nicht linear.
Best Exotic Marygold Hotel
John Madden, GB 2012, 124 Min., Dolby 5.1
Aus den unterschiedlichsten Motiven fallen sieben ältere EngländerInnen auf
einen Schmäh herein, in einem ehemaligen Maharadscha-Palast preisgünstig und
unter sich ihren Lebensabend zu verbringen, das „Luxus-Hotel“ in Jaipur ist
jedoch mehr eine Ruine, wo weder Türen, Telefon noch Wasserhähne funktionieren.
Aber der Geschäftsführer ist wenigstens hoch motiviert.
Der Film funktioniert
als Komödie kaum – die paar Gags sind alle schon im Trailer verpackt – doch
bietet er allen, die schon mal in Indien waren, Erinnerungen an typische
Indien-Erlebnisse, vor allem im Straßenverkehr – vor allem aus der schönen „Pink
City“ Jaipur in Rajasthan. Viel besser ist der Film jedoch als Reflektion übers
Altern, den Umgang mit alten Menschen (Abschieben in ein Dritte-Welt-Land?), der
Möglichkeit, auch im Alter noch eine sinnvolle Beschäftigung zu finden und
begangene Fehler zu korrigieren bzw. wie sich fremde Kulturen gegenseitig
befruchten können (zugunsten des Westens: Verständnis für die „Unberührbaren“,
keine Zwangsheiraten.)
„Am Ende ist alles gut – und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das
Ende“, lautet die Devise dieses Filmes, der uns „politisch korrekt“ ein Indien
zeigt, von dem wir übersättigte Europäer menschlich viel lernen können.
Man verzeiht deshalb, dass manche Details nicht ganz stimmig sind, so sind die
betagten Engländer viel zu warm angezogen, trinken immer und überall feinen Wein
(schwer zu bekommen). James-Bond-Fans werden Miss Monneypenny hier zwar
auch vor exotischer Kulisse, aber in ganz anderem Zusammenhang kennen lernen.
Sie bringt ein Call-Center auf Trab.
*** nette Culture-Clash Komödie, die als
solche kaum funktioniert, aber besinnliche Einblicke in die westliche Art des
Alterns und alte Menschen abzuschieben, liefert. Auffallend gute Dolby –
Sourround – Effekte!
Die
Eiserne Lady (The Iron Lady)
Phyllida Lloyd, F, GB 2011,
105 Min.
Meryl Streep spielt Mrs. Thatcher so exakt, dass man sich in einem
Dokumentarfilm wähnt, sie wurde deshalb mit dem Oscar© ausgezeichnet.
Prinzipiell hinterlässt der Film ein ähnliches Gefühl wie Bruno Ganz als
Hitler im "der Untergang", wird dabei zuviel die menschliche Seite betont
und so indirekt um Sympathie geworben? Völlig im Vordergrund steht der
dauernde Kampf von Margreth Thatcher um Vorherrschaft und Macht in einer von
Männern dominierten Gesellschaft, ausgerechnet bei den Tories, den
Konservativen und ausgerechnet im britischen Parlament schafft sie es zur
ersten Ministerpräsidentin in Europa.
Der Film zeigt durchaus, dass ihre gewerkschaftsfeindliche und neoliberale
Politik auch Gegner hatte, die einmal sogar eine Bombe zündeten (12.10.84 -
Parteitag in Brighton). Auch der Angriff auf das argentinische Kriegsschiff
"Belgrano", das an sich schon im Rückzug war, nahm sie auf ihre Kappe. Als
sie jedoch schulmeisterlich ihre männlichen Ministerkollegen wegen eines
Rechtschreibfehlers und mangelnder Vorbereitung auf eine Ministerratssitzung
herabkanzelte, war das Maß voll - sie wurde von der eigenen Partei gestürzt.
Ihr Mann ist gestorben und einer ihre Söhne lebt in Südafrika - zuletzt
leidet sie an Alzheimer und realisiert dies nicht mehr, sie beklagt
sich sogar, dass die Milch schon wieder teurer wurde.
Der durchaus kurzweilige Film ist
als diskutabel zu bewerten, auch wenn man ihre Politik ablehnt, sicherlich
hätte er politisch tiefsinniger werden können, ihr ganzer Ehrgeiz galt dem
Ziel in eine reine Männerdomäne einzubrechen. Die Leistung von Meryl
Streep ist unbestritten. **
The
Artist
Michel Hazanavicius, F, B 2011,
schwarzweiss, ohne Dialoge, 4:3 Academy-Format, 100 Min.
Der mit vielen Oscars© preisgekrönte europäische Film ist ganz im Stile
eines Stummfilms gemacht: das "aufrechte" Academy-Format 4:3, brillantes
schwarzweiss und weitgehend stumm konsequent ohne Dialoge, nur an wenigen
Stellen etwas Geräusche, aber ein volles Orchester an Filmmusik, nur zweimal
klingt die beginnende Ära des Tonfilms an: einmal als Albtraum, welche
Geräuscheffekte wohl möglich wären, hätte der Film plötzlich einen Ton, das
andere Mal hören wir des Protagonisten Atmen und zum Happyend seine
genagelten Schuhe beim Stepptanz.
1927: Peppy Miller sucht einen Job als Filmschauspielerin und küsst als
Groupie George Valentin, den umjubelten Stummfilmstar der Kinograph Studios.
Das Foto kommt auf die Titelseite des "Variety" und ärgert nicht nur seine
Frau. Es wird bereits mit dem Tonfilm experimentiert, doch George hält
nichts davon. Inzwischen bewährt sich die schöne Peppy beim Casting und wird
engagiert, gleichzeitig wird George gefeuert. Er versucht sich noch selbst
als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller, doch sein Stummfilm floppt,
während Peppy im Tonfilm triumphiert. Der Börsencrash von 1929 treibt ihn
endgültig in den Ruin. Verlassen von Frau und den Filmstudios muss er auch
seinen Buttler feuern und schlittert er in die Depression. Doch Peppy liebt
George und will ihn retten, George zündet sein Anwesen an und bewahrt nur
die Proberolle Film mit Peppy vor dem Feuer, sein treuer Hund rettet ihm das
Leben. Kurz vor seinem Suizid taucht Peppy auf und bietet ihm eine Rolle als
Stepptänzer in einem Musikfilm an. Happyend.
Das äußerst originelle Melodram
verknüpft französische Filmkunst mit der Geschichte und dem Glamour des frühen
Hollywood-Kinos,
die etwas banale Lovestory ist einfach süß, vor allem die Erinnerung an die
Frühzeit des Kinos, als die Mimik wichtiger war als die Stimme, ist sehr gut
gelungen. ***1/2
Huhn mit Pflaumen Originaltitel: Poulet aux prunes
D,F 2011, 90 Min
Die iranischstämmige Regisseurin Marjane Satrapi, die mit „Persepolis“
einen überragenden Animationsfilm schuf und damit berühmt wurde, enttäuscht in
diesem weitgehend als Realfilm gedrehten Film etwas. Es geht um den
Violinisten Nasser Ali Khan, der sterben will, als sein geliebtes Instrument von
seiner nicht geliebten Frau zerbrochen wird. Auch trauert er seiner unerfüllten
großen Liebe nach, die zwar von der jungen Frau selbst erwidert worden wäre,
aber das Nein-Wort ihres wohlhabenden Vaters, eines Juweliers, war stärker. Er
sah in dem Künstler einen Hungerleider und keinen Ernährer seiner Tochter und
Enkeln.
Wir befinden uns also in einer patriarchalischen Welt, wie sie auch bei uns
noch vor einigen Jahrzehnten üblich war.
Der Film ist zwar optisch sehr ansprechend und sehr poetisch, doch litten Logik
und Glaubhaftigkeit extrem dabei; z.B. als er sich eine neue“Stradivari“ in
einer entfernten Stadt ansehen will und sie vor dem Kauf gar nicht ausprobiert,
sie nicht stimmen muss etc. Doch besonders enttäuschte die banale, süßliche
Musik – ein Portrait eines klassischen Violinisten sollte die Stimmung durch das
große Repertoire an klassischer Musikliteratur schaffen, auch ist dem Zuseher
der Unterschied im Urteil seines alten Lehrers zwischen „schlecht“ und „perfekt“
akustisch nicht nachvollziehbar. Ein Märchenfilm eher für Erwachsene also.
** zwar poetisch, aber nicht nur musikalisch sehr
banal.
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70mm in Karlsruhe
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