Fimkritken 2010 des FKC Dornbirn

wenn nicht anders angegeben ist Dr. Norbert Fink der Autor
WG = Prof. Walter Gasperi
Urs = Dr. Urs Vokinger

Weitere Kritiken von Walter Gasperi finden sich
auch hier. (Kultur-Online - auf Filmriss weiter klicken)
bestmöglich: *****, **** = herausragend, ***= sehenswert, ** diskutabel, * mangelhaft, # langweilig, ## = 2 Schlafkissen für besonders langweilige Filme

Hinweis - hier kritisiere ich im allgemeinen aktuelle Filme, die ich irgendwo auf der Welt sehe, in der Regel nicht jene, die wir sicher ins Programm aufnehmen oder selbst gezeigt haben.

 

KAPITALISMUS - EINE LIEBESGESCHICHTE Nanga Parbat The Ghostwriter (Polanski)
Nord    
     
     

NORD

Rune Denstad Langlo
Norwegen 2009, 78 Min., Norwegische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Mit Anders Baasmo Christiansen, Kyrre Hellum, Marte Aunemo u.a.

Im Stile von Kaurismäki wird die Geschichte des depressiven, an Panik-Attacken leidenden Jonar erzählt. Er arbeitet – kaum motiviert – an einem Skilift und besucht die ambulante Tagesklinik der Psychiatrie. Hat er sich einmal hingelegt, ist er zu müde noch eine Karte auszugeben.
Er erfährt, dass er im hohen Norden einen Sohn haben soll und fährt mit dem Ski-Scooter dahin, da er in Öffis die Panik bekommt, auch Tunnels sind im sehr suspekt.
Sein einziger Proviant sind Schnaps und Zigaretten.
Schneeblind geworden, pflegt ihn ein einsames junges Mädchen; er übernachtet in Notunterkünften, die er manchmal brennend verlässt, trifft viele skurrile Gestalten, so einen lebensmüden Greis, fröhliche Panzerfahrer, die wegen ihm ein Manöver abbrechen mussten, und einen Jungen, der Angst vor Homosexuellen hat und sich den Alkohol über die Kopfhaut einziehen lassen will; sie weisen Jonar wieder den Weg zurück ins Leben...
In der Tat reißt er sich mit dieser wagemutigen Reise aus seiner Depression und erreicht früher oder später sein Ziel. Ist es das Licht oder die Umwelt, die ihn zu Aktivitäten zwingt – im Sinne der „erlernten Hilflosigkeit“?

Ein Road- oder besser Schnee-Movie aus dem hohen Norden, leider handwerklich nicht immer ganz perfekt.

***1/2 antidepressiv wirkendes nettes, kleines und billiges Road-Movie um einen schwer depressiven Mann mit Panikattacken, der am liebsten schläft, raucht und Schnaps trinkt, aber doch auf eine heilsame Reise aufbricht.


The Ghostwriter
Roman Polanksi, F, D; GB 2010, Cinemascope, 128 Min.


Der Film wurde in Berlin mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet. Ein Kritiker meinte dazu, das sei wohl aus Solidarität mit dem in der Schweiz unter Hausarrest stehenden Starrregisseur geschehen. Man kann zwar zwischen den Eingebunkerten im Film und dem Hausarrest Polanskis in Staad einige Parallelen ziehen, letztlich ist der Film aber schon vorher gedreht worden, getreu der Vorlage von Richard Harris’ Polit-Thriller The Ghost (2007)
In der Tat ist der Film sehr konventionell gemacht, konventioneller als manch innovativer Tatort-Krimi. Er rollt eine Verschwörungstheorie auf. Der britische Premier Adam Lang ist „rein zufällig“ der eines Tony Blair sehr ähnlich, der einem Ghostwriter seiner Memoiren diktiert. Der erste ist dabei auf mysteriöse Weise umgekommen, und auch für den zweiten wird es nicht sehr gesund werden.

Doch beginnen wir von vorne: in der Anfangsszene sehen wir eine Fähre, aus der ein PKW herausgeschleppt wird, weil der Fahrer offenbar nicht gekommen ist, wenig später sehen wir eine Leiche, die an den Strand geschwemmt wird. Der Verleger sucht einen Nachfolger für diesen Ghostwriter, der die Memoiren des britischen Ministerpräsidenten schreiben soll. An sich sind sie fast fertig, bedürfen nur noch eines Feinschliffes. Dazu soll ein politisch unbedarfter Brite herangezogen werden. Auf einer kleinen Insel in den USA unweit New Yorks soll er in Ruhe und unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen arbeiten können, der Premier und seine Frau sind auch anwesend. Allmählich kommen heftige Proteste von Friedensbewegten auf. Das Den Haager Tribunal klagt ihn wegen Kriegsverbrechen an, weil er Terrorverdächtige der Folter („Waterboarding“) in Gefängnisse des CIA übergeben habe.

Als der Ghostwriter wieder mal seine Unterkunft wechseln will, entdeckt er per Zufall einige Fotos, die beweisen, dass Lang gelogen hat, als er sagte, er sei aus Liebe zu Ruth erst der Labour Partei beigetreten. Er recherchiert auch den Tod seines Vorgängers, die Unfallthese wird unglaubwürdig; er deckte vielmehr auf, dass Lang und seine Frau Ruth Agenten des CIA gewesen sind. Schließlich hat er sich während seiner Amtszeit ja förmlich darum bemüht, der Bush-Regierung zu Willen zu sein…

Einigermassen spannend ist er ja und auch handwerklich recht versiert, das Ende ist nur zum Teil unerwartet. Auch der kurze Seitensprung von Ruth mit dem Ghostwriter ist so ein allzu konventionelles Schnörksel. Pierce Brosnan spielt den manchmal cholerisch aufbrausenden Lang, Ewan McGregor den Ghost.
*** gute Unterhaltung mit politischem Hintergrund, aber kein innovatives Kino.


Nanga Parbat
Joseph Vilsmaier, D 2009, 104 Min.

Am Ende des westlichen Himalaya im nördlichen, pakistanisch kontrollierten Teil von Kashmir gelegen, ist er mit 8125m die größte sichtbare, freistehende Massenerhebung der Erde. Die Südtiroler Brüder Günther und Reinhold_Messner durchkletterten 1970 als 23 bzw. 25 Jährige zum ersten Mal die gesamte, äußerst schwierige Rupal-Wand (Südwand), die höchste Steilwand der Erde. Reinhold Messner entschied, über die Diamirwand auf der Westseite abzusteigen. Damit gelang 1970 die erste Überschreitung des Nanga Parbat – und nach dem Mount Everest 1963 die erst zweite Überschreitung eines Achttausenders überhaupt. Beim Abstieg kam Günther Messner ums Leben. Soweit die bekannten Fakten.
Der Film von Vilsmaier zeigt die Bergsteigerkarriere der beiden Messner Brüder, es beginnt dabei der waghalsige Sport an der Kirchenmauer und in den heimatlichen Dolomiten, schon hier träumten sie vom schwersten Berg der Welt, dem Nanga Parbat. Der deutschnational angehauchte DDr. Karl Herrligkoffer leitete schon 1934 eine deutsche Nanga-Parmat Expedition und führte diese mit militärischem Drill und ebensolcher Logistik, Reinhold Messner setzte aber auf Spontaneität, je nach Wetter- und anderen Bedingungen, auch reizten ihn Alleingänge. 1970 schlossen sich die Messner-Brüder der Herrligkofer-Spedition an, als diese zu scheitern drohte entschloss sich Reinhold zum Alleingang, doch sein Bruder kletterte ihm nach. Beide wussten, dass der Rückweg nicht gesichert war, völlig erschöpft starb dabei Günther, im Film an einer Lawine.
Gerade diese Szene ist dramaturgisch nicht besonders geglückt, plötzlich sind die beiden Brüder nicht mehr dicht beieinander, Günther, schon völlig durchfroren und erschöpft, ruht sich etwas aus und Reinhold geht weiter, dann die Lawine.
Herrligkofer hat Reinhold Messner bis zu seinem Tode nicht verziehen, seine Befehle nicht befolgt zu haben und polemisierte in Vorträgen und Büchern gegen ihn. Dennoch ließ er seine Expedition als Erfolg feiern. Karl Markovics als Dr. Herrligkofer spielt exzellent, Florian Stetter und Andreas Tobias verkörpern die Messners, Lena Stolze ihre Mutter. Die Musik von Gustavo Santaolalla ist etwas monotoner Retro-Rock.

** Zwar mit eindrucksvollen Bergaufnahmen und sich an die wesentlichen Fakten haltend, dennoch nicht  besonders spannender Film (zumindest für einen "Coach-Potato" wie mich)

KAPITALISMUS - EINE LIEBESGESCHICHTE

Michael Moore, USA 2009, 120 Min.

Michael Moore, der als kritischer US-Bürger die gröbsten Auswüchse des "American Style of  Life" aufzeigt, ist kein Sozialist oder gar Kommunist, vielleicht sympathisiert er mit einigen sozialdemokratischen Ideen. Er bietet deshalb seinen "fellow citicens" keine Alternative an. Zu Beginn des Films vergleicht er die USA mit dem alten Rom, das an seiner Dekadenz und Bürgerferne zugrunde gegangen ist. Durch eine Art Putsch durch die Finanzmacht Goldman Sachs, aus dessen Bankhaus die meisten Finanzminister gestellt wurden, musste der  Staat in der Finanzkrise Milliarden Dollar zur Rettung der Banken bereitstellen - Geld zur Rettung notleidender Betriebe oder Bürger gab es dann nicht mehr. Dass daran Moores Lieblingsfeind G.W. Bush Hauptschuld war, ist eh klar.
Es wird immer wieder gezeigt, wie durch haarsträubende Finanzprodukte Bürger um ihr eigenes Haus kommen und gnadenlos delogiert werden. Indessen sinken die Löhne ständig, so gibt es Piloten, die für 16.000$ im Jahr arbeiten und um Lebensmittelgutscheine betteln müssen. Auch der Pilot, der die heldenhafte Landung auf  dem Hudson River zustande brachte, muss sich mit 20.000$ Jahreseinkommen zufrieden geben, die Banker hingegen lassen sich neben einem
saftigen  Grundgehalt in zehn- bis zwanzigfacher Höhe auch noch Boni von über 200.000$ auszahlen. Die USA spalten sich immer mehr in ein Land, wo 1% alles haben, 99% aber ärmer und ärmer werden und unter das Niveau von Entwicklungsländern sinken.   Besonders perfid auch Versicherungspolizzen nach dem "dead peasants"-Prinzip
(http://deadpeasantinsurance.com/). Unternehmen wie Walmart haben die Angestellten ohne ihr Wissen zugunsten der Firma lebensversichert - dadurch profitierten sie vom Tod ihrer Angestellten in Millionenhöhe. Beeindruckend waren auch Trumans Visionen von einer sozialen Weiterentwicklung, die allerdings mehr beim Aufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, als im eigenen Land in die Verfassungen eingeflossen sind. Die Off-Kommentare sind deutsch synchronisiert, die Originalinterviews in OmU.
Große Hoffnung setzt Moore auf  Barak Obama und einige klassische gewerkschaftliche Aktionen wie Sit-Ins.


*** Humorvoll, aber auch mit lächerlichem Aktionismus, zeigt Michael Moore die Wunden des kapitalistischen Systems und die Folgen der Finanzkrise nach 2007 auf . Die Off-Kommentare sind deutsch synchronisiert, die Originalinterviews in OmU.


Spezials - 70 mm Filme im Leokino

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