Der junge Karl Marx

Der junge Karl Marx
Raoul Peck, F,D,B, 2017, Cinemascope, 112 Min., gesehen in DF

Der neueste Film des haitianischen Regisseurs Raoul Peck (Lumumba, Der Mann auf dem Quai) ist sehr genau recherchiert. Es geht um das Ringen einer Arbeiterbewegung ab 1843, die sich mit der Ausbeutung von Männern, Frauen und sogar Kindern in der Zeit der ersten industriellen Revolution auseinandersetzt, in der unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen das Proletariat entstand.
Stark der Anfang – wir sehen verwahrloste Menschen, die aus purer Not im Wald Holz sammeln, aus dem Off erklärt uns Marx den rechtlichen Unterschied zwischen zu Boden gefallenen und von Dieben abgeschnittenen Zweigen. Berittene Polizisten metzeln die Menschen wahllos nieder, die das Holz dringend zum Heizen und Kochen benötigt hätten.
Durch solche Zeitungsberichte in der Rheinischen Zeitung zu Köln wird Marx bekannt, aber auch verhaftet. Er wird nicht zum letzten Mal das Land wechseln müssen.

Da gab es Sozialromantiker, die meinten mit Freundlichkeit und gegenseitigem Verständnis ließen sich die Konflikte schon lösen, über die „utopischen Anarchisten“ um Bakunin, den „solidarischen Anarchismus“ eines Pierre-Joseph Proudhoun, die alle im „Bund der Gerechten“ sich wieder fanden. Und es gab Karl Marx und Friedrich Engels. Engels war der Sohn eines üblen kapitalistischen Ausbeuters, ließ sich von seinem Vater als Prokurist seiner Firma gut bezahlen und finanzierte damit auch seinen Freund Karl Marx, der in ärmlichen Verhältnissen lebte, aber mit einer Aristokratin glücklich verheiratet war, die ihm mehrere Kinder schenkte und auch nicht aufs Maul gefallen war, jedenfalls seine Weltanschauung teilte. Der Film endet mit dem Ringen um die Formulierung des „kommunistischen Manifests“ und in der ersten Minute des Abspannes – zur Musik „Like a Rolling Stone“ sehen wir die bekannten Pressebilder der Meilensteine des Klassenkampfes seither – von Stalin zu Chruschtschow, Ché Guevara, Nelson Mandela, dem Berliner Mauerbau, den Stellvertreterkriegen, über die erstarkte Rechte in Form von Maggy Thatcher, Reagan und Bush bis hin zu den heutigen Rassenunruhen in den USA.
So brillant und kurz hier 170 Jahre Weltgeschichte erst im Abspann komprimiert werden, so ausführlich wird das Privatleben von Marx und Engels gezeigt, immerhin durch Szenen des Elends von damals drastisch bebildert. Einige (harmlose) Bettszenen des glücklichen Ehepaares Marx hätte man ruhig kürzen, mit einigen Fluchtszenen (Marx musste immer wieder den Wohnort und das Land wechseln – Deutschland – Frankreich – Belgien – England) hätte man ihn vielleicht etwas spannender machen können.

*** Sehenswerter, historisch bestens fundierter Film über Marx und Engels in „jungen“ Jahren, die mit Zylinderhut und in feinem Tuch um ein theoretisches Fundament zur Befreiung der Arbeiterklasse – das Kommunistische Manifest rangen. Leider ist der Stil des Filmes alles andere als revolutionär, sondern sehr konventionell und etwas dialoglastig geraten.

 

http://derstandard.at/2000054657225/Raoul-Peck-Jede-Epoche-braucht-ihre-Analyse

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/film/neu_im_kino/881134_Im-Biopic-Fahrwasser.html

ausführliches Interview mit August Diehl, Wiener Zeitung vom 25.3.17:

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/881388_Marx-wusste-dass-er-die-Welt-veraendern-kann.html

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