Kategorie-Archiv: Filmkritik

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

Mackie Messer –
Brechts Dreigroschenfilm

Deutschland/Belgien 2017, 136 Minuten, Cinemascope
SWR/ARTE +RBB/NDR

Regie: Joachim Lang

Biopic; Darsteller:  Lars Eidinger (Bertolt Brecht) · Tobias Moretti (Macheath) · Hannah Herzsprung (Polly) · Joachim Król (Peachum) · Claudia Michelsen (Frau Peachum)

Sehr opulente und bildgewaltige, rasante und rastlose Verfilmung des nie zustande gekommenen Dreigroschenfilms. Einerseits wollte Brecht noch mehr politische Aussage in den Film als in das Theaterstück bringen, was den Filmbossen missfiel, andererseits kamen 1933 die Nazis an die Macht, verbrannten Brechts Bücher, und störten die Aufführungen. Dabei war die Uraufführung im August 1928 trotz Chaos bei den Proben überraschenderweise sehr erfolgreich.
Brecht gelang noch mit der Bahn die Ausreise, wenige Tage nach Machtergreifung Hitlers.

Ohne die Musik von Kurt Weil – hier aufwändig eingespielt vom SWR Symphonieorchester und der – Bigband, würde das Stück nicht funktionieren. Die teils zum Schlager gewordenen Stücke (und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht…) werden hier fast schon übertrieben choreografiert.

Regisseur Lang, ein ausgewiesener Brecht Experte, hat darauf geachtet, dass fast jeder Satz ein Brecht Zitat ist (was allerdings die wenigsten Zuschauer merken werden) und hat auch Elemente anderer Brecht-Stücke eingebaut. Sozialkritik wird in kleinen Dosen verabreicht, immerhin ist die makabre Figur des Peachum, der in London die Bettler ausstattet, schminkt und trainiert und so Archetypen von Mitleid erregenden Armen für sein korruptes Unternehmen schafft auch heute noch aktuell, auch das Brecht-Zitat es sei wohl viel schlimmer eine Bank zu gründen, als eine auszurauben.

***1/2 kurzweilig, turbulent und Musical-artig, mit großen Schauspielern besetzt und einem tollen Sounddesign. Wer Brecht mag, hat sicher seine Freude damit!
(NB: „mit Kuhle Wampe“ schrieb Brecht 1932 sehr wohl einmal ein Buch für einen stark zensierten Tonfilm)

2001 von Stanley Kubrick jetzt neue 70mm Kopie

2001 Odyseee im Weltraum „unrestored“ 70mm Fassung (Stanley Kubrick 1968).


Diese Fassung wurde kürzlich von Regisseur Christopher Nolan vom Original 70mm-Negativ gezogen, wobei nur analoge / chemische Methoden zur Verbesserung herangezogen wurden. Der Ton ist in DTS, da kein Labor mehr 6-Kanal-Magnetton-Kopien herstellen kann.

Der Film ist mancher Hinsicht prophetisch, Dietmar Zingl
wies darauf hin, dass es

  • Flachbildschirme (auch im PanAm Flugzeug im
    Vordersitz)
  • Bildtelefon (heute Skype)
  • Kreditkartenzahlung
  • Künstliche Intelligenz, welche allmählich die
    Kontrolle über den Menschen erlangt und Menschen tötet
  • Sprachausgabe und –Eingabe – Computer

im Film gibt. Dies war 1968 reine Utopien, die aber eingetroffen sind. Mir ist auch aufgefallen dass „Fake News“ eingesetzt wurden, um die Bevölkerung ruhig zu stellen.
Noch heute faszinierend wirkt die Filmmusik (R. Strauss, also sprach Zarathurstra, J.Strauss, Donauwalzer u.a.).
Eigenwillig ist die Idee des Quaders, der von Außerirdischen stammen soll und das Böse in die Welt trägt (Die Vormenschen lernen, einen Knochen als Mordwaffe einzusetzen und werden so zu Jägern), psychedelisch die Rückkehr auf die Erde und irgendwie esoterisch, als zum Schluss er sich als alter Mann und Greis selber sieht. Doch dies dürfte auch von Einsteins Theorie der Zeit beeinflusst worden sein.

Die Handlung kann in Wikipedia nachgelesen werden.
https://de.wikipedia.org/wiki/2001:_Odyssee_im_Weltraum#/media/File:Screenplay_(8649765020).jpg

Er ist in 70mm wieder zu sehen beim 70mm Festival in Karlsruhe am Sa.29. 9.18 um 21:00 in der Schauburg (siehe:  in70mm.com,)

Auch nach 50 Jahren ist dieser Klassiker des SF-Films
absolut sehenswert!

Grenzenlos (Wim Wenders)

Grenzenlos (Submergence)
Regie: Wim Wenders, USA, F, D, E 2017, 112 Min.

Der Film nach dem Roman von Jonathan M. Ledgards hatte bei den Filmfestspielen von San Sebastian seine Europapremiere und erschien bei einem US-Verleih.
In einem Luxus-Schlosshotel am Atlantik in Frankreich treffen zwei Menschen mit komplett unterschiedlichen Berufen aufeinander und verlieben sich. Die schöne Alicia ist Biomathematikerin und will tiefste Meeresschichten mit einem Spezial U-Boot erforschen,
Der durchtrainierte James gibt sich als Brunnenbauer in Afrika aus, ist aber Geheimagent des MI6 und wird auf eine sehr gefährliche Mission gegen die Djihadisten nach Somalia geschickt.

Im ersten Teil, sehen wir die beiden am Turteln, wobei das ganze sehr züchtig dargestellt ist. Dann müssen sie sich leider trennen und ihren Aufgaben nachgehen, was beide sehr schmerzt. Werden Sie sich je wieder sehen?

Er wird bei der Ankunft in Somalia gleich enttarnt, gefoltert und in ein dunkles Loch gesteckt, bei ihr ist die Dunkelheit die Tiefe des Meeres, es gibt nur ein solches U-Boot, bekommt es einen Defekt, wird sie entweder ertrinken oder binnen 5 Tagen ersticken, außerdem ist ihr Tauchgang der letzte der Mission. Im zweiten Teil lebt der Film von der Parallelmontage und gewaltigen Naturaufnahmen (v.a. der Faroer-Inseln). Beide denken ständig aneinander und sind in großer Gefahr, Alicia verzehrt sich vor Sorgen, da sie keine Nachricht von James erhält und keinen Kontakt zu ihm herstellen kann. Als James wenigstens halbwegs anständig behandelt wird und statt in einem Loch in einem Ausbildungscamp in den Mangroven gefangen gehalten wird, kann er einen Sender in seiner Zahnprothese aktivieren. Bald greifen die Amerikaner das Camp an, und er kann nur ins Wasser springen, um sich zu retten.

Alicia ist jetzt in 3000 m Tiefe und entdeckt neue Lebensformen, als das U-Boot plötzlich jeden Strom verliert. Nun, wenigstens kein Happyend. Das Ende des Films kann man in mehrere Richtungen interpretieren, ist das helle Licht der Übergang ins Jenseits oder doch das Licht an der Wasseroberfläche? Einen Hoffnungsschimmer lässt er den Zusehern.  Wenders neigt ja manchmal zum Übersinnlichen…
Viele Themen werden angeschnitten, es wäre eigentlich Stoff da für einen James-Bond-Film einerseits und einen Nautilus-Film andererseits, die wissenschaftlichen Erörterungen der Meeresschichten überfordern sicher die meisten Zuseher, während die Schilderung der Djihadisten eher den Klischees entspricht. Richtig spannend wird der Film erst zum Schluss.
Leider nicht in Cinemascope gedreht!

*** Wim Wenders versucht die Parallelen zweier frisch Verliebter in höchst unterschiedlichen Gefahrensituationen und Umwelten durch harte Schnitte darzustellen, und gleichzeitig einen Bericht zur Lage des Planeten – politisch wie ökologisch – abzuliefern, was einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

303

303

D 2018, Regie: Hans Weingartner, Buch: Hans Weingartner und Silke Eggert, 145 Min, gesehen in DF

https://de.wikipedia.org/wiki/303_(Film)  (genauer Inhalt)
https://303-film.de (Homepage mit Reiseroute und Musiklinks)

Der neue Film des Vorarlbergers Hans Weingartner („Das weisse Rauschen“, „Die fetten Jahre sind vorbei“ und vier weitere Langfilme) ist eine gekonnte Mischung aus Road-Movie (von Deutschland via Belgien, Frankreich, Spanien bis nach Portugal) in einem alten Wohnmobil auf Basis des Mercedes 303 Kleinlasters. Jule und Jan sind 24jg. Studenten, bei denen das Studium nicht ganz so läuft wie erhofft, außerdem ist Jule schwanger und ihre Mutter drängt sie zur Abtreibung. Sie fährt mit ihrem Wohnmobil zu ihrem Freund nach Portugal, der sie geschwängert hat, um dies zu besprechen und nimmt sie Jan als Autostopper mit. Sie diskutieren über die biologischen und genetischen Grundlagen der Liebe, also über Hormone und Pheromone, Jule träumt von einer solidarischen Gesellschaft, Jan hält den Konkurrenzkampf für wichtig, kritisiert aber das kapitalistische System, das die Menschen „systemimmanent“ einsam und so krank mache. Jan möchte eigentlich seinen leiblichen Vater kennenlernen, der im spanischen Baskenland bei einer Werft arbeitet.

Die Gespräche sind auf einem intellektuell hohen Niveau und entsprechen durchaus dem Stand der Wissenschaft. Es dauert zwei Stunden, bis die beiden ihre theoretischen Gespräche über Sex zaghaft in die Realität umzusetzen.

Mich erinnerte der Film doch stark an meine Studentenzeit, wo wir viel über Gott und die Welt, Kapitalismus und Sozialismus, Psychoanalyse und Behaviourismus usw. diskutiert hatten und auch mit alten Autos durch südliche Gegenden gefahren sind.

Die Schauspieler Mala Emde und Anton Spieker spielen grandios, die langen Dialoge wirken spontan und echt, sind aber haargenau nach Drehbuch eingelernt. Einige tolle Landschaftsaufnahmen sind auch dabei. Mit 145 Min. ist der Film schon etwas lang geraten, ist aber nie langweilig. Es war ein Wagnis den Film zu produzieren, zumal keine großen Fernsehanstalten mitmachten. Doch er berührt das Publikum!
****

The Shape of Water

THE SHAPE OF WATER – LA FORMA DEL AGUA – die Form des Wassers

Guillermo del Toro, USA 2017, ca 125 Min, Breitwand, gesehen in spanischer Fassung.
Goldener Löwe, Venedig 2017; 13 Oscar-Nominierungen und 2 Golden Globes waren Grund genug auch im Urlaub in Kino zu gehen.

Derzeit sind Genre Filme ziemlich in Mode, jedenfalls wagen sich auch anspruchsvolle Regisseure an derartige Filme heran. Del Toro führte nicht nur Regie, er ist u.a. auch für das Buch und die Produktion verantwortlich.

Die Eingangssequenz zeigt uns ein Wohnzimmer mit Büchern unter Wasser. Gegenstände schweben frei herum. Eine versunkene Welt?
Elisa ist stumm, aber nicht taub und gebärdet sich. Sie ist eine Reinigungskraft in einem geheimen militärischen Forschungszentrum in den USA und mit einer schwarzen Kollegin befreundet. Sie lebt neben einem Plakatmaler, der aber seine Kunstwerke nicht anbringt. Wir schreiben das Jahr 1962, Kalter Krieg, große Straßenkreuzer, moderne Einbauküchen, Fast Food, große Schwarzweiß-Fernseher.
Der Sicherheitsmann Strickland foltert nicht nur das angebliche Monster, er schikaniert auch die Mitarbeiter und kauft sich einen neuen Cadillac als Zeichen des Fortschritts.

In das Weltraum-Forschungszentrum wird eine angebliche Bestie, die in den Sümpfen Lateinamerikas gefunden wurde, eingeliefert. Dass Seeungeheuer braucht Salzwasser und proteinhaltige Algen, hat aber durchaus menschliche Formen, schaut wie ein Alien aus, Schuppen, Kiemen, aber auch leuchtende blaue Punkte. Und es hat besondere Fähigkeiten, die das Militär einsetzen möchte. Doch mit Folter ist mit ihm nichts zu machen.
Als Elisa es zum ersten Mal sieht, ist sie die einzige, die keine Angst vor ihm hat, ja fasziniert von ihm ist. Als es am nächsten Tag in einem Becken angekettet ist, gibt sie ihm ein gekochtes Ei zum Essen, es wird der Beginn einer langen Freundschaft sein. Es lernt rasch ihre Gebärdensprache und zeigt sich intelligent und sensibel. Auch die (natürlich bösen) Russen sind an dem Monster interessiert und haben einen Experten eingeschleust, der das Tier durch eine Injektion vernichten soll, doch er zögert, als er dessen menschlichen Züge entdeckt.
Als Elisa dies beim Putzen mithört, entscheidet sie sich das Wesen zu retten und zu sich nach Hause zu nehmen, sie ist verliebt und glücklich und hat sogar Sex mit ihm. Die spannende Befreiungsaktion und die Suche des Militärs nach ihm sei hier aber nicht verraten!

Moralisch geht es darum, Respekt auch vor fremden Wesen zu haben und ihnen bei Gefahr zu helfen. Durchaus eine aktuelle Botschaft mit manchen aktuellen Hinweisen („Die Nordkoreaner haben auch Verstand und Gefühle, trotzdem töten wir sie“) folternde US-Militärs, Langusten verspeisende russische Agenten und andere Klischees aus Agentenfilmen sind unterhaltsam eingebaut. Ebenso gibt es viele Zitate aus anderen Filmen und einen ansprechenden Soundtrack von Alexandre Desplat. Im Gegensatz zu vielen anderen Genrefilmen überzeugt er jedoch durch seine tiefe Humanität!

Ein Märchen für Erwachsene, gut umgesetzt, mit Musical-, Politthriller und Fantasyelementen, aber auch etwas Realität. ****

 

Die dunkelste Stunde

Die dunkelste Stunde
GB 2017, 121 Min, Regie: Joe Wright
gesehen in DF
Es geht in diesem kammerspielartigen Film um die Persönlichkeit Winston Churchills. 1940 ist er der einzige Konservative, der auch von der Opposition akzeptiert und so vom König zum Premierminister ernannt wird. Er ist keine einfache Person, in der eigenen Partei ein Außenseiter, trinkt und raucht gerne und viel, braust manchmal auf, hat aber trotz rauer Schale das Herz am richtigen Fleck.
Eigentlich wollen die meisten Politiker nach dem Einmarsch Hitlers in Belgien Mussolini um Vermittlung zu einem Friedensvertrag bitten, doch Churchill ist strikt dagegen, mit dem Diktator zu verhandeln und will bis zum Sieg kämpfen. Die Ausgangslage dazu ist nach der Einkesselung der Truppen in Dünkirchen alles andere als rosig, Hitlers Wehrmacht scheint in allem überlegen zu sein, die Amerikaner wollen (noch) neutral bleiben und die Armee ist einem desolaten Zustand. Außerdem wird Churchill angelastet, im Ersten Weltkrieg Schuld am Desaster von Gallipoli zu sein. So kommt er auf die glorreiche Idee, die eingeschlossenen Truppen in Dünkirchen mit zivilen Booten zu retten, was bekanntlich gelungen ist (vgl. den Film „Dünkirchen“). Churchill ist freilich ein begnadeter Redner und so büxt er einmal von seinem Dienstwagen aus, um erstmals in seinem Leben mit der U-Bahn zu fahren, wo er die Meinung der normalen Bevölkerung hören will, die ihn in seinen Ansichten bestärkt, gegen Hitler zu kämpfen. Diese Szene ist freilich Fiktion. Der Rest ist Geschichte.
**** Brillant gespielt von Gary Oldman ist der Historienfilm trotz einer gewissen Wortlastigkeit nie langweilig!

Aus dem Nichts

Aus dem Nichts

Fatih Akim, D/F 2017, Cinemascope, 106 Min, Gesehen in DF

Diane Kruger, Cannes 2017, Beste Darstellerin

Nachdem uns eine Patchwork-Familie mit kleinen menschlichen Fehlern gezeigt wurde, werden wir Zeuge des Bombenanschlags, welche den Mann und das gemeinsame Kind der Familie Şekerci getötet hat. Katja und Nuri haben im Gefängnis geheiratet. Aus Verzweiflung über den Tod Nuris und des Sohnes nimmt sie Drogen, um den Schmerz zu betäuben. Diese findet die Polizei auch bei ihr, was ihr zum Verhängnis wird.
Beim Prozess kommt es überraschend zu einem Freispruch, dem gewieften Anwalt der Neonazis gelingt es, zumindest Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Aussagen des Opfers zu wecken und so „im Zweifel für den Angeklagten“ gelten zu lassen. Da bleibt für das Opfer, brillant dargestellt durch Diane Kruger, nur noch die Selbstjustiz. Sie reist nach Griechenland, wo Mitglieder der Neuen Morgenröte ein falsches Alibi für die Täter bereitstellten.
Die Bilder sind anfangs sehr hart und dunkel, gegen Ende jedoch hell und bunt.
Der Film nimmt direkten Bezug auf den NSU und Beate Zschäpe.

Regisseur Fatih Akim ist wütend darüber, dass die rechtsextreme Terrorzelle NSU neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen hat, Polizei wie Presse aber nicht von rassistischen Motiven ausgingen, sondern die Täter jahrelang im Umfeld der überwiegend türkischstämmigen Opfer suchten und etwa Racheakte oder Mafia-Verbindungen vermuteten.

***1/2 Durchgehend spannend, nur mit wenigen Längen, wird eine fiktive Geschichte erzählt, die nach dem Zschäpe-Prozess so hätte stattfinden können.

Die Unsichtbaren – wir wollen leben

Die Unsichtbaren – wir wollen leben

Regie: Claus Räfle, D 2017, 110 Min, Cinemascope, gesehen in dt. OF.

Das „Doku-Drama“ – dokumentarische Aufnahmen werden mit nachgespielten Spielfilmszenen ergänzt – zeigt einen auch mir einen bisher wenig bekannten Aspekt des Holocaust. Statt sich in den Osten umsiedeln zu lassen, sprich vergast zu werden, flüchteten allein in Berlin mindestens 5000 in die Illegalität, 1500 davon überlebten. Dabei halfen aus unterschiedlichsten Motiven auch Deutsche, Kommunisten, Nazigegner, Nachbarn aber auch Unbekannte.
Der Film ist sehr spannend, obwohl wir anhand der Interviews mit vier Personen, die übrigens für andere Dokumentationen aufgenommen wurden, folgern können, dass sie überlebt haben. In sehr einfühlsam gemachten Rückblenden werden die wahren Begebenheiten nachgespielt. Da ist einmal Cioma Schönhaus, der als Passfälscher gut verdient und in einem ungenutzten Lager der afghanischen Botschaft unbehelligt arbeiten kann. Aber kleine Schlampereien kosten ihm fast den Kopf. Hanny Lévy lässt sich ihre dunklen Haare blond färben. Mit ihren grünen Augen und als Blondine passt sie nicht in das Klischee der dunkelhaarigen, braunäugigen Jüdin und fühlt sich gut gekleidet auf dem Kurfürstendamm sicher. Im Kino spricht sie ein Mann an, der möchte, dass sie mit ihrer ebenfalls sehr einsamen Mutter, der Kinokassiererin, spricht. Eugen Friede versucht es mit einer anderen List, er gibt sich als Ausgebombter aus, für den es unbürokratisch Gästezimmer gibt. Ganz in die Höhle des Löwen gerät Ruth Arndt, die sich als Kriegswitwe tarnt und bei einem hochrangigen Wehrmachtsoffizier das Hausmädchen wird, dort bekommt sie wenigstens gut zu essen. Alle müssen aber immer wieder ihre Zufluchtsorte wechseln.
Als Zuschauer schrecken wir auf, wenn es an der Türe läutet oder klopft, ist es die Gestapo? Wir nehmen aber auch an den kleinen Freuden des Lebens teil und der zwiespältigen Haltung zu den Bombern, die Berlin in Schutt und Asche legen. Für die Illegalen gibt es keine Schutzbunker, andererseits hoffen sie, dass dadurch der Krieg bald zu Ende sein möge.

***** ein selten spannendes und hervorragend geschnittenes „Doku-Drama“ über Jüdinnen und Juden, denen es auch nach 1943 gelang in Berlin unterzutauchen und so dem Holocaust zu entgehen.

Gauguin

Gauguin


F 2017, Cinemascope, 101 min, gesehen in DF

Regie: Edouard Deluc , Darsteller: Vincent Cassel ,

Der französische Regisseur Deluc reiht mosaikartig viele Momente aus dem Leben des berühmten Malers der frühen Moderne aneinander. Mit der Wahrheit nimmt er es nicht so genau, wenn man den Film mit Wikipedia u.a. Biografien vergleicht.
Im Film sehen wir einen verarmten Maler, der von seiner Frau und seinen fünf Kindern in seiner winzigen, verschmutzten Wohnung besucht wird. (Er war keineswegs immer arm, sondern anfangs ein wohlhabender Banker.)

Eigentlich wollte seine Familie nach Polynesien mitkommen, doch es wird der Abschied werden, seine Frau zieht wieder nach Dänemark. Gauguin fühlt sich missverstanden und von der christlichen Moral unterdrückt. In Tahiti 1891 angekommen, erhofft er sich ein einfaches, schönes, glückliches Leben, das wenig kostet.

Dort angekommen, bekommt er eine wesentlich jüngere Frau, Tahura, die ihm Modell steht, die er aber kaum ernähren kann. Ein junger Einheimischer kopiert nicht nur seine Werke und verkauft sie wesentlich erfolgreicher als er selbst an die Weissen, er schläft auch insgeheim mit Tahura, was natürlich zu Konflikten führt. Im Film ist Tahura eine starke Frau, in Wahrheit waren lt. SZ alle Mädchen Gauguins erst 14 Jahre alt.
Enttäuscht ist er jedoch davon, dass die Missionierung auch hier voranschreitet und Kirchen und Missionare die Ursprünglichkeit der Menschen verderben und sie in weißen Kleidern herumlaufen sollen. Er freilich hat sich das einfache Leben auch problemloser vorgestellt, er scheitert kläglich beim Fischen (köstlich die Kintop-artige Szene). Gauguin malt nicht die Realität, die er vorfindet, sondern jenes tropische Paradies, das er sich erträumte und stößt damit auf Unverständnis.

Doch er ist krank. Im Film soll es die „Diabetes“ sein (lt Wikipedia war es die Syphilis).
Er muss sich als Hafenarbeiter beim Löschen der Fracht verdingen, um nicht zu verhungern, fährt auf Anraten seines Arztes zur Behandlung nach Frankreich, kehrt wieder zurück, ohne Tahura nochmals zu sehen und stirbt dann 1903 in Atuona.

Das schönste am Film sind sicher die Landschaftsaufnahmen von tropischen Paradiesen und einige starke Szenen mit den Einheimischen und seiner Tahura. Dramaturgisch ist der Film wenig geglückt, er führt neue Personen ein, ohne sie näher vorzustellen oder sie entwickeln zu lassen. Auch Gauguins künstlerische Entwicklung und Motivation wird nicht näher erklärt.

**Somit hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck. Sicher, Vincent Cassel spielt Gauguin gut und auch die Tahura ist sorgsam ausgesucht.

Happy End

Happy End

Michael Haneke, F/A/D 2017, 107 Min, gesehen in DF

Der Regiestar des österreichischen Films, Michael Haneke, drehte seinem typischen Stil getreu diesen Film über die französische Unternehmerfamilie Laurent in Calais und beobachtete sie präzise.
Patriarch Georges ist schon etwas altersdement, blickt aber gut auf sein Leben zurück. Pierre Sohn seiner Tochter Anne, der die Geschäfte übernehmen soll, ist dazu weder willens noch fähig. So springt Anne ein, die mit einem englischen Geschäftsfreund eine persönliche Beziehung eingeht. Als auf einer Baustelle ein Unfall passiert, soll die Firma verkauft werden. Georges Sohn Thomas ist Arzt und gerade Vater geworden, außerdem hat er eine Affäre mit einer Musikerin. Seine 13-jährige Tochter aus erster Ehe, Eve, gerade in den Palast der Familie eingezogen, kommt hinter das Doppelleben ihres Vaters. Georges vertraut seiner Enkelin Eve an, dass er seiner Frau beim Sterben behilflich war.
Hinter aller bürgerlichen Verlogenheit steht mehrfache suizidale Todessehnsucht: Georges fährt bewusst in der Nacht gegen einen Baum, landet aber „nur“ im Rollstuhl. Auch die sensible 13 Jährige Enkelin Eve, äußerlich noch ziemlich kindlich, will sich vergiften und geht mit ihm ein morbides Bündnis ein. Zum Schluss kommen auch noch Asylanten in das Spiel, doch diese Szenen wirken irgendwie unnötig und zeigen höchstens den hilflosen Umgang mit diesem zeitlichen Phänomen.

*** Es dauert etwas, bis der Film spannend wird, doch es lohnt sich, die SchauspielerInnen sind allesamt brillant. Ein typischer, aber nicht der beste Haneke-Film.