Kategorie-Archiv: Filmkritik

Roma (Netflix)

ROMA
Mexico, USA , 135 Min. span/mixtekische OmU
SW/Cinemascope
Regie: Alfonso Cuarón
ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen von Venedig, 2018

Der Titel “Roma” hat weder was mit der italienischen Hauptstadt Rom, noch der fahrenden europäischen Minderheit der Sinti und Roma zu tun, sondern einem Stadtteil von Mexiko-Stadt.

Mit dokumentarischer Präzision begleitet der Film die indigene Hausangestellte Cleo, die von einem Kampfsportler geschwängert wird und der sie schon bei der ersten Andeutung, sie könnte von ihm schwanger sein, verlässt. Doch auch die Hausherrin Sofia hat mir ihrem Gatten Probleme, auch er verlässt die Familie mit 4 Kindern. Trotz der Schwangerschaft hält sie zu Cleo und leidet mit ihr, als sie ein totes Kind gebärt. Sie wird schließlich zur Heldin, als sie – eine Nichtschwimmerin –zwei Kinder von Sofia aus den Fluten des Ozeans rettet, welche die Kraft der Wellen unterschätzen.
Der Film spielt im Stadtteil Roma von Mexiko-Stadt, wo 1971 ein Massaker (Matanza de Tlateloloc) an protestierenden Studenten angerichtet wurde.

Der anfangs etwas langsam dahin fließende Film gewinnt im weiteren Verlauf an Fahrt und Spannung und kann auch als Beispiel klassenübergreifender Frauensolidarität interpretiert werden. Von der Stärke des Körpers, der Seele und des Geistes, wie es die Kampfsportler predigen, ist freilich in der Praxis nichts zu merken.
Ein sehr sehenswerter Film über den Alltag in Mexiko.***1/2

Zu sehen auf Netflix und ev. in Schweizer Kinos.
Auch ich meine, dass Filme ins Kino gehören und auf einer großen Leinwand angeschaut werden sollen. Dass gerade die Streamingdienste in Punkto Bildqualität die normalen Fernsehsender übertreffen (full-HD oder sogar UHD) und deshalb in den immer größer werdenden Heimkinos beliebt werden, ist eine Tatsache. Mutig ist es sicher, in Schwarzweiß und Cinemascope zu drehen, eine eher unübliche Kombination. Erfreulich auch, dass Netflix immer mehr europäische Filme auf die Liste nimmt und auch OmU-Fassung anbietet.

Genaue Handlung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roma_(Film)

Glücklich wie Lazzaro

Glücklich wie Lazzaro
Lazzaro felice

D, F, IT, CH 2018 (arte,TSI, rai), 127 Min, it OmU, aufgenommen auf 16mm analog

Regie: Alice Rohrwacher

Eine scheinbar verwunschene Dorfgemeinschaft tief in der italienischen Provinz lebt noch wie zu feudalen Zeiten, ausgebeutet von einer Gräfin, die sie durch Verschuldung in einer Art Leibeigenschaft hält. Wenn jemand Hilfe braucht, ruft er Lazzaro herbei; der junge Mann von sanftem Gemüt ist zu jedem Handlangerdienst bereit. Aber dann wird der Gräfin doch noch das Handwerk gelegt, die Dorfgemeinschaft verschlägt es ins Exil, alle altern bis auf Lazzaro … LAZZARO FELICE trifft den Ton zwischen Märchen und Neorealismus so genau, dass man beides als wahres Wunder erlebt. Ein Film, der mit jeder Szene überrascht und verführt und doch von sozialer Wirklichkeit erzählt. (Barbara Schweizerhof)

Auf der Tabakplantage der Marchesa Alfonsina de Luna in einem durch eine Naturkatastrophe weitgehend abgeschnittenen Teil Süditaliens, herrscht noch die Leibeigenschaft, blanke Sklaverei. Die Arbeiter werden immer mehr verschuldet und kennen kein Geld, nur Tauschgeschäfte. Sie bekommen schlechteres Essen als die Haustiere der Herrin. Als Tancredi, der rebellische Sohn der Marchesa seine eigene Entführung inszeniert und ein Kind die Polizei anruft, fliegt die illegale Tabakproduktion, die Nichtbezahlung und -versicherung der Arbeiter auf und die Herrin wird verhaftet.
Räuber räumen ihre luxuriöse Wohnung leer. Lazzaro hilft ihnen gutgläubig noch dabei, wird aber zu Fuß in die ferne Stadt geschickt, wo er erstmals so etwas wie das moderne Leben kennen lernt. Die Arbeiter werden in eine Stadt gebracht, wo sie am Rande des Bahnhofes dahinvegetieren und von Gelegenheitsdiebstählen etc. leben.
Lazzaro scheint zu nichts nütze, kennt jedoch unscheinbare Pflanzen, die man Essen kann.

Hauptfigur ist die biblische Gestalt des Lazarus, ein Bauernjunge, der so gutmütig ist, dass er oft für einfältig gehalten wird. Nach einem scheinbar tödlichen Sturz von einem Felsen wird er von einem Wolf wieder zum Leben erweckt und altert nicht mehr. Später in der Stadt, trifft er Tancredi, den er als Halbbruder wähnt, wieder, wird von ihm aber schwer enttäuscht.

Im nostalgischen 16mm-Stil, mit eher verhaltenen dumpfen Farben, erinnert der Film an den Sozialrealismus des Neorealismo, zeigt die Ausbeutung der Menschen, aber auch die Lebenskraft der einfachen, armen und meist analphabetischen Menschen. Mehrere religiöse Andeutungen und an Wunder grenzende Absurditäten nagen freilich etwas an seiner Glaubwürdigkeit.

Ein berührender Film mit märchenhaften Wendungen. ****

Neben einigen Programmkinos soll er demnächst auch auf Netflix zu sehen sein.

THE HOUSE THAT JACK BUILT

THE HOUSE THAT JACK BUILT

Regie: Lars von Trier, DK,D,F,S 2018,  153 Min, Cinemascope
Erstaufführung: Festival Cannes, 14.5.2018 (außer Konkurrenz)
Mit Matt Dillon, Bruno Ganz u.a..

Dem Film eilt der Ruf voraus, einer der unerträglichsten, grausamsten und zynischsten Filme zu sein. Bezüglich der Gewalteskalation übertreffe er sogar Haneke´s „Funny Games“. Soll man sich das antun?

Der Film spielt in den USA und handelt von dem hochintelligenten Ingenieur Jack, der sich rühmt Serienmörder von 61 Menschen zu sein, vorwiegend Frauen, aber auch Kinder und Männer hat er innert 12 Jahren auf dem Gewissen. Er ist zugegebenermaßen ein Psychopath und Zwangsneurotiker, der sich durch das Morden Erleichterung verschafft. Redegewandt und höflich gelingt es ihm, Zutritt in die Wohnungen der Opfer zu erlangen, um sie dann zu erwürgen, erstechen oder zu erschießen.

Die Polizei ist in dem Film nicht nur dumm, sondern auch als ineffizient und ignorant dargestellt, statt Hilferufen geschundener Frauen nachzugehen, jagt sie lieber kleinkriminelle Drogenhändler. Doch sein teuflisches Werk wird auch dadurch erleichtert, dass die Umwelt nicht auf Schreie reagiert und der alles egal zu sein scheint, was in der Nachbarschaft passiert.

Der Film ist in mehrere Episoden, hier „Ereignisse (Incidents) genannt, und einen Epilog am Schluss eingeteilt. Jack sieht seine Taten als inszenierte Kunstwerke und Trier vergleicht sie mit gotischen Kathedralen und bedeutenden Gemälden. In der Tat gibt es in der Kunstgeschichte die Darstellung der Heiligen Agatha von Catanien (gest. um 250) mit abgeschnittenen Brüsten. Eine der grausamsten Szenen des Films ist sicherlich eine solche Amputation, wo eine vorher verbal gedemütigte Frau, Simple, gefesselt, die schönen Brüste abgeschnitten und sie dann ermordet wird. Zuvor zeichnet er penibel mit einem Filzstift den Schnitt vor.

Abgemildert und in eine christliche Ethik eingeordnet wird das ganze freilich durch die Stimme Bruno Ganz´aus dem Off, der als Verge Jack immer wieder auf seinen Zynismus hinweist und auch Parallelen zum Massenmord der Nazis in den KZ zieht.

Schließlich wird auch bildgewaltig die Hölle dargestellt, wie sie Kirchenmaler kaum drastischer ausmalen könnten: als glühender Lavastrom in eine unendliche Tiefe. Dorthin begleitet ihn Verge dann auch.

Sicherlich ist es Trier gelungen, wieder einen Skandal zu entfachen und das Arthouse-Publikum zu schockieren, während echte Splatter-Fans sicher nur gähnen werden. Aber er kreiert wieder Bilder, die man nicht so leicht vergisst und provoziert eher die Kunstwelt.

Auch der Musikeinsatz ist gekonnt David Bowie, John Lennon und Carlos Alomar, provokant wenn auch ein paar Takte Vivaldi erklingen.

Langweilig ist der Film wahrlich nicht, allerdings steigert sich die Spannung nicht kontinuierlich wie bei Haneke, sondern muss sich in jedem neuen „Ereignis“ neu aufbauen.
Es hängt von den individuellen Seherfahrungen der Zuschauer ab, ob sie die Bilder ertragen möchten, die doch deutlich über der Tatort-Schwelle liegen.
Sicher ein Film, der zwiespältige Gefühle hinterlässt. ***

Cold War – Breitengrad der Liebe

Cold War –
Der Breitengrad der Liebe

Regie: Pawel Pawlikowski  („Ida“)
Mit Joanna Kulig, Tomasz Kot, Borys Szyc u.a.
Polen, GB F, 2018, 88 Min, SW, 1:1.37

Ist Cold War ein Musikfilm? Oder ein Liebesfilm? Oder gar ein Agentenfilm im Kalten Krieg?
Musikalisch ist der Bogen sehr weit gespannt und geht von mazurischer und anderer Volksmusik über Cool Jazz  und Klassik bis zum Rock & Roll und Schlager. Er ist in kontrastreichem Schwarzweiß und im „uralten“ fast quadratischen Format, welches den Blick einengt und ihn nach vorne drängt, im Gegensatz zum Cinemascope, welches uns in weite Landschaften schweifen lässt. Dies ist natürlich alles bewusst so gemacht und soll der räumlichen Enge der Protagonisten entsprechen, jedes Bild ist für dieses Format komponiert.

Der Komponist Wiktor und seine Kollegin Irena reisen im Jahr 1949, zur Zeit des polnischen Wiederaufbaus, mit ihrem Tonbandgerät durch die ärmlichen Bergdörfer ihres Landes, um dort nach versteckten Gesangstalenten zu suchen. Die besten der so entdeckten Musikerinnen und Musiker werden zu einem Vorsingen und Vortanzen in ein schönes altes Herrschaftshaus geladen, wo eine politisch konforme Vorzeige-Truppe geformt werden soll. Darunter ist auch die auf Bewährung freigelassene blonde Schönheit Zula, in die sich Wiktor verliebt. Doch ihre Liebe ist nicht ganz ungetrübt, wurde Zula doch nur unter der Bedingung freigelassen, Wiktor politisch zu bespitzeln. In der Tat flieht er bei einem Auftritt bei den int. Jugendfestspielen der DDR in Ostberlin in den Westen (die Mauer stand damals noch nicht), obwohl ihm eigentlich mit seiner Folklore-Truppe „Mazura“ eine große internationale Karriere bevorstand. Doch Zula, die eigentlich mitkommen sollte, lässt ihn alleine.
Jahre später treffen und lieben sie sich in Paris wieder, er nimmt mit ihr eine Jazz-Platte auf und lebt von Auftritten in Jazzclubs. Im blockfreien Jugoslawien besucht er erneut einen Auftritt der Truppe und wird dabei entführt. Was dies soll, bleibt uns freilich verborgen.

Selbst der polnische Botschafter in Paris hält ihn für verrückt, als er, inzwischen offenbar staatenlos, einen Antrag auf Einreise in die Volksrepublik Polen stellt. Dort angekommen wird er sofort interniert und wegen Verrats zu 15 Jahren verurteilt. Doch Zula, die über beste Kontakte verfügt, holt ihn wieder raus. Was sie nun gemeinsam vorhaben, ist mehr als tragisch.
Durchgehend spannend und mit längeren Musikbeiträgen durchsetzt, macht Pawlikowsi im Stile seines preisgekrönten Filmes „Ida“ weiter, der ebenfalls in diesem strengen SW-Format gedreht wurde und besticht durch die an den „Film-Noir“ erinnernde Fotographie. Die Liebesgeschichte hingegen  erscheint mir etwas holprig und schwer nachvollziehbar. ****

Ballon

Ballon

Regie: Michael Bully Herbig
D 2018, 125 Min, Cinemascope
Ohne Zweifel ist der Film sehr spannend, obwohl man weiß, dass die Flucht in den Westen
mit einem selbst zusammengenähten Heißluftballon einmal wirklich gelang. Besondere Gründe für die Flucht hatten diese DDR-Bürger eigentlich nicht, es fehlte ihnen eigentlich an nichts, sie hatten Freunde, ein Auto, Fernseher, Stereo-Anlage und Westfernsehen. Bleibt also ein ominöser Freiheitsbegriff.
Beim ersten Mal geht die Flucht schief und sie landen 300m vor der Grenze, danach leben sie ständig in Angst entdeckt zu werden, weil die Frau auch ein Medikament verloren hatte, das sie identifizierbar machte. In letzter Minute vor der Entdeckung durch die Stasi ist der Wind günstig und sie wagen es noch einmal, haben aus Fehlern gelernt.
Beim zweiten Mal geht ihnen – zum Glück – genau dann das Gas für den Brenner des Ballons aus, als sie ein Hubschrauber schon gesichtet hatte, ohne diese Flamme bleibt in der Nacht der Ballon aber unsichtbar. Diesmal landeten sie wenige Meter hinter der Grenze.

Immerhin, ein Stasi Mann wundert sich über den Aufwand der betrieben werde, um das schwere Verbrechen der Republikflucht zu machen und hinterfragt scheinbar, warum man nicht froh sei, diese Verräter los zu sein. Ansonsten ist der Film ziemlich unpolitisch, wäre nicht eine Flucht aus einem Land immer eine Kritik an diesem. Die Walt Disney Company verfilmte das Ganze als „Mit dem Wind nach Westen“, obwohl sie auf Nordwind warteten, um von Sachsen Richtung Süden nach Bayern zu kommen. Heute wollen gewisse Kreise das verhindern, was sie damals bejubelt haben und mit ähnlichen martialischen Methoden die Flucht zu uns in den Westen verhindern. Allerdings sind es heute ganz andere Menschen.

*** Detailgetreuer und sehr spannender Film über die spektakuläre Flucht mit einem Heißluftballon aus der DDR im Sommer 1979.

Inhalt und weitere Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/Ballon_(Film)

Der Trafikant

Der Trafikant


A, D 2018, 113 Min
Regie: Nikolaus Leytner, nach dem Roman von Robert Seethaler
Mit Johannes Krisch und Bruno Ganz

Foto: Tobis

Ich habe das Buch, welches dem Film zugrunde liegt, nicht gelesen, bin also unvoreingenommen, was die eigenen Bilder der Geschichte betrifft. Aus der hätte man aber mehr machen können: Nachdem sein Vater beim Schwimmen im Attersee vom Blitz getroffen wurde, schickt seine Mutter den 17 jährigen Franz 1937 nach Wien, wo er beim Trafikanten Otto Trsnjek eine Lehre beginnen kann. Otto hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren und verkauft zwar auch Herrenmagazine, aber keine rechtsradikalen Zeitungen, was ihm später, als die Nazis in Österreich einmarschiert sind, zum Verhängnis wird. Sein Geschäft macht er aber mit dem Verkauf teurer Havanna-Zigarren und kein geringerer als Sigmund Freud ist einer seiner besten Kunden. Franz bekommt rasch Kontakt zum Professor Freud und bittet ihn öfters bei Liebessorgen um Rat. Denn er verliebte sich in die schöne Böhmin Anezka, mit der einen Tanz drehen durfte, die dann aber verschwand. Freud rät ihm, nicht locker zu lassen und sie zu suchen. Er findet sie in einem Varieté, wo sie ziemlich nackt auftritt und erlebt das erste Mal Sex. Als Otto sich gegen die Nazis stellt, wird er von Gestapo verhaftet und später ermordet. Freud kann im Alter von 82 ab 4.6.1938 Wien noch verlassen und zieht mit seiner Familie nach London. Franz übernimmt die Trafik in seinem Sinne und
erleidet ein ähnliches Schicksal. Anezka wird von einem SS-Mann erobert.

Der Film hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck, zu viel Symbolhandlungen (wozu das Apnoetauchen, das Verstecken in einem Fass?), zu viele visualisierte Träume, deren Sinn man nicht versteht, ein herzlich-kontaktfreudiger Sigmund Freud (Bruno Ganz),der  täglich ein- bis zwei Schachteln Havanna – Zigarren raucht und eine Liebesgeschichte zu einem böhmischen Varietèmädchen, die nicht gut ausgehen kann. Der Nationalsozialismus war eine reale Gefahr und so plumpes Agieren dagegen wohl Selbstmord. Ein Hauch „Berlin-Babylon“ in Postkartenansichten von Wien.

**1/2  Zwar schön in Szene gesetzt, aber nicht richtig packend.

Werk ohne Autor

Werk ohne Autor

Deutschland, Italien 2018, 188 Min
Regie und Drehbuch:
Florian Henckel von Donnersmarck
Darsteller: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer u.a.

Eines vorweg – es gibt äußerst kontroverse Kritiken zu diesem Film und natürlich schreckt die Länge von 188 Min (ohne Pause!) erst mal ab. Dennoch der Film ist nie langweilig, im Gegenteil: er ist pures Gefühlskino mit einem Schuss Pädagogik.

Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) erteilt uns Geschichtsunterricht über die Nazis, deren Haltung zur „entarten Kunst“ wie Kadinsky und vor allem am Verbrechen der Euthanasie an angeblich unheilbar Kranken, die als „unlebenswert“ eingestuft wurden.

Die schöne Tante des jungen Kurt, der mal berühmter Maler werden wird, spielt u.a. gerne nackt Klavier – Grund genug sie als „schizophren“ zu diagnostizieren , dann zwangssterilisieren und letztlich zu vergasen. Die explizite Darstellung der schönen Nackten, wie sie mit einer ahnungslosen Frau mit Down-Syndrom in die Gaskammer geführt wird, ist dabei umstritten. Die geistig behinderte Frau lächelt ihre Mörderin noch an und sagt „ich hab dich lieb“ – „ich auch“ erwidert sie. Dann schließt sich die schwere Türe zur Gaskammer. Dem folgt der Feuersturm auf Dresden durch alliierte Bomber.

Manche Kritiker mögen offenbar auch schöne nackte Frauen nicht, denn davon gibt’s im Film einige zu sehen, nicht korrekt mag sein, Frauen auf ihre Mutterrolle zu reduzieren, aber war das nicht der damalige Zeitgeist?

Der von den Russen inzwischen gefangene Nazi-Gynäkologe verhilft einer Frau eines Sowjetgenerals zur Geburt eines gesunden Knaben, wird rehabilitiert und in der DDR wieder Chefarzt. Dort verliebt sich der Kunststudent Kurt, dem in der DDR eine große Karriere als Maler des sozialistischen Realismus bevorstehen könnte, in die dessen Tochter Elly und zieht gar als Mieter in ihr Haus. Als sie von ihm schwanger wird, schreckt ihr Vater nicht zurück, an seiner eigenen Tochter eine Abtreibung vorzunehmen, um die Beziehung des jungen Liebespaares zu stören. Auf der Uni ebenfalls ideologischer Kunstunterricht. Picasso sei mal auf dem richtigen Weg gewesen, habe sich aber von geldgierigen Kunstsammlern dazu verleiten lassen, unbedingt was Neues zu machen. („Guernica“ wird nicht erwähnt). 1961 geht es noch kurz vor dem Mauerbau in die BRD, wo Kurt in Düsseldorf bei Beuys einen Studienplatz bekommt. Auch der Nazi-Arzt musste fliehen, da ihn der Sowjet nicht mehr schützen konnte. Nachdem sich der Kurt mal stilistisch austobt, kommt er nach einem Diskurs mit Beuys zu seinem eigenen – in seiner Familiengeschichte verankerten – Stil. . Im Westen lebt Kurt mit seiner Frau verarmt und muss sich vom reichen Naziarzt immer wieder demütigen lassen.

Der Film ist inspiriert von der Lebensgeschichte des 1932 in Dresden geborenen Malers Gerhard Richter – im Film Kurt Bannert genannt. Der Künstler selbst hat sich von der Mitarbeit an „Werk ohne Autor“ zurückgezogen – im Film trägt er einen anderen Namen, genauso wie seine Kollegen an der Düsseldorfer Kunstakademie und dessen Professor, Joseph Beuys.
(Der Film) scheut weder große Gefühle noch starke Bilder: „Werk ohne Autor“ – das neue, dreistündige Kino-Epos von Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) ist Künstlerbiografie, Historiendrama und Liebesfilm in einem. (BR, der ihn mitproduziert hat, erschien in einem großen US-Verleih)

BR: Drei Genres also. Was steht für Sie im Vordergrund?

Florian Henckel von Donnersmarck: Das klingt wirklich höllisch kompliziert, wenn Sie das so beschreiben. Für mich ist es eigentlich hauptsächlich ein Film über einen Schwiegervater, der mit allen Mitteln versucht, seinen Schwiegersohn zu zerstören, weil er das Gefühl hat, dass dieser Junge seine Tochter nicht verdient. Der Schwiegervater, phantastisch gespielt von Sebastian Koch, sieht in diesem Schwiegersohn alles, was er verachtet. Er findet ihn schwach und findet überhaupt, dass ein Künstler auch gar nicht die Stärke in der Welt hat, um seine Tochter zu beschützen. Und er verwendet seine ganze Stellung, um diesen Jungen zu bekriegen.

**** Trotz der Überlänge ein kurzweiliger Film, der sich frei an der Biografie des höchstbezahlten deutschen Malers Gerhard Richter orientiert, dessen Bilder die teuersten eines lebenden Künstlers sind. Er wird aber, wie auch dessen Lehrer Beuys nicht beim Namen genannt; alle drei deutschen Staaten haben ihre Tücken und ihren eigenen Kunstmarkt, doch das Verbrechen der Euthanasie an der Tante kann nie vergessen werden und die Erinnerung daran zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Für Kunstsinnige sind die Vergleiche der drei grundlegend verschiedenen Kunstauffassungen von Nazideutschland, der DDR und der BRD durchaus interessant. Vergleicht man die Biographie Richters, so ist besonders die Liebesgeschichte mit Elly erfunden, die „Abmalungen“ von privaten Fotos jedoch waren ein künstlerischer Wendepunkt Richters.

Wackersdorf

Wackersdorf

D  2018, 122 Min,  Cinemascope
Regie: Oliver Haffner

Der Film dreht sich weitgehend um den SPD-Landrat Hans Schuierer, der anfangs (um 1981) hoffnungsvoll vom dem geplanten Großprojekt viele neue Arbeitsplätze für die strukturschwache Region Schwandorf erwartete und langsam von Saulus zum Paulus wird.
Die detailgetreuen Abläufe in seinem Landratsamt und seiner eigenen Partei sind anfangs etwas langatmig, aber dramaturgisch sinnvoll.
Danach wird minutiös sein Kampf gegen die Münchner CSU-Regierung unter Franz Josef Strauß, die eigens ein Gesetz zu seiner Entmachtung beschließt – für die Baubewilligung wäre sonst seine Unterschrift nötig gewesen –geschildert. Er bleibt stur und handelt sich viele Probleme ein, sogar mit seinen eigenen Parteigenossen.

Was mich allerdings störte ist, dass alles aus dem Bauch heraus passiert und wissenschaftliche Argumente über die Gefahren einer solchen Wiederaufbereitungsanlage kaum artikuliert werden. Wir sehen zwar wie Schuierer sich kritische Literatur z.B. „der Atomstaat“ besorgt. Es scheint der Super-GAU von Tschernobyl vom 26.4.1986 mehr zur Einstellung der Bauarbeiten an der WAA beigetragen zu haben, als die Proteste.
Auch scheint mir die Musik zu wenig die Protestbewegung zu repräsentieren.

Die Stärke des Films ist sicher der Aspekt, wie rechtsstaatliche Prinzipien, die für eine Demokratie unantastbar sein sollten, mit Füßen getreten werden und eine ganze Region zu einem Polizeistaat wird.
Johannes Zeiler spielt den sturen Landesbeamten sehr glaubhaft, der Film ist sicher ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der neueren Geschichte, die sich ja leider wie das Beispiel Hambacher Forst zur Ausweitung des Braunkohle-Abbaus zeigt, wiederholt.

*** BioPic über den Schwandorfer Landrat Schuierer, der maßgeblich den Bau der WAA Wackersdorf verhinderte.

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

Mackie Messer –
Brechts Dreigroschenfilm

Deutschland/Belgien 2017, 136 Minuten, Cinemascope
SWR/ARTE +RBB/NDR

Regie: Joachim Lang

Biopic; Darsteller:  Lars Eidinger (Bertolt Brecht) · Tobias Moretti (Macheath) · Hannah Herzsprung (Polly) · Joachim Król (Peachum) · Claudia Michelsen (Frau Peachum)

Sehr opulente und bildgewaltige, rasante und rastlose Verfilmung des nie zustande gekommenen Dreigroschenfilms. Einerseits wollte Brecht noch mehr politische Aussage in den Film als in das Theaterstück bringen, was den Filmbossen missfiel, andererseits kamen 1933 die Nazis an die Macht, verbrannten Brechts Bücher, und störten die Aufführungen. Dabei war die Uraufführung im August 1928 trotz Chaos bei den Proben überraschenderweise sehr erfolgreich.
Brecht gelang noch mit der Bahn die Ausreise, wenige Tage nach Machtergreifung Hitlers.

Ohne die Musik von Kurt Weil – hier aufwändig eingespielt vom SWR Symphonieorchester und der – Bigband, würde das Stück nicht funktionieren. Die teils zum Schlager gewordenen Stücke (und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht…) werden hier fast schon übertrieben choreografiert.

Regisseur Lang, ein ausgewiesener Brecht Experte, hat darauf geachtet, dass fast jeder Satz ein Brecht Zitat ist (was allerdings die wenigsten Zuschauer merken werden) und hat auch Elemente anderer Brecht-Stücke eingebaut. Sozialkritik wird in kleinen Dosen verabreicht, immerhin ist die makabre Figur des Peachum, der in London die Bettler ausstattet, schminkt und trainiert und so Archetypen von Mitleid erregenden Armen für sein korruptes Unternehmen schafft auch heute noch aktuell, auch das Brecht-Zitat es sei wohl viel schlimmer eine Bank zu gründen, als eine auszurauben.

***1/2 kurzweilig, turbulent und Musical-artig, mit großen Schauspielern besetzt und einem tollen Sounddesign. Wer Brecht mag, hat sicher seine Freude damit!
(NB: „mit Kuhle Wampe“ schrieb Brecht 1932 sehr wohl einmal ein Buch für einen stark zensierten Tonfilm)

2001 von Stanley Kubrick jetzt neue 70mm Kopie

2001 Odyseee im Weltraum „unrestored“ 70mm Fassung (Stanley Kubrick 1968).


Diese Fassung wurde kürzlich von Regisseur Christopher Nolan vom Original 70mm-Negativ gezogen, wobei nur analoge / chemische Methoden zur Verbesserung herangezogen wurden. Der Ton ist in DTS, da kein Labor mehr 6-Kanal-Magnetton-Kopien herstellen kann.

Der Film ist mancher Hinsicht prophetisch, Dietmar Zingl
wies darauf hin, dass es

  • Flachbildschirme (auch im PanAm Flugzeug im
    Vordersitz)
  • Bildtelefon (heute Skype)
  • Kreditkartenzahlung
  • Künstliche Intelligenz, welche allmählich die
    Kontrolle über den Menschen erlangt und Menschen tötet
  • Sprachausgabe und –Eingabe – Computer

im Film gibt. Dies war 1968 reine Utopien, die aber eingetroffen sind. Mir ist auch aufgefallen dass „Fake News“ eingesetzt wurden, um die Bevölkerung ruhig zu stellen.
Noch heute faszinierend wirkt die Filmmusik (R. Strauss, also sprach Zarathurstra, J.Strauss, Donauwalzer u.a.).
Eigenwillig ist die Idee des Quaders, der von Außerirdischen stammen soll und das Böse in die Welt trägt (Die Vormenschen lernen, einen Knochen als Mordwaffe einzusetzen und werden so zu Jägern), psychedelisch die Rückkehr auf die Erde und irgendwie esoterisch, als zum Schluss er sich als alter Mann und Greis selber sieht. Doch dies dürfte auch von Einsteins Theorie der Zeit beeinflusst worden sein.

Die Handlung kann in Wikipedia nachgelesen werden.
https://de.wikipedia.org/wiki/2001:_Odyssee_im_Weltraum#/media/File:Screenplay_(8649765020).jpg

Er ist in 70mm wieder zu sehen beim 70mm Festival in Karlsruhe am Sa.29. 9.18 um 21:00 in der Schauburg (siehe:  in70mm.com,)

Auch nach 50 Jahren ist dieser Klassiker des SF-Films
absolut sehenswert!