Programm Februar 2004
1. Film
2.
Film
Eintrittspreise: Normallänge 7€ - Überlänge 9 € - Weltlichtspiele Dornbirn
Mittwoch,
4.2.04. 21.30 Uhr
und Donnerstag, 5.2.04, 19.30 Uhr
Achtung Überlänge 178 Minuten !
DOGVILLE
Italien/Dänemark/Schweden/Frankreich/Norwegen 2003;
Regie und Buch: Lars von Trier;
DarstellerInnen: Nicole Kidman (Grace), Harriet Andersson (Gloria), Lauren
Bacall (Ma Ginger), Jean-Marc Barr (Der Mann mit dem Hut), Paul Bettany (Tom
Edison, Jr.), James Caan (Der große Mann), Ben Gazzara (Jack McKay), Udo Kier
(Der Mann mit dem Mantel) u.a.; (35mm, von Video übertragen; Cinemascope ; Dolby
SRD; 178min; engl. ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Dies ist die
Geschichte der kleinen Gemeinde Dogville in den Rocky Mountains. Die Einwohner
sind gute, ehrliche, aufrechte Menschen. Und sie lieben ihre Stadt. Mitten in
die trügerische Beschaulichkeit platzt die schöne Grace (Nicole Kidman). Sie ist
auf der Flucht, aber mit ein wenig Ermutigung durch Tom (Paul Bettany), dem
selbsternannten Ortsvorsteher, willigt die kleine Gemeinschaft ein, Grace zu
verstecken. Im Gegenzug bietet Grace an, für diese zu arbeiten. Als immer mehr
Polizisten auftauchen, verlangen die Einwohner einen besseren Deal, der das
Risiko, die Flüchtige zu verstecken, ausgleichen soll. So lernt Grace, dass Güte
relativ ist. Je stärker sie von den Einwohnern abhängig ist, desto brutaler und
gieriger wird sie ausgenützt. Ein erster Tiefpunkt ist erreicht, als sie wie
eine Sklavin in Ketten gelegt wird.
Alles spielt sich auf einer spärlich beleuchteten Bühne ab. Die Grundrisse der
Häuser sind mit Kreide auf den Boden aufgemalt. Dazwischen ein paar spartanische
Requisiten. Über Tag oder Nacht entscheidet die Bühnen-Rückwand, die einmal weiß
und dann wieder schwarz ist. Hier gibt es keine Fassaden, die es zu wahren gilt,
hier ist alles offensichtlich.
So wahnwitzig sich diese Reduzierung anhört, so überzeugend ist das Ergebnis.
Lars von Trier (BREAKING THE WAVES, IDIOTEN, DANCER IN THE DARK) zerstört einmal
mehr alle Vorstellungen davon, was einen Film ausmacht. DOGVILLE ist Theater im
Film. Im Wesentlichen gibt es einen dunklen Boden mit Markierungen und jede
Menge hervorragender SchauspielerInnen.
(nach: Moviemento-Zeitung 181/Oktober 2003)
Mittwoch
18.2. 04 -
21.45 (!!!)
und Donnerstag, 19.2. 04, 19.30 Uhr
SWEET SIXTEEN
Regie: Ken Loach.
Drehbuch: Paul Laverty
Großbritannien 2002, 106 Minuten, engl. OmU

Für den noch nicht ganz 16-jährigen
Liam (Martin Compston) ist das Leben alles andere als süß. Die Mutter sitzt für
ihren Lebensgefährten im Knast, die Schule hat er schon seit Ewigkeiten nicht
mehr von innen gesehen, seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit dem Verkauf
geschmuggelter Zigaretten. Aber Liam hat ein Ziel: Wenn seine Mutter an seinem
16. Geburtstag aus dem Gefängnis entlassen wird, will er ihr ein würdiges
Zuhause bieten. Sie soll wieder mit ihm leben und nicht mit dem Drogendealer
Stan, von dessen negativem Einfluss Liam sie befreien will. Um diesen Traum, an
dem er beharrlich festhält, verwirklichen zu können, stiehlt er dem verhassten
Stan die Drogenvorräte und betätigt sich, gemeinsam mit seinem Freund Pinball,
als Dealer - mit absehbaren Folgen.
"SWEET SIXTEEN ist einfach gut erzähltes Kino, eine Coming-of-age-Geschichte,
deren Protagonist vor der Zeit erwachsen werden muss." (Frankfurter Rundschau)
| Sixteen - Kritik | |
| Wer einen abendländischen Gegenpol zu
Hollywoods „Bigger than life“-Träumereien sucht, wird sich mit dem
zeitgenössischen britischen Kino anfreunden können; ist jenes doch, nicht
zuletzt dank Ken Loach, zum Inbegriff moderner Working-Class-Filme geworden.
Anders als die meisten amerikanischen Produktionen beleuchtet diese
Filmtradition nicht die dünne, glitzernde Spitze, sondern den wesentlich
breiteren, morastigen Bodensatz der westlichen Gesellschaften. Dadurch aber,
dass der cineastische Naturalismus, mit dem in niedrigen sozialen Schichten
Milieustudien betrieben werden, längst selbst genreprägend geworden ist,
genügt es jedoch nicht mehr, einen Film über streikende Arbeiter,
arbeitslose Alkoholiker oder drogenabhängige Kleinkriminelle zu drehen, um
das Prädikat künstlerischer Originalität für sich beanspruchen zu dürfen.
Dass der soziale Realismus des britischen Arbeiterkinos im Zuge seiner von
Komödien wie „Brassed Off“ (fd 32 785) oder „Ganz oder gar nicht“ (fd 32
818) vorangetriebenen Kommerzialisierung den Charme seiner Ursprünglichkeit
eingebüßt hat, bedeutet freilich nicht, dass sozialkritische Inhalte nicht
mehr angemessen thematisiert werden können. Dies beweist Ken Loachs jüngster
Spielfilm „Sweet Sixteen“, der in Cannes 2002 mit dem Preis für das Beste
Drehbuch ausgezeichnet wurde. Darin entwirft Paul Laverty eine deprimierende
Welt verzweifelter Freundschaften, karger Hoffnungen und verhängnisvoller
Illusionen. Dank den durchweg gelungenen schauspielerischen Umsetzungen
differenziert und lebensnah entwickelter Charaktere – vor allem Martin
Compstons Spiel als Liam ist bemerkenswert – und mit Hilfe einer sehr
persönlich erzählten Geschichte, eröffnet Loachs Film innerhalb des
Working-Class-Genres eine durchaus eigenständige Perspektive auf ein zwar
wenig originelles, aber unverändert virulentes gesellschaftliches
Konfliktfeld.
Liam ist 15: Gemeinsam mit seiner Schwester Chantelle und ihrem kleinen Sohn wohnt er in einer schottischen Arbeitersiedlung. Seine Mutter sitzt wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis, soll aber in wenigen Monaten wieder entlassen werden. Vom Freund seiner Mutter wird Liam gezwungen, Drogen in die Haftanstalt zu schmuggeln. Als er sich weigert, bezieht er Prügel. Doch Liam bleibt standhaft. Er träumt von einer besseren Zukunft für seine Familie. Ein kleiner Wohnwagen auf dem Land mit Meerblick erfüllt seine bescheidenen Vorstellungen vom Glück. Als er ihn entdeckt und sieht, dass er zum Verkauf steht, ist er fest entschlossen, das dazu nötige Geld aufzutreiben. Dafür ist er zu fast allem bereit. Heimlich klaut er den Drogenvorrat des Geliebten seiner Mutter. Liams Freund Pinball, dessen verzweifelte Leidenschaft es ist, mit geklauten Superschlitten Spritztouren zu machen, unterstützt ihn dabei. Gemeinsam bringen sie die Drogen unter die Leute. Damit stören sie aber schon bald die Kreise der angestammten Drogendealer. Deren Boss bietet Liam schließlich an, für ihn zu arbeiten. Mit Pinball möchte er allerdings nichts zu tun haben. Geblendet vom Wohlstand, der die Drogenhändler umgibt, und in der naiven Hoffnung, seiner Familie dadurch ein unbeschwerteres Leben zu ermöglichen, lässt sich Liam darauf ein. In ebenso schlichten wie tristen Bildern zeichnet „Sweet Sixteen“ eine raue Welt, in der Liams Absturz nahezu unausweichlich scheint. Sein bitterer Kampf um die Zuneigung seiner Mutter ist zum Scheitern verurteilt. Dennoch erschöpft sich Loachs jüngstes Werk nicht in empathischem Mitleid. Sein Film ist kein Melodram, sondern eine charakteristische, manchmal allzu typische und dadurch klischeehafte Studie über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft in einem von Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch, Gewalt und Kriminalität geprägten Umfeld. Liam ist dabei keineswegs nur das Opfer. Er verkauft Drogen an Abhängige, bleibt selbst aber clean. Seine verhängnisvolle Entwicklung ist nicht nur das Resultat widriger Umstände, sondern auch einer Reihe falscher Entscheidungen. Anders als seiner Schwester Chantelle gelingt es Liam nicht, sich von seiner Mutter zu lösen. Ohne deren Liebe ist er sich selbst nichts wert. Doch wie seine Mutter ihn ins Unglück stürzt, reißt auch er andere mit sich ins Verderben. Sein Freund Pinball fühlt sich von ihm verraten und rastet aus. Zwei harmlose Jungs, die für einen Pizza-Service arbeiten, werden durch ihn zu Drogenkurieren. Am deutlichsten offenbart sich Liams schlechter Einfluss allerdings in Bezug auf Chantelles Sohn. Deren ganzes Bestreben dreht sich darum, ihr Kind in einer liebevollen und harmonischen Umgebung aufwachsen zu lassen; sie duldet keine Schimpfwörter in seiner Nähe, keine Gewalt und keine Drogen. Doch kaum soll Liam einmal auf den Kleinen aufpassen, kommt auch schon Pinball vorbei, holt beide in einem geklauten Mercedes ab und rast mit ihnen in halsbrecherischer Fahrt über die Straßen. Die Zukunft der Kleinsten scheint unter diesen Umständen bereits vorgezeichnet. Da Chantelle ihren Bruder nicht für einen anderen Lebensweg gewinnen kann, ist es für sie und ihren Sohn das Beste, sich von ihm zu lösen. Gerade mal 15-jährig, setzt Liam nicht nur sein eigenes Leben ständig aufs Spiel, sondern ist auch eine Gefahr für andere. Nur seine Bereitschaft zu töten, hat ihm die Tür zur Welt der „großen Jungs“ geöffnet. Und so hat Liam an seinem 16. Geburtstag, an dem für viele der Ernst des Lebens erst so langsam beginnt, beinahe alles schon hinter sich. |
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| Stefan Volk | |
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| Kritik aus film-dienst Nr. 13/2003 | |