Angelo

Angelo

Österreich / Luxemburg 2018, 111 min, deutsch-franz. O.m.U., 1:1,33
Regie: Markus Schleinzer
Der Afrikaner Angelo Soliman am Wiener Hof des 18. Jahrhunderts stößt bald an die Grenzen seiner Sehnsüchte. – „Ein kluger und äußerst rigide inszenierter Film über die Lust an der Exotik, koloniales Denken und Projektionsflächen.“ (Der Standard)
Nominiert für den Österreichischen Filmpreis 2019

Angelo – Makita Samba

Die Geschichte des berühmten „Hofmohren“ Angelo Soliman, mythologische Figur der Wiener Stadtgeschichte, einst als Kindersklave gekauft, später Kammerdiener, herumgereichtes Exponat der Sammlung, Freimaurer, nach seinem Ende präpariertes Ausstellungsobjekt. „Based on a true story“ und ein Teil europäischer Geschichte. ANGELO erzählt Kolonialgeschichte, körperliche und geistige Vereinnahmung. Ein Film über Deutungshoheiten. Und die Chronologie eines Verstummens.

SYNOPSIS

Boote erreichen das Festland, Menschen werden verladen, herumkommandiert. In einer Lagerhalle werden Kinder sorgfältig gewaschen. Ihre Zähne genau kontrolliert. Sie sind Ware. Wann spielt diese Geschichte? Das gewirkte Gewand der Kinder deutet auf ein längst vergangenes Jahrhundert. Das Neonlicht erzählt auch eine andere Geschichte.
Die Comtesse (Alba Rohrwacher) sucht sich einen der kleinen schwarzen Buben aus. Sie wirkt nervös. „Celui-là“, sagt sie, „dieser da“. Der Bub wird getauft. „Angelo“ ist fortan sein Name. Er ist das Sinnbild gewordene Projekt der christlichen Unterwerfung mit dem vorgeblichen Ziel der Menschwerdung des Wilden. Man kleidet ihn ein, man starrt ihn an, man staunt ihn an, man übergibt ihn an eine Kindermagd (Gerti Drassl). Man lauscht seinem Flötenspiel, man spricht über ihn, wenig mit ihm. „Du wirst leben wie ein Prinz, ein Vorbild sein“ ermahnt man ihn. „Die geborenen Sklaven, mehr Affen als Menschen“ sagt man über seinesgleichen. Er wird als lebender Beweis für den Sieg der Vernunft über das Wilde und Heidnische präsentiert. Als er die eingesperrten schönen fremden Vögel in der Voliere befreit, ist das ein Eklat mit Symbolwert. Auch der erwachsene Angelo (Makita Samba) wird weitergereicht, verschenkt wie ein Gegenstand. Er lebt nun bei einem Fürsten (Michael Rotschopf). Der Kaiser (Lukas Miko) selbst lädt ihn zum Gespräch und dabei erneut mit Bedeutung auf, sieht ihn als Gegenentwurf und Spiegel seines eigenen Lebens gleichermaßen, einmal wohlwollend, dann wieder voller Neid. Angelo ist Schauspieler seiner selbst, im Leben als teuer eingekleidetes Maskottchen des Hofs und auf der Bühne als wilder Mohrenkönig..
Und doch: Eine Liebesgeschichte. Kurze Leichtigkeit. Ein Leben in der Vorstadt mit Kind. Der Entwurf eines „normalen“ Lebens, als ob das doch möglich wäre. Eine Frau, die nachfragt, nach seiner eigenen Geschichte. Wenn es denn nur eine zu erzählen gäbe nach all der Heimatlosigkeit, Sprachlosigkeit, Wurzellosigkeit. Die Aufnahme bei den Freimaurern, als wäre er einer von ihnen.
Auf Augenhöhe.
Später, Angelo ist schon alt, wird ihn seine Tochter (Nancy Mensah-Offei) nach dem Sehnsuchtsort Afrika fragen, den sie nicht kennt, ausgerechnet bei dessen absurder Nachstellung im Museum: „C’est comme ça, Papa?“, „Ist es so?“, fragt sie ihn. Die traurige Wahrheit ist: Kann Angelo das noch wissen? Angelo bekommt eine Führung durch das im Entstehen begriffene k.u.k Naturalien Museum vom Direktor (Christian Friedel) höchstselbst, das Ausstellungsobjekt soll „Erkenntnis und Erbauung“ vermitteln, sagt er. Eine Funktion, die bereits zu Lebzeiten niemand besser kennt als Angelo. Diese freundliche Konversation ist also der Anfang vom Ende, welches Österreich-historisch mythenumrankt ist. Denn Angelo wird bekanntlich nach seinem Tod selbst als Museumsobjekt enden, sein Leib ausgestopft und grotesk dekoriert. Eine letzte, endgültige Vereinnahmung, bevor die Flammen eines Brandes alles verzehren werden.

Trailer: https://youtu.be/5WRIGJ1nLrc

Angelo

Angelo

Österreich / Luxemburg 2018, 111 min, deutsch-franz. O.m.U., 1:1,33
Regie: Markus Schleinzer
Der Afrikaner Angelo Soliman am Wiener Hof des 18. Jahrhunderts stößt bald an die Grenzen seiner Sehnsüchte. – „Ein kluger und äußerst rigide inszenierter Film über die Lust an der Exotik, koloniales Denken und Projektionsflächen.“ (Der Standard)
Nominiert für den Österreichischen Filmpreis 2019

Angelo – Makita Samba

Die Geschichte des berühmten „Hofmohren“ Angelo Soliman, mythologische Figur der Wiener Stadtgeschichte, einst als Kindersklave gekauft, später Kammerdiener, herumgereichtes Exponat der Sammlung, Freimaurer, nach seinem Ende präpariertes Ausstellungsobjekt. „Based on a true story“ und ein Teil europäischer Geschichte. ANGELO erzählt Kolonialgeschichte, körperliche und geistige Vereinnahmung. Ein Film über Deutungshoheiten. Und die Chronologie eines Verstummens.

SYNOPSIS

Boote erreichen das Festland, Menschen werden verladen, herumkommandiert. In einer Lagerhalle werden Kinder sorgfältig gewaschen. Ihre Zähne genau kontrolliert. Sie sind Ware. Wann spielt diese Geschichte? Das gewirkte Gewand der Kinder deutet auf ein längst vergangenes Jahrhundert. Das Neonlicht erzählt auch eine andere Geschichte.
Die Comtesse (Alba Rohrwacher) sucht sich einen der kleinen schwarzen Buben aus. Sie
wirkt nervös. „Celui-là“, sagt sie, „dieser da“. Der Bub wird getauft. „Angelo“ ist fortan sein Name. Er ist das Sinnbild gewordene Projekt der christlichen Unterwerfung mit dem vorgeblichen Ziel der Menschwerdung des Wilden. Man kleidet ihn ein, man starrt ihn an, man staunt ihn an, man übergibt ihn an eine

Kindermagd (Gerti Drassl). Man lauscht seinem Flötenspiel, man spricht über ihn, wenig mit ihm. „Du wirst leben wie ein Prinz, ein Vorbild sein“ ermahnt man ihn. „Die geborenen Sklaven, mehr Affen als Menschen“ sagt man über seinesgleichen. Er wird als lebender Beweis für den Sieg der Vernunft über das Wilde und Heidnische präsentiert. Als er die eingesperrten schönen fremden Vögel in der Voliere befreit, ist das ein Eklat mit Symbolwert. Auch der erwachsene Angelo (Makita Samba) wird weitergereicht, verschenkt wie ein Gegenstand. Er lebt nun bei einem Fürsten (Michael Rotschopf). Der Kaiser (Lukas Miko) selbst lädt ihn zum Gespräch und dabei erneut mit Bedeutung auf, sieht ihn als Gegenentwurf und Spiegel seines eigenen Lebens gleichermaßen, einmal wohlwollend, dann wieder voller Neid. Angelo ist Schauspieler seiner selbst, im Leben als teuer eingekleidetes Maskottchen des Hofs und auf der Bühne als wilder Mohrenkönig..
Und doch: Eine Liebesgeschichte. Kurze Leichtigkeit. Ein Leben in der Vorstadt mit Kind. Der Entwurf eines „normalen“ Lebens, als ob das doch möglich wäre. Eine Frau, die nachfragt, nach seiner eigenen Geschichte. Wenn es denn nur eine zu erzählen gäbe nach all der Heimatlosigkeit, Sprachlosigkeit, Wurzellosigkeit. Die Aufnahme bei den Freimaurern, als wäre er einer von ihnen.
Auf Augenhöhe.
Später, Angelo ist schon alt, wird ihn seine Tochter (Nancy Mensah-Offei) nach dem Sehnsuchtsort Afrika fragen, den sie nicht kennt, ausgerechnet bei dessen absurder Nachstellung im Museum: „C’est comme ça, Papa?“, „Ist es so?“, fragt sie ihn. Die traurige Wahrheit ist: Kann Angelo das noch wissen? Angelo bekommt eine Führung durch das im Entstehen begriffene k.u.k Naturalien Museum vom Direktor (Christian Friedel) höchstselbst, das Ausstellungsobjekt soll „Erkenntnis und Erbauung“ vermitteln, sagt er. Eine Funktion, die bereits zu Lebzeiten niemand besser kennt als Angelo. Diese freundliche Konversation ist also der Anfang vom Ende, welches Österreich-historisch mythenumrankt ist. Denn Angelo wird bekanntlich nach seinem Tod selbst als Museumsobjekt enden, sein Leib ausgestopft und grotesk dekoriert. Eine letzte, endgültige Vereinnahmung, bevor die Flammen eines Brandes alles verzehren werden.

Trailer: https://youtu.be/5WRIGJ1nLrc

Styx

Styx

Deutschland / Österreich 2018, 90 min, englisch-deutsche O.m.U.
Regie: Wolfgang Fischer
mit Susanne Wolff & Gedion Oduor Wekesa
Als eine erfahrene Notärztin über den Atlantik segelt, liegt plötzlich ein manövrierunfähiger Fischkutter, beladen mit über hundert afrikanischen Flüchtlingen, neben ihr. – „Ein großes Stück Filmliteratur, das einem das Thema unserer Zeit so hautnah heranbringt, dass es fast schon schmerzt.“
(Uncut Movies)
Im Panorama der 68.Berlinale 2018 (Eröffnungsfilm)

Styx – Flüchtlingsdrama

Rike – Ärztin aus Europa, 40 Jahre alt – verkörpert eine westliche Vorstellung von Glück und Erfolg. Sie ist gebildet, selbstbewusst, zielstrebig und engagiert. Rike bestreitet in Köln als Notärztin ihren Alltag, bevor sie ihren Urlaub in Gibraltar antritt. Dort sticht sie alleine mit ihrem Segelboot in See. Ziel ihrer Reise ist die Atlantikinsel Ascension Island. Ihr Urlaub wird abrupt beendet, als sie sich nach einem Sturm auf hoher See in unmittelbarer Nachbarschaft eines überladenen, havarierten Fischerbootes wiederfindet. Mehrere Dutzend Menschen drohen zu ertrinken. Rike folgt zunächst der gängigen Rettungskette und fordert per Funk Unterstützung an. Als ihre Hilfsgesuche unbeantwortet bleiben, die Zeit drängt und sich eine Rettung durch Dritte als unwahr- scheinlich herausstellt, wird Rike gezwungen zu handeln. Bildgewaltig erzählt Regisseur Wolfgang Fischer in STYX von einer starken Frau, die auf einem Segeltörn unvermittelt aus ihrer heilen Welt gerissen wird.

Trailer: https://youtu.be/HNRpxY3-y4U

Filmriss vom 20.11.2018 von Walter Gasperi:

Eine Einhandseglerin stößt im Atlantik auf einen in Seenot geratenen Fischtrawler mit afrikanischen Flüchtlingen. Die Küstenwache sagt Hilfe zu, doch nichts passiert. Soll oder muss sie selbst eingreifen? – Wolfgang Fischer entwickelt aus einem minimalistischen Szenario nicht nur einen ungemein packenden Film, sondern wirft auch beklemmend aktuelle Fragen zur Menschlichkeit angesichts der Flüchtlingskrise auf.

Berberaffen springen auf Gibraltar auf einem verdorrten Baum von einem Ast zum andern, dann klettern sie Hausfassaden hinunter und gehen über Asphaltstraßen. – Isoliert steht diese Szene am Beginn des Films. Stellt sie einfach eine Realität dar oder ist dieses Vordringen des Tieres in menschliche Bereiche eine Metapher für das Animalische, das im Menschen schlummert? Die Szene drängt dem Zuschauer keine Lesart auf, lässt sie aber zu und bleibt gerade in ihrer Offenheit haften.

Abrupt wechselt Wolfgang Fischer den Schauplatz, wenn in der nächsten Szene rücksichtslose Raser mit ihrem illegalen Straßenrennen in Köln einen Unfall verursachen, bei dem ein unbeteiligter Autofahrer schwer verletzt wird. Kontrapunkt zu den Rasern, die nur an ihren Spaß denken, stellt die Rettungsmannschaft dar. Rasch sind nämlich Feuerwehr und Rettung zur Stelle und die 40-jährige Notärztin Rike (Susanne Wolff) kümmert sich mit großem Einsatz um den Verletzten. Man spürt: Die Frau hat Erfahrung, weiß genau was zu tun ist, setzt jeden Griff und jede Handlung gezielt.

Schon in der nächsten Szene sieht man ein Flugzeug in Gibraltar landen und Rike ihre elf Meter lange Segelyacht, die nach einem US-Botaniker aus dem 19. Jahrhundert «Asa Gray» heißt, startklar machen. Allein will sie bis in den Südatlantik zur Insel Ascension segeln, wo Charles Darwin einen Dschungel anlegte. Als Paradies der Artenvielfalt wird diese in ihrem Buch beschrieben, aber ihre Fahrt wird eher zu einem Trip in die Hölle.

Ganz konkret wird sie schließlich in die Unterwelt abtauchen, durch die sich der titelgebende Fluss in der griechischen Mythologie zieht, aber dieser «Styx» kann auch als Metapher dafür gelesen werden, wie weit der Mensch seine Menschlichkeit hinter sich gelassen hat. Diese Offenheit zwischen packendem physischen Kino und philosophischem Gehalt gehört zu den großen Stärken des zweiten Spielfilms des 1970 in Amstetten geborenen Wolfgang Fischer.

Wie Rike als Notärztin sicher und selbstbewusst agiert, so weiß sie auch beim Segeln jederzeit, was zu tun ist. An J. C. Chandors famosen «All Is Lost», in dem Robert Redford als Einhandsegler im Indischen Ozean in Seenot gerät, erinnert nicht nur die Selbstverständlichkeit jedes ihrer Handgriffe, sondern auch die weitgehende Dialoglosigkeit sowie die dokumentarisch-nüchterne Erzählweise. Hautnah ist der Film an der von Susanne Wolff phänomenal gespielten Protagonistin, die sichere dynamische lineare Erzählweise passt perfekt zum souveränen Handeln Rikes. Auf Charakterisierung und Psychologisierung wird verzichtet, es gibt nur das Hier und Jetzt des Segeltörns.

Speziell in einem heftigen Sturm macht Fischer nicht nur die Gefahren erfahrbar, sondern mehr noch die Kompetenz und Sicherheit dieser Frau. Nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können. Eine Größere Herausforderung stellt aber bald ein in Seenot geratener Fischtrawler mit zahlreichen Flüchtlingen für sie dar. Schreie und an Deck stehende Menschen, die teilweise ins Meer springen, alarmieren sie.

Auch hier agiert sie zunächst professionell. Sie verständigt die Küstenwache, die Hilfe zusagt, sie aber auch nachdrücklich auffordert, auf keinen Fall einzugreifen. Doch im Gegensatz zum Autounfall am Beginn des Films vergehen nun Stunden und Hilfe bleibt aus. Auch ein Containerschiff verweigert Hilfe, denn die Weisung der Firmenführung sei, in solchen Fällen auf keinen Fall einzugreifen. Vor einem Dilemma steht Rike, denn unmöglich kann sie alle Flüchtlinge aufnehmen, würde damit sich selbst gefährden, denn einerseits ist ihr Boot zu kleinen, andererseits ihr Nahrungs- und Trinkwasservorrat zu gering.

Den etwa 14-jährigen Kingsley (Gedion Odour Wekesa), der ins Meer gesprungen ist, holt sie aber an Bord ihrer Yacht. Eindrücklich wird die Not der Flüchtlinge erfahrbar, wenn dieser Teenager kaum ansprechbar ist, schwer dehydriert ist, und in die Kabine getragen werden muss. Als er sich etwas erholt hat, fordert er die Notärztin auf, auch den anderen zu helfen, doch sie weigert sich.

Erfahren lässt er sie bald die Situation der anderen, indem er sie über Bord wirft, dann aber wieder aufnimmt, und erinnert sie an die Toten, indem er die Namen der Flüchtlinge aufzählt und zu jedem Namen eine Mineralwasserflasche ins Meer wirft.

Großteils auf See wurde dieses von Kameramann Benedict Neuenfels brillant gefilmte, bestechend minimalistische und entschlackte Drama gedreht. Auf ein Minimum reduziert ist der Dialog, praktisch mit zwei Schauspielern und der Yacht als einzigem Schauplatz kommt Fischer aus. Auch auf Filmmusik wird abgesehen von ein paar harten elektronischen Klängen am Beginn und zum Nachspann verzichtet, das Geräusch von Wind und Wellen bestimmt die Tonspur. Ganz still wird «Styx» immer wieder, wenn Luftaufnahmen die Isolation des Bootes auf dem weiten Atlantik vermitteln, die Ausgesetztheit Rikes erfahrbar machen.

Gerade in der Reduktion auf die kleine Geschichte entwickelt der kompakt erzählte Film dabei seine Kraft. Am Schicksal von zwei Personen und auf engstem Raum macht er das Dilemma der Flüchtlingskrise packend und nachhaltig wirkend erfahrbar.

Dass dies gelingt liegt auch am jungen Kenianer Gedion Odour Wekesa, der in seiner ersten Filmrolle eindrücklich in seinen Blicken die Verzweiflung der Flüchtlinge ebenso wie die Wut auf die Europäer, die sie einfach in den Meeren sterben lassen, vermittelt.

Möchte die Ärztin auch noch so menschlich agieren, die Einzelperson ist hier machtlos, wenn die Behörden nicht selbst aktiv werden, sondern rücksichtslos Menschen umkommen lassen. Dass dies kein Einzelfall ist, machen – wäre es nicht sowieso bekannt – am Ende Funkmeldungen von Flüchtlingsbooten bewusst, die mit 300 oder auch 400 Passagieren in Seenot geraten sind.

Gleichzeitig stehen Rike und ihre Yacht natürlich auch für Deutschland und Europa und der havarierte Fischtrawler für die Flüchtlinge insgesamt. Auch hier steht dem Ruf «Das Boot ist voll» das Gebot der Menschlichkeit gegenüber – aber auch die Unmöglichkeit alle aufzunehmen. – Eine einfache Lösung gibt es weder im Film noch in der Realität, Rike wird die Erfahrung jedenfalls nicht unbeschadet überstehen.

Styx

Styx

Deutschland / Österreich 2018, 90 min, englisch-deutsche O.m.U.
Regie: Wolfgang Fischer
mit Susanne Wolff & Gedion Oduor Wekesa
Als eine erfahrene Notärztin über den Atlantik segelt, liegt plötzlich ein manövrierunfähiger Fischkutter, beladen mit über hundert afrikanischen Flüchtlingen, neben ihr. – „Ein großes Stück Filmliteratur, das einem das Thema unserer Zeit so hautnah heranbringt, dass es fast schon schmerzt.“
(Uncut Movies)
Im Panorama der 68.Berlinale 2018 (Eröffnungsfilm)

Rike – Ärztin aus Europa, 40 Jahre alt – verkörpert eine westliche Vorstellung von Glück und Erfolg. Sie ist gebildet, selbstbewusst, zielstrebig und engagiert. Rike bestreitet in Köln als Notärztin ihren Alltag, bevor sie ihren Urlaub in Gibraltar antritt. Dort sticht sie alleine mit ihrem Segelboot in See. Ziel ihrer Reise ist die Atlantikinsel Ascension Island. Ihr Urlaub wird abrupt beendet, als sie sich nach einem Sturm auf hoher See in unmittelbarer Nachbarschaft eines überladenen, havarierten Fischerbootes wiederfindet. Mehrere Dutzend Menschen drohen zu ertrinken. Rike folgt zunächst der gängigen Rettungskette und fordert per Funk Unterstützung an. Als ihre Hilfsgesuche unbeantwortet bleiben, die Zeit drängt und sich eine Rettung durch Dritte als unwahr- scheinlich herausstellt, wird Rike gezwungen zu handeln. Bildgewaltig erzählt Regisseur Wolfgang Fischer in STYX von einer starken Frau, die auf einem Segeltörn unvermittelt aus ihrer heilen Welt gerissen wird.
Trailer:

https://youtu.be/HNRpxY3-y4U

Filmriss vom 20.11.2018 von Walter Gasperi:

Eine Einhandseglerin stößt im Atlantik auf einen in Seenot geratenen Fischtrawler mit afrikanischen Flüchtlingen. Die Küstenwache sagt Hilfe zu, doch nichts passiert. Soll oder muss sie selbst eingreifen? – Wolfgang Fischer entwickelt aus einem minimalistischen Szenario nicht nur einen ungemein packenden Film, sondern wirft auch beklemmend aktuelle Fragen zur Menschlichkeit angesichts der Flüchtlingskrise auf.

Berberaffen springen auf Gibraltar auf einem verdorrten Baum von einem Ast zum andern, dann klettern sie Hausfassaden hinunter und gehen über Asphaltstraßen. – Isoliert steht diese Szene am Beginn des Films. Stellt sie einfach eine Realität dar oder ist dieses Vordringen des Tieres in menschliche Bereiche eine Metapher für das Animalische, das im Menschen schlummert? Die Szene drängt dem Zuschauer keine Lesart auf, lässt sie aber zu und bleibt gerade in ihrer Offenheit haften.

Abrupt wechselt Wolfgang Fischer den Schauplatz, wenn in der nächsten Szene rücksichtslose Raser mit ihrem illegalen Straßenrennen in Köln einen Unfall verursachen, bei dem ein unbeteiligter Autofahrer schwer verletzt wird. Kontrapunkt zu den Rasern, die nur an ihren Spaß denken, stellt die Rettungsmannschaft dar. Rasch sind nämlich Feuerwehr und Rettung zur Stelle und die 40-jährige Notärztin Rike (Susanne Wolff) kümmert sich mit großem Einsatz um den Verletzten. Man spürt: Die Frau hat Erfahrung, weiß genau was zu tun ist, setzt jeden Griff und jede Handlung gezielt.

Schon in der nächsten Szene sieht man ein Flugzeug in Gibraltar landen und Rike ihre elf Meter lange Segelyacht, die nach einem US-Botaniker aus dem 19. Jahrhundert «Asa Gray» heißt, startklar machen. Allein will sie bis in den Südatlantik zur Insel Ascension segeln, wo Charles Darwin einen Dschungel anlegte. Als Paradies der Artenvielfalt wird diese in ihrem Buch beschrieben, aber ihre Fahrt wird eher zu einem Trip in die Hölle.

Ganz konkret wird sie schließlich in die Unterwelt abtauchen, durch die sich der titelgebende Fluss in der griechischen Mythologie zieht, aber dieser «Styx» kann auch als Metapher dafür gelesen werden, wie weit der Mensch seine Menschlichkeit hinter sich gelassen hat. Diese Offenheit zwischen packendem physischen Kino und philosophischem Gehalt gehört zu den großen Stärken des zweiten Spielfilms des 1970 in Amstetten geborenen Wolfgang Fischer.

Wie Rike als Notärztin sicher und selbstbewusst agiert, so weiß sie auch beim Segeln jederzeit, was zu tun ist. An J. C. Chandors famosen «All Is Lost», in dem Robert Redford als Einhandsegler im Indischen Ozean in Seenot gerät, erinnert nicht nur die Selbstverständlichkeit jedes ihrer Handgriffe, sondern auch die weitgehende Dialoglosigkeit sowie die dokumentarisch-nüchterne Erzählweise. Hautnah ist der Film an der von Susanne Wolff phänomenal gespielten Protagonistin, die sichere dynamische lineare Erzählweise passt perfekt zum souveränen Handeln Rikes. Auf Charakterisierung und Psychologisierung wird verzichtet, es gibt nur das Hier und Jetzt des Segeltörns.

Speziell in einem heftigen Sturm macht Fischer nicht nur die Gefahren erfahrbar, sondern mehr noch die Kompetenz und Sicherheit dieser Frau. Nichts scheint sie aus der Ruhe bringen zu können. Eine Größere Herausforderung stellt aber bald ein in Seenot geratener Fischtrawler mit zahlreichen Flüchtlingen für sie dar. Schreie und an Deck stehende Menschen, die teilweise ins Meer springen, alarmieren sie.

Auch hier agiert sie zunächst professionell. Sie verständigt die Küstenwache, die Hilfe zusagt, sie aber auch nachdrücklich auffordert, auf keinen Fall einzugreifen. Doch im Gegensatz zum Autounfall am Beginn des Films vergehen nun Stunden und Hilfe bleibt aus. Auch ein Containerschiff verweigert Hilfe, denn die Weisung der Firmenführung sei, in solchen Fällen auf keinen Fall einzugreifen. Vor einem Dilemma steht Rike, denn unmöglich kann sie alle Flüchtlinge aufnehmen, würde damit sich selbst gefährden, denn einerseits ist ihr Boot zu kleinen, andererseits ihr Nahrungs- und Trinkwasservorrat zu gering.

Den etwa 14-jährigen Kingsley (Gedion Odour Wekesa), der ins Meer gesprungen ist, holt sie aber an Bord ihrer Yacht. Eindrücklich wird die Not der Flüchtlinge erfahrbar, wenn dieser Teenager kaum ansprechbar ist, schwer dehydriert ist, und in die Kabine getragen werden muss. Als er sich etwas erholt hat, fordert er die Notärztin auf, auch den anderen zu helfen, doch sie weigert sich.

Erfahren lässt er sie bald die Situation der anderen, indem er sie über Bord wirft, dann aber wieder aufnimmt, und erinnert sie an die Toten, indem er die Namen der Flüchtlinge aufzählt und zu jedem Namen eine Mineralwasserflasche ins Meer wirft.

Großteils auf See wurde dieses von Kameramann Benedict Neuenfels brillant gefilmte, bestechend minimalistische und entschlackte Drama gedreht. Auf ein Minimum reduziert ist der Dialog, praktisch mit zwei Schauspielern und der Yacht als einzigem Schauplatz kommt Fischer aus. Auch auf Filmmusik wird abgesehen von ein paar harten elektronischen Klängen am Beginn und zum Nachspann verzichtet, das Geräusch von Wind und Wellen bestimmt die Tonspur. Ganz still wird «Styx» immer wieder, wenn Luftaufnahmen die Isolation des Bootes auf dem weiten Atlantik vermitteln, die Ausgesetztheit Rikes erfahrbar machen.

Gerade in der Reduktion auf die kleine Geschichte entwickelt der kompakt erzählte Film dabei seine Kraft. Am Schicksal von zwei Personen und auf engstem Raum macht er das Dilemma der Flüchtlingskrise packend und nachhaltig wirkend erfahrbar.

Dass dies gelingt liegt auch am jungen Kenianer Gedion Odour Wekesa, der in seiner ersten Filmrolle eindrücklich in seinen Blicken die Verzweiflung der Flüchtlinge ebenso wie die Wut auf die Europäer, die sie einfach in den Meeren sterben lassen, vermittelt.

Möchte die Ärztin auch noch so menschlich agieren, die Einzelperson ist hier machtlos, wenn die Behörden nicht selbst aktiv werden, sondern rücksichtslos Menschen umkommen lassen. Dass dies kein Einzelfall ist, machen – wäre es nicht sowieso bekannt – am Ende Funkmeldungen von Flüchtlingsbooten bewusst, die mit 300 oder auch 400 Passagieren in Seenot geraten sind.

Gleichzeitig stehen Rike und ihre Yacht natürlich auch für Deutschland und Europa und der havarierte Fischtrawler für die Flüchtlinge insgesamt. Auch hier steht dem Ruf «Das Boot ist voll» das Gebot der Menschlichkeit gegenüber – aber auch die Unmöglichkeit alle aufzunehmen. – Eine einfache Lösung gibt es weder im Film noch in der Realität, Rike wird die Erfahrung jedenfalls nicht unbeschadet überstehen.

Familienbande – Shoplifters

Shoplifters – Familienbande

Japan 2018, 121 min, jap. O.m.U.
Regie:  Hirokazu  Kore-Eda
Das einfühlsame Porträt einer Familie am Rande der japanischen Gesellschaft. – „Ein kleines, tief zu Herzen gehendes Meisterwerk“ (cineman.ch)
Goldene Palme von Cannes 2018
Bester Internationaler Film – Filmfest München 2018

Japanischer Beitrag zum OSCAR® 2018 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film

Shoplifters

KURZINHALT
Nach einer Diebestour in einer kalten Winternacht treffen Osamu Shibata (Lily Franky) und sein Sohn Shota (Kairi Jyo) auf das kleine, verwahrloste Mädchen Yuri (Miyu Sasaki). Kurzerhand tut Osamu das, was der Gelegenheitsarbeiter am besten kann – er “stibitzt” Yuri und nimmt sie für eine warme Mahlzeit mit nach Hause. Die anfänglichen Bedenken seiner Frau Nobuyo (Sakura Andô) über das neue Familienmitglied sind schnell verflogen. Auch Großmutter Hatsue (Kilin Kiki) und Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka), die hinter einem Einwegspiegel in einem Stripclub arbeitet, heißen Yuri in der Enge ihrer alten Behausung willkommen. Umgeben von anonymen Wohnblöcken lebt die bunte Truppe mithilfe von kleinen Betrügereien, Ladendiebstählen und trotz widriger Umstände glücklich zusammen. Bis zu dem Tag, an dem ein unvorhergesehener Vorfall bisher gut geschützte Familiengeheimnisse enthüllt. Jetzt muss sich beweisen, ob diese Menschen mehr verbindet, als ihr Dasein als Kleingauner und Lebenskünstler…
Trailer:
https://youtu.be/PWLAyEn5hos

Shoplifters – Familienbande

Shoplifters – Familienbande

Japan 2018, 121 min, jap. O.m.U.
Regie:  Hirokazu  Kore-Eda
Das einfühlsame Porträt einer Familie am Rande der japanischen Gesellschaft. – „Ein kleines, tief zu Herzen gehendes Meisterwerk“ (cineman.ch)
Goldene Palme von Cannes 2018
Bester Internationaler Film – Filmfest München 2018

Japanischer Beitrag zum OSCAR® 2018 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film

Familienbande

KURZINHALT
Nach einer Diebestour in einer kalten Winternacht treffen Osamu Shibata (Lily Franky) und sein Sohn Shota (Kairi Jyo) auf das kleine, verwahrloste Mädchen Yuri (Miyu Sasaki). Kurzerhand tut Osamu das, was der Gelegenheitsarbeiter am besten kann – er “stibitzt” Yuri und nimmt sie für eine warme Mahlzeit mit nach Hause. Die anfänglichen Bedenken seiner Frau Nobuyo (Sakura Andô) über das neue Familienmitglied sind schnell verflogen. Auch Großmutter Hatsue (Kilin Kiki) und Halbschwester Aki (Mayu Matsuoka), die hinter einem Einwegspiegel in einem Stripclub arbeitet, heißen Yuri in der Enge ihrer alten Behausung willkommen. Umgeben von anonymen Wohnblöcken lebt die bunte Truppe mithilfe von kleinen Betrügereien, Ladendiebstählen und trotz widriger Umstände glücklich zusammen. Bis zu dem Tag, an dem ein unvorhergesehener Vorfall bisher gut geschützte Familiengeheimnisse enthüllt. Jetzt muss sich beweisen, ob diese Menschen mehr verbindet, als ihr Dasein als Kleingauner und Lebenskünstler…
Trailer:
https://youtu.be/PWLAyEn5hos

40.Max-Ophüls-Preis Saarbrücken

Preisregen für Österreich beim MOP 2019:

Publikumspreis bester Spielfilm:
KAVIAR von Elena Tikhonova

Preis der Jugendjury:  Nevrland

Als beste Nachwuchsdarstellerinnen wurden Joy Alphonsus für ihre Rolle in „Joy“ und Simon Frühwirth für die Figur in „Nevrland“ ausgezeichnet.

Preis für den gesellschaftlich relevanten Film: Joy

Publikumspreis für den besten mittellangen Film: Die Schwingen des Geistes
Regie: Albert Meisl, Österreich, 2019

Preis für den besten Kurzfilm: Boomerang
Regie: Kurdwin Ayub, Österreich, 2018

Details
Mein ausführlicher Bericht

Alle Preise im Überblick

In My Room

In My Room

Deutschland / Italien 2018, 120 min, Deutsche Originalfassung
Regie: Ulrich Köhler
Mit Elena Radonicich und Hans Löw

In my Room

Als Armin eines Morgens aufwacht, ist es totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden. – „Bildkräftiges Kino von klassischer Präzision, leicht und zugleich formvollendet.“ (Frankfurter Rundschau)
Armin wird langsam zu alt für das Nachtleben und die Frauen, die er mag. Er ist nicht glücklich mit seinem Leben, kann sich aber kein anderes vorstellen. Als er eines Morgens auf- wacht, ist es totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden. – Ein Film über das beängstigende Geschenk absoluter Freiheit…

Armin lebt allein, er will sich nicht binden. Ob er seine Freiheit zu sehr liebt oder vor Verantwortung flieht – er hat sich so lange alle Optionen offen gehalten, bis er die meisten verspielt hatte. Er lebt vor sich hin, nimmt, was er kriegt und meidet den Blick in die Zukunft. Erst der Verlust eines geliebten Menschen zwingt ihn, sich Fragen zu stellen. Als er dann in einer leeren Welt aufwacht, muss er sich entscheiden. Er wählt das Leben. Und als er die letzte Frau trifft, glaubt er zum ersten Mal an die Liebe. Aber auch im Paradies stellt sich die Frage, ob die Möglichkeit des Glücks der Wirklichkeit standhält.

Regisseurstatement:

Wie die Hauptfigur Armin bin ich – und viele andere meiner Generation – in einem liberalen Elternhaus ohne existentielle Nöte aufgewachsen. Nach der Schule standen viele Wege offen. Weder die Berufswahl noch die Gründung einer Familie waren Automatismen, der Raum des Möglichen schien unbegrenzt. Das Gefühl jederzeit neu anfangen zu können, gehört genauso zu meiner Identität, wie die Weigerung sich materialistischer Logik und Sicherheitsdenken zu unterwerfen.

Die Protagonisten dieses Films erleben eine Katastrophe und bekommen die Chance, ihr Leben neu zu gestalten. Aber sie schleppen ihre Vergangenheit mit sich und können nicht bei Null anfangen. Kirsis Glaube an die Liebe ist erschüttert und Armin hat noch nie mit einer Frau zusammengelebt.

IN MY ROOM ist eine „realistische“ Geschichte mit einer unrealistischen Prämisse – kein „Endzeitdrama“, sondern ein Film, der mit Humor von der Liebe der letzten Menschen erzählt. Das Verschwinden der Menschheit ist der Rahmen für ein Experiment, das den Widerspruch zwischen Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Geborgenheit untersucht.

In My Room

In My Room

Deutschland / Italien 2018, 120 min, Deutsche Originalfassung
Regie: Ulrich Köhler
Mit Elena Radonicich und Hans Löw

Als Armin eines Morgens aufwacht, ist es totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden. – „Bildkräftiges Kino von klassischer Präzision, leicht und zugleich formvollendet.“ (Frankfurter Rundschau)
Armin wird langsam zu alt für das Nachtleben und die Frauen, die er mag. Er ist nicht glücklich mit seinem Leben, kann sich aber kein anderes vorstellen. Als er eines Morgens auf- wacht, ist es totenstill: Die Welt sieht aus wie immer, aber die Menschheit ist verschwunden. – Ein Film über das beängstigende Geschenk absoluter Freiheit…

Armin lebt allein, er will sich nicht binden. Ob er seine Freiheit zu sehr liebt oder vor Verantwortung flieht – er hat sich so lange alle Optionen offen gehalten, bis er die meisten verspielt hatte. Er lebt vor sich hin, nimmt, was er kriegt und meidet den Blick in die Zukunft. Erst der Verlust eines geliebten Menschen zwingt ihn, sich Fragen zu stellen. Als er dann in einer leeren Welt aufwacht, muss er sich entscheiden. Er wählt das Leben. Und als er die letzte Frau trifft, glaubt er zum ersten Mal an die Liebe. Aber auch im Paradies stellt sich die Frage, ob die Möglichkeit des Glücks der Wirklichkeit standhält.

Regisseurstatement:

Wie die Hauptfigur Armin bin ich – und viele andere meiner Generation – in einem liberalen Elternhaus ohne existentielle Nöte aufgewachsen. Nach der Schule standen viele Wege offen. Weder die Berufswahl noch die Gründung einer Familie waren Automatismen, der Raum des Möglichen schien unbegrenzt. Das Gefühl jederzeit neu anfangen zu können, gehört genauso zu meiner Identität, wie die Weigerung sich materialistischer Logik und Sicherheitsdenken zu unterwerfen.

Die Protagonisten dieses Films erleben eine Katastrophe und bekommen die Chance, ihr Leben neu zu gestalten. Aber sie schleppen ihre Vergangenheit mit sich und können nicht bei Null anfangen. Kirsis Glaube an die Liebe ist erschüttert und Armin hat noch nie mit einer Frau zusammengelebt.

IN MY ROOM ist eine „realistische“ Geschichte mit einer unrealistischen Prämisse – kein „Endzeitdrama“, sondern ein Film, der mit Humor von der Liebe der letzten Menschen erzählt. Das Verschwinden der Menschheit ist der Rahmen für ein Experiment, das den Widerspruch zwischen Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Geborgenheit untersucht.

Gegen den Strom

Gegen den Strom
(Kona fer í stríð; Woman at War)

Island 2018, 101 Min, Cinemascope, isl. OmU
Regie und Buch: Benedikt Erlingsson

Halla ist Chorleiterin und hat vor vier Jahren einen Antrag auf Adoption eines Kindes gestellt. Doch sie führt ein Doppelleben, indem sie einen Krieg gegen die immer mächtig werdendere Aluminiumindustrie führt. Mit Pfeil und Bogen legt sie inmitten der archaischen isländischen Landschaft die Stromleitungen lahm. Wir vom FKC haben auch diskutiert, ob wir diesen Film spielen sollten. Ein promovierter Physiker unter uns war dagegen, so was sei physikalisch unmöglich! Gut, sie schießt mit Pfeil und Bogen erst ein dünnes Seil über die drei Phasen der Hochspannungsleitung und wenn der Pfeil auf der anderen Seite den Boden erreicht hat, zieht sie das Seil, an dessen Ende ein Stahlseil folgt mit Gummihandschuhen über die Leitung und verursacht einen Kurzschluss. „Die Terroristen“ werden dann natürlich gleich mit Drohnen und Hubschraubern gesucht, während sie geschickt der Polizei entkommt wird als Running Gag jeweils ein Rad fahrender lateinamerikanischer Tourist verhaftet, der sich in der Nähe aufhielt. Halla findet in einem vermeintlichen Cousin und Schafszüchter bald eine Verbündeten und kann mit härteren Bandagen, wie Sprengstofffanschlägen weitermachen.

Ihre zum Verwechseln ähnliche Schwester Asa plant eine innere Reise zu sich selbst und will zu Gurus gehen. Doch Halla bekommt plötzlich die Möglichkeit ein ukrainisches Kriegswaisenkind adoptieren zu können. Doch bei der Ausreise auf dem Flughafen gerät sie in strenge DNA-Kontrollen und wird nach einer Verfolgungsjagd in einem Taxi verhaftet.
Nun tauschen die beiden Schwestern die Rollen, notgedrungen macht Halla die innere Reise im Gefängnis und Asa adoptiert Nika, das Kind aus der Ukraine. Auch die Reise von Asa und Nika nach Hause in Island wird ein Abenteuer!

Stilistisch hat Erlingsson einige „Dogma 95“ Regeln pointiert umgesetzt, andere gebrochen.
So wird die Musik immer im Bild gezeigt, drei Musiker (Tuba, Harmonium / Klavier und Schlagzeug) und ein ukrainischer 3-Frauen-Chor greifen aber nie ein. Auch die Regel, kein künstliches Licht einzusetzen, dürfte befolgt worden sein und versetzen die meisten Szenen in ein düsteres, fahles Licht; hingegen wurde im Scope-Format und natürlich digital gedreht, um die Landschaften besser zur Geltung zu bringen.

***1/2 Insgesamt ist der Film mit seinen Verfolgungsjagden durchaus spannend und sehr originell, die „Bergfrau“, wie sie sich in einem Bekennerschreiben nennt, hätte aber ihre Gründe für ihr Handeln etwas detaillierter ausführen können, die angeblichen Umweltbestrebungen für eine lebenswerte Zukunft auf dem Planeten der Energiekonzerne auf Hochglanzpapier hören sich ähnlich an!
Norbert Fink