43.Iberoamerikanisches Festival von Huelva

LA NOVIA DEL DESIERTO (Die Braut der Wüste) aus Argentinien gewinnt den Goldenen Columbus.

„Verónica“ (México) von Carlos Algara erhielt den Silbernen Columbus für den besten Spielfilm aus der Sektion junge Regisseure.
Der Publikumspreis ging an „Luna grande, un tango por García Lorca“

Den Silbernen Columbus für beste Regie und den Preis für die beste technisch-künstlerische Leistung errang der brasilianische Beitrag „Elis“

Unsere Korrespondenten Sarita und Ray, die in Huelva wohnen, haben das Festival für uns besucht und sie berichten ausführlich. Einerseits werden die Filme zweifellos immer besser, andererseits ist es abstossend, wie die Politiker sich bei der Gala benommen haben: sie wollten nur mit großen Stars abgelichtet werden und interessierten sich nicht im Geringsten für die Filme selbst.

Der ausführliche Bericht (teils in Spanisch, teils übersetzt)

Gauguin

Gauguin


F 2017, Cinemascope, 101 min, gesehen in DF

Regie: Edouard Deluc , Darsteller: Vincent Cassel ,

Der französische Regisseur Deluc reiht mosaikartig viele Momente aus dem Leben des berühmten Malers der frühen Moderne aneinander. Mit der Wahrheit nimmt er es nicht so genau, wenn man den Film mit Wikipedia u.a. Biografien vergleicht.
Im Film sehen wir einen verarmten Maler, der von seiner Frau und seinen fünf Kindern in seiner winzigen, verschmutzten Wohnung besucht wird. (Er war keineswegs immer arm, sondern anfangs ein wohlhabender Banker.)

Eigentlich wollte seine Familie nach Polynesien mitkommen, doch es wird der Abschied werden, seine Frau zieht wieder nach Dänemark. Gauguin fühlt sich missverstanden und von der christlichen Moral unterdrückt. In Tahiti 1891 angekommen, erhofft er sich ein einfaches, schönes, glückliches Leben, das wenig kostet.

Dort angekommen, bekommt er eine wesentlich jüngere Frau, Tahura, die ihm Modell steht, die er aber kaum ernähren kann. Ein junger Einheimischer kopiert nicht nur seine Werke und verkauft sie wesentlich erfolgreicher als er selbst an die Weissen, er schläft auch insgeheim mit Tahura, was natürlich zu Konflikten führt. Im Film ist Tahura eine starke Frau, in Wahrheit waren lt. SZ alle Mädchen Gauguins erst 14 Jahre alt.
Enttäuscht ist er jedoch davon, dass die Missionierung auch hier voranschreitet und Kirchen und Missionare die Ursprünglichkeit der Menschen verderben und sie in weißen Kleidern herumlaufen sollen. Er freilich hat sich das einfache Leben auch problemloser vorgestellt, er scheitert kläglich beim Fischen (köstlich die Kintop-artige Szene). Gauguin malt nicht die Realität, die er vorfindet, sondern jenes tropische Paradies, das er sich erträumte und stößt damit auf Unverständnis.

Doch er ist krank. Im Film soll es die „Diabetes“ sein (lt Wikipedia war es die Syphilis).
Er muss sich als Hafenarbeiter beim Löschen der Fracht verdingen, um nicht zu verhungern, fährt auf Anraten seines Arztes zur Behandlung nach Frankreich, kehrt wieder zurück, ohne Tahura nochmals zu sehen und stirbt dann 1903 in Atuona.

Das schönste am Film sind sicher die Landschaftsaufnahmen von tropischen Paradiesen und einige starke Szenen mit den Einheimischen und seiner Tahura. Dramaturgisch ist der Film wenig geglückt, er führt neue Personen ein, ohne sie näher vorzustellen oder sie entwickeln zu lassen. Auch Gauguins künstlerische Entwicklung und Motivation wird nicht näher erklärt.

**Somit hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck. Sicher, Vincent Cassel spielt Gauguin gut und auch die Tahura ist sorgsam ausgesucht.

Happy End

Happy End

Michael Haneke, F/A/D 2017, 107 Min, gesehen in DF

Der Regiestar des österreichischen Films, Michael Haneke, drehte seinem typischen Stil getreu diesen Film über die französische Unternehmerfamilie Laurent in Calais und beobachtete sie präzise.
Patriarch Georges ist schon etwas altersdement, blickt aber gut auf sein Leben zurück. Pierre Sohn seiner Tochter Anne, der die Geschäfte übernehmen soll, ist dazu weder willens noch fähig. So springt Anne ein, die mit einem englischen Geschäftsfreund eine persönliche Beziehung eingeht. Als auf einer Baustelle ein Unfall passiert, soll die Firma verkauft werden. Georges Sohn Thomas ist Arzt und gerade Vater geworden, außerdem hat er eine Affäre mit einer Musikerin. Seine 13-jährige Tochter aus erster Ehe, Eve, gerade in den Palast der Familie eingezogen, kommt hinter das Doppelleben ihres Vaters. Georges vertraut seiner Enkelin Eve an, dass er seiner Frau beim Sterben behilflich war.
Hinter aller bürgerlichen Verlogenheit steht mehrfache suizidale Todessehnsucht: Georges fährt bewusst in der Nacht gegen einen Baum, landet aber „nur“ im Rollstuhl. Auch die sensible 13 Jährige Enkelin Eve, äußerlich noch ziemlich kindlich, will sich vergiften und geht mit ihm ein morbides Bündnis ein. Zum Schluss kommen auch noch Asylanten in das Spiel, doch diese Szenen wirken irgendwie unnötig und zeigen höchstens den hilflosen Umgang mit diesem zeitlichen Phänomen.

*** Es dauert etwas, bis der Film spannend wird, doch es lohnt sich, die SchauspielerInnen sind allesamt brillant. Ein typischer, aber nicht der beste Haneke-Film.

On the milky road

On the milky road
NA MLIJEČNOM PUTU

Emir Kuisturica, Serbien/Mexiko/USA/Großbritannien 2016; 125 Min,
Cinemascope . Gesehen im OmU.

Frühling im Bosnien-Krieg: Ein Milchmann überquert jeden Tag auf einem Esel die Frontlinie zwischen den Konfliktparteien, um seine Ware an die Frau zu bringen. Doch dann taucht eine rätselhafte Italienerin auf und stellt sein Leben auf den Kopf – eine stürmische, verbotene Liebschaft beginnt, die beide in abenteuerliche Ver­wick­lungen stürzt. Das Schicksal hat sie zusammengebracht, und nichts und niemand kann sie stoppen. (Leokino).
Der Titel des Films bezieht sich also auf den Weg des Milchmannes.

Man darf von dem Film keine historisch exakte Aufarbeitung von Kriegsereignissen aus dem Bosnien-Krieg erwarten, vielmehr ist der teils surreale Film symbolisch und allegorisch zu betrachten – und vor allem zu genießen. Denn wie von Kusturica gewohnt, jagt eine brillante, witzige Bildidee die nächste und auch fetzige Balkanmusik ist viel zu hören.

Kusturica spielt selbst den Milchmann, der mit einem Esel Milch vom Hof über die Fronten transportiert. Seine Freunde sind ein Falke und eine Schlange, der er Milch zu trinken gibt, sie revanchiert sich damit, dass sie sein Leben rettet. Er ist aber auch Musiker, spielt Zimbal, und verzaubert so die Frauen. Milena, eine Turnkünstlerin und eine Braut werben um ihn. Eigentlich wollen sie eine Doppelhochzeit machen und er hätte Milena heiraten sollen, doch es kommt anders. „Die Braut“ wurde nämlich von einem SFOR-General aus einem Kriegsgefangenenlager geholt und in seinem Haushalt eingesperrt.
Sie sagt gegen ihn aus und er kommt 3 Jahre ins Gefängnis. Die schöne Braut wird inzwischen befreit und in dieses verschlafene Nest an der Front und einer ehem. österr.-ungar. Bahnlinie gebracht. Doch als der General wieder frei kommt, rächt er sich mit NATO-Hightech Soldaten und einem Hubschrauber, der die Braut wieder zum General bringen soll. Tot oder lebendig.
Nun flüchten und kämpfen die beiden gegen die Übermacht, es kommt zu einer atemberaubenden Verfolgungsjagd. Als sie sich mitten einer Schafherde verstecken, geraten sie in einen Minenfeld. Ohne Happyend.

Der Film strahlt Sehnsucht nach Frieden aus, aber auch eine gewisse Wut auf die NATO. Fazit: Liebe ist auch unter Bombenhagel möglich!

**** ein turbulenter Film voller irrer Szenen!

 

Wir töten Stella

Wir töten Stella

Österreich 2017, 98 Min, Cinemascope
Regie & Drehbuch: Julian Pölsler (nach dem gleichnamigen Roman von Marlen Haushofer)

Mit Martina Gedeck, Matthias Brandt, Male Emde u.a.

Der Nachfolger des Erfolgsfilmes „Die Wand“ enttäuschte mich sehr. Es gibt mehrere Zitate aus „Die Wand“, die Fahrt zum Ferienhaus, dieses selbst und einmal, als Anna in der Nacht mit einem Koffer das Haus verlassen will, ist die unsichtbare Wand bereits bei der Haustüre.
Viele, teils sich wiederholende Details, lösen sich nicht auf. Die Kameraführung bevorzugt close-ups, als ob der Film für kleine Fernseher konzipiert wäre.

Anna lebt mit ihrem Mann, dem erfolgreichen Rechtsanwalt Richard und den gemeinsamen  Kindern Anette und Wolfgang in einer noblen Villa in der Vorstadt. Die depressive Stella soll für einige Zeit bei ihnen wohnen, obwohl sie von allen als Fremdkörper empfunden wird. Stella wird neu eingekleidet und geht immer öfter mit Richard aus, wird von ihm schwanger, treibt dilletantisch ab. Anna beobachtet dies kommentarlos. Sie begeht einen Suizid, der von Richard als Verkehrsunfall dargestellt wird. Wegen ihres „strategischen Nichteinschreitens“ fühlen sie sich moralisch schuldig, worauf der Filmtitel basiert.

* Weder imponiert der Film im Gegensatz zu „die Wand“ durch herrliche Naturaufnahmen, noch werden Martina Gedecks schauspielerischen Fähigkeiten gefordert, noch wird die Depression der jungen Frau differenziert dargestellt.

13.TODD-AO 70mm Festival Karlsruhe 2017

Nach einer Pause im letzten Jahr besuchten wir wieder das weltberühmte 70mm- Festival in Karlsruhe. Neben alten Klassikern wie GRAND PRIX, die leider schon starken Farbschwund aufwiesen, gab es auch drei neue Filme im 70 mm Format, das immer noch schwärfere Bilder als das digitale Kino ermöglicht und deshalb ein gewisses Revival erlebt.
Der ausführliche Bericht ist hier

Hampstead Park – Aussicht auf Liebe

GB 2017, 103 Min, Cinemascope
Regie: Joel Hopkins, gesehen in DF.

Emily, eine verwitwete Amerikanerin lebt über ihre Verhältnisse in einer noblen Parkgegend bei London. Sie ist arg verschuldet und kann die Instandhaltung ihrer Wohnung nicht bezahlen. Mehr aus Langeweile denn aus Überzeugung trifft sie sich mit ihren versnobbten und neugierigen Nachbarinnen. Eine solche verkuppelt sie mit einem Steuerberater, der ihre Finanzen in Ordnung zu bringen verspricht. Doch der macht sich falsche Hoffnungen, denn eines Tages, als sie mit einem alten Fernglas vom Dachboden auf den Park blickt, beobachtet sie, wie Harry, der in einer Hütte im Park „illegal“ lebt zusammengeschlagen wird und ruft die Rettung. So kommt sie endlich in engeren Kontakt zu dem Kauz, der sich nicht einmal von ihrer Wohltätigkeitsorganisation helfen lassen will. Spätestens als seine Hütte verwüstet wird und er bei ihr einzieht, schweben sie auf Wolke 7. Doch ein Räumungsbescheid macht ihm das Leben schwer, außerdem habe er keine Steuern bezahlt.

Es gelingt Emily und ihrem Anwalt nachzuweisen, dass er seit über 13 Jahren dort lebt und sich das Wohnrecht „ersessen“ hat…
Die Story soll wahr sein! Nun, eine realistische Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit darf man sich nicht erwarten, auch kaum eine Romeo-und-Julia Geschichte.
Der Grundgedanke ist nett, hätte aber auch für einen Kurzfilm gereicht. Diane Keaton spielt souverän.

**Doch der Film hat mich in seiner Märchenhaftigkeit kaum berührt, er ist schön fotografiert, aber durch und durch harmlos und echte Probleme werden ausgeklammert.

Das ist unser Land! – Chez nous

Das ist unser Land! – Chez nous

Frankreich/Belgien 2017, 117 min,  franz. O.m.U., Cinemascope
Regie: Lucas Belvaux

Eine Krankenpflegerin kandidiert für Bürgermeisterwahlen auf einer rechtsextremen Liste, wird jedoch bloß von einer skrupellosen Parteichefin für deren Zwecke eingespannt. – „Lucas Belvaux zeichnet das eindrückliche Porträt einer an den Front National angelehnten Partei und legt so die Mechanismen rechtsextremer Politik offen.“ (epd Film)


Der Film startete aktuell zum französischen Wahlkampf, Ähnlichkeiten mit Frau Marine Le Pen dürften nicht ganz zufällig sein.

Pauline ist eine selbständige Krankenpflegerin und überall beliebt. Der Arzt ihrer Mutter überredet sie dazu sich als Bürgermeisterkandidatin einer rechtsextremen lokalen Partei aufstellen zu lassen.
Zufällig verliebt sie sich in einen Schulkollegen, ein mit einschlägigen Symbolen tätowierter paramilitärischer Rechtsextremist, der ihre Kinder zu Kriegsspielen mitnimmt. Der Film zeigt die Methoden der modernen Rechtsextremen auf, ihr geschultes Wording, mit dem sie scheinbar moderat und harmlos die Ängste der Bürger aufzeigen, ihre Aktivitäten in sozialen Netzwerken, ihre Hetze gegen den Islam. Doch auch Pauline ist nur ein Opfer, genauso wie ihr Freund. Sie wird die Marionette des „Blocs“ und kann keine freie Entscheidung mehr treffen. Sie soll sich von ihrem Freund trennen, weil sie sich offiziell von Rechtsextremen distanzieren und sich als weder links noch rechts bezeichnen sollen. Aber auch er wird von jenem Arzt gesteuert. Letztlich kann Pauline die Notbremse ziehen und sieht, wie schnell sie ausgetauscht werden kann, wenn die große Chefin es so will.
Gravierend betroffen sind alle persönlichen Beziehungen, ihr Vater, ein alter Kommunist, bricht mit ihr; viele ihrer alten Freundinnen und Kunden polarisieren sich politisch. Jedes vernünftige Zusammenleben wird vergiftet.

**** Herausragendes Beispiel der Arbeit nationaler Parteien und ihr Einfluss auf das Privatleben. (gesehen von Norbert beim Crossing Europe Filmfestival Linz, 2017)

 

The Promise

The Promise – die Erinnerung bleibt

Regie: Terry George, USA, Spanien 2016, 133 Min, Cinemascope, gesehen in DF

Der von den Türken bis heute geleugnete Genozid an den Armeniern ist Thema des Films, doch wird diese von einer doppelten Dreiecks-Liebesgeschichte überlagert, was viele Kritiker dem Film sehr anlasten und ihn so in die Nähe des Hollywood-Kitsches bringen. Solchen erwartend, war ich persönlich vom Film eher positiv überrascht. Natürlich hat er einen Hauch von „Doktor Schiwago“, wo ebenfalls eine Liebesgeschichte im Kontext der russischen Revolution steht (freilich ohne solche musikalische Ohrwürmer). Überrascht hat mich doch der Mut, wie viele grausame Details des Völkermordes an den Armeniern nach dem Kriegseintritt der Türkei auf Seiten Deutschlands in den Ersten Weltkrieg im Jahre 1914 gezeigt werden, von Zwangsarbeit von Eisenbahnstrecken, Transporte in Viehwaggons bis zum Massenmord von Kindern, Frauen und Männern und vielleicht als aktuelle Zutat, der Verhaftung von kritischen Journalisten.
Natürlich ist die Einführung der Charaktere opulent und etwas lang geraten. Das Leben der Oberschichten in Konstantinopel, als auch noch die reichen Muslims noch gerne Sekt und Absinth tranken und mit schönen Frauen tanzten, wird in goldenen Farben ausgeleuchtet.
Mikael, der Sohn eines armenischen Apothekers aus einem in der Südtürkei gelegenen Dorf ist schon verlobt. Mit der Mitgift fährt er nach Konstantinopel um dort Medizin zu studieren. Rasch verliebt er sich in Ana, eine in Paris aufgewachsene Amerikanerin, die mit dem mutigen AP-Journalisten Chris liiert ist. Auch befreundet sich Mikael an der Uni rasch mit einem türkischen Studenten, der Medizin studiert, um sich vor der Armee zu drücken.
Gleich nach dem Kriegseintritt der Türkei 1914 wird die Lage für die Armenier brenzlig, 1915 beginnt deren Vertreibung. Als offenkundig wird, dass Mikael mit Korruption die Befreiung vom Dienst in der Ottomanischen Armee erreicht hat, wird er gefangen und zum Gleisbau gezwungen. Es gelingt ihm die Flucht, er kehrt in sein Dorf zurück, wird von der Mutter zur Hochzeit mit seiner Verlobten gedrängt und das junge Paar wird in einer Berghütte versteckt. Als sie während der Schwangerschaft erkrankt und zurück ins Dorf muss, wird sie und ihre Familie von den Türken deportiert und ermordet. Eine protestantische Missionsstation unter der Flagge des Roten Kreuzes, von Chris bestens über den Genozid informiert, versucht Fluchtwege zu finden. Letztlich verschanzen sich einige Armenier auf einem Berg und leisten den Türken erbitterten Widerstand, während ein französisches Kriegsschiff zu Hilfe eilt.
Immerhin, es gibt kein Happyend, weder hört das Morden an den Armeniern oder gar der 1. Weltkrieg durch Intervention der Amerikaner oder Franzosen auf, noch finden die Liebespaare ihr Glück. Wortlos überleben zwei heldenhafte Männer, welche dieselbe Frau liebten.

**** durchaus spannende und opulent gefilmte Geschichte vor dem Hintergrund des Genozids an den Armeniern durch das Osmanische Reich in den Jahren 1915 und 1916. Die eingewobene Liebesaffäre ist ein Zugeständnis an den Hollywood-Geschmack, aber nicht kitschig. Ich finde den Film politisch wichtig.

The Party

The Party

GB 2017, 71 Min, Cinemascope, Schwarzweiß. Gesehen in DF.

Regie: Sally Potter

Der Film spielt in einer Wohnung und könnte deshalb genauso gut als Theaterstück aufgeführt werden. Er ist bewusst in Schwarzweiß aufgenommen, das Cinemascope Format wird hier eher zur Darstellung der Enge (wie in „The Hateful 8“) verwendet, teilweise verstärkt eine Handkamera die Nähe zu den Protagonisten.
Die feministische Regisseurin Sally Potter nimmt dabei m.E. mehr die Feministinnen aufs Korn als die „linksliberale“ Gesellschaft. Anfangs sehen wir Bill, einen alten Mann in einer Wohnung. Er legt auf seinem Vinyl-Plattenspieler klassischen Blues (später auch Jazz und kubanische Musik) auf und hat einen Rotwein in der Hand. Er ist sichtlich gesundheitlich angeschlagen.

Alle Gäste, die zur Party eintrudeln haben scheinbar sehr Wichtiges zu verkünden – die Hausherrin Janet verkündet, Gesundheitsministerin im Schattenkabinett geworden zu sein (inzwischen brennen im Backrohr die Speisen an); ihr Mann Bill verkündet todkrank zu sein – er musste freilich einen teuren Privatarzt zu Rate ziehen, da man so schnell beim Kassenarzt keinen Termin bekommt. Die beiden Lesben Martha und Jinny verkünden Drillinge (in vitro fertiliziert) zu bekommen. Der Finanzdienstleister Tom muss mal zuerst Koks schnupfen, ist in teures Tuch gehüllt und bewaffnet. Eigentlich wollte er Bill ermorden, da er dieselbe Freundin fickt wie er, angesichts des baldigen Todes von Bill will er die Waffe aber in der Mülltonne entsorgen, wo sie Janet entdeckt und an sich nimmt. Janets Freundin April ist mit dem deutschen esoterischen Life-Coach Gottfried (dargestellt von Bruno Ganz) gekommen, der gute Ratschläge erteilt, als es zu massiven Handgreiflichkeiten kommt. Nun folgt eine intime Enthüllung der anderen und niemand wird eifersüchtiger, als eine Lesbe, deren Partnerin es doch mal auch mit einem Mann probierte. Und auch Janet ist bisexuell…

Anfangs gingen mir die egoistischen Frauen sehr auf die Nerven und der Film erinnerte mich an Polanskis „Gott des Gemetzels“. Doch ist es hier nicht unbedingt der Alkohol, der die Beziehungen zerstört, sondern die Entlarvung der Scheinheiligkeit in diesen Kreisen.

*** reines Kammerspiel ohne besondere visuelle Opulenz, jedoch gewisse lesbisch-feministische Kreise in ihren Widersprüchen schonungslos entlarvend, was durch eine Regisseurin besonders   glaubhaft ist.