30. Alpinale 2015

Hier sind alle neuen Festivalberichte ab Juli 2015.

30. Alpinale 2015
von Dr. Norbert Fink

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Sie begann bei Kaiserwetter und endete im Regen. Drei von fünf Tagen des Kurzfilmfestivals fanden im Freien statt. Um die Plätze streiten musste man sich nie, auch am Eröffnungstag (mit Buffet) war der Ramschwagplatz in Nenzing nur etwa zu ¾ belegt.
Das Alpinale Team um Manuela Mylonas hat dieses Jahr durchaus auch komplexe und schwierige Filme ausgewählt, nicht nur lustige und publikumsnahe.
Doch das gabs noch nie (und ist auf allen Festivals eine Ausnahme): Der „Preis der Jury“ und der Publikumspreis gingen an denselben Film. Erik Schmitt´s „Forever Over“ zeigt ein gelangweiltes junges Ehepaar, sein einziger Wunsch ist endlich schlafen zu können, sie wünscht sich mehr Abenteuer. Sie einigen sich am nächsten Tag darauf, ihre geheimen Wünsche auf Papier zu bringen und zu versuchen, sie gegenseitig zu erfüllen. Das gelingt aber nur eine Zeit lang. Manche Wünsche wie „einen Dreier“ provozieren schließlich. Marleen Lohse brillierte in der Hauptrolle, Schnitt und Kamera überzeugten. ****

Goldenes Einhorn für den besten Internationalen Film:
„Anomalo“ (Abnormal) von Aitor Guiterrez aus Spanien nahm sich Hitchcocks „Rear Window“ (1954) zum Vorbild. Drei ältere Herren mit Ferngläsern beobachten von einem Hallenbad aus die Wohnung einer Frau und glauben Zeugen eines Verbrechens zu sein. Als einer der Herren einen Anzug mit LED-Leuchten anzieht, eskaliert die Situation. Der Film war durchaus originell und witzig.***

Goldenes Einhorn für den besten Hochschul-Film:
Elena Brotschi zeigte das genauestens geregelte Leben auf einem Schweizer Campingplatz in „von Faltbooten und Heringen“ . Eigentlich, so Brotschi, wollte sie gar keine Handlung, sondern einen Ensemblefilm, also einen Film ohne Hauptdarsteller, machen, dennoch gibt es mit den Kindern, die schnorcheln lernen und die gegen den Willen der deutschen Tauchlehrerin einen nicht angemeldeten Bub in ihre Gruppe integrieren wollen und am Schluss ein Blockflötenkonzert spielen, doch einen roten Faden. Minutiös beobachtet, peinlich genau und oft symmetrisch inszeniert, zeigt Brotschi den Mikrokosmos Campingplatz gar nicht als freiere Alternative zum Alltag.***
Goldenes Einhorn für den besten Animations-Film:
Der polnische Beitrag „under_construction“ von Marcin Wojciechowski war ein streng formaler Film, der auf die Arbeitsweise von Animationsfilmern anspielt. Ein Tagebuch eines Menschen mit Höhen und Tiefen wird grafisch dargestellt, Nummern verbunden, Grafiken erstellt, daraus soll ersichtlich sein, wer der Mensch dahinter sei. Ein Film, der eher Filmemacher selbst denn das Publikum anspach.*

Gewinner des „Vorarlberg-Short“ war das 15minütige Musikvideo “Welcome to Candyland” von Regisseur Jakob Kasimir, das optisch sehr fantasiereich und handwerklich bestens gemacht war.
Wer allerdings mit der Art der Musik und der Zuschaustellung von Muskeln und Goldzähnen Probleme hat, wird damit nur begrenztes Vergnügen haben. **

Lobende Erwähnungen:
„Die Jacke“ von Patrick Vollrath spielte in einer Bar. Ein flirtendes Paar geht in eine Bar, als sie auf die Toilette muss, wird er von anderen Gästen angepöbelt und gezwungen seine Fan-Jacke auszuziehen und abzugeben. Sie hat zwar die Courage, die Jacke wieder zurückzufordern, doch zerstörte die aggressive Situation die Gefühle des Paares und so endet der Film nicht im Happend. ***
Auch dem ukrainischen Animationsfilm “Khalabudka” von Manuk Depoyan sprach die Jury eine weitere lobende Erwähnung aus. Der stilistisch einheitlich gezeichnete Film animiert ein altes Haus, das von seelenlosen Neubauten verdrängt wird, aber schließlich doch von Touristen gesucht wird. Gewürdigt wurde auf jeden Fall das Durchhaltevermögen des Filmteams, auch unter sehr schwierigen Bedingungen diesen Film vollendet zu haben. **
Auch diese beiden Filme wurden am Siegerabend geigt.

Leider…
Übrigens wurde nicht nur der Gewinner des Publikumspreises verkündet, sondern auch jene Filme, die es fast geschafft hätten:
Auf Platz 5 war „Pére“ (Vater) aus Tunesien. Die Geschichte eines Taxifahrers, der eine schwangere Frau ins Spital fährt. Als Dank dafür wird er verdächtigt, der Vater des Kindes dieser Frau zu sein. Der Bluttest ergibt, dass er keine Kinder haben kann (Klinefelter Syndrom), doch seine Frau gebar ihm zwei. ***
Platz 4 wäre mein persönlicher Favorit für die v-shorts gewesen: „Luftpost“ von Fran Grebe. Die nur zweiminütige Plastilin-Animation zeigt den ganz normalen Alltag eines Postboten, in breitem Vorarlbergerisch eingesprochen vom Vater des jungen Mannes, der tatsächlich Postbote war. ***
Platz 3 fiel auf „Anomalo“ und zeigte bei allen Kontrasten wieder eine gewisse Übereinstimmung von Jury und Publikum. (s.o.)
Platz 2 errang „Spielplatz“ von Tanja Bubbel aus Deutschland. Als eine Frau auf dem Spielplatz das Kind ihrer Freundin hütet, überlegt sie sich nochmals den Wunsch ihres Freundes, ein Kind zu bekommen.

Perfekt in Bild und Ton?
Einen etwas kritischen Kommentar kann ich mir nicht ersparen, kritisiere ich eigentlich seit 30 Jahren, das nicht immer „formatrichtige“ Abspielen der Filme. Heuer waren erstaunlich viele Filme im an sich wunderschönen Cinemascope-Format zu sehen. Das Format wurde in den 50er Jahren im Kampf gegen das 3:4 Fernsehformat entwickelt und sollte mehr als doppelt so breit wie hoch sein (ca. 1: 2,35). Wenn aber die Leinwand zu schmal ist, dann gibt es die vom Fernsehen her bekannten schwarzen Streifen oben und unten und das Bild wird kleiner statt größer. Schade!
Klar, ist die Leinwand im Origina-Cinemascope Format gibt’s bei anderen Formaten halt rechts und links die schwarzen Streifen. Ein Kompromiss aus dem heuten 16:9 Standardformat und dem 21:9 wäre vielleicht eine Notlösung.
Die HD-Schärfe der Projektion war OK, im Saal erschien mir das Bild aber etwas flau und wenig brilliant.
Und auch der Ton war nicht ganz perfekt: Im echten Kino spielt der sogenannte Center-Lautsprecher eine wichtige Rolle für die Mittenortung und Transparenz. Im Freien gab es zwar sogar zwei Surround-Lautsprecher, und die beiden L/R-Boxen, was eine gewisse Raumklangwolke mit Stereoeffekten erzeugte, nicht aber unbedingt die Sprachverständlichkeit optimierte. Auch wenn die Alpinale große Fortschritte gemacht hat, Verbessern kann man immer was.

Alle älteren Festivalberichte bis 1999 (!!!) sind hier.

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